Archiv 2016-03

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Monolog eines Songschreibers

Die Zutaten des neuen Romans von Nicholson Baker „Travelling Sprinkler“ ("Das Regenmobil") machten mich neugierig: Scharfe Alltagsbeobachtungen und tagebuchartige Reflexionen über die großen Themen des Lebens wie Liebe, Glauben und die Kunst lese ich normalerweise gern. Doch die Geschichte entsprach leider nicht ganz meinen Erwartungen. Dabei fängt sie so vielversprechend an: Der Protagonist Paul Chowder lebt in Portsmouth, New Hampshire, und darf sich zum 55. Geburtstag etwas von seiner Ex Roz wünschen, die er gern zurückerobern würde. Er denkt an eine Gitarre, doch das erscheint ihm zu bedeutungsschwanger – stattdessen wünscht er sich ihr legendäres Eiersalatsandwich. 
Paul will künftig keine Gedichte, sondern Liebes- und Protestsongs schreiben und beschäftigt sich intensiv damit, wie man Töne erzeugt. Die Scheune seines Hauses baut er in ein Musikstudio um und füllt sie mit immer mehr technischen Gerätschaften wie Kompositionssoftware, High-Tech-Mikrofon und Mischpult. Alles, was er im Alltag hört oder erlebt, will er in tanzbare Musik verwandeln. Er pendelt zwischen Scheune, Küche und Fitness-Studio und verliert sich dabei in Gedanken über Filme, Komponisten, die amerikanische Politik und den technischen Fortschritt. Ein Symbol dafür ist sein Regenmobil, ein selbstfahrender Rasensprenger, der in seinem Garten steht. 
Musikfans werden sicher ihr Vergnügen an Pauls künstlerischen Experimenten haben, doch ich hätte mir etwas mehr Dynamik in der Handlung gewünscht. Zumindest hat das Buch bei mir die Lust geweckt, Debussys „Sunken Cathedral“, von dem der Erzähler immer wieder schwärmt, sowie ein paar alte Klassiker von Suzanne Vega und Tracy Chapman zu hören.
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Afrika an der Amstel

Bleiben wir doch gleich bei den Tieren. Wer kennt nicht das zwiespältige Gefühl: Man schlendert durch den Zoo, beobachtet die eingesperrten Löwen und Giraffen und fragt sich, ob man sie bemitleiden muss oder beruhigt sein kann, dass sie nicht der wilden Natur ausgeliefert sind. Über Sinn und Unsinn eines Tierparks hat sich wohl auch der Autor Lodewijk van Oord Gedanken gemacht, denn er beschert uns den hinreißend komischen, aber auch tragischen Roman „Das letzte Nashorn“, der vor wenigen Tagen erschienen ist. Van Oord ist Holländer, jedoch in Madrid geboren und arbeitete als Lehrer in Wales und Afrika. 
Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein Zoo in Amsterdam, um dessen Zukunft es nicht gut steht. Zoodirektor und Visionär Edo Morell will dies ändern und boxt einen horrend teuren Umbau durch. Besonderes Highlight des in seinen Augen revolutionären Konzepts soll die Erlebniswelt „Afrika“ werden. Dazu hat er sich bereits die ideale Unterstützung gesichert: Sariah Malan, Halb-Europäerin, Halb-Afrikanerin, hat in einem Naturschutzgebiet in Südafrika Dickhäuter erforscht und wird frisch eingeflogen, um den Posten der Afrika-Managerin zu besetzen.
Während es dem Zoodirektor weder um die Besucher noch um die Tiere, sondern allein um das wirtschaftliche Überleben des Zoos durch die richtige Vermarktung geht, verfolgt Sariah Malan ganz andere Ziele. Ihr geht es allein um den Fortbestand der Nashörner, die besonders durch skrupellose Wilderer ernsthaft gefährdet ist. Je weiter das Afrika-Projekt jedoch voranschreitet, desto mehr nimmt sie jedoch Morells Denkweise an. Ihre ethischen Bedenken verdrängt sie unter dem Vorwand, das letzte Nashorn retten zu müssen und verschreibt sich voll und widmet sich voll und ganz einem wissenschaftlichen Paarungsplan.
Der Autor schildert die Geschehnisse über einen Zeitraum von mehreren Jahren aus wechselnden Perspektiven und bringt eine weitere Figur ins Spiel, die ich besonders interessant finde: Vorstandsmitglied Frank Rida hat als Doktorand die frühmoderne Darstellung von Tieren erforscht und stellt sich voll und ganz hinter Morells Projekt. Für ihn ist der pädagogische Auftrag, möglichst vielen Menschen die Tierwelt zugänglich zu machen, maßgeblich. Daher unterstützt er auch Edo Morell, für den er väterliche Gefühle hegt.
Die interessante Frage, wie wir als Menschen am besten mit Tieren umgehen sollten, hat der Autor in eine kurzweilige Geschichte verpackt, die mal absurd-witzig, mal bissig-ironisch und mit ernsten und nachdenklichen Untertönen erzählt wird. 
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Literarischer Ausflug ins Tierreich

Als Kind kam ich viel öfter mit Tieren in Kontakt als jetzt, sei es beim Zoobesuch, in Märchenbüchern, Kinofilmen wie ‚Bambi’ oder Fernsehserien wie ‚Flipper’. Mit zunehmendem Alter verschwand die Tierwelt leider immer mehr aus meinem Blickfeld. Umso schöner ist es, wenn einem eine Kurzgeschichtensammlung wie „Tiere" in die Hände fällt, die Anfang dieses Monats erschienen ist. Es ist der zweite Band der Sechs-Sterne-Reihe von ars vivendi, bei der sechs bekannte Autoren und Autorinnen beteiligt sind. Diesmal inspirierte Rafik Schami die Kollegenrunde zu Geschichten, die unser Verhältnis zu Tieren beleuchten.
Eine Erzählung handelt beispielsweise von einer Frau, die seit ihrer Kindheit immer wieder in den Körper verschiedenster Vogelarten schlüpft. Die "Metamorphosen" vollziehen sich ganz unscheinbar und werden so einfühlsam und poetisch beschrieben, dass man die Protagonistin als Adler, Uhu, Kolibri oder Eisvogel mit menschlichen Gefühlen regelrecht vor Augen hat. Sehr berührt hat mich auch die Geschichte von einem Geiger, der durch sein einzigartiges Spiel einen Wolf zum Weinen bringt und durch einen sehr klugen Einfall dem Tod entkommt.
Es geht um typische Begierden der Menschen, zum Beispiel den Wunsch nach dem ewigen Leben, nach Reichtum, nach menschlicher – oder tierischer – Nähe und Treue. Wer hat schon das Glück, seinem ‚zweiten Ich’ in einem Tierpark zu begegnen wie die Hauptfigur in der Erzählung von Monika Helfer. Und wer hat nicht schon einmal den Wunsch verspürt, die Gedanken seines Haustiers zu lesen oder sich gar mit ihm zu unterhalten wie in der Geschichte „Die Augensprache der Hunde“, die in Damaskus, der Heimat von Rafik Schaki, spielt.
Die feinsinnigen und fantasievollen Erzählungen bereiten viel Freude beim Lesen und regen zugleich an, über unseren Umgang mit Tieren nachzudenken. Ich kann Rafik Schami nur zustimmen, wenn er im Nachwort deutlich macht, dass man weder über die Tiere herrschen noch sie vermenschlichen darf, sondern sie schlicht mit Respekt und Sensibilität behandeln sollte. 
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Hot Spot für Hot Pots

Eine Freundin von mir macht gerade Sightseeing in China und ist vor ein paar Tagen in Peking gelandet. Neid! Ich war leider noch nie dort und tröstete mich einstweilen mit einem kulinarischen Kurztrip: Gestern probierte ich mit Freunden das erste Mal die Fire Dragon Lounge in München aus. Spezialität dieses chinesischen Restaurants in der Paul-Heyse-Straße ist ein Feuertopf, in dem man wie beim Fondue Fleisch, Gemüse oder Meeresfrüchte in einer scharfen Brühe gart. Die Hot-Pot-Tische mit eingelassener Kochplatte haben die Chefs in China anfertigen lassen. Ähnlich wie das Grillen hierzulande gilt der Feuertopf in Asien als ein höchst geselliges Essen, bei dem jeder sich selbst bedienen und verschiedene Gerichte probieren kann. Das Gargut ist an einem üppigen Buffet angerichtet und reicht von Edamame, Spinat, Rettich, Austernpilzen über Kartoffeln und Nudeln bis hin zu Fischfilets, Garnelen, Muscheln und Oktopussen. In dünne Scheiben geschnittenes Lamm- und Rindfleisch runden das Programm ab, so dass wirklich für jeden Geschmack etwas dabei ist. 
Und dann die guten Würzsoßen! Egal, was ich probierte, es schmeckte alles frisch und köstlich. So kommt man in den Genuss authentischer chinesischer Küche! Kein Wunder, dass die Fire Dragon Lounge bei Chinesen so beliebt ist. Das Lokal erstreckt sich über zwei Ebenen und war rappelvoll. Für noch mehr Asia-Feeling sorgt Karaoke, das samstags zu späterer Stunde statt findet. Es war ein genussreicher Abend, bei dem auch der Spaßfaktor nicht zu kurz kam.
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Fünf sind keiner zuviel

Bahnhöfe in japanischen Großstädten sind ein Phänomen. Shinjuku in Tokio zum Beispiel zählt mit bis zu vier Millionen Passagieren täglich zu den verkehrsreichsten Bahnhöfen der Welt. Die Hauptfigur des Romans „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ von Haruki Murakami ist jedenfalls derart fasziniert, dass er sogar Bahnhofsarchitektur studiert, um beim Bau mitzuwirken. 
Das ist aber auch so ziemlich das Einzige, wofür sich der Protagonist jemals interessiert hat. Mit 36 Jahren erzählt Tsukuru Tazaki seiner Angebeteten Sara Kimoto von seiner Schulzeit in Nagoya. Damals gehörte er zu einer unzertrennlichen Clique, bestehend aus zwei Mädchen und drei Jungen. Dabei verstand er gar nicht, was sie an ihm fanden. Er kam sich nichtssagend und farblos vor – im wahrsten Sinne des Wortes, denn die anderen vier trugen alle Farbbezeichnungen in ihren Namen. Trotzdem war es die glücklichste Zeit seines Lebens – bis zu dem Zeitpunkt, als er ganz plötzlich ohne jegliche Erklärung aus der Gruppe verstoßen wurde. Erst 16 Jahre später ermutigt ihn Sara, der Sache auf den Grund zu gehen. Tsukurus Reise in die Vergangenheit führt ihn bis nach Helsinki und zu der Erkenntnis, wie stark Selbst- und Fremdbild voneinander abweichen können.
Haruki Murakami zählt zu meinen Lieblingsschriftstellern und spielt auch in diesem Roman seine besondere Stärke aus, vermeintlich gegensätzliche Welten miteinander zu verschmelzen. Aus der Sicht von Tsukuru erleben wir, wie die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Realität und Traum, zwischen vollkommener Harmonie und Zerrüttung zerfließen. Tsukurus Stimmung schwankt zwischen düsterer Todessehnsucht und heiterer Melancholie. Stets findet der Autor den perfekten Ton, um etwa die perfekte Chemie in der Clique oder Tsukurus tiefste Depression zu beschreiben. An Murakamis typischen philosophischen Exkursen und Episoden, die ans Mystische und Fantastisch-Absurde grenzen wie zum Beispiel die Frage, ob sechs Finger wohl nützlich oder eher hinderlich seien, mangelt es auch diesmal nicht. Darüber baut der Autor geschickt einen Spannungsbogen und lässt die Leser bis zum Schluss grübeln, was wohl die vermeintlich perfekte harmonische Gemeinschaft von damals entzweit hat.
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Das Licht Spaniens

Ich habe eine zweistündige Reise durch Spanien hinter mir. Nein, ich habe mich keiner Turbo-Sightseeing-Tour für japanische Touristen angeschlossen. Im Gegenteil – ganz entspannt folgte ich mit einem Audioguide dem Ausstellungs-Parcours der Hypo-Kunsthalle in München und ließ mich von Joaquìn Sorolla, „Spaniens Meister des Lichts“, in seine Heimat entführen.
Die Reise begann in Sorollas Heimatort Valencia, wo er gern das Strandleben beobachtete. Er malte im Wasser tobende Kinder oder die Rückkehr der Fischer und fing die Wellenformationen und Lichtspiegelungen im Wasser auf wunderbare Weise ein. Die Bilder erinnerten mich an einen Sommerurlaub im Jahr 2008, als ich ebenfalls viele Nachmittage am Strand Valencias verbrachte. 
Sorolla war äußerst geschäftstüchtig, nahm an großen europäischen Wettbewerben teil und erhielt unter anderem den Grand Prix der Pariser Weltausstellung von 1900. Als äußerst tüchtiger Geschäftsmann knüpfte er Kontakte mit Mäzene und Kunsthandler und verschaffte sich dadurch Aufträge. Dadurch konnte er sich später ausgedehnte Reisen nach San Sebastián, Toledo, Biarritz oder Mallorca leisten. Die kleinen Ölskizzen im  impressionistischen Stil fand ich so faszinierend, dass ich mich kauf von ihnen losreißen konnte. Sie sind kleine feine Kunstwerke – weit mehr als nur  Hilfsmittel für seine großformatigen Werke. Obwohl der Maler angeblich unglaublich schnell skizzierte und Szenerien aus dem Pariser Nachtleben oder Parklandschaften schnell dahintupfte, entstanden perfekte Kompositionen. Man hätte allein in diesem Raum locker eine Stunde verbringen können, um sich kein Detail entgehen zu lassen.
Zwar malte Sorolla am liebsten im Freien, doch er interessierte sich nicht nur für Landschaften, wie seine Porträts von Wissenschaftlern und Künstlerkollegen zeigen. Er malte die Menschen – und mit großer Vorliebe auch seine Frau Clothilde und seine drei Kinder – gern in ihrem eigenen Lebensumfeld, um sie ganz authentisch zu zeigen. 
Die große Sorolla-Retrospektive 2009 im Madrider Prado war wohl ein Riesenerfolg. Hierzulande ist der Maler, der meiner Meinung nach, an Größen wie Monet und Renoir heranreicht, leider recht unbekannt – kein einziges deutsches Museum besitzt einen Sorolla. Ein Grund mehr, diese einmalige Chance zu nutzen und Spaniens Meister des Lichts noch bis zum 3. Juli kennenzulernen. 
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Eine Schrift reist um die Welt

Als ich Anfang des Jahres in Berlin war, wollte ich gern das Buchstabenmuseum besuchen, doch leider war es geschlossen. Ich musste mich mit dem Museumsshop begnügen, in dem ich zum Trost ein paar Bleistifte kaufte. Dafür fand ich kürzlich beim Surfen ein interessantes Magazin rund um das Thema Typografie. „Schrägstrich“ ist ein Projekt des Studiengangs Buch- und Medienproduktion an der HTWK Leipzig und informiert über aktuelle Themen und Trends in den Bereichen Technik, Schrift und Schriftgestalter. Eine Bildergalerie zeigt außerdem ausgefallene Schriftzüge und Buchstaben auf Schildern, Mauern und sonstige Fundstücke in Leipzig.
„Typografie um die Welt“ lautet das Thema der aktuellen dritten Ausgabe, was mich gleich neugierig machte. Mir war nämlich gar nicht bewusst, dass auch Schriftfamilien auf Reisen gehen können. Die Schrift Vialog zum Beispiel fand ihren beträchtlichen Weg von der Münchner U-Bahn zur Autobahnbeschriftung Japans. Sie wurde von Werner Schneider und Helmut Ness für die Münchner Verkehrsgesellschaft ins Leben gerufen und erfüllte alle wichtigen Kriterien: sie ist platzsparend und kann sowohl in kleinen Schriftgrößen auf Fahrplänen als auch bei großen Darstellungen in Leitsystemen schnell und eindeutig erfasst werden. Wichtig war auch die Unverwechselbarkeit der Zahlen 3, 6, 8 und 9 sowie der Buchstaben i,j und l. Dies war wohl ausschlaggebend dafür, dass die Schrift nach Japan gelangte. Seit 2013 setzt die East Nippon Expressway Company die Vialog für die englische Kennzeichnung als Ergänzung zum japanischen Schriftbild ein, denn sie ist ideal, um die sehr häufigen Buchstaben-Kombinationen j-i-i und i-j-i darzustellen. Mittlerweile wird sie auch als Corporate Font für die spanische Bahn renfe und für den Public Transport in New Jersey (USA) verwendet.
Ein anderer interessanter Bericht in diesem Magazin stammt vom Typografen Raya Abdullah, der über seine Arbeit als Professor an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig berichtet. Die Leipziger Werkstatt ist für ihn ein Ort der interkulturellen Kommunikation. Er veranlasste die Einführung der arabischen Buchstaben, die mittlerweile fester Bestandteil seines Typografieunterrichts sind. Es geht ihm dabei um neue Wege, sich mit den verschiedenen Kulturen durch lateinische und arabische Schriften auseinanderzusetzen. Für die Studierenden, die im Gegensatz zu ihm die Zeichen weder lesen noch deuten können, existieren die Formen als ästhetische Gestalt. Ähnlich würde es ihnen vermutlich mit japanischen Kanji-Zeichen gehen. 
Das Magazin kann man als i-Book kostenlos herunterladen. Ich finde das Studienprojekt sehr gelungen und freue mich schon auf die nächste Ausgabe.
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Schnitzeljagd durch 15 Leben

Ich beneide Harry August, Hauptfigur des Romans „First Fifteen Lives of Harry August“ („Die vielen Leben des Harry August“) von Claire North. Er hat mehrere Leben und kann so vieles ausprobieren – als Gelehrter, Abenteurer oder Spion. Seine Missionen führen in rund um die Welt nach London, Berlin, Wien, Leningrad und eskalieren in Peking.
Ich beneide Harry August nicht. Immer wieder wird er im Jahr 1919 geboren mit dem Wissen seiner vorherigen Leben und weiß daher genau, was ihn erwartet. 
Zeitreisen sind ein beliebtes Thema und haben schon so manchen Schriftsteller zu originellen Geschichten inspiriert, zum Beispiel „The time traveller’s wife“ von Audrey Niffenegger. Claire North hat sich ein besonders großes Pensum vorgenommen, denn sie berichtet gleich von 15 Lebensläufen, die allerdings tragischerweise sehr ähnlich ablaufen.
Harry August fühlt sich auch im vierten Leben keine Spur klüger oder furchtloser. Er verliert den Glauben an Gott und wendet sich den Wissenschaften zu. Er will die Welt verstehen und wird zum Spion, um Verschwörungstheorien nachzugehen. Dabei hat er genügend Geld und alle Zeit der Welt – eigentlich könnte er sich entspannt zurücklehnen und sein Leben genießen. Sein Wissen über die bevorstehenden Ereignisse setzt ihn jedoch extrem unter Druck – besonders dann, als ihm in seinem elften Leben an seinem Sterbebett ein kleines Mädchen prophezeit, dass der Weltuntergang bevorstehe und nur Harry dies verhindern könne.
Ich stellte mir während der Lektüre oft die Frage, wie es sich wohl lebt, wenn man sein Wissen nicht aus Büchern oder aus zweiter Hand bezieht, sondern aus seinen eigenen Erfahrungen. Als Leser lernt man jedenfalls eine ganze Menge, denn Harry beschäftigt sich als Dozent an der Uni unter anderem mit Physik und erklärt auf sehr verständliche Weise die Beschaffenheit des Universums. 
Andererseits wird einem vor Augen geführt, welche Konsequenzen jede noch so kleine Entscheidung haben kann. Wenn der Protagonist durch eine bestimmte Tat ein Unglück verhindern will, löst er dadurch womöglich ein anderes, noch viel größeres aus. Dies kann zu Absurditäten führen wie, dass Harry August einen Mörder jagt, der noch gar keinen Mord begangen hat.
Claire North wirft in ihrem intelligenten Roman auf sprachlich sehr hohem Niveau viele Fragen auf. Was lernen Menschen aus der Geschichte? Welche Gefahr kann Allwissenheit bedeuten? Ein Thema, dass niemals seine Aktualität verlieren wird. 
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Willkommen zu Hause

Bisher war Booking.com mein bevorzugtes Reisebuchungsportal – vor allem wegen der ausführlichen Zimmerbeschreibungen und der zuverlässigen Abwicklung. Nun wurde ich aber neugierig auf eine weitere Option, von der mir viele Freunde schon Positives berichten haben: airbnb, eine Online-Plattform aus San Francisco, die private Unterkünfte vermittelt. 
So beschloss ich, für unsere geplante Reise nach New York im Mai das Angebot dieses beliebten Übernachtungsservice zu studieren. Die Auswahl ist tatsächlich enorm. Man kann Stunden damit verbringen, sich durch die Fotos der Apartments in Brooklyn, Queens und Williamsburg zu klicken. Der Einrichtungsstil reicht von loftartig cool und minimalistisch bis hin zu quietschig-bunt und überladen. Einige Wohnungen sind über sehr lange Zeiträume verfügbar, was den Verdacht bestätigt, dass mittlerweile viele gewerbliche Vermieter mitmischen. 
Unsere Wahl fiel schließlich auf das „Hip & Lux Garden Apartment“ von Michelle & Rob, das Top-Bewertungen hat. Ausschlaggebend für uns war neben den geräumigen hellen Zimmern und der stilvollen Einrichtung ein hübscher Garten, in dem wir zwischen unseren Sightseeing-Touren relaxen können. Außerdem ist es für uns eine gute Gelegenheit, nicht nur Manhatten, sondern auch den hippen Stadtteil Brooklyn näher zu erkunden. Bei der Buchungsanfrage wurde ich aufgefordert, mich den Vermietern kurz vorzustellen, was zunächst etwas befremdlich war. Andererseits würde ich im umgekehrten Fall auch wissen wollen, wem ich mein Zuhause überlasse. So gab ich einiges über mich preis und erhielt prompt eine Zusage – unserem Städtetrip steht damit nichts mehr im Wege.  
Vor langer Zeit hatte ich schon einmal das Vergnügen, in einer privaten Unterkunft in der Upper East Side zu wohnen und zwar bei der Freundin meiner Schwester, die zu der Zeit verreist war. Morgens drehte ich laut „Last Days of Disco“ auf, um mich auf einen klirrend kalten Wintertag einzustimmen, machte mir Frühstück, sah abends ein paar Folgen „Seinfeld“ und kam mir fast vor wie eine Stadtbewohnerin. Ich bin gespannt, wie uns die Wohnung in Brooklyn gefallen wird.
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Abendprogramm auf japanisch

Mit dem Fire TV-Gerät tun sich ständig neue Nutzungsmöglichkeiten auf: erst das Videoangebot von Amazon Prime, dann die Apps für TV Mediatheken. Mein neuester Fund sind japanische Serien, ‚Dorama’ genannt, die ich von YouTube mittels Airplay auf den Fernseher übertragen kann. 
Wenn ich schon nie die Gelegenheit hatte, längere Zeit in Japan zu leben, kann ich wenigstens auf die Weise in das Office- und Freizeitleben dort hineinschnuppern und sehen, was die Japaner in ihrem Alltag so beschäftigt. Zwei in Japan sehr erfolgreiche Serien haben mir besonders gut gefallen. 
Fangen wir mit der tragischen an: „A beautiful life“ aus dem Jahr 2000, die damals in Japan eine Einschaltquote von knapp 38 % erreichte, erzählt von der Bibliothekarin Kyoko im Rollstuhl, die sich in den Haarstylisten Shuji verliebt. Man könnte die Handlung als rührselige Romanze abtun, aber mich hat sie sehr berührt, weil sie auf sensible und vielschichtige Weise vermittelt, was ein Handicap für eine Beziehung bedeuten kann. Die Chemie zwischen den glänzenden Hauptdarstellern Takuya Kimura und Takako Tokiwa stimmt perfekt. Ihre Liebe wird durch banale praktische Aspekte im Alltag und die Sorgen um eine gemeinsame Zukunft auf die Probe gestellt. Kyokos konservatives Elternhaus steht im starken Kontrast zur jungen hippen Szene, in der Shuji verkehrt. 
Weitaus heiterer ist die Serie „Long Vacation“, die in Tokio spielt – vor allem wegen der schrägen Darstellerin Tomoko Yamaguchi. Sie schlüpft in die Rolle der 31-jährigen Minami, die von ihrem Bräutigam kurz vor der Hochzeitszeremonie sitzen gelassen wurde. Auf der Suche nach einer Bleibe nistet sie sich bei dessen ehemaligem Zimmergenossen Sena ein. Die temperamentvolle Minami, die kein Blatt vor den Mund nimmt, und der introvertierte Möchte-Gern-Pianist Sena bilden ein explosives Gespann, dass mitunter die Fetzen fliegen. Die Story rutscht dabei nie ins Seichte ab und hat besonders dann ihre Momente, wenn die Protagonisten versuchen, Enttäuschungen zu verarbeiten, sich von Konventionen und Abhängigkeiten zu befreien, um ihre wahren Lebensträume zu verfolgen.
Das 4:3 Format wirft einen zwar technologisch zurück, doch die Qualität ist erstaunlich gut. Japanisch-Kenntnisse sind nicht unbedingt erforderlich, denn die Serien sind mit englischen Untertiteln versehen. 
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