Archiv 2014-11

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Perfektes Rollenspiel

Um Lebensträume geht es auch in dem Drama „Albert Nobbs“, der im 19. Jahrhundert in Dublin spielt. Ihr schauspielerisches Talent hat Glenn Close bereits in zahlreichen Filmen und TV-Serien, zuletzt in der unglaublich guten Serie "Damages" unter Beweis gestellt. In der Rolle des irischen Butlers übertrifft sie sich jedoch wie ich finde selbst. Bereits 1982 hatte die Schauspielerin in einer Bühnenversion der Geschichte als Albert Nobbs geglänzt und sich seither um eine Kinoadaption bemüht. Mit Erfolg. Regie führte Rodrigo García, der Sohn des berühmten Schriftstellers Gabriel García Márques. 
Albert ist in Wirklichkeit eine Frau, die als Kind unvorstellbare Leiden erfahren musste. In der repressiven Gesellschaft, die Frauen keine Rechte zuerkennt, blieb Albert nur eine Wahl, um zu überleben. Sie entscheidet sich, als Mann zu leben und arbeitete sich als Butler und Kellner hoch in die High Society.
Seit 30 Jahren zwängt sie/er sich in Männerkleidung und arbeitet mittlerweile in einem vornehmen Hotel für eine moralisch fragwürdige Hausherrin. Die Figur Albert fasziniert von Anfang bis Ende. Seine sachliche, übertrieben korrekte und unnahbar wirkende Art ist nur eine Seite. Durch diese Maske schimmert für kurze Momente eine fast romantische Sehnsucht und Warmherzigkeit durch, besonders dann, wenn er sich mit Hubert, einem Leidensgenossen, austauscht und gezwungen wird, seine Identität zu hinterfragen.
Er steht kurz davor, mit seinem mühevoll angesparten Geld einen eigenen Tabakladen zu eröffnen und sich damit seinen Lebenstraum zu erfüllen. Dem stehen lediglich einige zwielichtige Kollegen und deren Lebensträume im Weg. Für Glenn Close, die viel Energie und Zeit in den Film investierte, das Casting übernahm und am Drehbuch mitschrieb, hat sich auf jeden Fall ein großer Traum erfüllt.
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Lebe deinen Traum

Von Entwurzelung und Neuanfang handelt der wunderbare Roman „The Road Home“ ("Der weite Weg nach Hause") von Rose Tremain. Im Mittelpunkt steht Lev, Anfang 40, der ein glückliches Leben in seiner osteuropäischen Heimat führt. Er ist mit der schönen Marina verheiratet, hat eine kleine Tochter, schätzt seine Familie und Freunde, selbst die harte Arbeit im Sägewerk. Sein Leben ändert sich schlagartig, als seine Frau an Leukämie stirbt und sein Sägewerk zudem schließt. Die Trauer lähmt ihn lange Zeit, bis er den Entschluss fasst, nach London aufzubrechen.
Lev hat nur ein Ziel: Arbeit zu finden und Geld zu seiner Mutter und Tochter zu schicken. Das gestaltet sich jedoch schwierig in der fremden und hektischen Großstadt, in der er nur schwer zurecht kommt. Doch so leicht gibt er nicht auf, findet schließlich einen Job als Tellerwäscher in einem Restaurant und entdeckt seine Leidenschaft für das Kochen.
Mich hat vor allem Levs persönliche Entwicklung und sein Mut, trotz zahlreicher Rückschläge etwas Verrücktes zu wagen und seinen Traum zu verwirklichen, berührt. Rose Tremain schreibt sprachgewandt und witzig und jongliert geschickt zwischen Heiterkeit und Schwermut.
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Tapas Bar Hopping

Appetithäppchen heißen in Japan "Otsumami" und sollten vor mir besser in Sicherheit gebracht werden – sonst sind die Schälchen im Nu leer. Sie haben eine gewisse Ähnlichkeit mit den spanischen Tapas, die ebenfalls gern zu Bier oder Wein gereicht werden. Überhaupt finde ich, dass die japanische und spanische Küche gewisse Ähnlichkeiten haben.
Ich entdeckte meine Vorliebe für die kleinen spanischen Köstlichkeiten in Sevilla. Während die Basken darunter Canapés mit verschiedenen Belagen wie Chorizo, Schinken oder Käse verstehen, reicht im übrigen Spanien das Spektrum von gesalzenen Mandeln über Kartoffeln in Knoblauchmayonnaise bis hin zu marinierten Fleischspießen. Damals unternahm ich mit meiner Freundin eine Andalusienreise und war begeistert von den imposanten Bauten wie die Kathedrale von Sevilla, die Giralda oder die Plaza de España. Abends machten wir eine Tapas-Bar nach der anderen unsicher und konnten dank des guten Angebots in München auch nach dem Urlaub weiterhin unserer neuen Leidenschaft frönen. Eine gute Adresse ist zum Beispiel die Teatro Bar Tapas in Haidhausen.
Mir gefällt, dass man wegen der kleinen Portionen so viele Variationen probieren und sie mit anderen am Tisch teilen kann. Ich hätte schon eine neue Geschäftsidee: Wie wäre es mit einer Running Tapas Bar? Ich wette, sie hätte mindestens so viel Erfolg wie Sushi vom Laufband.
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Entgleiste Beziehung

Meine Mutter flog kürzlich von einer strapaziösen Japanreise nach Düsseldorf zurück und freute sich auf elf ungestörte Flugstunden. Doch daraus wurde nichts, denn der einzige alleinreisende Deutsche im ganzen Flieger saß ausgerechnet neben meiner Mutter und quatschte sie stundenlang voll. Er war wohl dankbar, jemandem, die endlich deutsch verstand, sein Herz ausschütten zu können.
Man kann sich seinen Sitznachbarn eben nicht aussuchen. So wie Cécile, die in dem Roman "6 Uhr 41",  ebenfalls ein anstrengendes Familien-Wochenende hinter sich hat und sich im Zugabteil plötzlich neben ihrem Ex-Liebhaber Philippe wiederfindet.
Bis es zu einer Konversation auf der Strecke zwischen Troyes und Paris kommt, muss sich der Leser jedoch gedulden. Keiner traut sich, den anderen anzusprechen. Statt dessen versinken sie jeder in ihre Gedankenwelt und lassen ihre Beziehung, die 30 Jahre zurückliegt, Revue passieren. So erfahren wir jeweils aus der Sicht des anderen immer mehr Details über die Charaktere, ihre Gefühle und ihr letztes gemeinsames Wochenende in London. 
Interessant fand ich die Schilderung, wie es zum Bruch zwischen Cécile und Ludec kam. Der Anblick ihres Knies auf dem Beifahrersitz war der Auslöser, dass Ludec die Beziehung beendete. Alles, was er an ihr nicht mehr mochte, konzentrierte sich auf einmal in diesem unschuldigen und harmlosen Knie. Auch wenn das Gefühl des Bedauerns, das sich durch den Roman zieht, stellenweise deprimierend ist, hat mir die feine und subtile Erzählung der Wiederbegegnung gut gefallen. 
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Bringt Farben in die Tristesse

Man stelle sich die heutige Modewelt ohne Schals vor. Eine ziemlich triste Angelegenheit. In der Stadt würden einem nur dunkle Parker und Wollmäntel begegnen, allenfalls eine auffällige Daunenjacke. Aber nicht nur die farbenfrohe Optik hat meine Vorliebe für Tücher und Schals geweckt. Die wohlige Wärme um den Hals tut einfach gut, fast so, als könnte man in seine Kuscheldecke eingewickelt in die Kälte losziehen. Sicher hat meine Mutter mich auch angesteckt, die auf unseren gemeinsamen Einkaufstouren Mühe hat, nicht vor einem Schalständer stehenzubleiben. Es macht einfach Spaß, immer wieder neue Farben ins Spiel zu bringen und mit einem Handgriff seinem Outfit einen neuen Look zu verpassen. 
Kürzlich entdeckte ich die Website Scarves.net, auf der man sich nette Anregungen holen kann, wie man seine Schals trägt. Es gibt eine ganze Bibliothek von verschiedenen Bindetechniken. Statt meinem üblichen "Boho Loo Type" könnte ich zur Abwechslung mal "Carmen Miranda" oder "Girly Windsor" ausprobieren. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.
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Schönheitswettbewerb für Bücher

Welches Buch hat das schönste Cover, das ansprechendste Layout oder die ungewöhnlichste Veredelung? Buchliebhaber haben auf www.beautyandbook.com ihre Wahl getroffen. Unter den circa 600 Einreichungen stimmten sie für das Buch "Und dann platzt der Kopf" der Leipziger Illustratorin Christina Röck. Auf der Frankfurter Buchmesse wurde das Bilderbuch für Erwachsene mit dem "Beauty and Book Award" ausgezeichnet. 
Der große Vorteil von E-Books ist, dass man endlich mehr Platz im Regal hat für all die schön gestalteten Bände. Dazu zählt zum Beispiel "The Crafter`s Devotional" von Barbara R. Call. mit 365 inspirierenden Ideen. Jeder Wochentag ist einer bestimmten kreativen Tätigkeit gewidmet wie Tagebuch führen, mit Materialen experimentieren, Collagen kreieren, Gegenstände verfremden und vieles mehr. 
Die abgebildeten Beispiele verschiedener Künstler wecken Erinnerungen und Lust, wieder ganz altmodisch zu Papier und Schere zu greifen. Was habe ich als Kind viel gebastelt. Mit meiner Freundin stellte ich gebundene Hefte her, Lesezeichen, Schachteln, Wandschmuck etc. Anregungen dieser Art findet man mittlerweile in zahlreichen Blogs. Doch manchmal möchte man ganz altmodisch ein schön aufgemachtes Buch in die Hand nehmen und darin blättern.
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Das schillernde Leben einer New Yorker Künstlerin

Dank einer aktuellen Ausstellung im Kunstbau vom Lenbachhaus entdeckte ich eine sehr interessante Künstlerin: Florine Stettenheimer. Bis zum 4. Januar 2015 kann man sich mit ihr auf eine Zeitreise in das pulsierende New York der 1920er Jahre begeben. 
Mit Vorliebe porträtierte sie ihre Familie und Freunde in immer wieder neuen Konstellationen und mit Anspielungen auf deren Vorlieben und Eigenheiten. Ob im Garten, im Schwimmbad oder bei einem Picknick – ihre Bilder umfassen so viele detaillierte teils witzige Szenen, dass man eine Weile braucht, bis man alles aufgenommen hat.
Kennzeichnend für ihre Kunst sind fragile Figuren in leuchtenden Farben vor hellen Hintergründen. In diesem sehr eigenwilligen Stil dokumentierte sie das moderne Leben der New Yorker zwischen Broadway, Fifth Avenue und Wall Street, die Kunstszene der Stadt, Schönheitswettbewerbe, Konsumkultur und Feste der Celebrities. Die Bilder machen Lust, nach Manhatten zu reisen und sich in die Zeit der Goldenen Zwanziger zurückzuversetzen.
Der Kunstbau aus dem Jahr 1994, der sich im Zwischengeschoss eines U-Bahnhofs befindet, bietet genau den richtigen Rahmen für diese Schau. Ein roter Teppich, der durch die riesige Ausstellungshalle führt und große weiße Kunststoffvorhänge inszenieren ihre Gemälde, Kostüme, die sie für eine Oper gestaltete, sowie historische Aufnahmen perfekt.
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"I am Monaco"

Mit Filmen wie "12 Uhr mittags", "Über den Dächern von Nizza" und "Das Fenster zum Hof" wurde die Schauspielerin Grace Kelly berühmt. Neben Tippi Hedren war sie die Lieblingsactrice von Alfred Hitchcock. 
Doch die ganze Filmwelt, ihre Freunde und Schauspielerkollegen musste sie hinter sich lassen – für eine neue Rolle von politischer Bedeutung. Die Heirat mit Fürst Rainier III. von Monaco im Jahr 1956 machte sie zur Princesse Grace de Monaco. Von diesem neuen Lebensabschnitt nach ihrer großen Filmkarriere handelt der amerikanische Film "Grace von Monaco" mit Nicole Kidman in der Hauptrolle.
Grace ist in ihrer neuen Heimat alles andere als glücklich. Von dem Volk Monacos wird sie nicht als Prinzessin anerkannt. Ihr Mann kämpft um den Erhalt der Souveränität seines Landes und hat wenig Zeit für sie und die Familie. Er zwingt Grace, die Schauspielkarriere aufzugeben und sich auf die Rolle als Fürstin zu beschränken. Sie fühlt sich einsam, ausgeschlossen. Nicht einmal mit ihrer Mutter kann sie ein vertrautes Gespräch mehr führen, da diese sie nicht mehr als Tochter, sondern als Fürstin sieht. Nur in dem Priester Pac findet sie einen Vertrauten und Gesprächspartner.
Grace steht vor einer Wahl: Entweder klammert sie sich an ihre Erinnerungen, an ihre Vergangenheit, lehnt sich gar auf gegen das Schicksal und flieht nach Los Angeles zurück. Die Versuchung ist groß, die Rolle, die ihr Hitchcock in seinem Film „Marnie“ anbietet, anzunehmen.
Oder aber sie stellt sich ihrer neuen Aufgabe und übernimmt ihre neue Verantwortung.
Sie entscheidet sich für Letzteres. Von einem Fürsten lässt sie sich in allem unterrichten, was sie wissen und beherrschen muss: die Politik, die Etikette am Hof. Sie nimmt Französisch- und Tanzunterricht. Während der Steuerstreit zwischen dem Fürstentum und Frankreich eskaliert, nimmt Grace politisch bedeutende Aufgaben selbst in die Hand, wird Botschafterin für das Rote Kreuz und organisiert eine Gala, zu der Charles de Gaulles eingeladen wird. Ihre Rede, in der sie sich selbst mit dem Inselstaat Monaco vergleicht, ist bewegend und hätte schauspielerisch kaum besser vermittelt werden können als von Nicole Kidman.
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Es begann in einem Sommercamp

Ausgangspunkt für die Figuren und deren Lebensentwürfe in dem Roman „The Interestings“ („Die Interessanten“) von Meg Wolitzer ist ein Sommercamp an der amerikanischen Ostküste. ‚Spirit-in-the-woods‘ heißt das Camp für kreative Jugendliche, wo die 15-jährige Jules aus der Provinz im Jahr 1974 die fünf privilegierten New Yorker Ethan, Ash, Goodman, Cathy und Jonah kennenlernt. Sie alle haben ein künstlerisches Talent, das sie im Feriencamp ausleben und entfalten können. Aus Spaß nennen sich die Freunde "The Interestings", wobei Jules von allen den stärksten Wunsch hat, etwas Besonderes zu sein.
Doch wie sieht das Leben nach der Schulzeit aus? Cathy Kiplinger gibt ihren Traum, Tänzerin zu werden auf, und entscheidet sich für einen Job im Kapitalmarkt. Ethan dagegen gelingt es, seine künstlerischen Ambitionen in eine durchschlagende Karriere im Filmgeschäft umzuwandeln. 
Besonders vielschichtig fand ich Jules Figur. Sie grübelt ständig und analysiert alles – ihre persönliche Entwicklung seit dem Sommercamp, ihre aktuelle Beziehung zu Dennis, der im Gegensatz zu ihr zufrieden und genügsam ist, die Ehe zwischen ihren Freunden Ash und Ethan. 
Anfangs störte mich der ständige Wechsel zwischen Erinnerungen und dem Alltagsleben, was den Lesefluss unterbrach. Doch mit der Zeit gewöhnt man sich an den Rhythmus und versteht Zusammenhänge und Gedankengänge der einzelnen Personen sogar besser. Was Jugendliche aus ihren Talenten und Träumen machen oder nicht machen und welche gesellschaftlichen Veränderungen sie über vier Jahrzehnte lang miterleben, zeigt Meg Wolitzer in ihrer Charakterstudie eindrucksvoll und unterhaltsam. Das Leben der sechs Freunde verläuft vielleicht anders als erhofft, doch als Romanfigur hat jeder Einzelne das Label "Interesting" verdient. 
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Bewegende Menschenbilder

Charakteristisch für die Künstler der Weimarer Republik ist eine nüchterne und realistische Wiedergabe der Wirklichkeit. Doch die Werke von George Grosz oder Rudolf Schlichter sind nicht nur sachlich und kühl. Ihre eindringlichen Porträts laden zu einer spannenden Begegnung mit verschiedenen Persönlichkeiten dieser Epoche ein und berühren den Betrachter. Besonders gefallen haben mir die ausdrucksstarken Porträts von Bertolt Brecht und Oskar Maria Graf, die doch ein völlig anderes Bild vermitteln als Fotografien.
Motive von Radiohörern und -bastlern wurden ebenfalls gern genommen, um die immer enger werdende Verbindung zwischen Mensch und Technik aufzuzeigen. Nicht sehr appetitlich, aber beeindruckend fand ich das Gemälde "Operation", für die Christian Schad eine Blinddarmoperation, der er einmal beigewohnt hatte, mit Freunden nachstellte. 
Friedrich Nietzsches „Menschliches. Allzumenschliches“ hat der Ausstellung seinen Titel gegeben. Seine Philosophie hat viele Expressionisten, besonders Otto Dix, stark beeinflusst. Sie erschien ihnen als Befreiung, weil sie die Objektivität der Wirklichkeit als reine Illusionen erklärte. So spiegeln sich die Katastrophenahnungen und der Rückzug aus der Wirklichkeit in die Welt des Geistes auch in vielen expressionistischen Werken wider. Die Ausstellung machte mich neugierig auf Nietzsches Buch für "freie Geister". Zur Zeit bin ich bei Nummer 15 von insgesamt über 1000 Aphorismen und stelle fest, dass seine Ansichten wie "Wer Neues schaffen will, muss sich von alten Glaubenssätzen lösen" noch heute aktuell sind.
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Sehnsucht nach der Einst-Welt

Wie erzählt man von seinen Kindheitserinnerungen ohne dass es trivial klingt? Botho Strauss, der im Dezember 70 Jahre alt wird, gelingt das kleine Kunststück in seinem aktuellen Buch „Herkunft“.
Der Autor wuchs in dem beschaulichen Kurort Bad Ems an der Lahn auf. Nun soll sein Elternhaus in der Römerstraße 18 aufgelöst, „seine Kindheit entrümpelt“ werden. Es ist eine Kindheit, in der sein Vater eine zentrale Rolle spielte.
Die Geschichte liest sich zeitweise wie eine Charakterstudie des Vaters. Botho Strauß vermittelt uns ein facettenreiches Bild des Pharmazeuten und dessen großen Träumen, die er nie verwirklichen konnte. Respekt und großes Mitgefühl schwingen zwischen den Zeilen mit. Poetisch und liebevoll beschreibt der Autor mehrere Seiten lang die Hände seines Vaters und was sie für ihn bedeuteten.
Man hat den Eindruck, der Abschied von der „Einst-Welt“ fiele ihm schwer. Dabei betrachtet Botho Strauß seine Kindheit weniger als etwas, das ihn geprägt und ihn zu dem gemacht hat, was er ist. Vielmehr versetzt er sich sehnsüchtig in diese unbeschwerte Zeit zurück, die damals noch frei von allen verfälschten Erinnerungen war, die sich im Laufe der Zeit zwangsläufig ansammeln.
Bis vor einigen Jahren tendierte ich noch dazu, an vergangenen schönen Erinnerungen zu hängen und zu bedauern, dass diese Zeit endgültig vorbei ist. Der amerikanische Schriftsteller Michael C. Rann hat mich eines Besseren belehrt: „There is absolutely no limit on wonderful times, and there is absolutely no limit on wonderful people“ schrieb er. Wie wahr! Mit dieser Einstellung könnte man jederzeit die Gegenwart so frisch und befreit erleben wie Botho Strauß einst seine Kindheit.
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"Zu viel des Guten ist wundervoll"

Ebenfalls in den 70er Jahren, doch in einer ganz anderen Welt spielt die Geschichte von "Liberace", dem begabten Pianisten und extravaganten Entertainer. Genau genommen handelt der amerikanische Film nur von einem Lebensabschnitt und zwar seiner Liebesbeziehung zu dem 40 Jahre jüngeren Scott Harson. Vorlage für die Verfilmung war dessen Buch "Behind the Candelabra" (Hinter dem Kronleuchter). Allein wegen der schauspielerischen Leistung von Michael Douglas und Matt Damon ist der Film sehenswert.
Liberace liebte alles im Überfluss. Er kaufte alles doppelt, machte aus seinem Haus einen glitzernden Luxus-Tempel mit griechischen Säulen, einer Decke, die der Sixtinischen Kapelle nachempfunden ist und nannte es "Palast-Kitsch". Kein Wunder, er hielt sich für die Reinkarnation von Ludwig, II.
Ähnlich wie in "Yves" sind auch hier die Outfits ein Blickfang. Ob Swarowski-Steine, Silberpailletten oder Straußfedern, es kann gar nicht prunkvoll genug sein, so dass ein Kostüm locker bis zu 68 kg wog. Sie wurden nach der Originalkleidung vollständig nachgebildet. Das Liberace-Museum stellte außerdem Autos, Klavier und Schmuckimitate zur Verfügung.
Die eigentliche Handlung gerät dabei fast in den Hintergrund. Dabei ist es sehr tragisch, wie die intensive Beziehung zwischen dem gutmütigen und großzügigen Liberace und seinem teils überforderten Lebensgefährten zerbrach. Scotts Liebe ging so weit, dass er sich auf mehrere Operationen einließ, um ein Abbild des großen Meisters zu werden. Wie Rob Lowe den affektierten Schönheitschirurgen mit durch und durch künstlicher Visage spielt, ist ein weiteres Highlight.
Ganz gleich, in welchem Umfeld und Überfluss die Menschen leben, jeder ist auf der Suche nach Liebe – so die Botschaft. Mich hat vor allem beeindruckt, wie manche Schauspieler an ihre Grenzen gehen und sich nicht scheuen, derart herausfordernde Rollen anzunehmen.
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Zeuge und Akteur seiner Zeit

Diesen Monat widme ich mich dem Thema Biografien und Lebensentwürfe. Den Anfang macht der Film „Yves Saint Laurent“ von Jalil Lespert, der einen interessanten Einblick in den kreativen Schaffensprozess des Modeschöpfers gibt.
Wie so viele Genies war auch Saint Laurent ein zerrissener Mensch – einerseits getrieben von großer Kraft und von seinem Drang, sich kreativ auszudrücken und ständig zu zeichnen, andererseits ein gequälter Geist verfolgt von inneren Dämonen.
Nach einer Lehrzeit bei Christian Dior gründete Saint Laurent schon mit 26 Jahren sein eigenes Modeunternehmen. Möglich machte es sein Liebes- und Geschäftspartner Pierre Bergé, der sich um alle organisatorischen und unternehmerischen Belange kümmerte. Dieser hatte es allerdings nicht leicht, Yves Süchte nach Drogen und seinen Musen zu ertragen.
Die Ähnlichkeit zwischen dem Schauspieler Pierre Niney und dem Modeschöpfer ist verblüffend. Obwohl ein Double bereitstand, zeichnete der Schauspieler nach umfangreichem Unterricht alle Skizzen selbst. In der langen Vorbereitungszeit übte er auch, Stimme und Sprechweise genau zu imitieren.
Authentizität gewinnt der Film auch durch die Originalkleider, die die Fondation Pierre Bergé – Yves Saint Laurent zur Verfügung stellte. Über 5.000 Kleider werden in dieser Konservierungsst&