2018-10-21
London

Mach dich auf den Weg

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Ich komme gerade von einem Spaziergang und habe einmal versucht, einige Anregungen aus dem Buch „Walking in the rain“ umzusetzen. Ganz bewusst einen Schritt nach dem anderen setzen, sich mit allen Sinnen auf die Umgebung einlassen, Geräusche, Stimmen und Gerüche wahrnehmen… dies und vieles mehr empfehlen die Autoren in dem kleinen, aber feinen Büchlein aus der Reihe ‚Dept.store for the Mind‘.

Dass Gehen an der frischen Luft den Körper in Schwung bringt, den Kopf freimacht und die Gesundheit fördert, ist allgemein bekannt. An diesem Buch gefiel mir vor allem, wie vielseitig die Erfahrungen der Autorinnen und Autoren zu diesem Thema sind. Kate Peers zum Beispiel lässt sich beim Gehen am liebsten von der Natur ermutigen, die ihr den ewigen Kreislauf des Lebens vor Augen führt und ihre alltäglichen Probleme nichtig erscheinen lässt. Für die Künstlerin Antonia Thompson ist das regelmäßige Gehen wie Tagebuch führen und ein Weg zur kreativen Freiheit. Eine sehr extreme Form des Gehens ist das Pilgern, das auch Blinden ermöglicht wird. Gert-Jan de Horn berichtet, wie er den „Camino Walking Blind“ ins Leben rief und lässt einzelne Teilnehmer von ihren persönlichen Eindrücken berichten.

Als Stadtmensch konnte ich mich am meisten mit der Geschichte von Clare Barry identifizieren. „Switched on but disconnected“ – so beschreibt sie den Zustand vieler Großstadtmenschen, die bestens vernetzt und erreichbar, aber nicht mehr empfänglich sind für sinnliche Eindrücke in unmittelbarer Nähe. Tatsächlich laufen einem in der Stadt ständig Leute über den Weg, die auf ihr Handy starren. Barry möchte Abhilfe schaffen und bietet in London „Urban Curiosity Walkshops“ an, bei denen man mit Gleichgesinnten eine Stadttour zu Fuß unternimmt.

Ob in der Stadt oder Natur – das Buch macht Lust, von der Couch aufzuspringen, in bequeme Schuhe zu schlüpfen und sich auf den Weg zu machen.

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2018-10-17
Pellworm

Wunderschöne Reisegeschichten

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Die Reihe „Wunderschön“ im WDR zählt zu den Reisesendungen, die ich mir besonders gern ansehe. Das liegt auch an der sympathischen Moderatorin Tamina Kallert, die so eine natürliche und herzliche Ausstrahlung hat. Ich hätte nicht gedacht, dass sich mein Eindruck durch ihr Buch „Mit kleinem Gepäck“ derart bestätigt.

Als Zuschauer fragt man sich ja, wieviel in der Sendung gespielt und wieviel „echt“ ist. Manchmal kommt es mir so vor, als ob die Reisejournalistin ständig in den Genuss leckerer Süßwaren und regionaler Spezialitäten kommt und werde ganz neidisch. Da ahne ich natürlich nicht, wieviel mühsame Arbeit dahinter steckt, bis ein gedeckter Tisch in einer heimeligen Teestube perfekt in Szene gesetzt und ein kurzes Gespräch mit der Gastgeberin im Kasten ist.

Tamina Kallert berichtet von berührenden Begegnungen mit Einheimischen, abenteuerlichen Dreharbeiten, von typischen Konflikten im Filmteam und dem anstrengenden Wechsel zwischen ständiger Präsenz und Stand-By-Modus. Die Autorin gewährt dabei nicht nur einen vielfältigen Blick hinter die Kulissen, sondern auch in ihr persönliches Leben und ihre berufliche Entwicklung. Besonders gut gefiel mir, dass sie immer wieder selbstkritisch ihre Einstellung und ihr Verhalten reflektiert, sich mit ihren Schwächen auseinandersetzt und versucht, aus ihren Erfahrungen dazuzulernen.

Ihre Gedanken und Einsichten dürften nicht nur für ihre Berufssparte, sondern für jeden eine Bereicherung sein, der sich mit der Frage beschäftigt, wie er seinen Berufs- und Lebenstraum verwirklichen kann. Ich fühlte während der Lektüre eine immer stärkere Verbundenheit mit Tamina Kallert, nicht nur, weil sie so lebendig, sprachlich einnehmend und leidenschaftlich aus ihrem aufregendem Alltag erzählt, sondern dem Leser auch eine sehr wichtige Empfehlung mit auf den Weg gibt: mit Neugier, Offenheit und unvoreingenommen, also „kleinem Gepäck“, durchs Leben zu gehen.

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2018-10-14
Kopenhagen

No Way Out

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Ich bin froh, dass wir die Serie „Greyzone – No Way Out“ nicht vor, sondern nach unserem Kopenhagen-Urlaub gesehen haben. Sie handelt nicht nur von einem geplanten Terrorangriff, sondern spielt zum größten Teil ganz in der Nähe von unserem Apartment im Stadtteil Nordhavn. In einem architektonisch ausgefallenen hypermodernen Gebäude, an dem wir oft vorbei geradelt sind, ist in dieser Serie der der Geheimdienst PET angesiedelt. Dort ermittelt Eva Forsberg von der schwedischen Sicherheitspolizei gemeinsam mit einem dänischen Kollegen und einem PET-Agenten in einem Fall, der auf einen geplanten Terrorangriff schließen lässt.

Was dänische Serien betrifft, mache ich entweder einen großen Bogen darum (wenn es um verstümmelte Leichen geht) oder sie verleiten mich zu Binge Watching (wenn es um politische und wirtschaftliche Machenschaften geht). „Greyzone“ zählt definitiv zu den letzteren. Die Hauptdarstellerin Birgitte Hot Sørensen kam mir gleich bekannt vor. In „Borgen“, eine meiner Lieblingsserien, spielte sie eine gewiefte Fernsehmoderatorin. In skandinavischen Serien kommt es ganz häufig vor, dass man dieselben Schauspieler in verschiedenen Serien wieder sieht, so als ob es insgesamt nur eine Handvoll gebe. In dieser Serie spielt sie eine intelligente junge Mutter, die bei der Firma SparrowNet Steuerungssysteme von Drohnen entwickelt. Eines Tages tappt sie in die Falle des Terroristen Iyad, einem ehemaligen Kommilitonen, und wird mit ihrem Sohn Oskar als Geisel in ihrer eigenen Wohnung festgehalten.

Die Geschichte packte mich von Anfang an und hielt mich bis zum Schluss in Atem. Keine Nebenhandlung, kein Dialog ist zu viel. Es geht um sinnlose Terroranschläge, fragwürdige Wirtschaftsinteressen und taktische Ermittlung vermengt mit subtiler Psychologie und starken Emotionen. Die Serie überzeugt nicht nur durch die herausragenden Darsteller, sondern wirkt auch wegen ihrer Glaubwürdigkeit und Realitätsnähe noch lange nach.

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2018-10-11
Wien

Wer suchet, der findet

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Wer in der heutigen Zeit an Wunder glaubt, wird schnell für verrückt erklärt oder naiv gehalten. Und wer sich aktiv auf die Suche nach Wundern begibt wahrscheinlich erst recht. Trotzdem wagte Barbara Pachl-Eberhart vor fünf Jahren ein Experiment: Statt auf ein Wunder zu warten, ging sie auf Entdeckungstour und schrieb Geschichten darüber. So entstand ihr Buch "Wunder warten gleich ums Eck". „Man findet jederzeit ein Wunder, wenn man mit offenen Augen spazieren geht“, so ihre Überzeugung.

Dabei ist alles eine Frage der Definition, wie der Leser bald feststellen wird. Dass sie es sich bei dem Experiment nicht zu einfach machen will und nicht jede Kleinigkeit als Wunder durchgehen lässt, macht sie sympathisch. Sie zeigt aber auch, dass Eigenschaften wie Offenheit, Neugier und Achtsamkeit das Unterfangen wesentlich erleichtern.

Das Spektrum an Wundern, von denen uns die Autorin aus Wien erzählt, reicht von herzerwärmenden Beobachtungen in der U-Bahn über Staunenswertes in der deutschen Sprache bis hin zu Phänomenen in der Natur. Manches ist nur schwer nachvollziehbar wie ihr spirituelles Erlebnis beim Tod ihrer Tochter – manch anderes Beispiel schien mir etwas weit hergeholt. ‚Wunder‘ hat einen magischen Klang, ist aber auch ein dehnbarer Begriff, der schnell schwammig werden kann.

Staunend durch die Welt zu gehen, ist eine Haltung, die ich sehr schätze und gern viel öfters einnehmen würde, doch der auf Effizienz getrimmte Alltag macht es einem nicht leicht. Das Büchlein hat mich wieder daran erinnert, im Alltag den Blick für die Kostbarkeiten im Leben zu schärfen und nicht alles als selbstverständlich anzusehen.

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2018-10-08
Schallerup

Die Super-8-Helden von Schallerup

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Das Buch „Sommer in Super 8“ von Anne Müller hat mich stark an meine Kindheit erinnert. Klavierunterricht, Pyjamaparties, Tanzstunden und ein humorvoller, aber launischer Vater, nach dem man seine Antennen ausrichten muss – das alles kam mir sehr bekannt vor. Ob man nun in Schallerup nahe der Ostsee oder in Düsseldorf aufwächst – als Teenager macht man eben ganz ähnliche Dinge durch.

Die Ich-Erzählerin Clara König, mittleres Kind von fünf Geschwistern, beschreibt anfangs viele Szenen, die das Bild einer perfekten Familienidylle vermitteln. Man musiziert gemeinsam, verbringt unbeschwerte Tage an der Ostsee, sieht sich abends die vom Vater aufgenommenen Super-8-Filme an und feiert sich als glückliche Familie. Jedes Kind spielt die ihm zugeschriebene Rolle und buhlt um die Anerkennung der Eltern. Die titelgebenden Filme hatten für mich einen Symbolcharakter, denn schon da stellte sich die Frage, was in der Familie real und was gespielt ist.

Anne Müller weiß genau, was im Kopf einer Vierzehnjährigen vorgeht. Unbefangen und charmant erzählt ihre Hauptfigur von Mädchenträumen und dem ersten Schwarm, von großen Erwartungen und Enttäuschungen. Nebenbei entsteht ein lebendiges Bild der Dorfgemeinschaft mit ihren wenigen Höhepunkten wie der jährliche Markt oder der Klatsch und Tratsch im Friseursalon, der sich bald um Claras eigene Familie drehen wird.

Das Besondere an dieser Erzählung ist, dass sich mit zunehmendem Alter Claras Blick für die Welt hinter der bröckelnden Fassade schärft. Der heitere und beschwingte Ton schlägt allmählich in eine ernste und wehmütige Stimmung um und markiert das Ende einer unbeschwerten Kindheit. Ich habe den feinsinnigen Roman, der den Zeitgeist der 70er Jahre aufleben lässt, mit Empathie und Begeisterung gelesen.

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2018-10-05
Luxor

Reisefreudige Queen of Crime

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Reisen erweitern nicht nur den Horizont, sie bieten auch jede Menge Stoff für spannende Geschichten. Bestes Beispiel dafür ist die Schriftstellerin Agatha Christie, wie eine interessante Doku auf arte zeigt. Ich hätte nicht gedacht, dass die Queen of Crime, die ein Lebenswerk von 66 Romanen, 23 Bühnenstücken und zahlreichen Kurzgeschichten hinterließ, so reise- und abenteuerlustig war.

Den Grundstein für ihren ersten Roman legte allerdings ihre Apotheker-Ausbildung in ihrer Heimatstadt Torquay. Die Welt der Pflanzen, besonders die giftigen, inspirierten sie zu der Geschichte „Das letzte Glied in der Kette“, in der Gift erstmals als Mordwaffe eingesetzt wird. Im weiteren Verlauf ihres ereignisreichen Lebens hatte die Weltreise mit ihrem Ehemann Archie Christie einen großen Einfluss auf ihr kreatives Schaffen. Sie bereiste unter anderem Kanada, Australien und Afrika, surfte in Honolulu und verarbeitete vielzählige Eindrücke in ihren Romanen.

Nach der Trennung von ihrem Mann im Jahr 1928 war sie gezwungen, vom Schreiben zu leben. Während sie drei bis vier Bücher pro Jahr produzierte, blieb ihre Reisefreude ungebremst – im Gegenteil: Sie machte sich allein auf nach Syrien und in den Irak, um herauszufinden wer sie ist. Später heiratete sie den 14 Jahre jüngeren Archäologen Max Mallowan, begleitete ihn und das Grabungsteam mehrere Monate im Orient, und unterstützte seine Karriere.

Nachdem ich diese Doku gesehen habe, bedaure ich es, dass ich bisher nur einen Bruchteil ihres Gesamtwerks gelesen habe – vorzugsweise Krimis mit der einzigartigen Miss Marple. Agatha Christie zählt für mich zu den interessantesten Frauen der schreibenden Zunft – sie blieb ihr Leben lang wissbegierig, reisefreudig, war unkonventionell und zugleich sehr British. Die sehenswerte Doku ist noch bis 22. Oktober in der arte Mediathek verfügbar.

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2018-10-03
Emerald Isle

Tragikomische Familiengeschichten

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Die Essaysammlung „Calypso“ von David Sedaris hätte ich gern als Stand-up-Comedy erlebt. An einer Stelle heißt es, dass er auf einer Lesereise 45 Städte in 47 Tagen abgeklappert hat. Die Reise inspirierte ihn sicher zu der Geschichte „Ihr Englisch ist so gut“, bei der ich mich schlapp gelacht habe. Die Frage "Wie war Ihr Flug?", die er zu den überflüssigsten hält, bekam er wohl oft zu hören. Zu gern würde ich wissen, was er von der hierzulande überstrapazierten Floskel „Alles gut“ hält.

Das zentrale Thema des Buches ist das Reisen und seine Familie, die sich regelmäßig in einem Strandhaus auf Emerald Isle in North Carolina trifft. Zu seiner Schwester Amy scheint er ein besonders inniges Verhältnis zu haben. Doch auch alle anderen Familienmitglieder kommen zum Zuge und werden in seinen Anekdoten karikaturhaft gezeichnet: zum Beispiel sein eigenwilliger Vater, der eine Taschenlampe benutzte, um Strom zu sparen, oder seine Mutter, die sich stets stilvoll kleidete und mit ihren Geschichten alle zum Lachen brachte. 

Manchmal blieb mir jedoch das Lachen im Hals stecken, denn mit Galgenhumor seziert Sedaris sehr ernstzunehmende Themen wie die Alkoholsucht seiner Mutter oder den Selbstmord seiner Schwester Theresa. Ihn beschäftigt nicht nur das Altern im Allgemeinen, sondern auch wie schräg oder fanatisch einige Menschen in seinem Umkreis mit zunehmendem Alter werden. Abgesehen von ein paar unappetitlichen Geschichten habe ich Sedaris’ sehr persönliche Erinnerungen und Gedanken mit Vergnügen gelesen.

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2018-10-01
Wales

Siebzehn Begegnungen mit dem Tod

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Zuerst wollte ich das autobiografische Buch „I am I am I am“ („Ich bin Ich bin Ich bin“) von Maggie O’Farrell trotz der positiven Rezensionen nicht lesen. Ich bin zwar nicht abergläubisch, hatte aber das ungute Gefühl, dass mir lauter Geschichten über Todesnähe womöglich Unglück bringen. Es könnte aber auch genau umgekehrt und eine Lehre sein, das kostbare Leben zu schätzen.

Jetzt, wo ich das Buch gelesen habe, hinterlässt es bei mir gemischte Gefühle. Einerseits fand ich es spannend, über eine Frau zu lesen, die einen völlig anderen Lebensstil hat als ich. Mit acht Jahren überlebte sie nur knapp eine Virusinfektion und verspürte trotz oder vielleicht gerade deswegen immer wieder den Drang, aus ihrem durchschnittlichen Teenagerdasein auszubrechen. Da sie auch vor drastischen und dramatischen Maßnahmen nicht zurückschreckte, wäre sie einmal beinahe ertrunken.

Immer auf der Suche nach neuen Impulsen und Erfahrungen unternahm sie viele Reisen, auch in nicht ganz ungefährliche Regionen wie Südamerika. Da ist es nicht verwunderlich, dass sie Extremsituationen wie einen Raubüberfall erlebte. Die Autorin versteht es, jede Phase der Grenzerfahrung sehr plastisch zu schildern – von der bösen Vorahnung über die tatsächliche Todesgefahr, ihre Panik und Angst, bis hin zu den Nachwirkungen. Interessant ist auch, wie sie später in unterschiedlichen Lebensphasen auf den Vorfall zurückblickte.

Sie erzählt die Momente der Todesnähe nicht etwa chronologisch, sondern völlig ungeordnet und unterstreicht damit die Willkür und Unvorhersehbarkeit der Ereignisse. Sie ordnet sie außerdem den einzelnen Körperteilen zu, die unmittelbar der Gefahr ausgesetzt waren, und verstärkt damit die Verletzlichkeit des menschlichen Körpers. Ich fand allerdings, dass sich einige Berichte sehr ähneln, wie die Extremsituationen im Ausland oder ihre Fehlgeburten. Eine Frau, die sich von so vielen schockierenden Erlebnissen nicht einschüchtern lässt und sich weiterhin mutig dem Leben stellt, kann man nur bewundern.

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