2021-09-17
Hamburg

Sei nett – auch zu dir selbst

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Kann man nett zu jemandem sein und damit sich und anderen schaden? Man kann, erklärt Martin Wehrle in seinem Buch „Den Netten beißen die Hunde“ anhand zahlreicher Beispiele aus seiner Beratungspraxis. Zum Beispiel wenn man als Führungskraft nicht hart durchgreift, wenn es erforderlich ist, bei Gehaltsverhandlungen nicht für seine Interessen eintritt oder die ständige Unpünktlichkeit von Freunden akzeptiert.

Der Autor beschreibt kurzweilig und sehr anschaulich, wie schnell Betroffene in die Freundlichkeitsfalle tappen und geht der Sache genau auf den Grund. Als häufige Ursachen nennt er Glaubenssätze aus der Kindheit, die unser Verhalten steuern, oder die Angst vor Ausgrenzung. Dabei erreichen sie mit ihren Selbstzweifeln und übertriebener Rücksichtnahme oft genau das Gegenteil und machen sich unbeliebt.

In jedem Kapitel geht der Karriere- und Persönlichkeitscoach systematisch vor, fasst Kernpunkte prägnant zusammen und leitet Empfehlungen ab, so dass man seinen Gedankengängen gut folgen und das Gelernte festigen kann. In zahlreichen Übungen fordert er uns auf, uns Situationen aus dem Berufs- und Privatleben ins Gedächtnis zu rufen, unsere Motive zu analysieren und alternative Reaktionen durchzuspielen. Er bezieht dabei auch die Bedeutung der Sprache und Körpersprache mit ein und warnt vor sprachlichen Weichmachern.

Vor der Lektüre hätte ich mich noch als zu nett eingeschätzt, doch der Selbsttest und die Übungen ergaben zu meinem Erstaunen ein anderes Bild. Besonders die genaue Differenzierung, in welchen Situationen eine wohldosierte Freundlichkeit angemessen ist, und die Tipps, wie man gleichzeitig nett zu anderen und zu sich selbst sein kann, machen das Buch zu einem wertvollen Ratgeber.

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2021-09-13
Düsseldorf

Neuentdeckungen in der Heimatstadt

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Schon das zweite Jahr in Folge haben wir auf eine Reise ins Ausland verzichtet. Stattdessen fuhr ich zu einem Familientreffen in meine Heimatstadt Düsseldorf - und entdeckte zu meinem Erstaunen eine Menge neuer interessanter Adressen.

Den Anfang machte das Muze Hotel in der Prinz-Georg-Straße, wo meine Schwester, die aus Hongkong angereist war, abstieg. Die Apartments sind nicht nur gemütlich und stylish eingerichtet, sondern liegen strategisch unheimlich günstig. Von dort aus ist es nur ein Katzensprung zur Schadowstraße, Kö und die Altstadt.

An einem lauen Sommerabend spazierten wir durch den Hofgarten bis zum Rheinufer und zurück in die Altstadt und kehrten in der L’Osteria Vetro ein, wo besonders die mit Trüffel gefüllten Tortellini zu empfehlen sind.

Geht man vom Muze Hotel in die entgegengesetzte Richtung nach Derendorf, kommt man auf der Bagelstraße an einer Reihe von netten Frühstückslokalen vorbei. Während das beliebte Birdie & Co. ziemlich überlaufen ist, findet man in der gemütlichen Löffelbar auch ohne Reservierung einen Platz. Sowohl das Hägar Frühstück als auch die American Pancakes und der OMI (Orange/Frische Minze/Ingwer)-Tee waren ein Genuss.

Exquisite Küche, schlechter Service – So wird uns die Sansibar by Breuninger im Kö-Bogen in Erinnerung bleiben. Der Kichererbsensalat und die Kasnocken waren ein Gedicht, auch der Blick direkt auf den See ist nicht zu verachten, doch die Aufmerksamkeit des Personals ließ sehr zu wünschen übrig.

Ein besonderer Höhepunkt war der Geburtstag unserer Mutter. Um ihn gebührend zu feiern, reservierten wir einen Tisch in der Brasserie Stadthaus in der Mühlenstraße - auch dies eine neue Adresse für mich. Nach ein paar unbeständigen Tagen hatten wir Riesenglück mit dem Wetter und konnten  uns auf der schönen Sommerterrasse im Innenhof umrahmt vom Luxushotel De Medici kulinarisch verwöhnen lassen. Zugegeben, das Publikum war ziemlich Schickimicki, aber dafür gab es viel Extravagantes zu sehen.

Meine Schwester und ich waren uns einig: Düsseldorf ist besonders im Sommer eine attraktive und lebendige Stadt und immer wieder eine Reise wert.

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2021-09-09
Solace

Schicksalhafte Verbindung dreier Menschen

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Selten habe ich ein Buch gelesen, in dem die Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen so einfühlsam beleuchtet wird wie in dem Roman „Im letzten Licht des Herbstes“ von Mary Lawson.

Dass ein Teenager namens Rose in der kanadischen Kleinstadt Solace spurlos verschwunden ist, spielt eher eine Nebenrolle. Vielmehr geht es um ihre jüngere Schwester Clara, die am Boden zerstört ist. An ihre vertraute Nachbarin Elisabeth Orchard kann sie sich nicht wenden, da diese im Krankenhaus liegt; ihren Eltern, die ihr Dinge verschweigen, traut sie nicht mehr. So knüpft sie aus lauter Verzweiflung Kontakt zu dem fremden Mann Liam, der in Elisabeths Wohnung gezogen ist.

In weiteren Erzählsträngen lernen wir sowohl Liam, der einen Neuanfang wagt, als auch Elisabeth, die ihren Erinnerungen mit ihrem verstorbenen Mann nachhängt, näher kennen. Was die beiden Figuren miteinander verbindet und offenbar wieder entzweit hat, verrät die Autorin nur häppchenweise und baut so einen großen Spannungsbogen auf. Dabei gibt sie jeder Figur viel Raum.

Es ist bemerkenswert, wie souverän sie zwischen der kindlichen Perspektive und der Erwachsenensicht wechselt und uns tief in ihre Seelen blicken lässt. Claras Entschlossenheit, das Revier ihrer Nachbarin zu schützen, oder Liams Bemühen, nicht die gleichen Fehler zu machen wie in seiner gescheiterten Ehe, haben mich tief berührt. Dieser Roman, in dem sich ein starker Moment an den nächsten reiht, zählt zu meinen Lesehighlights in diesem Jahr.

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2021-09-05
New York

Komplizierte Freundschaft

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Ein Babysitter sollte schon bestimmte Voraussetzungen erfüllen, damit man ihm sein Kind anvertraut. Selten entwickelt sich jedoch gleich so eine enge Freundschaft wie in dem Roman "Friends and Strangers" („Fremde Freundin“) von J. Courtney Sullivan.

Die Schriftstellerin Elizabeth ist nach der Geburt ihres Babys mit ihrem Mann Andrew aus Brooklyn in eine Kleinstadt nahe New York gezogen und stellt die Studentin Sam als Kindermädchen ein. Sie ist wohlhabend, beruflich erfolgreich und hat vieles erreicht, worum andere sie beneiden, auch Sam. Die mittellose Kunststudentin stammt aus einer Arbeiterfamilie und ist noch mitten in der Selbstfindungsphase – sowohl was ihre berufliche Zukunft als auch ihre Fernbeziehung mit Clive angeht.

Trotz der gegensätzlichen Lebenssituationen verstehen sich die beiden immer besser, denn sie sind sich ähnlich: Sie haben wenig Selbstbewusstsein, suchen vergeblich Anschluss unter Gleichaltrigen und fühlen sich unverstanden.

Die Autorin lässt uns abwechselnd in die Köpfe von Elisabeth und Sam schauen und schafft durch ihre prägnante Erzählweise eine große Nähe. Spannend wird es besonders dann, wenn zu viel Nähe und Vertrauen durch neue Ereignisse oder Konstellationen in das Gegenteil kippen und eskalieren. Dazu tragen auch die Nebenfiguren wie Sams Kommilitonen, Elisabeths Eltern und Schwiegereltern bei. Courtney O’Sullivan beschreibt sehr sensibel nicht nur typische Familien- und Generationenkonflikte, sondern auch soziale und gesellschaftliche Missstände.

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2021-09-01
Nagasaki

Abenteuerliche Identitätssuche

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Der Roman „Frey“ von Roland Freisitzer beginnt zunächst wie ein Ehedrama. Es gibt einen heftigen Streit zwischen dem titelgebenden Protagonisten Daniel Frey und seiner Frau – und das wegen ihrer Fernsehbesessenheit. Doch offenbar steckt mehr dahinter. Als Daniel das Weite sucht, spontan in einen Flieger nach Tokio steigt und seinen Sitznachbarn Daniel Bernhaugen näher kennenlernt, nimmt die Geschichte einen völlig unerwarteten Lauf.

Ich kann kaum die weitere Handlung wiedergeben ohne zu spoilern. Nur so viel sei verraten: Einer von den beiden überlebt einen Flugzeugabsturz, leidet unter Gedächtnisverlust und erlebt haarsträubende Abenteuer in Nagasaki.

Ich habe ja schon so manchen Genremix erlebt, doch Roland Freisitzer treibt es wahrlich auf die Spitze. Die Geschichte gleitet munter durch verschiedenste Gattungen – von Drama, Thriller über Gangster- und Actionkomödie bis hin zu Mystery. Dass der Autor dabei sichtlich Spaß hat, ist auf jeder Seite zu spüren. Er spielt nicht nur mit den Genres, sondern auch mit Illusion und Wirklichkeit. Ich rechnete damit, dass der Protagonist in jedem Augenblick aus einem verrückten Traum erwachen wird, und staunte über die fundierten Japankenntnisse des Autors, sei es auf kulinarischem, literarischem oder kulturgeschichtlichem Gebiet. Er schreibt flüssig und humorvoll – Kaum zu glauben, dass dies sein Debütroman ist.

Eine Rettungsaktion zog sich für meinen Geschmack etwas in die Länge. Davon abgesehen hat mich die Lektüre sehr unterhalten. Vor allem dreht sich die Geschichte um einen Gedanken, der auch mich fasziniert: Was wäre, wenn man aus seinem Alltag ausbrechen und das Drehbuch für sein eigenes Leben schreiben könnte?

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