Archiv 2016-12

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Gründen schwer gemacht

Aus der Serie „StartUp“, die exklusiv auf Amazon Prime zu sehen ist, wäre ich beinahe nach wenigen Folgen ausgestiegen, da sie anfangs ihrem Titel nicht ganz gerecht wurde. Laufend wurden neue Figuren eingeführt – einer unsympathischer als der andere: zum Beispiel der verzweifelte Bankier und Loser-Typ Nick Talman, der versucht, Schwarzgeld von seinem geflohenen Vater zu waschen; der Gangster Ronald Darcy, dem das Geld zum Teil gehört und der es schleunigst wiederhaben will oder der korrupte und psychisch gestörte FBI-Agent Phil Rask, der Nicks Vater jagt. 
Nur mit der Programmiererin Izzi Morales konnte ich etwas anfangen. Sie hat einen Code entwickelt, die die Finanzwirtschaft umwälzen könnte, und sucht Investoren für ihre neue Kryptowährung GenCoin. Bis sie sich mit Nick und Ronald zusammentut, um ein Startup zu gründen und ihr Projekt in die Gänge kommt, dauert es eine Weile und man muss viele brutale Schlägereien und Schießereien, bedeutungslose Liebesszenen und lange Dialoge über sich ergehen lassen. 
Doch die Geduld wird belohnt, denn mit einem Mal zeigen die Figuren Charakter, die Geschichte entwickelt Drive und man erlebt mit ihnen eine emotionale Achterbahn zwischen schwindelerregender Euphorie und Todesängsten. Allmählich begreift man, dass die vielen Nebenschauplätze einen Sinn hatten, um zu zeigen, mit welchen Hürden das Trio zu kämpfen hat: rivalisierende Clans einerseits, Betrügereien und Ideenklau in der High-Tech-Startup-Szene andererseits. In dieser Serie bekommt man einige bekannte Schauspieler in einer völlig anderen Rolle zu sehen wie Adam Brody aus „O.C. California“ oder Martin Freeman aus „Sherlock“. Hoffentlich gibt es eine zweite Staffel, denn jetzt habe ich Blut geleckt und will unbedingt wissen, was aus GenCoin wird.
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Ein Bild auf Reisen

Es war einmal ein Gemälde, das fühlen und erzählen konnte. So könnte der Roman „Die Launenhaftigkeit der Liebe“ von Hannah Rothschild beginnen. Das gleichnamige Bild von Antoine Watteau ist nämlich der eigentliche Held des Romans und erzählt in einigen Kapiteln sogar aus der Ich-Perspektive! Dies ist nur eine von vielen originellen Ideen, die dem Roman etwas Zauberhaftes verleihen. 
Als die Protagonistin Annie McDee das besagte Gemälde in einem Trödelladen kauft, um es zu verschenken, ahnt sie noch nicht, welche Turbulenzen sie damit auslöst. Sie will in London einen Neuanfang wagen, arbeitet als Köchin für die Kunsthändlerfamilie Winkleman und sucht Anschluss in der anonymen Großstadt. Als sie die Chance bekommt, ein künstlerisches Festmahl zu kreieren, entdeckt sie ihre wahre Berufung. Währenddessen interessieren sich immer mehr steinreiche und einflussreiche Personen für das Gemälde von Watteau.
Bei den vielen Figuren, die nacheinander die Bühne betreten, muss man schon sehr aufmerksam lesen, um nicht durcheinander zu kommen. Darin liegt aber auch der Reiz dieses Romans, denn für jeden einzelnen hat das Gemälde eine andere Funktion zu erfüllen. Der Museumsführer Jesse nutzt das Bild, um Annie, in die er sich verliebt hat, näher zu kommen und gemeinsam mit ihr mehr über die Herkunft zu erfahren. Annie hofft, dass das Bild mehr wert ist als sie anfangs vermutet hat, um ihr Selbstwertgefühl zu steigern. Annies Arbeitgeberin und Kunsthändlerin Rebekka findet indessen heraus, dass das Bild mit ihrer Familiengeschichte eng verwoben ist, und schreckt auch vor kriminellen Taten nicht zurück, um ihren Ruf zu retten. 
Stellenweise liest sich der Roman wie spannender Geschichts- und Kunstunterricht. Wir erfahren Hintergründe über den Maler und Rokoko-Begründer Antoine Watteau, die Entstehungsgeschichte seines Meisterwerks und seine Reise durch die Hände von zahlreichen Herrschern. Eine Restauratorin erläutert, wie man durch Pigmentproben die Herkunft eines Bildes bestimmen kann. Hannah Rothschild, die dem Aufsichtsrat der Londoner National Gallery vorsteht, beweist nicht nur Fachkompetenz, sondern auch Humor, wenn sie das Bild in affektierter Sprache und spöttischem Ton zu Wort kommen lässt. Obwohl sich die Autorin an viele verschiedene Themen und Genres wagt, ist ihr eine brilliant ausbalancierte Mischung gelungen, die beide Seiten der Kunst durchleuchtet: das Schöne und Betörende am Beispiel der Malerei, der Koch- und Filmkunst einerseits und die Macht- und Besitzgier in der elitären selbstinszenierten Kunstwelt andererseits. Eines steht fest: Wenn ich das nächste Mal eine Kunstausstellung besuche, werde ich die Werke sicher mit anderen Augen betrachten als bisher.
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Frohe Weihnachten

Heutzutage wird man schon so früh auf Weihnachten eingestimmt, dass an den Feiertagen schon fast die Luft raus ist. Einerseits genieße ich die Adventszeit, vor allem wegen der schönen Deko und Beleuchtung; andererseits bin ich froh, wenn Lebkuchen, Pfeffernüsse und Stollen allmählich aus den Küchenschränken verschwinden. 
Dieses Jahr werde ich wieder ein paar entspannte Tage bei meiner Mutter in Düsseldorf verbringen und mich mit ehemaligen Schulfreundinnen treffen. Ein besonderer Höhepunkt erwartet mich am 26.12. in der Tonhalle, wo das alljährliche „Festliche Konzert“ vom Chor der Landesregierung stattfindet. Natürlich ist meine Mutter mit von der Partie sowie einige andere Chöre aus Hilden und Wuppertal. Das Programm liest sich überaus vielversprechend: Vivaldi, Gounod, Tschaikowsky, Händel … Ich bin mir sicher, dass der Dirigent und Moderator Franz Lambrecht – ein wahrer Entertainer – zu den einzelnen Stücken wieder interessante und amüsante Geschichten zu erzählen hat.
Ich wünsche Euch allen frohe Weihnachten und schöne erholsame Tage mit Euren Lieben.
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Hört, hört

Noch auf der Suche nach einem Last-Minute-Weihnachtsgeschenk? Ich finde, Bücher und Hörbücher sind immer eine gute Wahl! Wer nicht ganz auf dem Laufenden ist, was gerade aktuell oder empfehlenswert ist, kann natürlich die Bücherrezensionen in meinem Blog lesen ;-) oder die Buchempfehlungen vom HR, NDR oder WDR hören. Ich abonniere alle drei Podcasts und höre mir zwischendurch immer mal wieder die etwa vier bis achtminütigen Beiträge an. 
Darin kommen Buchkritiker und manchmal auch die Autoren selbst zu Wort. Romane und Sachbücher werden ebenso besprochen wie besonders schöne Bildbände. Interessant sind auch bestimmte Themenschwerpunkte. So wurde neulich unter dem Titel "Kunstwerke erzählen" eine Reihe von Büchern vorgestellt, in denen Gemälde eine besondere Rolle spielen wie „Der Distelfink“ von Donna Tartt oder „Sie dreht sich um“ von Angelika Overath.
Die Liste meiner notierten Bücher wächst und wächst. An erster Stelle steht „Geteiltes Vergnügen“ von Johanna Adorján, die Geschichte einer Journalistin, die in eine abgründige Liebesbeziehung gerät. Mal sehen, ob ich an den kommenden Feiertagen dazu komme, es zu lesen.
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"Gedrucktes Geschrei"

Dass der französische Schriftsteller Honoré de Balzac ein Meister darin war, die Menschheit zu typisieren und zu kategorisieren, hat er mit seinem Monumentalwerk „Comédie Humaine“ bewiesen. In der „Monographie de la presse parisienne“ von 1843 knöpfte er sich auch die Journalisten vor. Seine Abrechnung mit der Pariser Presse ist nun erstmals in deutsch erschienen und trägt den treffenden Titel „Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken – Die schrägen Typen der Journaille“.
Balzac hielt offenkundig nicht viel von der schreibenden Zunft, obwohl er selbst 1826 bis 1832 in diesem Metier tätig war und unter anderem für ‚Figaro‘ oder ‚La Silhouette‘ schrieb. Sein Urteil fällt äußerst harsch aus, ganz gleich ob er sich über Feuilletonisten, Lobhudler oder Propheten auslässt. In spöttischem Ton wirft er ihnen vor, Albernheiten auszuwalzen, lediglich die Meinungen der Leser wiederzugeben und für gedrucktes Geschrei Papier zu verschwenden. Nur wenige Schreiberlinge kommen gut weg wie jene, die Hintergrundartikel verfassen; ihnen traut er gedankliche Aufrichtigkeit, gewissenhaftes Talent und ernsthafte Recherchen zu. 
Das Besondere an diesem Buch ist nicht nur die edle Gestaltung, sondern die Sammlung verschiedenster Beiträge zu dem Thema, darunter ein Auszug aus Balzacs Roman mit einem Journalisten als Hauptfigur, seine kritische Beurteilung des Schriftstellers Sainte-Beuve sowie ein ausführliches Nachwort. Zusammen ergeben die Texte ein sehr umfassendes und anschauliches Bild der Zeitungslandschaft im allgemeinen und Balzacs Haltung im speziellen. Der Leser erfährt dabei so manche interessante Details: zum Beispiel warum Kurzmeldungen für die Zeitung so wichtig waren oder weshalb ständig Theaterstücke, aber keine Literatur besprochen wurde. Politische Hintergründe werden ebenso erläutert wie die Entstehung der Massenpresse und die Etablierung von Karikaturen. Ich fand die Lektüre sehr amüsant und informativ – manchmal fühlte ich mich sogar als Bloggerin angesprochen und kam ins Grübeln, was es eigentlich heißt, die Werke anderer zu beurteilen und seine Meinung kundzutun.
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Der Mörder aus dem Wald

Eine ganze Weile habe ich mich von skandinavischen Krimiserien ferngehalten, weil sie mir zu düster oder zu brutal waren. Die letzte Serie mit enormem Suchtfaktor war „Kommissarin Lund - Das Verbrechen“, von der ich Euch schon mal berichtete.
In den letzten Wochen kam allerdings ein Vierteiler auf ZDF, von dem ich mich nicht losreißen konnte: „Modus“ – eine schwedisch-deutsche Koproduktion, die auf dem Roman „Gotteszahl“ von Anne Holt basiert. Dabei hatte ich vorerst genug von Serienmördern und Psychopathen, die grausame Taten begehen, zumal sie ja leider nicht frei erfunden sind, sondern tatsächlich existieren, so beängstigend die Vorstellung auch ist. Auch in dieser Serie haben wir es mit einem eiskalten Serienkiller zu tun, dessen Motiv anfangs noch unklar ist. Man weiß nur so viel: Richard Forrester haust in einem Campingwagen in Wald, grillt sein Essen in einem brennenden Fass und plant seine nächste Tat während das restliche Schweden ahnungslos Weihnachten feiert. Jedes weitere Opfer wirft neue Fragen auf: Hat es der Mörder auf prominente Frauen oder auf Homosexuelle abgesehen? 
Zu dumm, dass ein autistisches Mädchen Zeugin der ersten Mordtat wird. Sie ist die Tochter der schwedischen Kriminalpsychologin Inger Johanne Vic, die mehrere Jahre fürs FBI gearbeitet hat und nun an der Uni forscht und lehrt. Gemeinsam mit dem Kommissar Ingvar Nyman von der Kripo in Uppsala begibt sie sich auf Spurensuche und bringt sich und ihre Familie in Lebensgefahr. Mir gefällt, dass der Fokus nicht auf sinnlose Gewalt oder die reine Jagd auf den Täter, sondern auf die Figuren gelegt wird, die genügend Raum haben, um sich zu entfalten. Fesselnd ist auch die Art und Weise, wie die Psychologin nach und nach ein Muster erkennt und aufdeckt, in welche Abgründe jemanden sein Hass auf eine fortschrittliche und liberale Gesellschaft reißen kann.
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Rückkehr in eine fremde Heimat

Faber – Die verlorenen Jahre“ von Jakob Wassermann ist der erste Heimkehrerroman, den ich gelesen habe. Doch er ist weit mehr als das. Erzählt wird die Geschichte vom 30-jährigen Architekten Eugen Faber, der aus dem Ersten Weltkrieg und russischer Gefangenschaft in seine unbenannte Heimatstadt zurückkehrt. Doch schon auf den ersten Seiten spürt man, dass dieser Faber ganz anders tickt als seine Kameraden, die im selben Zug sitzen und sich auf das Wiedersehen mit ihren Familien freuen. Statt seine Ehefrau aufzusuchen, quartiert sich Faber bei dem ehemaligen Hauslehrer Fleming ein.
Jakob Wassermann hat eine ganz eigene Art, Figuren einzuführen und zwar oft aus der Sicht einer anderen Person in Form von Monologen und Dialogen. So lernen wir die Eltern von Faber und ihre liberale Lebensweise und Erziehungsmethoden aus Flemings Perspektive kennen. Fabers Sohn Christoph bekommt erst durch die Erzählungen seiner Ehefrau Martina ein Gesicht, während Martina selbst von ihrer jungen Freundin und Mitbewohnerin Fides beschrieben wird. So wird Stück für Stück offen gelegt, welch harmonische Ehe Faber und Martina einst führten und warum Faber sich seit seiner Rückkehr so isoliert fühlt. Er will nicht wahrhaben, dass das Leben ohne ihn weitergegangen ist, dass seine Frau nicht tatenlos herumsitzen wollte und sich an der Seite der sogenannten Fürstin in einem sozialen Projekt engagiert. Er trauert den verlorenen Jahren nach und will genau den Zustand wiederhaben, den er zurücklassen musste.
Die Dialoge und Formulierungen mögen etwas altmodisch und pathetisch erscheinen, doch die Themen, die der Autor anschneidet, sind immer noch höchst aktuell. Es geht um das Rollenverständnis in einer Ehe, um Erwartungen, Ansprüche und Entfremdung, wenn sich Paare auseinander entwickeln. Besonders imponiert hat mir die Figur Fides, die sich in Worten und Taten klug, souverän und vor allem menschlich zeigt. In einem langen Gespräch macht sie Faber deutlich, dass sie die Achtung vor dem Menschen über die Liebe stellt. Bedürftige bräuchten kein Mitleid, sondern Respekt. 
Den Roman entstand 1924, als Jakob Wassermann im österreichischen Altaussee lebte und bereits Weltruhm genoss. Sein Werk hat mich sowohl sprachlich, thematisch als auch psychologisch tief beeindruckt. Die Gefühlswelten und seelischen Nöte der Figuren werden so akribisch ausgeleuchtet, dass man den schmerzerfüllten Gesichtsausdruck unmittelbar vor sich sieht wie auf einer Theaterbühne. Sein Appell, seinem Leben durch Tatkraft, Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit einen Sinn zu geben und alte Glaubenssätze loszulassen, um Neues zu ermöglichen, passt überraschend gut in unsere heutige Zeit. Für mich ist der deutsch-jüdische Schriftsteller eine echte Neuentdeckung. Sein Roman "Der Fall Maurizius" ist bereits auf meine Leseliste gelandet.
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Naschparadies in historischer Kulisse

Salzburg habe ich bisher nur in den Sommermonaten erlebt, wenn meine Mutter mit ihrem Chor ein Konzert im Dom gab. Dieses Jahr nutzten wir einen frostigen, aber sehr sonnigen Wintertag unter der Woche, um die Christkindlmärkte dort unsicher zu machen. Die Buden sind ja überall recht ähnlich, ob man nun in München, Innsbruck, Wien oder Dortmund unterwegs ist. Den Unterschied macht das Ambiente – und das ist in Salzburg ganz zauberhaft. 
Weihnachtliche Stimmung stellte sich allerdings erst bei der Dämmerung ein, als sich die Stadt in ein Lichtermeer verwandelte. Am Domplatz sorgte ein Adventchor für musikalische Untermalung während wir uns nach einer riesigen Portion Apfel-Lebkuchen-Kaiserschmarrn einen Punsch genehmigten. Man sollte sich darauf einstellen, dass man den ganzen Tag fast nur Süßspeisen zu sich nimmt, denn die Auswahl an herzhaften Speisen ist eher mager, dafür die Vielfalt an Backwaren unschlagbar. 
Am schönsten fanden wir den Sternadvent mit Wintermarkt zwischen der Getreide- und Griesgasse mit viel Kunst und Handwerk in lauschiger Atmosphäre. Auch die Website ist sehr ansprechend gestaltet und bietet Rezepte für Lebkuchen und Glühwein sowie Bastel- und Dekotipps.
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Der Klang der Wahrheit

Ich habe mich schon immer gefragt, wer sich bloß für die ganzen Reality-Shows und Doku-Soaps interessiert, von denen es in den Fernsehprogrammen nur so wimmelt. Das Hörbuch „Nach einer wahren Geschichte“ von Delphine de Vigan könnte Aufschluss geben. Die Protagonistin heißt ebenfalls Delphine, ist Schriftstellerin und befindet sich in einer Schaffenskrise. In ihrem letzten erfolgreichen Buch, das vom Selbstmord ihrer Mutter handelt, gab sie zu viel preis und hat seitdem keine Zeile geschrieben. Ihr Leben erfährt eine Wende, als sie auf einer Party eine Frau kennenlernt, die sie fortan L. nennt.
Sie ist fasziniert von der hübschen und intelligenten Frau, die richtig Anteil an Delphines Leben und Krise nimmt. Das glaubt sie zumindest und lässt es zu, dass L. nicht nur in ihre Wohnung zieht und Aufgaben für sie übernimmt, sondern auch immer mehr Kontrolle über Delphines Leben gewinnt. L. ist Ghostwriterin für Prominente und gibt ihrer neuen Freundin zu verstehen, dass die Leser nicht an Fiktion, sondern an Geschichten mit Echtzeitszertifikat, am Klang der Wahrheit interessiert sind. Als Delphine allmählich begreift, welche Gefahr von L. ausgeht, reißt sie das Ruder herum.
Die Geschichte hat eine unglaubliche Sogkraft, allein durch die Verschmelzung zwischen Konstruktion und Inhalt. Beide Frauen beschäftigen sich mit den Grenzen zwischen Fiktion und Realität und experimentieren mit Erzählformen. Erst macht sich L. in Delphines Leben breit, um sie zu manipulieren, später taucht Delphine in das Leben von L. ein, um einen Roman über sie zu schreiben. Sie spiegeln sich zunehmend in der anderen Person und als Leser ist man sich nicht mehr sicher, ob es sich um zwei Identitäten handelt oder ob L. eine fiktive Figur, eine Wunschprojektion oder auch Delphines Gewissen darstellt. Martina Gedeck ist perfekt für die Rolle der Sprecherin und trägt durch ihren mal energischen, mal feinfühligen Ton einiges dazu bei, dass man sich in Delphines Gedankenwelt begeben und die beängstigenden und bedrohlichen Schwingungen mitfühlen kann.
Ich habe schon einige Bücher gelesen, die von Schriftstellern, ihren Krisen und dem Schreibprozess handeln, doch dieses ragt durch seine originelle Idee und experimentellen Umsetzung besonders heraus. Es wirft viele Fragen auf, zum Beispiel, was es heißt, mit der eigenen Geschichte in der Öffentlichkeit zu stehen oder wie viel Fiktion und Realität die Leser erwarten. Manche Biografien werden vielleicht erst lesenswert, wenn sie ein wenig ausgeschmückt werden. Dann fiel mir der Roman „Die Fotografin“ von William Boyd ein, der reine Fiktion ist, aber so authentisch erzählt wird, als hätte es die Figur Armory Clay tatsächlich gegeben. Delphine de Vigan hat auf jeden Fall alles richtig gemacht und mit ihrer spannend konstruierten und ausdrucksstark erzählten Geschichte, ob wahr oder unwahr, meine Erwartungen übertroffen. 
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Die Brave und die Böse

Der Roman „Meine geniale Freundin“ von Elena Ferrante gilt in Italien als Kultbuch. Der erste Teil einer vierteiligen Saga, die im Neapel der Nachkriegszeit spielt, ist nun auf deutsch erschienen und fand in der Presse viel Beachtung. Ich las trotzdem die englische Fassung „My brilliant friend“ und tauchte in das Armenviertel Rione ein, in dem die Ich-Erzählerin Lenù und ihre langjährige engste Freundin Lina aufwachsen. 
Seit der ersten Begegnung in der Grundschule ist die brave und schüchterne Lenù fasziniert von der unangepassten Schustertochter Lila, die überall aneckt. Obwohl die beiden so unterschiedlich sind, teilen sie ein gemeinsames Ziel: so schnell wie möglich dem Milieu zu entfliehen und ein unabhängiges und selbstbestimmtes Leben zu führen. Kein Wunder, denn die allerorts herrschende Gewalt und Brutalität sowohl in der Familie als auch zwischen rivalisierenden Clans bekommt der Leser permanent zu spüren. Prügel von den Eltern und Morddrohungen stehen an der Tagesordnung. Als Lila in eine höhere Schule möchte, wird sie von ihrem Vater sogar aus dem Fenster geworfen. 
Mal raufen sich die Freundinnen zusammen, lernen Latein und reden über schöne Verse, dann wieder entfremden sie sich oder konkurrieren gegeneinander. Ihre Höhen und Tiefen sind oft gegenläufig: Erlebt Lenù wahre Glücksmomente während eines Sommers auf Ischia, geht es Lina hundsmiserabel. Am Ende deutet sich an, welch gegensätzlichen Wege sie einschlagen werden: Lenù wird Schriftstellerin während Lina schon mit 16 Jahren einen Lebensmittelhändler heiratet.
Obwohl die Geschichte mit einem Cliffhanger endet, bin ich noch nicht sicher, ob ich die Fortsetzung lesen werde. Ich hätte mir weniger Chronik und mehr Reflexionen über Bildung und Freundschaft gewünscht – etwa wie in dem Entwicklungsroman „Der Distelfink“ von Donna Tartt, in dem mich die Freundschaft zwischen den zwei Hauptfiguren und ihre Entwicklung deutlich mehr bewegt hat. 
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3 Jahre – 257 Orte

Heute feiert YukBook seinen dritten Geburtstag! 
60 neue Schauplätze konnte ich live oder durch Romane, Kurzgeschichten, Filme, Ausstellungen und kulinarische Genüsse ‚bereisen’. So verschlug es mich unter anderem nach Peking, Damaskus, Stockholm, Honolulu und Philadelphia. 
Das waren meine Highlights im vergangenen Blogjahr:
Der aufregendste Städtetrip: Montpellier
Der stärkste Roman: ‚Porträt einer Ehe’ von Robin Black
Der beste Film: ‚Spotlight
Die beeindruckendste Ausstellung: ‚Wunder der Natur’ im Gasometer Oberhausen
Das schönste Lokal: Mongkok in München
Das leckerste Frühstück: Café Dinzler in Irschenberg
Ich danke Euch ganz herzlich für Eure Treue und freue mich auf viele neue Geschichten und Abenteuer mit Euch im kommenden Jahr.
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