2018-06-20
Halifax

Eine Polizistin ist nicht kleinzukriegen

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Happy Valley“ – so nennt sich ein Familien- und Kriminaldrama, das in West Yorkshire spielt und auf Netflix zu sehen ist. Der Titel ist allerdings irreführend, denn weder scheinen die Menschen dort glücklich zu sein, noch löst die trostlose Gegend Glücksgefühle aus.

Wenig Grund zum Lachen hat auch die Heldin der Geschichte Catherine Cawood. Als Sergeant muss sie sich tagtäglich nicht nur mit Gewalt und Drogenmissbrauch herumschlagen, auch privat ist sie schwer gebeutelt: Ihre Tochter wurde von dem Kriminellen Tommy Lee Royce vergewaltigt, bekam einen Sohn von ihm und nahm sich darauf das Leben. Catherine zieht den Jungen gemeinsam mit ihrer Schwester groß.

Kein Wunder, dass ihr Leben völlig ins Wanken gerät, als der Täter nach sieben Jahren Haft freigelassen wird. Die dramaturgische Spannung entsteht vor allem dadurch, dass Tommy Lee Royce in einem Entführungsfall verwickelt ist, den sie aufklären soll. Weiterer Pluspunkt sind die glaubhaften und hervorragend gespielten Charaktere, allen voran die Hauptfigur verkörpert durch Sarah Lancashire, die einerseits mutig und tough, andererseits verletzlich ist. Auch Tommy Lee Royce, der in der Serie „McMafia“ einen schnöseligen Banker spielt, beweist hier als besessener Bösewicht mit menschlichen Schwächen seine beeindruckende Wandlungsfähigkeit.

Auch in der zweiten Staffel wird Catherine von ihrer Vergangenheit eingeholt. Die Loser in dieser Serie mögen etwas zu klischeehaft sein, zeigen aber deutlich, wie schnell eine kleine Fehlentscheidung in den Abgrund führen kann.

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2018-06-16
Wien

Mörderjagd in einer Stadt der Extreme

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August Emmerich und Ferdinand Winter, Protagonisten des Romans „Die rote Frau“ von Alex Beer, sind nicht zu beneiden. Den Kriminalbeamten der Abteilung ‚Leib und Leben‘ werden trotz der erfolgreichen Aufklärung ihres letzten Falls nur Schreibarbeiten zugeteilt. Dabei würden sie sich viel lieber in einem aktuellen Fall, bei dem der beliebte Stadtrat Richard Fürst ermordet wurde, nützlich machen. Unverhofft bekommen sie die Gelegenheit dazu – allerdings mit einem Haken: Sie müssen die Tat innerhalb von 72 Stunden aufklären.

Alex Beer baut gleich mehrere Spannungselemente ein: Zum einen müssen sich Emmerich und Winter ganz schön ins Zeug legen – schließlich steht ihre zukünftige Karriere auf dem Spiel. Für den allem Anschein nach unschuldig Inhaftierten hängt sogar sein Leben davon ab, ob der wahre Täter gefasst wird. Und es ist nicht einmal klar, ob ein politisches, wirtschaftliches oder persönliches Motiv hinter der Tat steckt.

Erneut skizziert Alex Beer das Nachkriegswien mit all seinen Gesichtern, diesmal noch vielschichtiger als im letzten Fall. Man hat das Gefühl, in jeden Winkel der Stadt einzutauchen, sei es die Straßen voller Hungerleidenden und Kriegsveteranen, das Nachtleben, die Unterwelt, die Palais der Reichen oder die illustre Filmindustrie. Die Autorin schildert die Lebensumstände und Atmosphäre so authentisch, als wäre ihr jedes Terrain vertraut. Nebenbei erläutert sie interessante Details über bedeutende Bauwerke und Lokale, die heute noch existieren.

So stelle ich mir meine ideale Lektüre vor: Ein raffinierter Plot eingebettet in ein facettenreiches historisches Setting und detailliert recherchiertes Zeitgeschehen. Ich freue mich schon auf den nächsten Fall des gut eingespielten Ermittlerduos.

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2018-06-13
Göttingen

Inseln der Lebendigkeit

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Das WM-Fieber steigt und steigt. Der Fußball spielt auch in dem Buch „Rettet das Spiel!“ eine Rolle. Schließlich sind Fußballspiele „die öffentlichkeitswirksamsten Kulturereignisse unserer Zeit“, so die Autoren Gerald Hüther und Christoph Quarch. Doch inwieweit haben sie ihre spielerische Leichtigkeit und Lebendigkeit bewahren können? Und warum müssen Spiele im allgemeinen  – wie der Buchtitel suggeriert – gerettet werden?

Um diesen Fragen nachzugehen, nehmen uns die Autoren zunächst mit auf eine Zeitreise in die Antike – denn bereits die Griechen waren von der Idee beseelt, das Leben als ein Spiel zu feiern und in vielfältigen Spielen das wahre Menschsein auszubilden. Im Laufe des Buches begegnen wir weiteren Verfechtern des Spiels, zum Beispiel Schiller, der freie Spielräume und Spielzeiten forderte, um der Schönheit zu huldigen, oder die Romantiker, die die Magie des Lebens mit seinen unendlichen Möglichkeiten entfesseln wollten.

In diesem kulturgeschichtlichen Abriss macht das Autorenduo deutlich, dass das Spielen Freiräume öffnet, in denen die Spieler in einer guten Balance von Verbundenheit und Freiheit ihre Geschicklichkeit, Talente und Emotionen zeigen können. Der Homo ludens werde in der heutigen Zeit jedoch immer mehr durch den Homo oeconomicus verdrängt, der nach Effektivität und Produktivität strebt.

In einer Mischung aus philosophischen Gedanken und neurowissenschaftlichen Erkenntnissen beleuchten Hüther und Quark verschiedene Spielvarianten und entlarven auch gefährliche Spielverderber. Stellenweise schien mir die Lobpreisung des Spiels etwas übertrieben und ihre Vorstellungen sehr idealistisch, doch beschreiben sie eine Welt, die auch aus meiner Sicht unbedingt erstrebenswert ist. Das Buch ist ein überzeugendes Plädoyer für das zwang- und absichtslose Spiel, das das volle kreative Potenzial der Spieler zum Vorschein bringen kann, Lebensfreude weckt und das Gefühl des Miteinanders in Beruf, Familie und Freizeit stärkt.

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2018-06-10
Leinsee

Zauberhafter Künstlerroman

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Ein Selbstmord in der Familie ist nur schwer zu verkraften. Bei Karl Stiegenauer, Protagonist des Romans „Leinsee“ von Anne Reinecke, ist die Sache jedoch weitaus komplizierter. Sein Vater August hat sich erhängt, weil er ohne seine Frau Ada, die an Krebs erkrankt ist, nicht mehr leben wollte. Er konnte ja nicht ahnen, dass sie die Operation überlebt. Im Leben dieses berühmten Künstlerpaars war für Karl schon als Kind kein Platz. Kein Wunder, dass ihn die Rückkehr in sein Elternhaus in Leinsee überfordert.

Der einzige Halt für ihn ist die achtjährige Tanja, die eines Tages ganz plötzlich im Kirschbaum seines Gartens sitzt und ihn beim Entrümpeln beobachtet. Gerade weil Karl sein Leben im Moment so absurd und surreal vorkommt, passt die Erscheinung des Mädchens, das lauter verrückte Dinge anstellt wie Steinformationen in seinem Garten zu bilden, so gut ins Bild.

Ich war ganz fasziniert von der ungewöhnlichen Beziehung, die sich langsam zwischen ihnen aufbaut. Es bedarf keiner Worte – allein die Präsenz des anderen in der Nähe zu spüren macht die beiden glücklich. Die Rückkehr in seine Heimat und die Begegnung mit Tanja bringt Karl nicht nur dazu, sich den Erinnerungen an eine einsame Kindheit zu stellen, sondern entfacht auch sein künstlerisches Schaffen.

Der Roman hat mich auf der ganzen Linie begeistert: die gut ausgearbeiteten, teils skurrilen Figuren, allen voran der eigenbrötlerische und doch sympathische Karl, der seinen Lebenssinn und seine Heimat neuentdeckt, die Seitenhiebe auf die sich wichtig nehmende Kunstszene und den Promikult, der schwarze Humor (selten wurde ein Polizeibesuch so ungemein witzig beschrieben), Reineckes prägnante und der Situation angepassten Sprache, aber vor allem die bezaubernde Poesie, die sich in der abstrusen und tragikomischen Handlung entfaltet.

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2018-06-07
Galway

Leben im Konjunktiv

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Was haben selbst geerntete Kartoffeln und Dicke Bohnen mit einer Liebesaffäre zu tun? Nichts könnte man meinen, doch die Schriftstellerin Claire-Louise Bennett schafft es, eine Verbindung zu schaffen. In ihrem Roman „Teich“ tauchen noch mehr solcher überraschenden Gedankensprünge auf. Ging es gerade noch um die Gartenarbeit in ihrem Cottage an der irischen Westküste, dreht sich das Thema auf einmal um die Brutalität der Liebe in der Literaturgeschichte.

Die Autorin hat sichtlich Spaß daran, mit dem Leser zu spielen und ihn mitunter auf die falsche Fährte zu führen. Man fragt sich ständig, ist das wichtig, was sie gerade erzählt, oder belanglos und keine größere Aufmerksamkeit wert. Bennett scheint es selbst nicht genau zu wissen oder vermittelt zumindest den Eindruck. Sie erzählt vieles im Konjunktiv und weckt den Anschein, dass sie sich gar nicht festlegen möchte. Viele Sätze leitet sie mit „Ehrlich gesagt“ ein, als sei sie bemüht, ihre wahren Gefühle offenzulegen.

So finden viele Episoden nur in ihrem Kopf statt, manche darunter durchaus humorvoll: Sie stellt sich beispielsweise vor, wie sie sich verhalten würde, wenn sie auf ihrer eigenen Party eingeladen wäre. Die Neugier, welcher schräge Gedanke oder welche ungewöhnliche Formulierung als nächstes kommen wird, trieb mich in erster Linie durch die handlungsarme Geschichte. Obwohl mir die Erzählerin bis zum Schluss unsympathisch blieb, hoffte ich doch in jedem Kapitel, etwas mehr über ihr Leben und ihr Wesen zu erfahren.

Dieser Roman zählt zu jenen, die weniger durch die Handlung als vielmehr durch die unkonventionelle Erzählweise faszinieren, doch diese Faszination ließ bei mir zum Ende hin nach. Zurück blieb ein bitterer Nachgeschmack und die verstörende Erkenntnis, was die selbst gewählte Einsamkeit mit einem Menschen anstellen kann.

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2018-06-04
London

Überleben macht einsam

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Wünscht sich nicht jeder Mensch insgeheim, den Alterungsprozess aufzuhalten? Dabei ist das vielleicht gar nicht so erstrebenswert, wie der Roman „How to stop time“ („Wie man die Zeit anhält“) von Matt Haig zeigt.

Der Ich-Erzähler Tom Hazard sieht aus wie 40, ist aber über 400 Jahre alt. Er altert so langsam, dass er alle acht Jahre eine neue Identität annehmen und die Regeln einer bestimmten Organisation beachten muss, um sich und sein Umfeld zu schützen. Zuletzt hat er passenderweise eine Stelle als Geschichtslehrer in London angenommen.

Mir würden ja etliche Berufe und Lebensentwürfe einfallen, die ich in solch einer großen Zeitspanne ausprobieren könnte. Doch was auf dem ersten Blick aufregend und als große Bereicherung erscheint, hat auch seine Kehrseite. Tom hat jedenfalls schon vor langer Zeit nicht nur seine geliebte Frau Rose, sondern auch seine Lebensfreude verloren, weil er einsam ist und das Gefühl hat, alles schon einmal erlebt zu haben. Sein einziger Lebensantrieb ist die Suche nach seiner verschwundenen Tochter Marion, die unter der gleichen Krankheit leidet wie er.

So spontan wie Tom seine Flashbacks erlebt, werden auch wir wie in einer Achterbahn aus der Gegenwart in vergangene Epochen und verschiedene Kontinente katapultiert. Nach und nach erfahren wir nicht nur Einzelheiten über sein persönliches Schicksal, sondern auch von Kriegen, Hexenverbrennungen, geografischen Entdeckungen und seinen Begegnungen mit prominenten Zeitgenossen wie Shakespeare, Captain Cook oder Charlie Chaplin.

In seinem letzten Roman „The Humans“ („Ich und die Menschen“), der mich begeistert hat, ging es um die räumliche Dimension. Nun hat sich Matt Haig die Zeitachse vorgeknöpft und erneut eine brillante Idee intelligent und unterhaltsam umgesetzt. Wie fühlt es sich wohl an, wenn ein Gegenstand oder ein Duft nicht nur eine, sondern gleich unzählige Erinnerungen hervorruft? Seine philosophische Gedanken regen dazu an, über seine eigene Lebenszeit, den Sinn des Lebens und die Liebe nachzudenken und sind auch ein Appell, sich von Ängsten, die das Umfeld in seinem eigenen Interesse bei den Menschen schürt, zu befreien.

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2018-06-01
München

Magische Scheibe

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Schon seit geraumer Zeit liebäugelte ich mit dem Gedanken, mir ein E-Bike zuzulegen. Der letzte Kurzurlaub an der Mosel hat mich dann vollends überzeugt: Allein die Option zu haben, mit motorisierter Unterstützung zu fahren – besonders bei starkem Gegenwind und auf hügeligem Gelände! – macht bei mir schon mental viel aus.Um ehrlich zu sein, bevorzuge ich nämlich eher ausgedehnte Spaziergänge und Kraft-/Ausdauertraining im Fitness-Studio. Aber gerade im Sommer ist es doch toll, wenn man sein Auto stehen lassen und mit dem Rad in die Stadt fahren kann. 

Nachdem die Entscheidung getroffen war, blieb nur noch die Frage: ein neues E-Bike kaufen oder mein Mountain-Bike nachrüste? Ich tendierte zu Ersterem – bis ich vom Copenhagen Wheel, das 2009 im Auftrag der Stadt Kopenhagen am Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickelt wurde. Hier ist alles, was man benötigt, im Hinterrad in einer knallroten Radnabe integriert: Elektromotor, Akku, Steuerelektronik und Sensoren. Verbindet man das Wheel per Bluetooth mit seinem Smartphone, lässt es sich durch eine App steuern. Diese integrierte Technologie, die vielen positiven Erfarungsberichte und das Rückgaberecht überzeugten mich.

Im April bestellte ich das Copenhagen Wheel auf der Homepage des US-Herstellers Superpedestrian; schon zwei Wochen später wurde es geliefert. Die Montage bereitete meinem Freund keine großen Schwierigkeiten. Auch die Verbindung mit der App klappte einwandfrei. Bei der ersten Probefahrt testete ich alle Fahrmodi (Eco, Standard, Turbo) bis auf Exercise und bin rundum begeistert! Der Akku soll etwa 50km halten. In der App kann man nicht nur jede Fahrt im Detail auf einer Karte ansehen, sondern auch für jeden Punkt auf der Strecke abfragen, wie viel Leistung jeweils vom Fahrer und vom Motor kam. Mit 1.750€ ist die Anschaffung nicht ganz billig, doch für mich war es auf jeden Fall die unkomplizierteste und umweltfreundliche Variante. 

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