2018-08-19
Weimar

Vom Bauhaus in die Welt

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Nur das Geistige zählt – Vom Bauhaus in die Welt“ ist eine Biografie, von der mir während der Lektüre regelrecht schwindlig wurde. Wenn es im Titel heißt „… in die Welt“, dann ist das wörtlich zu verstehen. Ré Soupault, um die es hier geht, hat ihren Wohnort so oft gewechselt, dass ihr Leben einer Weltreise gleicht – allerdings keiner freiwilligen.

Geboren als Erna Niemeyer in Pommern ging sie 1921 nach Weimar, um am Bauhaus zu studieren. Diese Lebensphase war für mich die interessanteste. Sie berichtet von Johannes Ittens prägenden Einflüssen, von Paul Klees befremdlichen Lehrmethoden, von lebhaften Diskussionen zwischen Studenten aus Polen, Ungarn, Russland oder Österreich, die aus ganz unterschiedlichen Gründen ans Bauhaus kamen, und der großen Aufbruchstimmung.

Ré Soupault selbst kann sich noch auf keinen Kunstzweig festlegen. So geht sie nach Berlin, um mit Viking Eggeling an einem Avantgarde-Film zu arbeiten, fertigt Modezeichnungen für den Berliner Scherl Verlag an, erfindet später ein Transformationskleid für arbeitende Frauen und schafft ihre eigene Modelinie. Ich hatte den Eindruck, dass sie weniger aus innerem Antrieb als vielmehr durch äußere Umstände und aus existenzieller Not zu diesen vielfältigen Beschäftigungen kommt. Ihr Wunsch bleibt stets der gleiche: ein finanziell sorgloses und freies Leben führen zu können.

Als sie 1933 den Journalisten und Surrealisten Philippe Soupault kennenlernt und heiratet, beginnt eine neue Lebensphase für sie. Sie begleitet ihn auf Reportagereisen und entdeckt eine neue Leidenschaft: die Fotografie. Die Zeit in Tunis scheint eine der glücklichsten für sie zu sein. Doch als ihr Mann verhaftet wird, wendet sich wieder das Blatt. Es beginnt eine mühsame Odyssee, von Algier über New York nach Mexico, Guatemala, Buenos Aires, Basel, Paris …

Man hat das Gefühl, dass sie nur noch von Ort zu Ort hastet, in ihren Tagebüchern flüchtig die Lebensbedingungen und Klimaverhältnisse festhält, aber weite Teile ihrer Gedanken ausspart. Mich hätte interessiert, wie es ihr bei der künstlerischen Arbeit erging, doch zu groß waren die existenziellen Nöte als idealistischen Vorstellungen nachzuhängen. So wirft diese Sammlung ihrer biografischen Texte, Briefe und Tagebücher Schlaglichter auf das kulturelle Leben der europäischen Avantgarde im 20. Jahrhundert sowie auf ein entbehrungsreiches und zugleich produktives Leben.

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2018-08-16
Wien

Die Geister der Vergangenheit

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Die Vergangenheit hinter sich lassen und in die Zukunft blicken – das sagt sich so leicht, doch nicht jeder schafft es, loszulassen und zu vergessen. Besonders dann nicht, wenn man solch ein traumatisches Erlebnis hatte wie Elisabetta Shapiro, Ich-Erzählerin des Romans „Das Marillenmädchen“ von Beate Teresa Hanika.

Jedes Mal, wenn Elisabetta nach mütterlicher Tradition aus den Früchten ihres Marillenbaumes Marmelade kocht und den Duft einatmet, kommen die Erinnerungen an ihre jüdische Familie hoch. Sie war gerade einmal neun Jahre alt, als ihre Eltern und ihre beiden älteren Schwestern Rahel und Judith 1944 ins KZ deportiert wurden, und kehrte als einzige Überlebende ins Familienhaus zurück.

Dass eines Tages die junge deutsche Balletttänzerin Pola zur Untermiete in ihr Haus einzieht, macht die Sache nicht leichter. Elisabetta führt ständig Zwiegespräche mit ihren verstorbenen Schwestern und durchlebt in ihren Gedanken die Vergangenheit ein zweites Mal. Die Autorin wechselt dabei nicht nur die Zeitebenen, sondern auch die Erzählperspektive. So erfahren wir parallel Polas enge Freundschaft zu einem Mädchen, das ebenfalls Rahel heißt, und dass eine Verbindung zu Elisabettas Leben besteht.

Beate Teresa Hanika schreibt bildgewaltig, intensiv und poetisch. Manche Szenen sind so beklemmend, das sie noch eine ganze Weile nachwirken. Allerdings hatte ich immer wieder Schwierigkeiten, der Handlung zu folgen. Sowohl die Zeitebenen als auch die gleichnamigen Frauen lassen sich schwer auseinanderhalten und sorgen für Verwirrung.

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2018-08-13
Raveloe

Der Weber von Raveloe

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Der Roman „Silas Marner“ von George Eliot alias Mary Anne Evans ist im Vorfeld ihres 200. Geburtstags in einer edlen leinengebundenen Ausgabe erschienen. Der britische Literaturklassiker beruht auf einem klassischen Handlungsschema. Ein Fremder ist vor 15 Jahren in das Dorf Raveloe gezogen und führt ein Außenseiterdasein. Es handelt sich dabei um den jungen Leinweber Silas Marner, der in seiner Heimat Lantern Yard von seinem besten Freund hintergangen und aus der Gemeinde ausgestoßen wurde. Nachdem er nicht nur seine Verlobte, sondern alles verloren hat, was ihm je etwas bedeutete, lebt er in völliger Isolation und schürt dadurch das Misstrauen der Dorfbewohner.

Die Figur ist nicht gerade ein Sympathieträger, doch durch Eliots sprachlicher Finesse und psychologischem Gespür kann man seinen Groll, seine Resignation und Isolation gut nachempfinden. Der Webstuhl ist ein treffendes Symbol, um die mechanische Tätigkeit und den monotonen Alltag zu verdeutlichen. Silas’ einziger Lebensinhalt ist seine Arbeit und die Mehrung seines Goldschatzes. Doch sogar dieser wird ihm eines Tages gestohlen, so dass er vor dem Nichts steht. Erst als er ein Findelkind vor der Tür vorfindet, nimmt sein Leben eine positive Wende.

George Eliot hat ihre Botschaft, auch nach mehrfachen tragischen Rückschlägen nicht den Glauben und das Vertrauen in die Welt zu verlieren, in eine bewegende Geschichte verpackt. Das Findelkind Eppie, das Silas Marner adoptiert und großzieht, beschert ihm eine zweite Chance und verwandelt seine Verzweiflung und seinen Hass auf die Mitmenschen allmählich in Liebe und Warmherzigkeit. Ein interessanter Zug der Autorin ist, dass nicht nur der Leinweber, sondern eine zweite zentrale Figur, die sich als Vater des Kindes zu erkennen gibt, ebenfalls eine Läuterung durchmacht. Gespannt verfolgt man das Schicksal der unterschiedlichen Charaktere und taucht dabei in das ländliche Leben Englands zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein.

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2018-08-10
Wien

Der Prinz aus dem Stadtpark

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Die Geschichte „How to Fall In Love with a Man Who Lives in a Bush“ („Wie ich mich auf einer Parkbank in einen bärtigen Mann mit sehr braunen Augen verliebte“) hat nicht nur einen verrückten Titel, sie ist auch viel zu verrückt, um wahr zu sein. Und doch erzählt Emmy Abrahamson in diesem Roman von ihren eigenen Erlebnissen, nämlich wie sie ihren Ehemann kennen- und lieben lernte.

Die Hauptfigur Julia ist Schwedin, gibt Englischunterricht am Berlitz Institut in Wien und fristet ein typisches Singledasein. Eines Tages lernt sie auf einer Parkbank den obdachlosen Kanadier Ben kennen und sofort funkt es zwischen ihnen. Julia ist nicht nur hin und weg von seinen schönen braunen Augen, sondern auch von seinem völlig anderen Lebensstil und seiner Selbstsicherheit. 

Während Ben ihr schon bei der ersten Begegnung verkündet, dass sie heiraten und Kinder haben werden, regen sich bei Julia schnell die ersten Zweifel. Ihre anfängliche Begeisterung schlägt nach und nach in Wut und Frustration um, weil sie keine Perspektive für eine gemeinsame Zukunft sieht. 

Emmy Abrahamson erzählt nicht nur eine bewegende und abenteuerliche Liebesgeschichte, sondern zeigt auch, wie eine einzigartige Begegnung das Leben auf den Kopf stellen kann. Es braucht viel Mut und Stärke, um seine Vorurteile abzulegen und Neues zuzulassen, wird dafür aber reichlich belohnt. Die Autorin schreibt so humorvoll und warmherzig, dass ich Julias Wandlung und emotionale Achterbahn mit höchstem Vergnügen und Tränen begleitet habe.

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2018-08-07
San Francisco

Tragischer Held geht auf Weltreise

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Wer träumt nicht davon, auf eine Weltreise zu gehen und Einladungen nach Turin, Berlin, Marokko, Indien oder Japan anzunehmen. Der Anlass ist für Arthur Less, tragischer Held des Romans „Less“ („Mister Weniger“) von Andrew Sean Greer, weniger erfreulich. Er wurde zur Hochzeit seines Ex-Geliebten Freddie eingeladen und sucht nun aus lauter Kummer das Weite.

Jede Ablenkung ist dem mäßig erfolgreichen Autor aus San Francisco, der auf die 50 zugeht recht. So stellt er sich für verschiedenste Events und Aufträge zur Verfügung, zum Beispiel die Moderation einer Science-Fiction-Lesung in New York oder einen Artikel über japanische Kaiseki-Küche, von der er keinen blassen Schimmer hat. Während der Reise reflektiert er über sein vergangenes Leben, die Liebe, das Schwulsein und diverse Verluste wie seine große Liebe Freddy, seine Jugend oder eine steile Karriere als Schriftsteller.

Es gibt einige witzige Situationen in dem Roman, besonders in Berlin, wo er in einem überfüllten Studentenseminar in Berlin seine miserablen Deutschkenntnisse zum Besten gibt. Leider gab es trotz der interessanten Schauplätze keine besonderen Highlights in der Handlung, so dass ich die positive Resonanz nur teilweise nachvollziehen kann.

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2018-08-04
Canberra

Canberra im Visier

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Wer sich schwer Namen merken kann, wird mit der australischen Serie „Secret City“ Schwierigkeiten haben. Wer sich für die Verzahnung von Politik, Journalismus und Korruption interessiert, wird trotz allem zusehen, dass er am Ball bleibt und der anspruchsvollen Handlung folgt.

Schon der Anfang ist spektakulär: Der Student Max Dalghetti flüchtet von der chinesischen Botschaft in Canberra, schluckt eine SIM-Karte herunter und springt von einer Brücke. Die Politikjournalistin Harriet Dunkley wittert eine große Story und stößt bei ihren Nachforschungen auf eine unglaubliche Regierungsverschwörung.

Die Spannung entsteht vor allem dadurch, dass man die vielen Personen nur schwer einschätzen kann. Wo steht die australische Regierung im eskalierenden Konflikt zwischen China und den USA? Wer zählt zu den Guten, wer zu den Bösen? Man erlebt während der sechs Folgen so manche Überraschung und Schockmomente angesichts der Abgebrühtheit und Skrupellosigkeit in den höchsten Reihen.

Harriet, gespielt von Anna Torv, die als FBI-Agentin in der US-Serie „Fringe“ bekannt wurde, war mir sehr sympathisch. Die Art und Weise, wie sie ihrem Instinkt folgt, sich an einer Sache festbeißen kann und gern mal Regeln ignoriert, erinnerte mich an die Figur Carrie aus „Homeland“. Dadurch bringt sie sich und andere in Lebensgefahr. Welche politischen Konsequenzen ihre Aktionen haben, werden wir leider erst in der zweiten Staffel erfahren.

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2018-08-01
Philadelphia

Verliebt in sein Forschungsobjekt

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Der Roman „The Man Without a Shadow“ („Der Mann ohne Schatten“) von Joyce Carol Oates handelt von einer höchst ungewöhnlichen Beziehung zwischen einer Neurowissenschaftlerin und ihrem Forschungsobjekt. Seit einer Entzündung im Gehirn ist das Kurzzeitgedächtnis von Elihu Hoope gestört. Der 37-Jährige kann sich gerade einmal siebzig Sekunden lang erinnern.

Mit großem Enthusiasmus stürzt sich die ehrgeizige Neuropsychologin Margo Sharpe auf den Fall, der eine große berufliche Chance für sie darstellt. Man könnte meinen, dass es mühsam ist, sich jedes Mal seinem Probanden vorstellen zu müssen. Doch Margot fühlt sich in seiner Gesellschaft wohl und führt lange vertraute Gespräche mit ihm. Während sie Elihus Erinnerungsvermögen mit einer Reihe von Tests untersucht, kommen auch aus seinem vergangenen Leben mysteriöse Bruchstücke zum Vorschein, was die Spannung erhöht.

Der interessanteste Aspekt ist sicher die ambivalente Figur der Margo. Einerseits legt sie großen Wert auf ihre Karriere und Professionalität, andererseits lässt sie sich von ihren romantischen Gefühlen zu Elihu leiten, gaukelt ihm sogar vor, sie sei seine Ehefrau und bindet trotz ethischer Bedenken ihr Forschungs- und Liebesobjekt völlig an sich.

Für mich hatte die Geschichte ein paar Längen, doch abgesehen davon hat mich das hohe literarische Niveau, die gut gezeichnete Hauptfigur und Oates interessante Gedanken über unser Gehirn und Erinnerungsvermögen schwer beeindruckt.

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