2019-01-19
Babel

Ein Wort sucht seine Bestimmung

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Habt Ihr Euch schon mal gefragt, was mit den Wörtern passiert, die Ihr ausgesprochen habt? Ich jedenfalls nicht, bis ich „Der Wortschatz“ von Elias Vorpahl gelesen habe. In diesem Roman sind Stimmbänder für Wörter eine Bedrohung, denn es ist gefährlich, von einem Menschen hinausgeschrien zu werden. Und genau das passiert einem jungen Wort, das die Hauptrolle spielt.

Dies ist nur eine der vielen verrückten Ideen, die sich der Autor in seiner bezaubernden Geschichte einfallen lässt. Noch nie wurden meines Wissens die Bildung von Wortpaaren, das Zusammenführen von Artikel und Wort oder das Verschwinden von Wörtern aus unserem Sprachgebrauch so lebendig und fantasievoll in Szene gesetzt.

Das Wort, das sich auf die Suche nach seiner eigenen Geschichte und seiner Bestimmung begibt, begreift anhand von Begegnungen und Abenteuern, wie abhängig die Wörter von Menschen sind und wichtig es ist, achtsam mit Wörtern umzugehen. Es lernt auch, wie Geschichten in unserer Fantasie entstehen und anderen vermittelt werden. Nicht alle Episoden haben sich mir erschlossen, doch Vorpahls Romanidee und seine sprachliche Experimentierfreude haben mir großes Lesevergnügen bereitet.

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2019-01-16
Wyoming

Wind River

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In einem verlassenen Ort wie Wind River in Wyoming leben zu müssen, ist schon Strafe genug. Wenn man dann noch sein eigenes Kind verliert, kann man sich den qualvollen Alltag nur schwer vorstellen. Seit diesem tragischen Vorfall sind einige Jahre vergangen, doch nun muss Cory Lambert das Trauma ein zweites Mal durchleben.

Der Jäger und Fährtenleser findet eines Tages die Tochter seines Freundes tot im Schnee auf. Ähnlich wie seine eigene Tochter wurde sie vergewaltigt und erfror. Das ist auch der Grund, warum er sich bereit erklärt, der FBI-Agentin, die aus Florida eingeflogen wurde, zu helfen. Diese ist zwar resolut und mutig, merkt jedoch schnell, dass sie mit ihren gewohnten Methoden nicht weiterkommt.

Die Auflösung des Falls sorgt für Spannung, läuft jedoch eher im Hintergrund ab. Überwältigend sind die Aufnahmen der gewaltigen verschneiten Bergkulissen, aufwühlend die Milieustudie des Indianer-Reservats. Für die Bewohner ist der Alltag ein Überlebenskampf, den jeder auf seine Weise führt – die einen werden fast eins mit der unerbittlichen Natur, andere durchbrechen die Monotonie durch Drogen und Gewalt, die meisten finden sich ab mit der existenziellen Einsamkeit.

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2019-01-13
Amsterdam

Scheinbare Eheidylle

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Menschen planen aus ganz unterschiedlichen Gründen eine Reise: Sie wollen sich erholen, neue Länder kennenlernen – oder auch nur ihren Alltagstrott durchbrechen und wieder Schwung in ihre Ehe bringen, so wie das Rentnerpaar Stella und Gerry in dem Roman „Schnee in Amsterdam“ von Bernard MacLaverty.

Ihr Städtetrip von Glasgow nach Amsterdam verläuft ziemlich unspektakulär und wird dennoch sehr detailliert beschrieben. Im Vordergrund stehen dabei weniger ihre Eindrücke von der Stadt als vielmehr ihr Umgang miteinander. Für den Leser ist es schwer, ihre Beziehung einzuschätzen. Vertraute Gesten und Rituale kennzeichnen ihre langjährige Ehe und man hat den Eindruck, dass noch eine starke emotionale Bindung zwischen ihnen besteht. Diese wird jedoch stark getrübt durch Gerrys Trinksucht einerseits und Stellas Flucht in ihren Glauben andererseits.

Ihr seltsames Verhalten versteht man erst, als man von einem Gelübde erfährt, das sie vor langer Zeit abgelegt hat, und sich während dieser Reise immer mehr in den Vordergrund drängt. Auf einmal stellt sich heraus, dass Stella von Anfang an ihren ganz eigenen Plan verfolgte.

Für mich hatte der Roman Höhen und Tiefen. Interessant fand ich vor allem, welche Kluft in einer Ehe entstehen kann, wenn ein Partner neue Perspektiven und einen Lebenssinn im Alter sucht, während der andere so weitermachen möchte wie bisher. Sehr subtil vermittelt MacLaverty den schmalen Grat zwischen gewohnter Vertrautheit und allmählicher Entfremdung.

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2019-01-10
Wayward Pines

Where Paradise is Home

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Kennt Ihr Wayward Pines? Das ist eine Kleinstadt in Idaho, in der Ihr mit offenen Armen empfangen werdet, zumindest in der gleichnamigen Amazon-Prime-Serie. Wunderschöne Häuser stehen zum Einzug bereit, interessante Stellen werden frei, als hätte man nur auf Eure Ankunft gewartet. Der einzige Haken: Man lässt Euch weder gehen noch Kontakt mit der Außenwelt aufnehmen.

Genau das muss auch Special Agent Ethan Burke feststellen, als er sich auf die Suche nach zwei vermissten Kollegen begibt. Nach einem mysteriösen Unfall landet er in einer Klinik und erfährt, dass sein Begleiter Selbstmord begangen hat. Alle Bewohner leben nach festen Regeln und verhalten sich wie fremdgesteuert, als ob sie einer Gehirnwäsche unterzogen wurden. Burke versucht mehrmals aus der Stadt zu fliehen – vergeblich. Stattdessen wird er ungewollt zum Sheriff befördert.

Die Handlung der Serie ist Mystery pur – man muss einfach wissen, wie es weitergeht, zumal Ethans Frau und Sohn nun ebenfalls in der Stadt aufkreuzen, um zu sehen, wo der Familienvater abgeblieben ist. Menschen, die in einer Gemeinschaft gefangen sind, sei es unter einer Glasglocke oder umringt von einer tödlichen Mauer, sind mir schon in mehreren Serien begegnet. Das Thema scheint auf Drehbuchautoren einen großen Reiz auszuüben. In dieser Geschichte gibt es etwa in der Mitte der ersten Staffel eine überraschende Wende. Auch wenn sie einem ziemlich abstrus erscheint, kann man sich dem Bann der teilweise schrägen Figuren, ihrer Mission und den starken Landschaftsaufnahmen kaum entziehen.

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2019-01-07
Kyoto

Leiden und Fantasien eines alten Mannes

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Wollen versus Können – dieser tragische Kontrast fällt mir ein, wenn ich mir den 77-jährigen Utsugi Tokusuke, Hauptfigur des Romans „Die Fußspur Buddhas“ von Jun’ichiro Tanizaki, vorstelle. Dabei ist 'wollen' nicht nur abstrakt, sondern durchaus körperlich zu verstehen. Objekt seiner Wolllust und seines Begehrens sind schöne Frauen im Allgemeinen und seine Schwiegertochter Satsuko im Speziellen, wie wir seinen Tagebucheinträgen entnehmen können. Ganz schön pervers, könnte man meinen, doch Satsuko zeigt sich keineswegs abgeneigt gegenüber seinen Annäherungsversuchen, ja stachelt ihn geradezu an. Sie scheint die Spielchen auszukosten und noch mehr die teuren Geschenke, die sie im Gegenzug erhält. Immer wieder wird der Gegensatz zwischen der Schönheit, Jugend und Weiblichkeit der ehemaligen Revue-Tänzerin und der Hässlichkeit des alten Mannes herausgestellt.

Während mich Utsugis detaillierte Krankengeschichte und Behandlungen ein wenig ermüdete, amüsierte mich seine Selbstironie. Seine erotischen Fantasien vermischen sich mit Minderwertigkeitsgefühlen angesichts seines körperlichen Verfalls und Zweifeln an seiner geistigen Verfassung. Das führt sogar soweit, dass er seine eigenen Atemgeräusche mit dem Zirpen einer Grille verwechselt – ein ganz typisches Beispiel für Tanizakis Humor.

Mit subtilen Andeutungen, Sinn für Ästhetik und viel Empathie für den Protagonisten taucht Jun’ichiro Tanizaki tief in die Psyche eines alternden Mannes ein, der schon eine Grabstätte für sich in Kyoto aussucht, sich aber nur schwer von den schönen Dingen im Leben trennen kann.

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2019-01-04
Knossos

Mordlust und Pathos

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Zeus, Hera, Apollo, Athena – das sind Namen, die etwas Erhabenes ausstrahlen. Wen wundert's, es handelt sich ja auch um griechische Göttinnen und Götter. Dass es in dieser Welt weiß Gott nicht nur göttlich zuging, sondern mitunter so brutal wie in einem Splatter-Film und so pathetisch wie in einer Telenovela, erfährt man in dem Buch „Mythos. Was uns die Götter heute sagen“ von Stephen Fry.

Endlich begreift man die chronologische Abfolge und die großen Zusammenhänge der Sagen – vom Chaos über die erste und zweite Generation, den Kampf der Titanen bis zur dritten Generation. Man kann sich unmöglich die ganzen Namen merken, so groß ist das Figurenkabinett, das uns der Autor vorstellt. Da freut man sich direkt, wenn einem ein Name und die dazugehörige Geschichte bekannt vorkommt wie Demeter, Apollo oder Dionysos.

So komplex und chaotisch die Beziehungen untereinander auch sind, Stephen Fry gelingt es, uns mit großartigem Humor und Erzähltalent durch die Götterwelt zu navigieren wie in einer spannende Gute-Nacht-Geschichte. Mal jagten mir die Gier und Mordlust der Götter einen Schauer über den Rücken, dann wieder konnte ich über so viel Begierde und Zügellosigkeit nur den Kopf schütteln.

Besonders spannend wurde es, als die Menschen erschaffen wurden und nun Götter, Halbgötter und sterbliche Wesen miteinander auskommen mussten. Im letzten Drittel trat bei mir eine gewisse Ermüdung ein, was aber weniger am Erzählstil und mehr am Umfang der griechischen Mythen lag. Im Ganzen habe ich auf sehr unterhaltsame Weise einen Einblick in die Welt der griechischen Mythologie bekommen und überraschend festgestellt, wie viele Spuren sie in unserer Sprache und in der Literatur hinterlassen haben.

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2019-01-01
München

Frohes Neues Jahr!

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Es gibt viele Gründe, sich über den Start eines neuen Jahres zu freuen. Einer davon ist, dass man mit einem nagelneuen Kalender beginnen kann!

Für Nutzer von digitalen Kalendern mag das unspektakulär sein. Da scrollt man halt einen Monat weiter von Dezember 2018 auf Januar 2019, und das war’s. Ein ganz anderes Feeling wird jenen beschert, die die haptische Variante bevorzugen. Man verabschiedet sich feierlich vom alten Kalender, bedankt sich für all die schönen Erlebnisse, die nun im Kopf, im Herzen und in den Wochenseiten archiviert sind, und legt das gute Stück zu den Vorgängern.

Seinen Platz nimmt nun das neue Büchlein ein, der noch nach Druckfrische duftet. Lauter unbeschriebene Seiten, die nun nach Lust und Laune gefüllt werden können – mal abgesehen von einigen Pflichtterminen, die sich wohl nicht ganz eliminieren lassen. Nach langer Suche habe ich endlich den idealen Kalender für mich gefunden und zwar von teNeues. Der Vorteil daran ist, dass er auf der rechten Seite genügend Platz bietet für tägliche Ideen und Inspirationen. Die Blankoseiten zwischen den Monaten und am Ende nutze ich für diverse Notizen wie Leselisten, TV-Tipps oder nützliche Links.

Wie immer auch Euer favorisierter Kalender aussieht, möge er sich mit vielen aufregenden Erlebnissen, neuen Begegnungen, lehrreichen Erfahrungen und Glücksmomenten füllen. Ich wünsche Euch allen ein tolles Jahr 2019!

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