2019-05-21
Beauval

Packendes Psychogramm

image 4 article

Schauplatz des Romans „Drei Tage und ein Leben“ von Pierre Lemaitre ist Beauval, ein Ort in Nordfrankreich, in dem selten etwas Spektakuläres passiert. Im Dezember 1999 kommt es jedoch zur Verkettung gleich mehrerer dramatischer Ereignisse, in dem der zwölfjährige Antoine und das Verschwinden des sechsjährigen Nachbarsjungen Rémi im Mittelpunkt stehen.

Wäre alles anders gekommen, wenn Antoine mit seinen Freunden PlayStation gespielt hätte statt sich in den Wald von Saint-Eustache zurückzuziehen oder sein Nachbarshund nicht überfahren und vom Besitzer erschossen worden wäre? Fakt ist, dass er immer mehr in die Einsamkeit und zu einer äußerst aggressiven und folgenschweren Tat getrieben wird.

Lemaitre beschreibt mit viel Sensibilität, was im Kopf des Teenagers vorgeht, auf den eine irrsinnige Bürde lastet. Gezwungen, alle Entscheidungen selbst zu treffen, da er sich keinem anvertrauen kann, malt Antoine sich mit grenzenloser Fantasie die Konsequenzen seiner Tat aus und spielt alle möglichen Szenarien durch, eins qualvoller als das andere.

Während es in Antoines Innerem brodelt, sind auch die Dorfbewohner in heller Aufruhr und starten eine Suchaktion nach dem vermissten Jungen. Mit feiner Beobachtungsgabe und stellenweise einer Portion Sarkasmus beschreibt der Autor, wie angestaute Aggressionen, persönliche Fehden und Rachsucht unter den Bewohnern in dem tragischen Vorfall ein Ventil finden. Schon bald wird das Ereignis jedoch durch eine neue Katastrophe abgelöst, als ein schweres Unwetter über das Dorf hereinbricht.

Gemeinsam mit den Figuren durchleben wir ihre Schicksale, die geprägt sind durch Missgunst, Lügen, Geheimnissen und Schuld. Lemaitres außergewöhnlicher Schreibstil und die raffinierte Dramaturgie mit vielen Wendungen hat mich bis zum Schluss gefesselt.

Kommentare
Name:
Web:

2019-05-18
Bochum

Ab in die Botanik

image 4 article

Ein Ausflugsziel, das ich schon länger im Visier hatte und mit einem Trip nach Düsseldorf kombinieren wollte, ist der Botanische Garten der Ruhr-Universität in Bochum. Letzten Sonntag bot sich die ideale Gelegenheit: Nach einem ausgiebigen Brunch am Muttertag beschlossen meine Mutter und ich, den Nachmittag trotz der etwas kühlen Temperaturen in der Natur zu verbringen.

Es traf sich gut, dass just an dem Wochenende eine Bonsai-Ausstellung im Seerosenhaus stattfand. Ich war erstaunt über die Vielfalt der 50 Bäumchen, die teils von Mitgliedern des Bonsai-Clubs Hagen, teils vom Bonsai Museum Düsseldorf stammten. Fast war ich versucht, ein kleines hübsches Exemplar für Harry mitzunehmen, der mir schon länger mit der Anschaffung in den Ohren liegt.

Wir setzten unseren Rundgang fort und kamen an verschiedenen Gewächshäusern vorbei, die Tropen-, Savannen- und Wüstenvegetation beherbergen. Mich zog es allerdings eher zu den Freiflächen, die in die Kontinente Asien, Europa und Nord-Amerika eingeteilt sind. Die terrassenförmige Anlage und labyrinthartigen Wege gaben einem das Gefühl, immer tiefer in die Vegetation einzutauchen.

Mit der Ruhe und meditativen Atmosphäre war es leider schlagartig vorbei, als wir den Chinesischen Garten erreichten. Verwinkelte Mauern und Felsformationen wurden um einen großen Teich errichtet, die man durchschreiten kann, wenn man nicht gerade auf Gegenverkehr stößt. Dabei bietet sich immer wieder ein neuer malerischer Blick auf die architektonische Komposition, die in Partnerschaft mit der Tongji-Universität Shanghai geplant und von chinesischen Gärtnern errichtet wurde. 

Für uns war der Botanische Garten der ideale Ort für einen ausgiebigen und sehr abwechslungsreichen Spaziergang. Wir kommen bestimmt wieder!

 

Kommentare
Name:
Web:

2019-05-14
Richmond

Läuterungsreise quer durch die Staaten

image 4 article

Schon der erste Absatz des Romans „Willkommen in Lake Success“ von Gary Shteyngart gibt einen guten Vorgeschmack auf das verrückte Abenteuer der Hauptfigur Barry Cohen, auf das wir uns auf über 400 Seiten einlassen werden. Der schwerreiche New Yorker Hedgefonds-Manager steckt ganz offensichtlich in großen familiären und beruflichen Schwierigkeiten und will so schnell wie möglich der Misere entfliehen. Er kauft sich kurzerhand ein Greyhound-Ticket und macht sich auf den Weg nach Richmond zu seiner Jugendliebe Layla.

Es wird eine Selbstfindungs- und Läuterungsreise quer durch die Staaten bis nach San Diego, die in krassem Gegensatz zu seinem gewohnten Lebensstil steht. Auf der Suche nach dem echten Lebensgefühl macht er Bekanntschaft mit den Fahrgästen, darunter Studentinnen, Abgebrannte und Drogensüchtige, und setzt sich allmöglichen demütigenden Situationen aus. Parallel lässt uns der Autor am Leben der Manhattener Elite im Allgemeinen und der verlassenen Ehefrau und seinem autistischen Sohn im Speziellen teilhaben. Seine genauen Beobachtungen und treffsicheren Beschreibungen geben uns ein authentisches Bild der verschiedenen Schichten und politischen Ansichten kurz vor der Trump-Wahl.

Obwohl Barry jenen Typen verkörpert, der glaubt, mit Geld alles im Leben steuern zu können, konnte ich nicht umhin, Mitgefühl für den tragischen Helden zu entwickeln. Er ist keineswegs ein allein von Profitgier angetriebener gefühlskalter Mensch. Im Gegenteil: Er wünscht sich nichts mehr als wahre Freunde, Zuwendung und Nähe  – was sich leider darin äußert, dass er seinen Mitmenschen ständig seine Hilfe als Mentor anbietet. 

Das war mein erstes Buch von Gary Shteyngart und ich bin begeistert von seiner fulminanten Erzählkraft, seinem bissigen und zugleich warmherzigen Humor und der lebensprallen Geschichte. Noch immer sehe ich den verzweifelten Barry auf seiner Odyssee vor mir und die vielen schrägen Figuren, die ich nicht so schnell vergessen werde.

Kommentare
Name:
Web:

2019-05-11
Paris

Riskantes Spiel

image 4 article

Möchte man einen geselligen Abend mit Freunden bei gutem Essen und Wein genießen, dann hat eines sicher nichts auf dem Esstisch verloren: das Handy. In dem Film "Le Jeu – Nichts zu verbergen", der auf Netflix zu sehen ist, ist es jedoch genau umgekehrt. Unter den befreundeten Paaren kommt einer plötzlich auf die Idee, mit einem ungewöhnlichen Spiel Schwung in die Dinnerparty zu bringen: Alle sollen ihr Handy in die Mitte des Esstisches legen und die anderen an den eingehenden Anrufen und Nachrichten teilhaben lassen. Ganz schön heikel, wenn man bedenkt, dass die Franzosen den Ruf haben, es mit der Treue nicht sehr genau zu nehmen. Daher sind auch nicht alle gleichermaßen begeistert, doch schließlich willigen sie ein.

Die Anrufer ahnen natürlich nichts von ihrem Glück. So bittet die Tochter der Gastgeber, die gerade auf einem Date ist, ihren Vater in einer delikaten Angelegenheit um Rat, ohne zu wissen, dass alle mithören. Ihre Mutter muss auf schmerzvolle Weise erfahren, dass ihre Tochter keine hohe Meinung von ihr hat. Bei einem Paar, das sich ständig giftige Kommentare an den Kopf wirft, erwartet ebenfalls Unheilvolles. Man spürt, wie die Anspannung immer mehr steigt, auch wenn sich der eine oder andere Verdacht in Luft auflöst.

Der Film schwankt zwischen treffsicheren Pointen und unbedeutendem Geplänkel. Erst im letzten Drittel, als immer mehr Enthüllungen zur Eskalation führen, nimmt er Fahrt auf. Am besten gefiel mir der überraschende Schluss, der einen nachdenklich zurücklässt und die Frage aufwirft, mit wie vielen Geheimnissen ein Mensch in seinem Leben wohl unbemerkt durchkommt. Auch wenn man nichts zu verbergen hat, ist dieses Spiel als Abendunterhaltung nicht unbedingt zu empfehlen.

Kommentare
Name:
Web:

2019-05-07
Seoul

Vorfreude ist die schönste Freude

image 4 article

Nach einer langen Durststrecke kann ich mich endlich auf einige Reisen freuen: Erst unternehme ich einen Kurztrip in meine Heimat Düsseldorf und besuche meine Mutter zum Muttertag, ein paar Wochen später geht's in den Süden auf die Insel Rhodos und Anfang Juli werden wir Stockholm unsicher machen. Um meine Vorfreude zu steigern, habe ich mir schon mal die passende Lektüre gegönnt und die Spezialausgabe "flow Reisen" gekauft, die im April erschienen ist.

Meine Reiseziele für das erste Halbjahr stehen zwar schon fest, aber gern lasse ich mich von den Machern des Magazins inspirieren, die ihre Lieblingsadressen und Urlaubstipps vorstellen. Beim Durchblättern wurde mir wieder einmal bewusst, wie viele Städte und Inseln ich allein in Deutschland und Europa noch immer nicht bereist habe, obwohl sie schon so lange auf meiner Wunschliste stehen: Leipzig, Usedom, Marseille, Porto, Gent... Mal sehen, ob mich eine der bebilderten Unterkünfte ansprechen. Gespannt bin ich auch auf den Bericht einer Illustratorin, die seit zwei Jahren in Seoul lebt. 

Es sind wieder nette Papier-Extras dabei, zum Beispiel ein Notizbüchlein mit dem Titel "Offline is the new luxury" (wie wahr!), das sicher mit auf die nächste Reise geht. Und mit den witzigen Türhängern kann man sich jetzt schon ein wenig Urlaubsfeeling ins Haus holen.

Kommentare
Name:
Web:

2019-05-04
Tübingen

Konträre Schicksale zweier Freunde

image 4 article

Biografien von bedeutenden Persönlichkeiten zu lesen, kann ungemein bereichern. Einen besonderen Reiz hat das Ganze, wenn sich zwei Lebensläufe verschränken und die Freundschaft und das parallele Wirken im Mittelpunkt stehen. Um solch eine Beziehung geht es in „Zwei Hälften des Lebens“ von Eberhard Rathgeb, und zwar zwischen dem Philosophen Hegel und dem Dichter Hölderlin. 

Beide wurden 1770 geboren, studierten gezwungenermaßen Theologie im Evangelischen Stift Tübingen, obwohl sie der Philosophie viel näher standen und waren von den Werken Rousseaus begeistert. Nach dem Studium trennten sich ihre Wege und kreuzten sich später in Frankfurt am Main, wo sie beide als Hauslehrer tätig waren. In ihrer Weltanschauung entwickelten sie sich unterschiedlich: Während Hegel alles der Vernunft unterwarf, ließ Hölderlin sich von seinen Stimmungen, Sehnsüchten und persönlichen Neigungen leiten und brachte seine Empfindungen dichterisch zu Papier.

Zwischendurch reflektiert der Autor darüber, warum er sich gerade mit diesen beiden Gelehrten so intensiv beschäftigt und wie seine Tochter oder seine Nachbarn darauf reagieren. Wiederholt stellt er die enormen Unterschiede zwischen der damaligen und heutigen Zeit heraus und fragt sich, ob wir wohl jemals ihre Werke gänzlich verstehen werden. Womit ich mit schwer tat, waren die häufigen Abschweifungen. Kaum hatte ich mich ein wenig in die Person von Hölderlin oder Hegel vertieft, wurde ich herausgerissen, weil eine Vielzahl von Zeitgenossen die Bühne betraten und die literarischen, politischen und sozialen Hintergründe detailliert erläutert wurden. So blieb bis zum Schluss eine Distanz zu den Hauptakteuren, ähnlich wie in einem Geschichtsbuch.

Nichtsdestotrotz bekam ich einen interessanten Einblick, wie schwer es damals für Intellektuelle war, ohne Amt oder Auftrag finanziell über die Runden zu kommen und wie sie sich mit Gleichgesinnten verbündeten, um nicht in geistige und soziale Isolation zu geraten. Öffentlich traten sie als Bedienstete auf, im Geheimen folgten sie ihren intellektuellen Ambitionen. Erstaunlich fand ich auch, wie wenig die Geschehnisse im revolutionären Frankreich die beiden Herren berührte. Sie zogen es vor, sich in die Ideale der griechischen Antike zu flüchten. Wer sich eher unbedarft wie ich an die Lektüre dieses fakten- und zitatenreichen Buches wagt, sollte Geduld und Konzentration mitbringen; Hegel- und Hölderlin-Kenner werden sicher einen viel leichteren Zugang zu der Thematik finden.

Kommentare
Name:
Web:

2019-05-01
Canciale

Ménage à trois mit Folgen

image 4 article

Der italienische Schriftsteller Andrea de Carlo ist ein Meister darin, die Beziehung zwischen Mann und Frau zu sezieren. In dem Roman „Sie und Er“ hat er das Thema bereits ziemlich auf die Spitze getrieben. Dass das Ganze noch steigerungsfähig ist, zeigt sein jüngstes Buch „Das wilde Herz“.

Es handelt von einem ungleichen Paar, das in Cambridge lebt und die Sommermonate in Ligurien verbringt – oder genauer gesagt von der Reparatur ihres Ferienhauses, nachdem Ehemann und Anthropologe Craig Nolan auf dem morschen Dach herumspaziert und abgestürzt ist. Sowohl der Unfall als auch der Wiederaufbau des Dachs ziehen sich wie ein roter Faden durch den Roman und entwickeln einen stark symbolischen Charakter.

Von Anfang an herrscht eine feindselige Atmosphäre: Craig leidet sowohl unter seinen Verletzungen als auch unter dem Baulärm und beobachtet äußerst misstrauisch die Handwerker – in seinen Augen allesamt unzuverlässige und inkompetente Halsabschneider. Seine Frau Mara, eine erfolgreiche Bildhauerin, fühlt sich nicht nur bei der Arbeit gestört, sondern gerät durch den Handwerker und Aussteiger Ivo Zanovelli emotional auch noch aus dem Gleichgewicht. Craig und Mara fragen sich, ob ihre Ehe bereits vor dem Unfall so schwerbeschädigt und kaum zu retten war wie das baufällige Haus, das sie gemeinsam erworben haben.

Der Autor erzählt aus wechselnden Perspektiven, nimmt auch mal die Rolle des stillen Beobachters und Verhaltensforschers ein, entfaltet die Szenen auf der Baustelle wie ein absurdes Theater und beschreibt, wie sich die Machtverhältnisse zwischen den drei Figuren immer wieder verschieben. Obwohl mich das Thema interessiert, hätte ich damit rechnen müssen, dass mittlerweile gewisse Ermüdungserscheinungen auftreten. Zum einen wiederholt sich Andrea de Carlo in seinen Beziehungsanalysen und bringt keinen Erkenntnisgewinn mehr; zum anderen ist der Ton in diesem Roman fast durchgehend aggressiv und destruktiv. Ein bisschen Humor und Leichtigkeit hätten der Geschichte nicht geschadet.

Kommentare
Name:
Web: