2019-03-17
München

Plakativ und geheimnisvoll

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Bevor ich eine aktuelle Kunstausstellung besuche, google ich meistens den Künstler oder die Ausstellung, und zwar gezielt in "Bilder". So bekomme ich gleich einen Überblick, was mich in etwa erwartet und kann Enttäuschungen vorbeugen. Der Name Alex Katz zum Beispiel sagte mir zunächst nichts. Daher barg der Besuch seiner Retrospektive im Museum Brandhorst ein gewisses Risiko. Bei meiner Vorrecherche konnte ich mich jedoch schnell überzeugen, dass mir sein Stil sehr gut gefiel und ich einige Bilder wie "The Black Dress" sogar kannte.

An jenem Sonntag Nachmittag passte einfach alles: Ich hatte ein ideales Zeitfenster gefunden, um einen Museumsbesuch einzuschieben, fand einen Parkplatz ganz in der Nähe und stellte erfreut fest, dass der Eintritt sonntags nur ein Euro kostete. Interessiert war ich vor allem an seinen ikonischen Frauenporträts, die zeigen, warum Katz als einer der wichtigsten Vorläufer der Pop Art gilt. Sein Gemälde "January 4", das seine Frau Ada mit einer Mütze in knalligem Lila in einem winterlichen Wald zeigt, hat es mir besonders angetan. Zu dieser Spaziergängerin mit selbstbewusstem Blick und stilvollem Outfit fühlte ich auf Anhieb eine enge Verbindung, so als würde ich mich in ihr wiedererkennen oder wiedererkennen wollen.

Katz' Œuvre von den 1950er Jahren bis heute enthält nicht nur Porträts von Freunden, Familien und Szenen des geselligen Miteinanders, sondern auch impressionistische Landschaftsdarstellungen. So kann man beim Rundgang mal in die Natur, mal in das soziale und künstlerische Milieu New Yorks eintauchen. Die vielseitigen Motive hat der Maler sowohl klein- als auch großformatig auf die Leinwand gebannt. Die Ausstellung, die noch bis 22. April läuft, kann ich Euch wärmstens empfehlen.

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2019-03-13
Südafrika

Freundschaft kennt keine Grenzen

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Ich habe in meinem Blog noch nie Kinderbücher besprochen, doch heute mache ich eine Ausnahme. Patricia Furstenberg, in Bukarest geboren und aufgewachsen, ist von Beruf Zahnärztin, schreibt aber auch Jugend- und historische Bücher. Drei ihrer Kinderbücher sind gerade vom Englischen ins Deutsche übersetzt worden. Die herzerwärmenden Geschichten und die schönen Illustrationen haben mir so gut gefallen, dass ich sie Euch vorstellen möchte.

Schon das Coverbild macht Lust auf die Geschichte "Der Elefant und das Lamm". Schauplatz ist ein Naturschutzgebiet in Südafrika. Der sechs Monate alte Elefant Themba, so erfahren wir zu Beginn, ist ein Waisenkind und wurde von einem Schaf namens Albert adoptiert. Wie es dazu kam, erzählt die Autorin in farbenfrohen, lebendigen Bildern.

Während die Tiere sich auf eine Dürreperiode einstellen, grinst die Sonne mit cooler Sonnenbrille von oben herab und schlürft genüsslich einen Cocktail. Albert und Themba begegnen sich an einer kleinen Pfütze neben einem Felsbrocken, teilen sich brüderlich das knappe Wasser und werden so dicke Freunde. Mit der Zeit fragt sich Albert, wie sein Freund es schafft, bei ihren Verabredungen stets vor ihm dazusein. Um dies herauszufinden, trickst er Themba eines Tages aus und erfährt etwas über ihn, das ihn betroffen macht. Doch sogleich hat er eine grandiose Idee, die zu einem Happy End führt. Die Geschichte zeigt, was wahre Freundschaft ausmacht und wird sicher die Herzen vieler Kinder und Eltern erwärmen. Nur der Text in Reimform liest sich teilweise etwas holprig. Ich könnte mir vorstellen, dass hier der Rhythmus und die Pointen durch die Übersetzung aus dem Englischen verloren gehen.

Auch Patricias Buch "Der Gepard und der Hund" beginnt mit dem Vergleich von zwei verschiedenen Tierarten. Da ist einmal Kasi, ein männlicher Gepard und Waisenkind, und Mtani, eine Labradorhündin. Äußerlich sehen sie ganz verschieden aus. Der Gepard hat Flecken und und ist sehr beweglich, die Hündin hat ein goldenes Fell und ist eher rundlich. Das stört die beiden jedoch keine Spur. Sie lieben beide die Jagd in den heißen Ebenen Südafrikas und haben mächtig viel Spaß miteinander. Die lebendigen Illustrationen ihres Alltags strahlen so viel Lebensfreude aus, dass man regelrecht angesteckt wird von ihrer Wonne und ihrer ausgelassenen Stimmung. Als Freunde hat man jedoch nicht nur Spaß miteinander, sondern denkt auch an den anderen und hilft sich in der Notlage. Diese Botschaft hat Patricia Furstenberg wieder in tolle Bilder verpackt. 

In der Geschichte "Der Löwe und der Hund" geht es es um einen behinderten Löwen im Käfig, der ein tristes Dasein führt. Der Dackel Milo wird auf ihn aufmerksam und besucht ihn täglich. Seine Versuche, ihn aufzumuntern, sind jedoch vergeblich. Der Löwe nimmt ihn gar nicht ernst. Doch Milo gibt nicht auf. Ähnlich wie in den anderen Kinderbüchern von Patricia Furstenberg geht es auch hier wieder um zwei Tiere, die auf den ersten Blick wenig Gemeinsamkeiten haben. Man könnte meinen, dass sie nichts miteinander anfangen können, doch die Autorin belehrt uns eines Besseren. Bei allen drei Geschichten hat sie sich von wahren Begebenheiten inspirieren lassen.

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2019-03-10
East Hampshire

Vom Philosophieren im Garten

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Dass für so manchen Schriftsteller der Garten als Ruheoase oder Inspirationsquelle diente, ist nicht weiter erstaunlich. Verblüffend ist jedoch, was Damon Young in seinem Buch „Warum Jane Austen ohne Flieder nicht leben konnte“ zu diesem Thema zu erzählen hat. Erwartet hatte ich unterhaltsame Anekdoten aus dem Leben von mehreren berühmten Schriftsteller/innen, die eine besondere Beziehung zur Natur haben und darüber philosophieren. Doch es ist weitaus mehr. Anhand dieser Beispiele zeigt der Autor, welche unterschiedlichen Bedeutungen der Garten für einen Menschen haben kann und welche philosophischen Anschauungen sie daraus ableiten. Die Bandbreite reicht vom Sinnieren bei einem gemütlichen Spaziergang durch den Park bis hin zur körperlichen Schwerstarbeit im selbst angelegten Garten.

Für Jane Austen zum Beispiel war der Garten im Chawton Cottage in East Hampshire ein unentbehrlicher Rückzugsort, um ohne Ablenkung ihre zahlreichen Romane zu verfassen. Virginia Woolf fand in der Natur nicht nur das Rohmaterial für ihre Werke, sondern begeisterte sich auch für Blumenbepflanzung im eigenen Garten. Andere erlebten die Natur eher in der Fantasie, so wie Proust, dem drei Bonsai-Bäumchen an seinem Krankenbett dazu verhalfen, sich eine grenzenlose Botanik in seinem Zimmer vorzustellen. Auch Colette erschuf imaginär ihren idealen Garten, der auf ihre Prosa abfärbte.

Dass die Erfahrungen in und mit der Natur keineswegs immer rosig waren, schildert Damon Young am Beispiel von Sartre, Leonard Woolf oder George Orwell. So stellt er bildhaft und facettenreich die gegensätzlichen Emotionen heraus, die die Natur bei den Menschen auslösten – von Entzückung bis zum Ekel.

Obwohl es nur Bruchstücke aus dem Leben von Schriftstellern und Philosophen sind, so schafft es der Autor, ganz prägnante Miniporträts zu erschaffen. Ihre Erfahrungen in der Natur erreichen ganz unterschiedliche Dimensionen: von der Anbetung einer Rose über den Ekel vor einem Kastanienbaum bis hin zur Trauer über den Fall des „edlen Wilden“. Ich habe die Reise zu den verschiedenen botanischen Schauplätzen von England bis Sri Lanka ebenso genossen wie die lehrreichen Exkurse in die Philosophie. Das verständlich vermittelte Wissen, die gut recherchierten Details, die zahlreichen Zitate und Youngs elegante Prosa sorgen für ein wahrhaftes Lesevergnügen.

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2019-03-07
Wien

Anekdoten eines Pianisten

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Der Roman „Selbstbildnis mit russischem Klavier“ von Wolf Wondratschek handelt von einer Begegnung, die man sich in einem Wiener Kaffeehaus gut vorstellen kann: Zwei ältere Herren, ein Schriftsteller und ein einst erfolgreicher russischer Pianist, treffen aufeinander und unterhalten sich über Musik, Kunst und den Sinn des Lebens. „Unterhalten“ trifft es vielleicht nicht ganz – eher handelt es sich um einen Monolog des Pianisten Suvorin, der den Drang verspürt, seine Lebensgeschichte zu erzählen.

Seine sentimentalen Erinnerungen kreisen vor allem um die Musik und die vergangenen Bühnenauftritte. Dabei beschäftigt Suvorin die Frage, ob und inwieweit die Darbietung dem Publikum gefallen muss und was für den Künstler Erfüllung bedeutet. Dabei wechselt der Autor oft von der dritten in die erste Person, so dass man nicht mehr sicher ist, ob gerade der Schriftsteller oder der Pianist erzählt. Vermutlich ist genau das beabsichtigt, denn die philosophischen Gedanken lassen sich genauso gut auf die Perspektive des Autors und den Literaturbetrieb übertragen.

Weitere zentrale Themen sind Suvorins Ehefrau, die bei einem tragischen Busunglück ums Leben kam, sowie die Hotelbars in San Remo, wo er endlich ohne lästigen Applaus spielen konnte. Das Buch enthält viele kluge Gedanken und poetische Sätze. Ich hätte mir allerdings mehr Interaktion und ein Spannungsfeld zwischen den zwei Protagonisten gewünscht.

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2019-03-04
Cadaqués

Unerwünschter Besuch

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Eine Schwester in meinem Haus“ – Treffender könnte der Titel des Romans von Linda Olsson nicht sein. Er beschreibt nicht nur die Situation, in die die Ich-Erzählerin Maria wider Willen hineingerät, sondern auch wie fremd ihr ihre Schwester Emma ist. Hätte sie doch auf der Beerdigung ihrer Mutter bloß nicht Emma spontan nach Cadaqués eingeladen, einem kleinen Ort an der katalanischen Küste, wo sie zurückgezogen lebt.

Entsprechend qualvoll läuft das Wiedersehen ab. Es ist, als ob sich zwei Unbekannte gegenseitig vorsichtig abtasten und ja nicht zu viel von sich preisgeben. Andererseits spürt man durch ihre Andeutungen, dass viel Unausgesprochenes zwischen ihnen vorgefallen sein muss. So entsteht während ganz einfacher gemeinsamer Tätigkeiten wie beim Frühstück auf der Terrasse oder auf Spaziergängen durch den Ort immer wieder ein Spannungsfeld zwischen den beiden.

Warum Maria der Besuch so unangenehm ist, wurde für mich immer nachvollziehbarer. Zum einen beansprucht sie ihr Terrain ganz für sich allein und will sich auch nicht rechtfertigen müssen, warum sie seit einiger Zeit so plan- und ziellos lebt. Zum anderen sträubt sie sich dagegen, mit der Vergangenheit konfrontiert zu werden. In den Gesprächen mit ihrer Schwester ist sie jedoch über ihre zunehmende Offenheit selbst überrascht.

So haben die zwei Frauen nicht nur die Gelegenheit, verdrängte Erinnerungen ans Licht zu holen und ihre traumatischen Erlebnisse aufzuarbeiten, sondern auch zu erkennen, dass sie sich teilweise über all die Jahre ein falsches Bild des anderen gemacht hatten. Bald ist das Haus nicht nur von den zwei Schwestern, sondern von vielen verstorbenen Seelen bevölkert, die in den Gesprächen zum Leben erweckt werden.

Eine Familiengeschichte auf dieses Art und Weise zu erzählen und sie in das malerische Setting einzubetten, fand ich sehr originell. Die wirklich spannenden Dinge spielen sich allerdings auf psychologischer Ebene ab und stehen zwischen den Zeilen.

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2019-03-01
London

Die erste und einzige Liebe

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Der 19-jährige Paul und die 48-jährige Susan verlieben sich ineinander und beginnen eine Beziehung. Aus diesem Plot hätte eine banale Liebesgeschichte werden können. Was der Schriftsteller Julian Barnes in "The Only Story" ("Die einzige Geschichte") aus dem Stoff macht, ist jedoch alles andere als banal.

Ungewöhnlich ist zunächst, dass der Ich-Erzähler Paul den Leser direkt anspricht und deutlich macht, dass er diese eine Geschichte, die in seinem Leben wirklich zählt – daher der Titel – so genau und wahrheitsgetreu wie möglich wiedergeben will. Sie beginnt vor 50 Jahren, als er im Tennisclub eines Londoner Vorortes die verheiratete Susan Mcleod kennen- und lieben lernt. Ihre Liebe, so bekommt man den Eindruck, ist wahrhaftig, stark und lässt keine Zweifel zu.

Interessant ist, wie von diesem gemeinsamen Startpunkt aus sich die Liebe unterschiedlich für die beiden entwickelt. Während für den unbedarften Studenten Susan und das Gelingen der Beziehung zum Lebensinhalt wird, wird diese von ihrer Vergangenheit eingeholt. Welche seelischen Altlasten sie aus ihrer gescheiterten Ehe mit sich herumschleppt, wird erst im zweiten Teil enthüllt. Entsprechend schlägt auch der Ton im zweiten Teil um. Von der leichten und beschwingten Stimmung ist nichts mehr zu spüren. Die Beziehung steuert immer mehr einer Katastrophe zu, die Paul trotz größter Bemühungen nicht abwenden kann.

Jeder junge Mensch muss sich dem Ernst des Lebens stellen und „erwachsen“ werden, doch was Paul zugemutet wird, ist harter Tobak. Mich hat zutiefst bewegt, wie sich seine Zuneigung und sein Verantwortungsgefühl allmählich in Schuldgefühle verwandeln, weil er offensichtlich Susan nicht glücklich machen kann. Er möchte das, was ihn mit ihr verbindet, als etwas Besonderes ansehen und muss feststellen, dass er in ein gängiges Muster hineingeraten ist. Julian Barnes beleuchtet jeden Blickwinkel dieser tragischen Beziehung und die changierenden Gefühlslagen – von Hoffnung bis zur Ohnmacht – so detailliert und lebensnah, dass man sich bis zum Schluss der Sogwirkung nicht entziehen kann.

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