2022-06-26
Hudson Valley

Tragikomisches Kammerspiel auf dem Lande

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Der Roman „Landpartie“ von Gary Shteyngart spielt in einer Zeit, an die man sich nicht so gern erinnert. Es ist März 2020, und der Protagonist Sasha Senderovsky, ein russischstämmiger Schriftsteller, hat ein multikulturelles Ensemble aus Freunden und Bekannten in seine Bungalowkolonie außerhalb von New York eingeladen, um dem Coronavirus zu entfliehen.

Einige von ihnen sind nur aus einem Grund der Einladung gefolgt: Sie wollen einen angekündigten Hollywoodstar treffen. Man verbringt die Zeit mit hochtrabenden Gesprächen, Spaziergängen und kulinarischen Genüssen. Abgesehen von neuen Freund- und Liebschaften, nicht überwundenen Kränkungen und hysterischen Ausfällen passiert wenig, weshalb ich die Lektüre in weiten Teilen als zäh empfand. Umso mehr aktuelle Themen wie Diversität, die Macht der Algorithmen und sozialen Medien hat der Autor hineingepackt. 

Wie schon in seinem Vorgängerroman "Willkommen in Lake Success" haben mich sein satirischer Humor und Sprachwitz sehr unterhalten. Fantasiereiche Bilder wie "Sie rieb sich schon seit zwei Tagen das Auge. Es war, als hätte sich unter ihrem unteren Augenlid ein kleines Insekt häuslich eingerichtet und ließe sich nicht zwangsräumen", sind ganz typisch für ihn. Die abstrusen Verwicklungen werden in dieser Geschichte aber so sehr auf die Spitze getrieben, dass ich mich zum Schluss mit einer gewissen Erleichterung von der verrückten Truppe verabschiedet habe. 

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2022-06-22
Melbourne

Bühne frei für drei Frauenschicksale

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In dem Roman „Die Feuer“ von Claire Thomas ist die Form fast interessanter als der Inhalt. Die Leser sehen sich in einem Melbourner Theater das Stück „Happy Days“ von Samuel Beckett durch die Augen dreier Frauen an und bekommen gleichzeitig Einblick in ihre Lebensläufe.

Dass ihre Gedanken so weit ausschweifen, spricht nicht unbedingt für das Stück, andererseits ist es handlungsarm und dreht sich um existenzielle Fragen, so dass es förmlich dazu einlädt. Bei der Literaturprofessorin Margot sind es destruktive Gedanken über ihre gescheiterte Ehe mit ihrem dementen, gewalttätigen Ehemann. Die junge Mutter Ivy zieht Parallelen zwischen der Kindererziehung und Becketts Existenzthema. Bei der Schauspielschülerin und Platzanweiserin Summer drehen sich die Sorgen um den Klimawandel im Allgemeinen und um ihre Geliebte im Speziellen, die sich in den Bergen aufhält, wo die Buschfeuer wüten.

Bei dieser Fülle persönlicher und brisanter Themen können manche nur gestreift werden. Der geschickte Übergang vom Bühnengeschehen zu bestimmten Ausschnitten aus ihrer Vergangenheit und die Inszenierung der Pause zählen zu den stärksten Momenten des Romans. Die Innenschau der drei Frauen könnte ihrerseits so manchen Leser während der Lektüre zu Reflexionen über das eigene Leben anregen.

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2022-06-18
New York

Mehr Enthüllungen in der Morning Show

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Seitdem ich die Serie „The Morning Show“ auf Apple TV+ verfolge, sehe ich die Nachrichtensendungen mit anderen Augen. Ich frage mich, ob es hinter den Kulissen genauso heftig abgeht wie zwischen Alex Levy, Bradley Jackson & Co. Vermutlich nicht ganz so extrem, aber welche Ausmaße Zickenkriege und Machtkämpfe im Berufsalltag annehmen können, weiß ich aus eigener Erfahrung. 

Nach dem explosiven Ende der ersten Staffel stehen die Zeichen zunächst auf Neuanfang – glaubte ich zumindest, doch spätestens als Alex zum Sender zurückgeholt wurde, um die Quoten des Senders zu steigern, ahnte ich schon, dass der Spuk von Neuem beginnt.

Während mich Alex‘ Diva-Allüren zunehmend nerven, gilt meine Empathie und Sympathie nach wie vor Bradley, die nicht aufgibt, um sich von ihren kaputten familiären Wurzeln zu lösen und die Person zu werden, die sie sein will. Diese taucht sogar in personifizierter Form auf und bringt sie emotional völlig aus dem Gleichgewicht: die Nachrichtensprecherin Laura Peterson – verkörpert von keiner Geringeren als The Good Wife Star Julianna Margulies.

Auch wenn sich manche Szenen wie Kaugummi ziehen und die Befindlichkeiten und Animositäten zwischen den Akteuren arg breit getreten werden, staune ich doch, welche interessante Richtung die Me Too-Debatte aus der ersten Staffel eingeschlagen hat.

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2022-06-15
München

Musikalische Reise zum Mond

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Wer hätte gedacht, dass der Mond die Popkultur zu so vielen unvergesslichen Songs inspiriert hat. „Walking on the moon“ von Police und „Man on the moon“ von R.E.M. fallen mir da spontan ein, doch es gibt noch so viele mehr wie ein Film von Hannes Rossacher zeigt. „Wie der Mond den Pop eroberte“ ist eine fantasievolle Collage aus Musik, Geschichten und Animationen, die einen großen Bogen spannt: von Klassikern wie „Flying to the moon“ von Frank Sinatra über „Rocket Man“ von Elton John bis zu „Amerika“ von Rammstein.

Mal drehen sich die Lieder um die erste Mondlandung und die Faszination für die Raumfahrt, mal um die Liebe, Sehnsüchte oder die Einsamkeit. Neil Young widmete dem Mond sogar insgesamt 28 Songs, darunter "Harvest Moon". Während die Mondscheinsonate von Beethoven oder „Moon River“ gesungen von Audrey Hepburn Erinnerungen weckten, habe ich auch viele mir noch unbekannte Künstler und Stücke kennengelernt. Die bunte musikalische Reise durch etwa 60 Jahre Popgeschichte ist noch bis zum 29. Juni in der arte Mediathek zu sehen.

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2022-06-11
München

Back in the gym

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Angesichts der niedrigen Corona-Inzidenz habe ich mich letzten Monat endlich wieder getraut, ins Fitness-Studio zu gehen. Die relativ hohe Ansteckungsgefahr während eines High Intensity Intervall Trainings in einem geschlossenen Raum hatten mich bisher davon abgehalten. Hinzu kommt, dass das Body & Soul Studio in meiner Nähe nach einer langen Renovierungsphase erst im April wieder geöffnet hat.

Ich hatte mich schon an die Online-Sessions zu Hause gewöhnt und war mir gar nicht sicher, ob mich das Training im Studio so begeistern würde wie früher. Definitiv zu kurz gekommen war das Langhantel-Training. Nachdem ich mir mit schweren Hanteln durch eine ungeschickte Bewegung eine Verletzung am rechten Ellenbogen zugezogen hatte, die ich zum Glück nach zehn Stunden Physiotherapie losgeworden bin, ließ ich lieber die Finger davon und freute mich auf meine erste Hot Iron Stunde nach zwei Jahren Pause. 

Wie gut es tat, bekannte Gesichter und Instructors wiederzusehen und mit ihnen im geräumigen Fitnessraum mit neu angeschafftem Equipment zu trainieren! Im Nullkommanichts hatte mich das Studiofieber wieder gepackt, und ich wäre am liebsten jeden Tag hingefahren, um all die versäumten Stunden nachzuholen. Auch wenn mich ihr Online-Programm und das Apple Fitness+ Abo gut durch die letzten zwei Jahre gebracht haben, möchte ich das Studio nicht mehr missen. Ein Special wie "Jane Fonda meets HIIT" macht einfach nur in der Gruppe Spaß!

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2022-06-08
Paris

Ein Schlüsseljahr der modernen Literatur

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1922. Wunderjahr der Worte“ hat mich an ein Buch von Florian Illies erinnert. Diesmal wird jedoch nicht das Jahr 1913, sondern 1922 porträtiert. Der Untertitel macht neugierig. Warum ist es für Norbert Hummelt ein „Wunderjahr der Worte“?

Die Frage beantwortet er uns in zahlreichen Geschichten und Anekdoten, die vor allem um die Entstehung der zwei Werke „Ulysses“ von James Joyce und „The Waste Land" von T.S. Eliot kreisen, aber auch um den Schaffensrausch und Schaffenskrisen weiterer Literaten wie Rainer Maria Rilke, Virginia Woolf, Ezra Pound oder Katherine Mansfield. 

Die Lektüre ist sehr kontrastreich: Alltagsrituale, körperliche Leiden, zufällige Begegnungen und Rivalitäten zwischen den Schriftstellern wechseln sich ab mit einschneidenden politischen, kulturellen und wissenschaftlichen Schlaglichtern. Eine ungewöhnliche Teemischung, die sich Rilke aufgießt, findet ebenso Erwähnung wie eine Vortragsreihe von Albert Einstein im Fernen Osten.

Bei den vielen Sprüngen und Ortswechseln kann einem schon ein wenig schwindlig werden. Zum Glück lockert Norbert Hummelt mit seinem Humor und Plauderton die Informationsfülle auf und machte mir begreiflich, warum 1922 ein Schlüsseljahr der modernen Literatur war.

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2022-06-04
Bonn

Eine lebenslange Lese- und Liebesgeschichte

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Wenn ich einen Blick in meinen Bücherregal werfe, sehe ich größtenteils Bücher von Frauen, darunter viele Biografien, in denen das Lesen und Schreiben eine zentrale Rolle spielt. Nun gesellt sich ein weiteres dazu: In „Hier geht‘s lang!“ erzählt Elke Heidenreich, welche Bücher von Frauen sie geprägt, gerettet und ihren „Welt- und Gedankenhunger gestillt“ haben. 

Sie nimmt uns mit auf eine reich bebilderte Lesereise durch höchst gegensätzliche Welten. Während ihr in ihrer schweren und unglücklichen Kindheit Mädchen- und Backfischromane trotz des unmöglichen Frauenbildes Trost spendeten, tat sich in ihrer Studienzeit mit Schriftstellerinnen wie Simone de Beauvoir, Susan Sontag und Virginia Woolf eine völlig andere Welt auf.

Interessant fand ich, welchen starken Eindruck Figuren wie Nils Holgersson, Märchen und deutsche Heldensagen bei ihr hinterließen. Als Vielleserin fühle ich gern nicht nur eine Verbundenheit mit Romanfiguren und Autoren, sondern auch mit anderen Lesern, vergleiche ihre Reaktionen und Empfindungen mit meinen eigenen. 

„Wir suchen in jedem Buch uns selbst, eine Deutung unseres eigenen Lebens.“ schreibt sie an einer Stelle. Wie wahr! Wäre ich nicht schon längst eine Büchernärrin, hätte Elke Heidenreich mich spätestens jetzt mit ihrer Begeisterung für das Lesen angesteckt.

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2022-06-01
Frankfurt

Reise zur Geburtsstunde des Radios

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Geschichten, die in den 1920er Jahren spielen, haben mit ihrer Aufbruchs- und Pionierstimmung auf mich eine besondere Anziehungskraft. In „Die Radioschwestern“ gilt die Begeisterung dem Radio, das 1927 in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckte. 

Die drei Protagonistinnen wollen sich das Medium auf unterschiedliche Weise zunutze machen, um ihre hochfliegenden Träume zu verwirklichen: Gesa als Hörspielsprecherin, Margot als Cellistin im Rundfunkorchester und Inge als Solosängerin. Ihr beruflicher Alltag beim Südwestdeutschen Rundfunkdienst und die vielen Stolpersteine, die ihnen einige Männer in den Weg legen, zeigten mir zur Abwechslung einmal nicht die Partyszene und den Glamour der Goldenen Zwanziger, sondern drei junge Frauen, die sich mit knappem Einkommen ein unabhängiges Leben in einer Großstadt aufbauen wollen. 

Als interessanten Ausgleich empfand ich, dass die Geschichte auch aus einer männlichen Perspektive erzählt wird: Der Intendant Albert Bronnen sprüht nur so vor innovativen Ideen für den Sender und lässt sich von Befindlichkeiten schwieriger Mitarbeiter nicht beirren. Kein Wunder, dass die Figuren so authentisch wirken: Im sehr informativen Glossar erläutert die Autorin, welche realen Personen hinter ihnen stecken.

Eva Wagendorfer lässt in ihrem rundum geglückten Roman fortschrittliche Visionen auf traditionelle Rollenbilder prallen, gibt Einblick in Hörspielaufnahmen und Außenreportagen und vermittelt viel Zeit- und Lokalkolorit aus dem damaligen Frankfurt.

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