Archiv 2016-06

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Kein Ort zum Sterben

Das zweite Buch, das ich mir neben „Brooklyn“ für unseren Urlaub besorgte, war „Brooklyn Follies“ („Die Brooklyn-Revue“) von Paul Auster, einer meiner Lieblingsautoren. Es ist zwar schon vor zehn Jahren erschienen, aber wer könnte besser über ein Stadtviertel schreiben als ein Einheimischer, der seit 1980 dort lebt. 
Zu Beginn des Romans steht es nicht gut um den Protagonisten Nathan Glass. Der pensionierte Versicherungsagent hat eine Lungenkrebs-Therapie hinter sich und seine Familie hat sich von ihm abgewandt. Nun sucht er einen „Ort zum Sterben“ und zieht nach Brooklyn. Seinen Lebensabend will er damit verbringen, ein Buch mit dem Titel „The Book of Human Follies“ zu schreiben, das von menschlichen Torheiten handelt. Dieses Projekt verliert jedoch allmählich an Bedeutung, als er in einem Antiquariat von Harry Brightman zufällig seinen Neffen Tom Wood trifft, der dort arbeitet. Die Begegnung und Freundschaft zwischen den drei führt wiederum zu neuen Bekanntschaften, bringt turbulente Geschehnisse ins Rollen und auf einmal ist Nathan Glass ganz und gar nicht mehr allein. 
Nach und nach erfahren wir mehr über Toms vergangenes Leben und die Abenteuer des Buchladenbesitzers Harry, aber auch über Figuren, die unerwartet auf der Bildfläche erscheinen wie die BPM (Beautiful Perfect Mother), in die sich Tom verguckt oder dessen Nichte Lucy, die plötzlich vor der Haustür steht. Einzeln für sich sind es keine spektakulären Ereignisse, doch in typischer Auster-Manier werden Themen wie Lebensträume und Krisen, Altern und Tod geschickt eingewoben, so dass man mit Spannung den Verwicklungen folgt. Gar nicht typisch für Auster empfand ich dagegen die fast überbordende Warmherzigkeit des Erzählers Nathan und seine zunehmend optimistische Lebenshaltung. Am Ende lösen sich fast alle Konflikte in Wohlgefallen auf und aus dem anfangs einsamen und unglücklichen Mann ist ein Mensch voller Hoffnung und Lebensfreude geworden.
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Master of Suspense

In letzter Zeit habe ich einige Bücher über Künstlerpaare gelesen, die sich gegenseitig kreativ beflügelten, wie Clara Westhoff und Rainer Maria Rilke, Sonia und Robert Delaunay oder Leonora Carrington und Max Ernst. Dass Alfred Hitchcock und Alma Neville ebenfalls dazu zählten, erfuhr ich erst durch den Film "Hitchcock" von Sacha Gervasi aus dem Jahr 2013. Das Biopic bildet einen kleinen Ausschnitt aus seinem Leben ab und zwar die Phase der Konzeption und Produktion seines Horrorklassikers „Psycho". Und doch erfährt man in komprimierter Form sehr viel über Hitchcocks Charakter, seine Willenskraft, Selbstzweifel, seine Allüren am Set und vor allem die starke Bindung zu seiner Frau Alma. Wer hätte gedacht, dass Hitchcock seinen Welterfolg auch seiner Frau zu verdanken hat.
Alma ist die einzige, die an ihren Ehemann glaubt, als dieser sich in den Kopf setzt, eine grausige Mordgeschichte zu verfilmen. Er möchte noch einmal seine ganze Schaffenskraft in ein experimentelles Filmprojekt setzen, das alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt. Nachdem sein vergangener Film "Vertigo" floppte, ist der Druck enorm. Hitchcocks Produktions- und Verleihgesellschaft Paramount wünscht sich einen Kassenschlager wie "North by Northwest" und will von Hitchcocks neuem Projekt nichts wissen. Um den Film dennoch zu realisieren, setzt das Ehepaar ihr Hab und Gut sowie ihren Ruf aufs Spiel. 
Hitchcocks Schwäche für kühle blonde Schönheiten wie Tippi Hedren oder Grace Kelly, die er bevorzugt als Hauptdarstellerinnen auswählte, ist allgemein bekannt. Wie sehr Alma unter seinen Frauenfantasien litt und ihm trotzdem auch in schwierigsten Zeiten zur Seite stand, wird nicht zuletzt durch die schauspielerische Leistung von Helen Mirren sehr überzeugend vermittelt. Hitchcocks wiederholte Alpträume von einem Serienmörder und Kannibalen sind etwas verwirrend, doch das gelungene Setting aus den 50er Jahren, das Design, die Klamotten und die bissigen Dialoge zwischen Alma und Alfred machen einige Schwachstellen im Drehbuch wieder wett.
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Aufbruch in die Neue Welt

Anfang des Jahres lief in den Kinos die Verfilmung des Romans „Brooklyn“ von Colm Tóibín. Der Roman schien mir ideal als Urlaubslektüre für unsere Reise nach Manhattan und Brooklyn. Allerdings bin ich weder im Flieger noch im Apartment zum Lesen gekommen und habe die Lektüre letzte Woche nachgeholt. Immerhin kannte ich nun verschiedene Schauplätze des Romans wieder.
Die Geschichte handelt von Eilis Lacey, die in den Fünfzigerjahren mit ihrer Schwester und ihrer Mutter in Enniscorthy an der Südostküste Irlands in ärmlichen Verhältnissen lebt. Als ein Priester ihr die Gelegenheit bietet, nach Brooklyn auszuwandern und dort eine Stelle als Verkäuferin anzutreten, nimmt sie die Chance wahr. Sie findet eine Bleibe in der Pension der Irin Ms. Kehoe, wo viel getratscht wird, und kann sich nur schwer dort einleben. Die Arbeit im großen Modekaufhaus Bartocci’s ist anstrengend und trotz verschiedener Veranstaltungen der irischen Community vermisst sie ihre Heimat und ihre Familie. Das ändert sich, als sie auf einer Tanzveranstaltung den italienischstämmigen Tony kennenlernt. Auch beruflich geht es aufwärts: Sie besteht die Prüfung zur Buchhalterin an der Abendschule und schmiedet mit Tony Zukunftspläne. 
Obwohl mich das Thema sehr interessierte, konnte ich nicht so richtig in Eilis Gefühlswelt eintauchen. Welche Wirkung die neue Umgebung auf sie hat und wie sie sich dabei verändert, schildert Toíbín recht nüchtern ohne Kommentierung. Doch genau dieser Stil, frei von Begeisterung und Romantik, beschreibt wohl am besten die schwierige Phase der Integration vieler amerikanischer Auswanderer, die sich sowohl in der alten Heimat als auch in der Neuen Welt fremd fühlten.
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Hundert Seelenlektionen

Der Titel des kürzlich erschienenen Buchs von Chuck Spezzano „Ändere deinen Partner und dein Leben gleich mit“ löste bei mir zunächst Verwirrung aus. Ich dachte, es sei genau umgekehrt: Um eine glückliche Beziehung zu führen, solle man nicht versuchen, seinen Partner zu ändern. Sobald man die ersten von insgesamt 100 Lektionen gelesen hat, wird einem klar, wie der Autor seine Aufforderung gemeint hat. Dein Partner wird sich ändern, doch erst dann, wenn du dich selbst änderst – so die Botschaft des Beziehungsexperten, der sich als Autor, Referent und spiritueller Lebensbegleiter international einen Namen gemacht hat auf Hawaii lebt.
Als Grundvoraussetzung nennt er die Akzeptanz – ein Grundsatz, der allen, die sich schon einmal mit der buddhistischen Lehre beschäftigt haben, bekannt sein dürfte. Ohne Akzeptanz verstärke man nur die Situation oder die Eigenschaften des Partners, die einem nicht gefallen. Dabei macht er den Unterschied zwischen Akzeptanz und Anpassung, die oft in Resignation mündet – deutlich und erläutert, wie man selbst Verantwortung für seine Situation, seine Vergangenheit und sein Leben übernimmt.
Eine nicht ganz leichte Aufgabe, die uns da der Autor stellt, doch zum Glück gibt er Hilfestellung durch zahlreiche Übungen. Sie alle zielen darauf ab, alte Glaubenssätze aus der Kindheit und der Familie, die die Einstellung und das Verhalten gegenüber dem Partner prägen, abzulegen. Besonders Aussagen wie „Deine Familienmuster bestimmen dein Erfolgs- und Beziehungsmuster“ und Fragen wie „Welche Ausrede gibt mir mein Partner, damit ich mich vor einer wichtigen Aufgabe drücken kann?“ haben eine Wirkung bei mir hinterlassen. Sie zeigen, wie viel man durch den Partner über sich selbst erfahren und sich persönlich weiter entwickeln kann, wenn man begreift, dass das Gegenüber nur die eigenen "Baustellen" widerspiegelt. Das Buch ist jedem zu empfehlen, der nicht einfach seinen Partner nach seinen Vorstellungen formen will, sondern eine Beziehung zu einem ebenbürtigen Partner anstrebt, die auf wachsende Verbundenheit beruht. 
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Im Single-Großstadtdschungel

Die Komödie „How to be Single“ hätten wir auf dem Hinflug nach New York und nicht auf dem Rückflug sehen sollen. Wenn ein Film Lust auf Manhattan macht, dann dieser! Das Entertain-Programm von Lufthansa hatte so viel zu bieten, dass ich eigentlich schon vier andere Filme ausgewählt hatte, unter anderem „Hail, Caesar“, „Meine geliebte Schwester“ und „The Revenant“. Doch nachdem Harry neben mir einen Lachanfall nach dem anderen hatte, wurde ich doch neugierig und verbrachte 110 höchst vergnügliche Flugminuten. 
Der Film handelt von vier Frauen, die ihr Single-Dasein völlig unterschiedlich erleben. Alice zum Beispiel gönnt sich eine Beziehungspause von ihrem Collegefreund, um zu sich selbst zu finden, bereut aber kurze Zeit später ihre Trennung. Gut, dass sie in ihrer neuen Stelle die Partylöwin Robin kennenlernt, die ihr Nachhilfe gibt, wie man sich als Single zu verhalten hat. Gemeinsam stürzen sie sich in die New Yorker Bar- und Nachtclubszene und erleben haarsträubende Situationen. 
Man könnte meinen, dass eine Komödie über Singles in New York kaum Überraschendes bieten kann, doch dieser Film hebt sich angenehm von der Massenware ab. Die Dialoge sind spritzig, die Figuren gut ausgearbeitet und die Handlung verläuft keineswegs so wie erwartet. Dem Münchner Regisseur Christian Ditter ist ein amüsantes Hollywood-Debüt gelungen, das die Freuden und Leiden eines Singles – von Einsamkeit, Zweifel, Ablenkungsversuchen bis hin zur Euphorie – nuancenreich ausleuchtet und uns mit tollen Aufnahmen von Manhattan beglückt.
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Cellistin im Widerstandskampf

Wir schreiben das Jahr 1943: Als sich Elodie und Angelo, Protagonisten des Romans „Der italienische Garten“ von Alyson Richman in Portofino begegnen, ahnen wir schon, dass beide ein tragisches Geheimnis hüten. Man könnte erwarten, dass sich nun eine klassische Liebesgeschichte im malerischen Küstenort entfaltet, doch davon sind wir weit entfernt. In Rückblenden erfahren wir, welche unfassbaren Erlebnisse und emotionalen Hochs und Tiefs die beiden durchgemacht haben.
Als Elodie noch ein behütetes Leben in Verona führte und Musik studierte, gab es für sie nur einen Lebensinhalt: das Cellospiel. Dies ändert sich schlagartig, als ihr Vater von Faschisten verprügelt wird und ihre Freundin Lena sich zunehmend in Aktivitäten der italienischen Resistenza engagiert. Elodie kann sich der Realität nicht mehr verschließen und fasst den Entschluss, sich der Gruppe anzuschließen. Dabei lernt sie den Buchhändler und Widerstandskämpfer Luca kennen und lieben. 
Auch Angelo war als Medizinstudent voller Hoffnungen und Träume und fand seine große Liebe, doch der Krieg machte ihm einen tragischen Strich durch die Rechnung.
Die Wege der beiden kreuzen sich, als Elodie bei der Passkontrolle durch deutsche Soldaten von Angelo gerettet wird und sich in seine Obhut begibt. Nach und nach entdecken sie immer mehr Gemeinsamkeiten wie ihre dunkle Vergangenheit und ihre Leidenschaft für Bücher.
Der Roman hat mich auf mehreren Ebenen begeistert. Zum einen ist die Dramaturgie, die die zwei Hauptfiguren zusammenführt, perfekt. Nebenbei erfährt man interessante Details darüber, wie die Untergrundaktivisten damals arbeiteten und durch raffinierte Codes und Kuriere Botschaften übermittelten. Spannend ist auch, wie sich nicht nur Elodies Leben, sondern auch ihr Charakter und Auftreten verändern. Aus der verträumten Musikstudentin wird eine kühne Kämpferin, die für das Wohl ihres Landes ihr Leben aufs Spiel setzt. 
Die Autorin beherrscht ihr Handwerk so virtuos wie Elodie ihr Cellospiel, sie jongliert geschickt mit den Metaphern Musik und Bücher, und erzählt so intensiv, dass man jeden Satz verschlingt. Der Originaltitel „Garden Of Letters“ ist sicher zutreffender, denn neben der Musik spielen Briefe im Speziellen und Worte im Allgemeinen eine ganz besondere Rolle. 
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Manhattan bekommt Konkurrenz

New York ist eine Stadt, die man entspannter genießen kann, wenn man die Must-Sees schon hinter sich hat. Ich war nun zum vierten Mal dort und konnte mir in Ruhe die neueren Bauten in Manhattan wie die Parkanlage High Line, ein sehr gelungenes architektonisches Experiment, oder das One World Trade Center mit dem wunderschönen Oculus vornehmen. Diesmal wählten wir ein Apartment in Brooklyn. Die erste Buchung über airbnb klappte einwandfrei. Unser „Hip&Lux Garden Apartment“ war ein Traum: geräumige, stylish eingerichtete Zimmer mit einem hübschen Garten, wo wir unser Frühstück einnahmen. Von allen Wohnvierteln in Brooklyn hat uns unsere Nachbarschaft am besten gefallen. Es gibt eine große Auswahl an Bioläden und die Bewohner chillen entspannt vor dem Hauseingang.
Das Einzige, was uns im Urlaub misslungen ist: eine typische Parade mitzuerleben. Die verzweifelte und vergebliche Suche nach den Events zum Memorial Day, die im Internet angekündigt wurden, führten uns immerhin in uns noch unbekannte Viertel wie Queens und den Bronx. 
Greenwich und East Village in Manhattan haben nach wie vor ihren besonderen Reiz, aber Brooklyn und Williamsburg sind als Szeneviertel stark im Kommen. Wie man in der interessanten Dokumentation „Brooklyn boomt“, die neulich auf Phoenix gezeigt wurde, erfahren konnte, zieht es immer mehr kreative und risikofreudige Macher nach Brooklyn, während in Manhattan eher vermarktet und verkauft wird. 
Tipps für vier spannende Erkundungstouren durch Brooklyn und Umgebung könnt Ihr hier herunterladen.   
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Alles nur Einbildung?

Nicht selten werden Mitarbeiter aufgefordert, „out of the box“ zu denken, d.h. ausgetretene Pfade zu verlassen, um kreativ und innovativ zu sein. Wäre es nicht ideal, wenn man dafür noch den richtigen Rückzugsort hätte? Genau das passiert Björn in dem Roman „Das Zimmer“ von Jonas Karlsson. Er hat eine neue Stelle in einer Behörde angetreten und will so schnell wie möglich aufsteigen und zeigen, was er auf dem Kasten hat.
Seltsamerweise gelingt ihm das besonders gut in einem kleinen Bürozimmer, das er ganz zufällig zwischen der Toilette und dem Aufzug entdeckt. Immer häufiger sucht er diesen Ort auf, zunächst nur um seine Ruhe vor den Kollegen im Großraumbüro zu haben, die nicht nur seine höchst effiziente Arbeitsweise beeinträchtigen, sondern ihn auch zunehmend nerven. Symbol für alles, was ihn dort abstößt ist, ist das hässliche Cordjacket des Kollegen Hakan, der ihm direkt gegenüber sitzt. Mit der Zeit richtet er sich in dem kleinen Zimmer seinen zweiten Arbeitsplatz ein und stellt fest, dass ihm dort selbst die schwierigsten Aufgaben leicht von der Hand gehen. Was er allerdings nicht versteht: warum alle, sogar sein Chef, behaupten, das Zimmer existiere nicht.
Dieser Roman ist wie ein brillantes Kammerspiel und bietet viel Spielraum für Interpretationen. Mir kam es so vor, als ob das Zimmer für etwas steht, was motivierten Mitarbeitern in der Arbeitswelt oft versagt bleibt: eine Spielwiese, auf der sie kurzzeitig ihre Arbeitsroutine verlassen, unsinnige Regeln außer Acht lassen und experimentieren und Ideen entwickeln können. Oder viel einfacher gedacht: ein Raum, wo sie ungehindert ihre Arbeit verrichten können. Andererseits ist Björn ganz und gar kein Sympathieträger und macht sich mit seiner überheblichen Art schnell unbeliebt. Wollte der Autor nur aufzeigen, wie schnell man durch sinnlose Bürokratie, Mobbing und Machtspielchen Wahnvorstellungen unterliegen kann? Lest am besten selbst! 
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Wiedersehen mit den Muchachas

Katherine Pancol hat uns ganz schön auf die Folter gespannt. Im Mai ist endlich der dritte und letzte Band ihrer Trilogie unter dem Titel „Muchachas – Nur ein Schritt zum Glück“ erschienen, und dieser letzte Schritt gestaltet sich für die verschiedenen Frauenfiguren sehr unterschiedlich. 
Die Schrotthändlerin Stella setzt ihre Rachepläne endgültig in die Tat um und zeigt dabei eine ungeahnte Kühnheit und Energie. Joséphine gelingt es endlich, ihre ständigen Zweifel abzulegen und lernt, sich selbst zu respektieren und ihren Mitmenschen zu vertrauen. Sogar Léonie, die jahrelang unter den Gewaltausbrüchen ihres Mannes litt, fasst wieder Lebensmut, nachdem sie sich nicht nur als Opfer sieht, sondern ihre eigene Schuld und Verantwortung gegenüber ihrer Tochter erkennt und dazu steht. 
Während diese Frauen allmählich ihr Selbstbewusstsein zurückgewinnen, verfügen die Modedesignerin Hortense und Rays Geliebte Violetta mehr als nötig davon. Hortense nutzt ihren Kreativschub, um mit ihrer neuen Kollektion Paris und die Welt zu erobern während Violetta sich der Herausforderung annimmt, das Image des Bürgermeisters von Saint-Chaland und dessen Frau aufzupeppen. Nachdem sie von ihrem Freund Ray gedemütigt wird, findet sie glücklicherweise eine Aufgabe, die ihr weitaus besser gelingt: an Rays endgültigem Untergang mitzuwirken.
Meiner Meinung nach hat sich die Autorin im dritten Band noch ein Stück gesteigert – sowohl in der Ausführung der Charaktere als auch in ihren sprachlichen Stilmitteln. Jeder Figur gibt sie ihre eigene individuelle Stimme und arbeitet im gleichen Zuge ihre persönliche Entwicklung heraus, die sie nicht nur räumlich, sondern auch charakterlich näherbringt: die Fähigkeit, ihr Glück nicht mehr von Männern abhängig zu machen, und sich von keinem mehr herabsetzen zu lassen. Der Untertitel hätte auch „Nur ein Schritt zur Selbstliebe“ lauten können.
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Kurze Fantasiereisen

"Just 3 Minutes“ – mit dem Trick kann ich mich oft selbst überlisten, wenn ich mich zu einer unangenehmen Aufgabe so gar nicht aufraffen kann. Sich nur drei Minuten hinzusetzen und einfach anzufangen – das kostet wenig Überwindung. Margret Geraghty scheint ähnlicher Meinung zu sein, nur überträgt sie die Methode auf das Schreiben und spricht von fünf Minuten. Ihr Buch „The Five-Minute Writer – Exercise And Inspiration In Creative Writing In Five Minutes A Day“ kann ich jedem empfehlen, der das Schreiben als feste Routine in seinen Alltag einbauen möchte. Fünf Minuten kann sicher jeder entbehren, der sich vorgenommen hat, nicht aus der (Schreib-)Übung zu kommen. Das bekomme ich sogar hier in Brooklyn hin, wo ich gerade eine Woche Urlaub mache. 
Jeden Tag widmet sich die Autorin einem anderen Thema, das sie anhand von literarischen Beispielen erläutert. Im Anschluss gibt es jeweils eine konkrete Schreibübung, an der man fünf oder – wenn man Zeit und Lust hast – auch länger arbeiten kann. Die Aufgaben sind sehr abwechslungsreich, regen die Fantasie an und bieten reichlich Stoff, um mehr daraus zu machen.
Hier meine Top 5 der vorgestellten Übungen:
1) Sich verschiedenste Wendepunkte im Leben überlegen und auflisten, einen herauspicken und einen Text dazu schreiben
​2) Einen Tag beschreiben, an dem man unsichtbar ist
3) Verschiedenste Gegenstände zweckentfremden
4) 
Ein Alltagritual in allen Details beschreiben
5) 
Öffentliche Plätze auflisten, die man mit bedeutenden Erinnerungen verknüpft, einen herauspicken und einen Text dazu schreiben
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Standhafter Mann

Der Film „Bridge of Spies“ von Steven Spielberg, der letzten Monat auf DVD erschienen ist, hat so einiges gemeinsam mit dem Thriller "Captain Phillips". Beide sind mit Tom Hanks in der Hauptrolle ideal besetzt, bauen trotz Überlänge eine Wahnsinns-Spannung auf und beruhen auf wahren Begebenheiten. 
Schauplatz des Spionagethrillers ist zunächst ein New Yorker Hotel in Brooklyn, wo Anfang der Sechzigerjahre der russische Spion Rudolf Iwanowitsch Abel vom FBI festgenommen wird. Der Formalität halber soll er von dem renommierten amerikanischen Anwalt James B. Donovan vertreten werden, doch die Öffentlichkeit rechnet sowieso fest mit der Todesstrafe. Donovan nimmt den Fall allerdings genauso ernst wie jeden anderen und besteht auf einen fairen Prozess. Hat ihn möglicherweise auch ein klein wenig Abels Geschichte von einem Freund seines Vaters beeindruckt, der sich in noch so hoffnungsloser Lage bis zum Schluss als standhafter Mann erwies? Der Anwalt entwickelt jedenfalls eine bemerkenswerte Hartnäckigkeit und kann Abel tatsächlich vor der Todesstrafe bewahren. Sein Argument: Abel könnte als Tauschobjekt noch von Nutzen sein. Mit dieser Vermutung liegt er richtig, denn als ein amerikanisches Flugzeug auf sowjetischem Boden abgeschossen und der Pilot Gary Powers verhaftet wird, soll Donovan in Ost-Berlin einen Geiseltausch verhandeln.
Komplexer wird die Geschichte, als Donovan in dem Zuge nicht nur den Piloten, sondern auch einen amerikanischen Wirtschaftsstudenten befreien will. Dabei wächst er immer mehr in die Rolle des Unterhändlers hinein, pokert hoch und setzt sogar sein Leben aufs Spiel. Der trockene Humor in den knappen Dialogen und die ästhetischen und kontrastreichen Bilder – zum Beispiel das karge Ost-Berlin in kalten Blau-Grautönen und das üppige amerikanische Frühstück in einem Nobelhotel – sorgen dafür, dass die 140 Spielminuten wie im Fluge vergehen. Hut ab vor Steven Spielberg, der wieder einmal eindrucksvoll einen historischen Stoff in Szene gesetzt hat, in dem Menschen nur als Marionetten für diplomatische Schachzüge und Machtspiele dienen und trotzdem durch Mut und Menschlichkeit ein Zeichen setzen können.
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