2019-02-20
Berlin

Wie kommt der Film in meinen Kopf?

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„Letzte Nacht habe ich ja wieder was total Verrücktes geträumt!“ Nicht selten wundere ich mich morgens über meine überbordende Fantasie und versuche, die wirren nächtlichen Erlebnisse zu rekonstruieren. Oft frage ich mich, warum ausgerechnet Figur x oder y plötzlich in meinem Traum auftaucht, obwohl ich tagsüber keinen Gedanken an sie verschwendet habe. Oder ich versuche, wiederkehrende Motive zu deuten.

Aufschlussreiche Erklärungen fand ich nun in dem Buch „Träume – Eine Reise in die innere Wirklichkeit“ von Stefan Klein. Er erläutert zunächst, welchen großen Stellenwert Träume in der Antike hatten und wie es neugierigen und hartnäckigen Forschern gelungen ist, sie greifbar zu machen. Er weist auf erstaunliche Phänomene hin, zum Beispiel dass Blinde genauso in Bildern träumen wie Menschen mit Augenlicht; oder dass wir in Träumen die absurdesten Dinge kritiklos hinnehmen und Dinge mit uns geschehen lassen statt uns dagegen aufzulehnen.

Der Autor schreibt sehr anschaulich und unterhaltsam, ganz gleich ob er die verschiedenen Schlafphasen und Gehirnaktivitäten erklärt oder typische Traumarten beschreibt. In seinem Text schwingt eine Faszination mit, die ansteckend ist. Ich war zum Beispiel überrascht, wozu Schlafwandler fähig sind – dieser Abschnitt las sich fast wie ein Krimi. Der Wissenschaftsjournalist serviert nicht alle Erkenntnisse gleich auf dem Präsentierteller, sondern baut einen Spannungsbogen auf, vermittelt uns nach und nach die Fortschritte der Traumforschung und lockert den Text mit geschichtlichen Anekdoten oder eigenen Erlebnissen auf.

Anscheinend muss ich mir keine Gedanken machen, dass ich oft von bevorstehenden Abiturprüfungen oder wichtigen Terminen träume, die ich verpasse. Damit stehe ich nicht allein. Laut Klein gleichen wir aktuelle Eindrücke mit gespeicherten Erfahrungen ab, häufig auch aus der Kindheit, wo die Erlebnisse besonders intensiv waren. Wenn ich das nächste Mal wieder etwas Verrücktes träume, koste ich einfach diese „Triumphe der Menschlichen Vorstellungskraft“ aus.

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2019-02-16
Delhi

Indienreise statt Seniorenyoga

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Der Roman „Nein! Ich geh nicht zum Seniorenyoga!“ von Virginia Ironside beginnt mit einer Silvesterparty im Haus der Hauptfigur Marie Sharp. Freunde und Familie sind versammelt, so dass man als Leser gleich einen guten Überblick über das bunte Ensemble bekommt. Das ist vor allem hilfreich, wenn man so wie ich die vorangegangenen Tagebücher von Marie noch nicht kennt.

Die 69-jährige lebt in London und ist geschieden, hat jedoch die Beziehung zu ihrem Ex wieder aufgewärmt. Die harmonische Eintracht wird jäh gestört, als der spirituell angehauchte Untetmieter Robin bei ihr einzieht. Dieser räuchert die ganze Wohnung, um sie vor Einbrechern zu schützen, vergisst jedoch die Gartentür, was schwerwiegende Folgen hat.

Die Erlebnisse und Gedanken, die Marie in ihrem Tagebuch notiert, decken die ganze Bandbreite ab – von brüllend komisch über turbulent und verrückt bis hin zu schmerzvoll und tragisch. Ich war positiv überrascht, dass sich die Geschichten nicht nur um das Älterwerden und typische Generationskonflikte drehen. Wenn Marie dem Drängen ihres Enkels nachgibt und einen Apple Store aufsucht, um sich ein iPhone zuzulegen, wird der Kauf amüsant und zugleich realistisch geschildert. Sie lebt nach ihren Prinzipien, ist aber auch in der Lage, aus Rücksicht oder Empathie für ihre Mitmenschen nachzugeben.

Ein besonderes Highlight ist Maries Reise mit ihren Freundinnen nach Indien. Es fällt ihr sichtlich schwer, sich vom Diener ihrer Gastgeber von vorne bis hinten bedienen zu lassen. Auch hier wird ihre Figur nuancenreich gezeichnet. Mal lässt sie ihren bissigen Humor aufblitzen, dann wieder überrascht sie durch eine empfindsame und warmherzige Seite. Im Laufe der Geschichte muss Marie noch so manche Rückschläge erleiden und zeigt, wie verletzlich, aber auch stark sie ist. Ihre Lebensfreude ist ansteckend. Zum Schluss ist mir die Figur richtig ans Herz gewachsen.

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2019-02-13
Hamburg

Aussichtspunkte im Leben

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Jeder hat sie sicher schon erlebt – die Schlüsselmomente, die das Leben in wenigen Sekunden in eine neue Richtung lenken, ausgelöst durch einen Satz, einen Gedanken oder Hinweis. Dorothee Röhrig nennt sie magische Momente und stellt ihre persönlichen fünf in ihrem autobiografischen Sachbuch "Die fünf magischen Momente des Lebens" vor.

Zuvor erläutert sie, warum es sich lohnt, sich diese prägenden Augenblicke in Erinnerung zu rufen. Für sie sind es „Aussichtspunkte auf der Lebensstrecke“, die uns dabei unterstützen, unsere Lebensgeschichte zu verstehen. Mediziner, Hirnforscher, Psychologen und Philosophen kommen ebenfalls zu Wort, so dass wir das Thema in einem größeren Zusammenhang betrachten können.

Die Autorin spannt uns ganz schön auf die Folter, bis sie ihren eigenen ersten magischen Moment enthüllt. Auch mit den übrigen lässt sie sich Zeit und baut so einen Spannungsbogen auf. Sympathisch ist, wie behutsam und offen sie den Leser anspricht und – mal staunend, mal zweifelnd – aus ihrem Leben erzählt. Sie schafft eine so lebendige Atmosphäre, dass man ihre Gefühle und Stimmungen gut nachempfinden kann – zum Beispiel ihre Aufregung bei einem Interview mit Karl Lagerfeld. Sie lässt auch Freunde, Bekannte und Prominente ihre Wendepunkte schildern. Diese sehr persönlichen Erfahrungsberichte waren für mich eine besondere Bereicherung und ein schöner Ausgleich zu den Expertenmeinungen.

Da ich mich viel mit dem Thema Selbsterkenntnis beschäftige, waren mir die meisten Gedanken nicht ganz neu. Manchmal schien mir die Linie zwischen Schlüsselmomenten und ganz allgemeinen Glücksmomenten auch nicht ganz eindeutig. Trotzdem konnte ich wertvolle Anregungen mitnehmen, zum Beispiel im Alltag noch achtsamer und offener für diese magischen Momente zu sein, um die Fülle der Möglichkeiten im Leben voll auszuschöpfen.

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2019-02-10
Paris

Der Freund des Opfers

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Der französische Schriftsteller Jean-Philippe Blondel hat mich immer wieder mit bewegenden Lebensgeschichten und raffinierter Dramaturgie begeistert. Sein jüngster Roman „Ein Winter in Paris“ zählt zu den eher leisen, melancholischen Geschichten. Er lässt sich in zwei Hälften teilen: Alles, was vor und was nach dem Selbstmord von Mathieu Lestaing geschieht. Dabei spielt dieser eher eine Nebenrolle. Vielmehr nimmt sich der französische Autor derer an, die zurückgelassen werden und sich mit seinem Tod auseinandersetzen müssen.

Da wäre zum einen der Ich-Erzähler Victor, der mit 19 Jahren nach Paris gezogen ist, um Vorbereitungskurse für die Aufnahmeprüfung an einer Elite-Uni zu belegen. Am Lycée D. findet er kaum Anschluss, lebt einsam und zurückgezogen, bis er in den Raucherpausen Mathieu Lestaing kennenlernt. Es hätte der Anfang einer Freundschaft sein können, doch soweit kommt es nicht: Im Treppenhaus des Lycées stürzt sich Mathieu in den Tod.

Schüler und Lehrer reagieren gleichermaßen betroffen und interessieren sich auf einmal für den „Freund des Opfers“. Besonders der Musterschüler Paul Rialto sucht immer wieder Victors Nähe und verabredet sich mit ihm. Für Patrick Lestaing, den trauernden Vater Mathieus, wird Victor der letzte Anker und fast so etwas wie ein Ersatzsohn. Einerseits genießt es Victor, endlich sichtbar für die anderen zu sein und im Mittelpunkt zu stehen, andererseits plagen ihn Schuldgefühle, da dies auf Kosten des Verstorbenen geschieht. Diese ambivalenten Gefühle beschreibt Blondel mit viel Gespür für feine Nuancen.

Der Roman kreist um Themen wie zwischenmenschliche Beziehungen, Anerkennung, Leistungsdruck und Einsamkeit. Eindringlich beleuchtet der Autor, wie der Selbstmord eines jungen Mannes den Alltag der Hinterbliebenen auf den Kopf stellt und das Leben doch trotz allem irgendwie weitergeht.

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2019-02-07
Weimar

Schicksal einer Bauhausschülerin

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„Es ist merkwürdig. In wenigen Minuten werde ich Millionär sein. Vielfacher Millionär.“ Mal ehrlich, wer könnte bei dem Einstieg aufhören zu lesen? Dabei spielt der Glückspilz in dem Roman „Wenn Martha tanzt“ von Tom Saller gar nicht mal die Hauptrolle. Es geht vielmehr um seine Urgroßmutter Martha, deren Notizbuch er entdeckt und für fünfundvierzig Millionen Dollar bei Sotheby’s in New York versteigert.

Im Folgenden erfahren wir nicht nur, warum diese schwarze Kladde so viel wert ist, sondern auch die bewegende Lebensgeschichte der Besitzerin. Der Autor hat ein besonderes Talent, die Handlung in bildreiche Settings zu setzen, die alle Sinne ansprechen: zum Beispiel den Haushalt der Musikerfamilie, in der Martha aufwächst und ihre Begabung, Töne zu sehen, zunächst verkannt wird; später der Studienalltag am Weimarer Bauhaus, wo Martha den Ausdruckstanz für sich entdeckt.

Tom Saller vermittelt nicht nur ein authentisches Bild der künstlerischen Welt und ihren Ideen, sondern schildert auch den zunehmenden wirtschaftlichen und politischen Druck und die Erschütterungen durch die Machtübernahme der Nazis und den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Der Wechsel zwischen der Handlung in der Gegenwart aus der Sicht des Urenkels und der Vergangenheit und so manch unerwartete Wendungen in Marthas Leben erhöhen die Spannung ungemein, so dass ich das Buch nicht aus der Hand legen konnte.

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2019-02-04
Helsinki

Haarsträubende Machenschaften

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Der Titel lässt vermuten, dass sich der Roman „Die Sache mit Norma“ von Sofi Oksanen um besagte Figur dreht. Eine tragende Rolle spielt aber vor allem ihre Haarpracht, die sie unter einem Turban versteckt. Die Autorin hat Normas Locken regelrecht Leben eingehaucht: Sie wachsen nicht nur extrem schnell, sondern können auch den Gemüts- und Gesundheitszustand anderer Menschen erkennen. Zugleich sind sie Objekt der Begierde und stacheln die Sensations- und Profitgier weltweit agierender Clans an.

Inwiefern das alles mit dem angeblichen Selbstmord ihrer Mutter Anita zusammenhängt, erfährt Norma erst, nachdem sie in deren Wohnung auf enthüllende Videoaufzeichnungen stößt. Allmählich kann sie den zwielichtigen Max Lambert, der sie während der Beerdigung ansprach und sich als guter Freund der Mutter ausgab, einordnen und begreift, in welche Machenschaften und Intrigen diese verwickelt war.

Der Roman ist eine Mischung aus Thriller, Familiendrama und Märchen und lässt sich in keine Schublade stecken. Und genau darin liegt für mich das Problem. Obwohl das Thema rund um den Haarkult, Haarverlängerungen, Schönheitsidealen und mafiösen Geschäften höchst spannend und brisant ist, konnte mich die Geschichte nicht richtig packen. Sie enthält zu viele Figuren, die nur oberflächlich charakterisiert werden, und zu viele Handlungsstränge, denen man nur schwer folgen kann. Auch der Erzählstil war mir zu distanziert und emotionslos. Die auf dem Klappentext angekündigte Dramatik und Magie hat sich für mich trotz vieler interessanter Ansätze leider nicht entfaltet.

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2019-02-01
Zürich

Die Nachtwächterin und der Wolf

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Architektin, Journalistin, Anwältin… Das sind die typischen Berufe, in denen Romanheldinnen gerne glänzen, aber Nachtwächterin? Diese doch eher ungewöhnliche Tätigkeit hat sich die Ich-Erzählerin des Romans „Hier ist noch alles möglich“ von Gianna Molinari ausgesucht, und das auch noch in einer Verpackungsfabrik, die kurz vor der Schließung steht.

Langweilig wird es ihr immerhin nicht, denn ein Wolf wurde auf dem Fabriksgelände gesichtet. So drehen sich die Gespräche unter der verbliebenen Belegschaft nur noch um diese latente Bedrohung und wie man sich durch Zäune und Fallgruben vor dem Tier schützen kann. Das meiste in dieser Geschichte passiert jedoch in der Fantasie der Nachtwächterin. Wann und wo wird der Wolf auftauchen? Wird er allein kommen oder im Rudel?

Als sie eines Tages von einem Vorfall erfährt, bei dem ein Mann von einem Flugzeug abstürzte, lässt sie diese Geschichte nicht mehr los. Sie kann es nicht fassen, dass man seine Identität nicht feststellen konnte, als hätte er auf dieser Welt gar nicht existiert. Ähnlich wie beim Wolf geht es auch hier wieder um die Frage der Existenz, der Identität und die Bedeutung des Einzelnen im Universum.

Der Anfang des Romans klang für mich sehr vielversprechend. Auch die kurze und prägnante Sprache der Schweizer Autorin hat etwas Faszinierendes, doch als der Mann, der vom Himmel fiel, den Großteil der Geschichte einnahm, verlor ich allmählich das Interesse. Die Botschaft, die ich mitgenommen habe, ist, dass Menschen, Fabriken und Arbeitsplätze jederzeit verschwinden können und es nicht möglich ist, sich vor Veränderungen oder Bedrohungen zu schützen. Dort, wo Dinge verschwinden, ist dafür Platz, Neues zu erschaffen und „noch alles möglich“.

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