2022-01-15
St. Christoph

Ein Blick in die Heile-Welt-Industrie

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Liebesromane lese ich ziemlich selten. Zuletzt hat mich die Liebesgeschichte zwischen Consuelo Suncin Sandoval de Gómez und Antoine de Saint-Exupéry in „Madame Exupéry und die Sterne des Himmels“ von Sophie Villard stark berührt. Ansonsten spielte der Herzschmerz in meinen vergangenen Lektüren eher eine Nebenrolle.

Die Dokumentation „Herzensbrecher“ von André Schäfer widmet sich ganz und gar dem populären Liebesroman und blickt hinter die Kulissen von renommierten Belletristikverlagen. In Interviews mit Bestsellerautoren, Lektoren, Programmleitern und Fotografen erfahren wir, wie zum Beispiel der Heftroman „Der Bergdoktor“ zum Verkaufshit wurde oder welche Bedeutung das Thema Liebe für die bekannte Schriftstellerin Cecilia Ahern hat. Sehnsuchtsorte wie Gebirgslandschaften, romantische Städte oder schottische Küstenregionen als Kulissen sind wichtige Zutaten, um die Leser in eine Heile Welt zu katapultieren. 

Es kommen aber auch Autoren wie Michel Bierbæk und Daniel Speck zu Wort, die sich etwas realistischeren Liebesgeschichten verschrieben haben, fernab von Arztwelten und Fürstenhäusern. Besonders interessant fand ich das Gespräch mit einer Bloggerin, die die Liebesromane aus feministischer Sicht unter die Lupe nimmt. Die interessante Doku ist noch bis Ende Januar in der arte-Mediathek zu sehen.

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2022-01-12
Reykjavík

Authentischer Künstler- und Emanzipationsroman

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Nach "Hundstagekönig" von Einar Már Gudmundsson verschlägt es mich in „Miss Island“ erneut auf die titelgebende Insel. Ich-Erzählerin Hekla zieht vom elterlichen Hof nach Reykjavik, um Schriftstellerin zu werden. In den sechziger Jahren haben jedoch selbst so begabte Frauen wie sie kaum eine Chance. Das Schreiben ist Männern vorbehalten. So arbeitet sie als Serviererin in einem Hotel, wo sie von aufdringlichen Männern belästigt wird, die ihr raten, sich für die Miss Wahl zu bewerben. Trotz der Ablehnung von allen Seiten bleibt Hekla zielstrebig und schaufelt sich Zeit frei, um zu schreiben.

Das Leid, von der Gesellschaft ausgegrenzt zu werden, teilt sie mit ihrem schwulen Jugendfreund Jón John, der von einer Karriere als Kostümschneider träumt. Audur Ava Ólafsddóttir beschreibt ihren Lebensweg voller Hindernisse und die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse nüchtern, aber eindringlich. Wie ein Dichter, mit dem sie eine Liaison eingeht, und ein Verleger auf ihr Manuskript reagieren, brachte mich ziemlich aus der Fassung. Sehr poetisch spiegeln sich Heklas Schaffenskraft und Befreiungsdrang in den brodelnden Vulkanen wider, die sich wie Nebenfiguren in die Geschichte einfügen.

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2022-01-08
Lakeview

Leben im virtuellen Jenseits

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Werden wir in zehn Jahren so leben wie in der Sci-Fi-Comedy „Upload“? Keine schlechten Aussichten, wenn das Leben nach dem Tod so angenehm weitergeht, vorausgesetzt man hat das nötige Kleingeld. Man lässt einfach seinen Geist digitalisieren und in ein virtuelles Jenseits seiner Wahl hochladen – so wie Hauptfigur Nathan, der nach einem Autounfall in der Nachwelt „Lakeview“ landet. 

Es scheint, als blieben keine Wünsche offen. Nathan braucht nur einen Engel herbeizurufen, in seinem Fall Nora, seine Kundenbetreuerin aus dem Diesseits, mit der er sich anfreundet. Die Kehrseite des Ganzen: Nathan ist dem Willen seiner reichen Freundin Ingrid ausgeliefert, die sein Bewusstsein hochgeladen hat und es kaum erwarten kann, ebenfalls als "Upload" ein Leben an seiner Seite zu führen. Als Ungereimtheiten in Nathans Leben kurz vor seinem Unfall ans Licht kommen, nimmt die Geschichte Fahrt auf.  

Das luxuriöse Ambiente von Lakeview und die technischen Errungenschaften wie Hologramm-Telefone, Lebensmittel aus 3D-Druckern und digitale Landschaftsmalerei sind visuell toll umgesetzt. Die unterhaltsame Amazon-Serie regt jedoch auch zum Nachdenken an, welche Dinge in unserem Leben wirklich von Bedeutung sind. Ich hoffe, dass nach dem Cliffhanger am Ende der ersten Staffel die Fortsetzung nicht lange auf sich warten lässt.

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2022-01-04
Rom

Charismatische Reformpädagogin, die ihrer Zeit voraus war

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In ihrem Buch "Kinder als Lehrer" erzählt Cristina de Stefano in fünf Teilen die bewegende Lebensgeschichte der Pädagogin Maria Montessori – von ihrer Kindheit über die Gründung des ersten Kinderhauses in Rom bis hin zur weltweiten Verbreitung ihrer Lehrmethoden. Dabei überraschte sie mich mit vielen mir unbekannten Facetten: zum Beispiel, dass Montessori Medizin studierte, sich in Freiwilligendiensten mit Feministinnen zusammenschloss und für Frauenrechte kämpfte, ihre pädagogische Lehre in einer Nervenheilanstalt begann und durch eine Lebenskrise zur streng gläubigen Katholikin wurde. Ihre Berufung sah sie jedoch darin, durch zurückhaltende Beobachtung den kindlichen Geist zu erforschen und das Schulwesen zu reformieren.

Die Biografie hat mich in vielerlei Hinsicht tief beeindruckt. Zum einen beschreibt De Stefano sehr anschaulich, anhand welcher Beobachtungen Montessori zu ihren Erkenntnissen kam und ihre didaktischen Materialien und Methoden Stück für Stück verfeinerte und weiterentwickelte. In ihrem Umgang mit Wissenschaftlern, der Kirche und finanziellen Unterstützern wird sowohl ihre Hingabe und Zielstrebigkeit als auch ihr herrischer und unbeugsamer Charakter deutlich.

Mit Spannung begleitete ich Montessori auf ihren Ausbildungslehrgängen quer durch die Welt und bewunderte, wie sie nach jedem Rückschlag wieder bei Null anfing. Sehr gekonnt zitiert die Autorin aus akribisch recherchierten Quellen wie Tagebüchern, Briefen und Berichten ihrer Wegbegleiter und schafft so ein höchst lesenswertes Porträt einer charimatischen Frau, die ihrer Zeit voraus war.

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2022-01-01
München

Frohes Neues Jahr!

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Ich hoffe, Ihr habt eine erholsame und genussvolle Zeit hinter Euch und reichlich Energie getankt, um mit Elan ins Jahr 2022 zu starten. Leider wird man ja viel zu schnell von diversen Verpflichtungen eingeholt und der Erholungseffekt ist im Nu verflogen.

Um dem vorzubeugen, schafft man sich am besten kleine Ruheinseln im Alltag, zum Beispiel für ein gutes Buch oder die flow, eine Zeitschrift "ohne Eile, über kleines Glück und das einfache Leben", die mir schon oft geholfen hat, zur Ruhe zu kommen. Ich habe mir dieses Jahr das erste Mal eine Sonderausgabe mit dem Schwerpunktthema Selbstfürsorge zugelegt. Darin berichten unter anderem verschiedene Frauen, wie sie es schaffen, das Gleichgewicht zwischen Job und Privatleben zu halten, wobei sie am besten entspannen und über Orte, an die sie sich gern zurückziehen. Ich bin gespannt, was Verena Carl zu berichten hat, die zwölf Monate lang verschiedene Self-Care-Aufgaben ausprobiert hat. Getrude Lok unternahm einen Roadrip von Vancouver Island an die Ostküste und erlebte eine spannende Reise zu sich selbst. Mal sehen, ob bei den vielen Ideen für ungewöhnliche Hobbys und Veränderung, den Urlaubs- und Ausflugstipps vor der Haustür auch etwas für mich dabei ist.

In diesem Sinne wünsche ich Euch einen tollen Start ins neue Jahr und viel Freude und Erfolg bei allem, was Ihr Euch vorgenommen habt!

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