2019-08-18
Heidelberg

Die geheime Choreografie des Lebens

image 4 article

Je älter man wird, desto mehr interessiert einen doch die Frage, ob es tiefere Zusammenhänge in seinem Leben gibt. Mit diesem Thema beschäftigt sich auch Susanne Hofmeister, Ärztin mit Schwerpunkt Anthroposophische Medizin und Biographischer Coach. In ihrem Buch „Mein Lebenshaus hat viele Räume" stellt sie ihre eigene Methode der Biografiearbeit vor, die die einzelnen Lebensabschnitte als Jahrsiebte betrachtet und sie in ihrer Aufgabe für das Leben beschreibt. 

Anschaulich wird das Ganze durch das Bild des Lebenshauses, in dem jedes Jahrsiebt einen Raum einnimmt – vom Erdgeschoss über die Beletage bis zum Dachatelier und schließlich zur Dachgaube. Kapitel für Kapitel nimmt uns Susanne Hofmeister mit auf eine Reise durch die einzelnen Räume, fordert uns auf, Erinnerungen aus dem jeweiligen Lebensabschnitt wachzurufen, mögliche Ressourcen, die uns heute nützen können, zu erkennen und Selbstannahmesätze zu formulieren. Zum besseren Verständnis schildert sie viele persönliche Erfahrungen sowie die ihrer Klienten. 

Ich staunte immer wieder, wie treffend und authentisch sie typische Phasen im Leben beschreibt und wie ähnlich wir Menschen uns doch in unserer Entwicklung sind. Ich erlebte auch so manche Aha-Momente, zum Beispiel als mir klar wurde, dass die natürliche Entwicklung ohne eigenes Zutun in den 30ern endet oder bei der Gegenüberstellung vom vergangenheitsorienterten Ego und dem offenen Zukunfts-Ich. Die Autorin vermittelt ihr Wissen mit viel Feingefühl, einer Prise Humor und sprachlich sehr gewandt in eindrucksvollen Bildern.

Ihr Buch weckt nicht nur die Neugier und Lust, seine einst bewohnten Räume erneut aufzusuchen und eine geheime Choreografie aufzuspüren, sondern ermutigt uns auch dazu, das volle Potenzial des Älterwerdens zu erkennen und die Gestaltung unseres verbleibenden Lebens aktiv und mit großer Lebensfreude in die Hand zu nehmen.

Kommentare
Name:
Web:

2019-08-14
Frankfurt

Spinnen – Sinnen – Pinnen

image 4 article

Mich hat es schon länger gereizt, ein Moodboard zu entwerfen, doch bisher ist es bei digitalen Collagen geblieben. Nun wollte ich doch genauer wissen, was es mit dieser Kreativtechnik auf sich hat, die so häufig in der Innenarchitektur, Mode, Filmbranche oder im Coaching eingesetzt wird, und wurde auf das Buch „Moodboards“ aufmerksam. Marianne Salentin-Träger und Anja Jahn beschreiben darin, wie man mithilfe dieses Tools seine Projekte, Ziele oder Wünsche bildlich umsetzen und durch die Kraft des Visualisierens verwirklichen kann.

Das Buch ist sehr gut aufgebaut. Nach einer kurzen Erklärung des Begriffs, erläutern die Autorinnen, welche drei Elemente dem Moodboard sein besonderes Potenzial verleihen: die Kraft der Bilder, die Macht der Gedanken und die Relevanz der Gefühle. Die Gestaltung des Buches spiegeln diese drei Aspekte sehr gut wider: Großgedruckte Zitate wechseln sich ab mit farbig hervorgehobenen Textstellen, Grafiken und Abbildungen von verschiedenen Moodboards. Besonders angesprochen haben mich die gelungenen Porträtfotos der vorgestellten Personen, die darüber berichten, wie sie mit Hilfe von Moodboards berufliche oder private Ziele verwirklicht haben. 

Mit der Visualisierung von Zielen habe ich selbst schon viele positive Erfahrungen gemacht. Statt digitale Collagen zu layouten, hat das Buch jedoch bei mir große Lust geweckt, zu Pappe, Schere und Klebstoff zu greifen und drauflos zu schnipseln, ganz nach dem Motto der Autorinnen ‚Erst spinnen, dann sinnen und pinnen“. Ich könnte mir vorstellen, dass die haptische Beschäftigung die Fantasie noch stärker anregt. Marianne Salentin-Träger und Anja Jahn vermitteln auf sehr ermutigende und inspirierende Weise wie ein Moodboard helfen kann, in der heutigen Welt, die so viele Optionen und Ablenkung bietet, seine Träume visuell zu konkretisieren, sich täglich darauf zu fokussieren und sich Schritt für Schritt seinem Ziel zu nähern.

Kommentare
Name:
Web:

2019-08-11
München

Happy Birthday Apple Watch

image 4 article

Meine Apple Watch wir heute genau ein Jahr alt. Ich selbst wäre nicht auf die Idee gekommen, mir eine Smartwatch zu kaufen. Ich dokumentiere zwar wahnsinnig gern alles mögliche in meinem Leben wie gelesene Bücher, Urlaube, denkwürdige Erlebnisse und Ideen verschiedenster Art, aber vorzugsweise analog in schön gestalteten Notizbüchern. Der Trend, seinen Gesundheitszustand, täglichen Kalorienverbrauch oder die Schlafqualität aufzuzeichnen und zu vergleichen, übte dagegen keinen großen Reiz auf mich aus. 

Als ich die Apple Watch letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt bekam, freute ich mich dann doch. Zum einen brauchte ich ohnehin eine neue Uhr, weil meine alte einen Sprung im Glas hatte und die Apple Watch gefiel mir optisch ausnehmend gut. Zum anderen war ich fasziniert, wieviel Hightech und Features in so einem kleinen Gehäuse untergebracht sind.

Mein besonderes Interesse galt dem Aktivitätenkreis. Diese Uhr schafft es wirklich, einen Ehrgeiz zu entwickeln, der nur positive Auswirkungen auf die Gesundheit haben kann. Wie oft sitze ich stundenlang vor meinem Computer und vergesse, mich zwischendurch zu bewegen. Dank der Uhr werde ich nun stündlich daran erinnert, aufzustehen und mich eine Minute lang in Bewegung zu halten. Längst habe ich mir angewöhnt, meinen mittäglichen Spaziergang oder meine Deep Work Stunde im Fitness Studio aufzuzeichnen. Ich war dann doch erstaunt darüber, dass ich in einer Dance oder Zumba Stunde wesentlich mehr Kalorien verbrauche als in einem Functional Training, wahrscheinlich wegen dem Unterschied zwischen Kraft- und Ausdauertraining. Meistens gelingt es mir sogar, alle drei Kreise für Stehen, Bewegen und Trainieren im Laufe des Tages zu schließen. Das kann schon mal bedeuten, dass ich abends mitten in einer Netflix-Serie aufstehe und ein paar Mal um die Kochinsel gehe, damit ich mein Stehziel erreiche. Schon verrückt, wer ‚beherrscht‘ hier eigentlich wen? 

Da mich die Vibration bei jeder E-Mail oder Chat-Benachrichtigung stört, habe ich das Gerät meist auf Flugmodus gestellt. So vermeide ich auch peinliche Situationen wie neulich im Supermarkt, als Harry mich per Walkie-Talkie anfunkte. Ich war gerade dabei, eine Tüte mit Orangen zu füllen und flüsterte wie ein Spion in meine Uhr, um nicht aufzufallen. Etwas nervig ist, dass ich nun neben dem Kindle, iPad und iPhone noch ein weiteres Gerät regelmäßig laden muss. Nichtsdestotrotz ist meine Apple Watch ziemlich schnell fester Bestandteil meines Alltags geworden und hat mir bis zum heutigen Tage gute Dienste geleistet. 

Kommentare
Name:
Web:

2019-08-07
Dublin

Starker Debütroman

image 4 article

Der Buchtitel "Gespräche mit Freunden" klingt so harmlos, dass man kaum erahnen kann, auf welch komplexe Beziehungsgeschichte man sich einlässt. Tatsächlich wird in dem Roman von Sally Rooney sehr viel gesprochen und geschrieben, doch es geht nicht nur darum, was gesagt wird, sondern welche Auswirkungen die Worte haben, sowohl die gesprochenen als auch unausgesprochenen.

Die Sprache ist ein Metier, in dem sich die Hauptfiguren auskennen. Ich-Erzählerin Frances studiert Literatur in Dublin und führt mit ihrer besten Freundin und Ex-Liebhaberin Bobbi Spoken-Word-Gedichte auf. Bei einer Poetry Night lernen sie die Fotojournalistin Melissa, einige Tage später ihren Ehemann und Schauspieler Nick kennen und fühlen sich stark zu dem Paar hingezogen; Bobbi zu Melissa und Frances zu dem gutaussehenden Nick.

Als Frances eine Affäre mit Nick beginnt, gerät man immer stärker in den Sog der Geschichte. Wie lange wird das noch gutgehen? Nutzen sie sich gegenseitig aus oder sind wahre Gefühle im Spiel? Nach außen hin gibt sich Frances cool, unnahbar, gefällt sich in der Rolle der intellektuell Überlegenen, doch innerlich wird sie von Selbstzweifel und Emotionen förmlich zerrissen und sehnt sich in Wirklichkeit nach Aufmerksamkeit und Intimität. Sie reflektiert nicht nur ständig über sich selbst und andere, sondern studiert auch ihr Aussehen im Spiegel, auf Fotos und betrachtet sich durch die Augen der anderen.

Spannend ist, wie die unterschiedlichen Charaktere erst langsam an Schärfe gewinnen. In ihren Gesprächen, E-Mails und Briefen entlarven sie sich selbst oder gegenseitig. Auch durch ihre jeweilige Vorgeschichte, die Stück für Stück enthüllt wird, vervollständigt sich das Bild zunehmend.

Scharfsinnig, provokant und ironisch analysiert Sally Rooney Machtverhältnisse in Beziehungen, Geschlechterrollen, Klassenunterschiede und Ängste vor Kontrollverlust. Sie überrascht durch unerwartete Wendungen und ungewöhnliche Metaphern. Ich bin immer noch leicht benommen von der Geschichte und kann es kaum erwarten, ihren zweiten Roman zu lesen.

Kommentare
Name:
Web:

2019-08-04
Finnskogen

Das wahre Leben draußen

image 4 article

Viele Menschen, die von der Konsumgesellschaft und vom modernen Stadtleben die Nase voll haben, zieht es in die Natur, doch nur wenige wagen einen so radikalen Schritt wie Andrea Hejlskov. In ihrem Buch „Wir hier draußen – Eine Familie zieht in den Wald“ erzählt sie, wie sie mit ihrem Mann Jeppe und ihren fünf Kindern der Zivilisation den Rücken kehrte und lernte, in der Natur zu leben.

Sie ziehen zunächst in eine 16 Quadratmeter große Hütte in einem Waldstück in Schweden und verbringen mit Hilfe eines walderfahrenen Einheimischen Tag für Tag damit, ein Blockhaus zu bauen. „So habe ich mir das nicht vorgestellt." Diesen Satz wiederholt die Autorin und Bloggerin sehr häufig. Sie war auf ein hartes Leben gefasst, doch die Realität übertrifft all ihre Befürchtungen. An Romantik, Idylle und Freiheitsgefühl ist nicht zu denken. 

Interessant ist, wie unterschiedlich die Familienmitglieder auf die Lebensumstellung reagieren. Während das Selbstbewusstsein und die Tatkraft ihres Mannes stetig wachsen, fühlt sie sich immer unsicherer und schwächer. Sie leidet nicht nur unter der körperlichen Erschöpfung, sondern auch unter den 'niederen' Arbeiten wie Kochen, Waschen und Putzen, die ihr zugeteilt werden. Zudem plagen sie unentwegt Zweifel, Zukunfts- und Existenzängste, die ihre Ehe auf eine harte Probe stellen.

Doch es gibt sie auch: die kurzen Glücksmomente, die ihr deutlich machen, dass sie nicht mehr in ihr altes Leben zurückkehren will. Noch nie hatte die Familie die Gelegenheit, so viel Zeit miteinander zu verbringen und wahre Nähe zu spüren. Andrea Heijskov findet dabei eine ausgewogene Balance zwischen den Schilderungen der inneren und äußeren Welt. Während sie schonungslos ihre Gefühle offenbart und sehr hart mit sich selbst ins Gericht geht, beschreibt sie im nächsten Moment nahezu poetisch jedes einzelne Geräusch im Wald und lässt uns so an der Schönheit der Natur teilhaben.

Wer jemals mit dem Gedanken spielte, ein Leben im Wald zu führen, wird es sich nach der Lektüre zweimal überlegen. Für alle anderen ist dieser Erfahrungsbericht in jeder Hinsicht eine Bereicherung und ein ganz besonderes Leseerlebnis.

Kommentare
Name:
Web:

2019-08-01
Paris

Wenn Liebe blind macht

image 4 article

Bücher erlauben es uns, nicht nur in vielfältige Rollen zu schlüpfen, sondern auch in verschiedenste Berufe hineinzuschnuppern. Das ist eine besonders große Bereicherung, wenn die Details so gut recherchiert werden wie von William Boyd. Nach "Die Fotografin" war "Love is Blind" ("Blinde Liebe") mein zweiter Roman des schottischen Schriftstellers.

Wieder staunte ich, mit wieviel Expertise er seine Hauptfigur ausstattet und den Leser daran teilhaben lässt. Brodie Moncur arbeitet Ende des 19. Jahrhunderts als Klavierstimmer beim Instrumentenhersteller Channon & Co. in Edinburgh. Eines Tages erhält er von seinem Chef die Chance, in einer Filiale in Paris zu arbeiten. Die Geschäfte laufen zunächst nicht gut – bis Brodie auf die Idee kommt, Verträge mit berühmten Pianisten zu schließen, die auf ihren Tourneen Werbung für Channon Flügel machen. Sie engagieren John Kilbarron, der als „irischer Liszt“ gefeiert wird und die Umsätze in die Höhe schnellen lässt.

Es hätte die Geschichte einer erfolgreichen Laufbahn werden können, doch Brodie verliebt sich in Kilbarrons Geliebte Lika und damit nimmt sein Leben einen schicksalhaften Lauf. Ab da macht der Roman seinem Titel "Love is Blind" alle Ehre. Wir begleiten das Paar auf der Flucht quer durch Europa von St. Petersburg nach Biarritz, Edinburgh und Nizza. William Boyd versteht es, Liebe und Leidenschaft sowie Hass und Aggression so stark zu dramatisieren, dass man sich vorkommt wie in einem russischen Literaturklassiker. Ehrgeiz, Stolz, Liebe und Abhängigkeiten sind die treibenden Kräfte, die die Figuren immer mehr ins Unglück stürzen. Schade fand ich, dass sich die zweite Hälfte des Romans fast nur noch um die etwas langatmige Liebesgeschichte dreht und Brodies musikalisches Talent an Bedeutung verliert.

Kommentare
Name:
Web: