Archiv 2015-05

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Gewagter Psycho-Poker

Falls Ihr demnächst eine Reise nach Südafrika oder Indien plant, solltet Ihr Euch nicht unbedingt die Mini-TV-Serie „Der Jäger – Geld oder Leben“ ansehen. Alle anderen könnten aber Gefallen finden an dem spannenden Krimi, der kürzlich auf arte ausgestrahlt wurde. 
Die Hauptfigur Dominic King arbeitet bei der Sicherheitsfirma „Kidnap & Ransom“. Sein Job besteht darin, ohne Einschaltung der Polizei mit Entführern zu verhandeln, das Lösegeld auszuliefern und die Geiseln heil nach Hause zu bringen. Ein gewöhnlicher Fall wäre sicher in einer 45-minütigen Folge abgehandelt, doch hier ist die Handlung weitaus komplexer und erstreckt sich über je drei Folgen.
Im ersten Entführungsfall wird eine britische Botanikerin in der Kap-Region entführt. Es gelingt Dominic, sie zu befreien, doch erst da beginnt die eigentliche Handlung und man erfährt, worauf es die Entführer in Wirklichkeit abgesehen haben. Der zweite Auftrag führt den Unterhändler nach Kaschmir in die Stadt Srinagar, wo gleich ein ganzer Reisebus gekapert wird. Was die Entführer nicht wissen und ihrer Tat große Brisanz verleiht: Es befindet sich hohe Prominenz an Bord.
In Dominics Haut möchte man weiß Gott nicht stecken. Jedes noch so kurze Telefonat mit den Kidnappern entscheidet über Leben und Tod der Geiseln. Die Verhandlungen und seine riskante Vorgehensweise sind schon nervenaufreibend genug, doch die Spannung wird durch unerwartete Wendungen und Komplikationen nochmals gesteigert. Oft trügt der Schein und es steckt weitaus mehr dahinter als eine simple Geldforderung. Gut integriert in die Handlung sind die malerischen exotischen Schauplätze. Nach „Broadchurch“ wieder eine anspruchsvolle britische Serie, die mich beeindruckt hat.
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Eine Köchin reist durch die Weltpolitik

Überwältigt von den vielen Eindrücken kehrte ich letzten Samstag Abend von einer Welt- und Zeitreise durch ein Jahrhundert zurück. Mit von der Partie waren Rose, Hauptfigur in dem Roman "Ein Diktator zum Dessert" von Franz-Olivier Giesbert, und ihr Salamander und beste Freundin Theo.
Rose, die mit 105 Jahren ihre Memoiren verfasst, wäre gern zu einer anderen Zeit auf die Welt gekommen. Doch es ist das "Jahrhundert der Mörder". Als Armenierin erlebt sie den Völkermord durch die Türken und verliert dabei ihre Familie. Als Lustsklavin gelangt sie nach Marseille und wechselt dort ihren "Job" zur Mülltonnenplünderin. Erst als sie von einer Bauernfamilie in der Provence aufgenommen wird, findet sie zum ersten Mal so etwas wie ein wohlbehütetes Zuhause und ihre große Liebe. Doch das Glück währt nicht lang. Der plötzliche Tod der Adoptiveltern und eine Hetzjagd auf ihren Geliebten Gabriel, der für einen Juden gehalten wird, zwingt das Paar, zu dessen Onkel nach Paris zu flüchten.
Schon an dieser Stelle meint man, Rose habe mit ihren 18 Jahren so viel erlebt, wie andere nicht mal im ganzen Leben. Doch ihre turbulente Reise durch Länder und die Weltpolitik geht in einem rasanten Tempo weiter. In Paris eröffnet sie ihr Restaurant "La Petite Provence" und bekocht Himmler, Sartre und Beauvoir. Nach den Stationen New York, Chicago, Berlin, Gmund und Peking, wo sie mit der maoistischen Politik konfrontiert wird, kehrt sie in ihre Wahlheimat Marseille zurück.
Rose ist eine Figur, die einem immer stärker ans Herz wächst. Zugegeben, ihre moralischen Prinzipien sind fragwürdig, wenn sie sich für jeden Verlust, den sie erleidet, persönlich rächt, um ihren Seelenfrieden wiederzufinden. Andererseits kennt ihre Opferbereitschaft und Selbsterniedrigung keine Grenzen, wenn es um ihre geliebten Menschen geht. Bewundernswert ist, wie die nicht enden wollenden Schicksalsschläge ihrer Lebensfreude nichts anhaben können. Das Trendwort "Resilienz" erfährt hier eine völlig neue Dimension. 
Ich finde, der deutsche Titel ist unglücklich gewählt. Der Originaltitel "La cuisinière d'Himmler" (Die Köchin von Himmler) trifft es besser. Ansonsten hat der Roman in jeder Hinsicht meinen Geschmack getroffen, was wohl an den gelungenen Zutaten liegt: eine originelle Story, eine gut gezeichnete Protagonistin mit Zügen einer Antiheldin, politisches Hintergrundwissen, spannende Schauplätze und faszinierende Fabulierkunst. Vielleicht werde ich eines von Roses Rezepten nachkochen, die im Buch enthalten sind, um den Lesegenuss bald wieder zu beleben.
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Opfer. Täter. Mitläufer.

Der Mordfall, der die Geschehnisse in dem Roman "Wolfsstadt" von Bernd Ohm ins Rollen bringt, könnte aus einem skandinavischen Krimi stammen: Eine Gelegenheitsprostituierte wird mit abgetrennten Gliedmaßen in einem See gefunden. Hier hört allerdings jegliche Gemeinsamkeit auf. Der Leichenfundort ist nämlich der Langwieder See in München und der Ermittler ein Kommissar aus Mahlow in Hinterpommern.
Man schreibt das Jahr 1948. Der Kripobeamte Fritz Lehmann hat in den US-Kriegsgefangenenlagern englisch gelernt und will in der bayerischen Hauptstadt ein neues Leben beginnen. Er geht in Bars, hört Jazzmusik und versucht, unter der amerikanischen Besatzung seinen Platz zu finden. Nachts wird er jedoch von Alpträumen heimgesucht: Seine Vergangenheit als Mitglied der OrPo und vor allem eine Massenerschießung im ukrainischen Sarny, an der er beteiligt war, quält ihn immer wieder – erst recht, als ihn sein aktueller Fall zu jüdischen Überlebenden des Holocausts führt. Parallel observiert er seit Monaten den einstigen Sturmbannführer Nowak, mit dem er noch eine Rechnung zu begleichen hat.
All das wird im Bewusstseinsstrom der Hauptfigur erzählt. Manchmal kam es mir so vor, als würde ich in einer Kneipe einem Bekannten lauschen, der in einem nicht enden wollenden Redefluss den Arbeitsalltag im Polizeipräsidium in der Ettstraße, Verfolgungsjagden am Isarhochufer, wo ich noch vor kurzem gewohnt habe, und was ihm dabei durch den Kopf geht, schildert. Mit viel Ironie beschreibt er aus Lehmanns Perspektive das Auftreten der Amerikaner: „...so freundlich und überlegen und ein bisschen amüsiert, dass man da so ein ulkiges deutsches Tierchen vor sich hat, auch so ein bisschen lauernd, ... ganz aus sich heraus kommen die nie vor einem Deutschen, weil man ja schließlich auch besiegter Feind ist.“ 
Man wünscht sich, er möge immer so fortfahren in diesem lockeren Ton, doch dann schlägt sein Stil rigoros um, wenn er mit verstörender Präzision die Gräueltaten der Naziverbrecher beschreibt. In seinem Autorenblog erklärt Bernd Ohm, der in Augsburg unter anderem Neuere und Neueste Geschichte studierte, warum er sich so intensiv mit dem Thema beschäftigt hat: Nachdem er in geschichtswissenschaftlichen Werken keine überzeugende Erklärung für die Ursachen des Holocausts finden konnte, wagte er den Versuch, durch eine fiktive Erzählung Einblick in den Geist der Menschen, die damals am Werk waren, zu bekommen. Sein 500 Seiten starker Debütroman über Mörder mit schlechtem Gewissen und Opfern, die selbst zu Mördern werden, erfordert Zeit und volle Aufmerksamkeit, doch die Lektüre ist lohnenswert.
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Zerbrechlicher Mikrokosmos

Wir befinden uns in Broadchurch, einer fiktiven Kleinstadt an der Südküste Englands. Ein Klempner und Familienvater radelt zur Arbeit und scheint jeden im Dorf zu kennen. Gut gelaunt wirft er Nachbarn und Ladenbesitzern einen freundlichen Gruß zu. So familiär kann das Leben in einer Kleinstadt sein.
Doch was passiert, wenn der elfjährige Sohn desselben tot aufgefunden wird? Vorbei ist es mit der scheinbaren  Idylle. Vertrauen unter den Bewohnern schlägt in Misstrauen und Gewaltbereitschaft um, zumal im Laufe der Ermittlungen immer Menschen für die Tat in Frage kommen.
Die britische Miniserie „Broadchurch“ fängt etwas schleppend an und zieht das Drama, das der Tod des kleinen Jungen in der Familie auslöst, in die Länge. Doch später begreift man, dass dies Teil der Dramaturgie ist. Die Serie folgt nicht dem Schema F eines Krimis, der mit einem Verbrechen beginnt und mit der Verhaftung des Täters endet. Der Fall ist nur der Auslöser für den Zusammenbruch einer vermeintlich harmonischen Dorfgemeinschaft. Immer mehr dunkle Geheimnisse einzelner Dorfbewohner werden enthüllt und lässt sie nicht gerade in einem guten Licht dastehen. Dies geschieht zunächst weniger durch geschickte Polizeiarbeit, sondern vielmehr durch den Ehrgeiz zweier Journalisten, die eine heiße Story wittern.
Zu den Verdächtigen zählt auch der Pfarrer, dessen Predigten über Nächstenliebe und Zusammenhalt einen krassen Gegensatz bilden zu dem, was sich in der Realität abspielt. Mit der Solidarität ist es nicht weit her, sobald die eigene Sicherheit bedroht wird. So bekommen die Bewohner von Broadchurch zu spüren, was es heißt, wenn sich alle gegen einen verschwören.
Neben den vielschichtigen Figuren trägt auch der Schauplatz rund um die schroffen Felsen zur düsteren Atmosphäre dieser brilliant erzählten Geschichte bei und wird immer wieder künstlerisch in Szene gesetzt. Kein Wunder, dass die Serie in England mit einer Einschaltquote von mehr als dreißig Prozent ein großer Erfolg war.
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Tango und Cash

So hieß doch mal eine amerikanische Actionkomödie aus den 80er Jahren. Der Titel würde auch gut zu der Erzählung "Fast ein bisschen Frühling" von Alex Capus passen, die ich zufällig entdeckt und in einem Rutsch gelesen habe. 
Im Mittelpunkt stehen nicht zwei Polizisten aus L.A., sondern zwei deutsche Ingenieure aus Wuppertal. Kurt Sandweg und Waldemar Velte besuchen im Jahr 1934 in Basel jeden Mittag die Schallplattenverkäuferin Dorly Schupp im Kaufhaus Globus, kaufen eine Tango-Platte, die sie nachmittags auf ihrem Zimmer rauf und runter hören, nehmen in ihrem Stammlokal beim Basler Centralbahnhof ein Abendessen ein und gehen abends mit Dorly und ihrer Freundin Marie Stifter am Rhein spazieren. Ein ganz und gar nicht ungewöhnlicher Alltag zweier junger Burschen, hätten sie nicht zuvor zwei Banken ausgeraubt und mehrere Menschen erschossen. 
Die Hauptfiguren dieses Kurzromans, der auf einer wahren Begebenheit beruht, sind schon ein seltsames äGespann. Seit ihrer Kindheit schütteln sich Kurt und Waldemar jeden Tag zur Begrüßung die Hand, tragen Knickerbockers und teure Tweedmäntel. Ihren ersten Bankraub verüben sie am 8. November 1933 in Stuttgart, um dem Nazideutschland den Rücken zu kehren und in Indien ein neues Leben zu anzufangen. Als dabei der Kassierer stirbt, sind sie wie Bonnie und Clyde ständig auf der Flucht. Mit den erbeuteten 1.250 Reichsmark kommen sie allerdings nicht wie erhofft nach Indien, sondern gerade mal nach Paris.
Ihre Erlebnisse lesen sich teilweise wie Zeitungsmeldungen, dann wieder wie ein Reisebericht der etwas anderen Art. Von "den surrealistischen Ausstellungen, mageren Mädchen, Boxkämpfen und der Wichtigtuerei" der französischen Hauptstadt haben die beiden schnell die Nase voll. Ihr Urteil über Marseille fällt nicht minder hart aus: die "Operettenlandschaft", die Palmen, Rebbergen, Luxushotels und Wildpferde seien genau so, wie sich deutsche Pensionisten Südfrankreich vorstellten. 
Man wird nicht ganz schlau aus den zwei Charakteren: die Frohnatur Kurt und der grüblerische Waldemar, beide einerseits charmant, verträumt und nostalgisch, andererseits kaltblütig und gefährlich, wenn sie ihre Verbrechen begehen, die sie als akiven Widerstand gegen die Nationalsozialisten sehen. Ihr Schicksal ist nicht tragischer als das von Marie Stifter, der Großmutter der Erzählerin, die ihr Leben lang unter einer arrangierten unglücklichen Ehe mit dem Sohn einer gleichrangigen Familie leiden muss.
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Schräger Gangsterstreifen

Neulich beim Aufräumen fiel mir die DVD „Two Hands“ mit Heath Ledger in die Hände. An die Handlung konnte ich mich nur dunkel erinnern, aber ich wusste, dass mich der Film total begeistert hatte. Aus Neugier sah ich ihn mir vor ein paar Tagen noch einmal an und verstand warum.
Die Story ist schnell erzählt. Jimmy, gespielt vom jungen Heath Ledger, arbeitet als Türsteher einer Strip-Bar im Viertel Kings Cross von Sydney. Stets knapp bei Kasse nimmt er einen Auftrag von einem Gangsterboss als Geldkurier an. Das geht jedoch gehörig in die Hose und Jimmy muss einen Weg finden, das verlorene Geld wieder aufzutreiben. Dafür schreckt er auch vor einem Bankraub nicht zurück – der witzigste Banküberfall, den ich je in der Filmgeschichte gesehen habe!
Die Gaunerkomödie weicht völlig vom Mainstream-Kino ab und amüsiert durch seinen rabenschwarzen Humor und schräge Figuren. Auf komisch-tragische Weise erleiden wir mit Jimmy eine Pechsträhne nach der anderen. Trost findet er nur in einer Romanze mit der süßen Rosalie alias Rose Byrne, die sich in der Serie „Damages“ zu einer toughen Anwältin gemausert hat.
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Frischluft fürs Gehirn

Die Natur entfaltet ihre ganze Frühlingspracht und lädt ein zu Spaziergängen und Wandertouren. Wem Gehen allein zu langweilig ist, kann nebenbei sein Gehirn auf Trab bringen und zwar mittels BrainWalking. 
Brainstorming habe ich schon etliche Male praktiziert, aber BrainWalking? Davon hatte ich noch nie gehört. In einer Fernsehreportage erfuhr ich, dass man darunter einen Erlebnisspaziergang versteht, der Sinneswahrnehmung und Konzentration mit Bewegung in der Natur verknüpft. 
Die Gehirnexpertin Stefanie Probst zum Beispiel bietet regelmäßig Brain Walking Touren in Hamburger Parkanlagen an. Der 60- bis 90-minütige Spaziergang beginnt mit einer Aufwärmübung, bei der die Teilnehmer im Grünen flanieren und dabei Buchstaben mit ihren Händen ertasten. Auf die Weise werde das Gehirn schnell durchblutet und das Konzentrationsvermögen im Alltag gesteigert, erklärt Stefanie Probst. In einer weiteren Übung spielt sie verschiedene Geräusche hintereinander ab und die Teilnehmer sollen sich so viele wie möglich merken.
Dass die Kombination von Denksport und Bewegung gutes Gehirntraining ist, hatte ich schon mal gehört. Es wäre schön, wenn die Aerobic- und Stepstunden mit ziemlich anspruchsvollen Choreographien, die ich in meiner fanatischen Fitnesszeit fast täglich absolviert habe, auch meinen Alterungsprozess etwas aufhalten konnten. Führt man seinem Gehirn on the top noch frische Luft zu, bringt man seine mentale Fitness wohl regelrecht auf Hochtouren. Die nächste BrainWalking-Tour im Hamburger Stadtpark findet am Sonntag, 24. Mai, statt.
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"Vom Träumen ist noch niemand satt geworden"

So lautet das Lebensmotto des Unternehmers Friedrich Gehringer, zentrale Figur des Romans „Als Träume fliegen lernten“ von Heike Fröhling, und prägt damit das Leben seiner Familie über mehrere Generationen. Auch Enkelin Luisa ordnet sich gehorsam unter und übernimmt das finanziell angeschlagene Möbelhaus Gehringer von ihrer Mutter.
Die einzige Frau, die sich bis zum Schluss diesem Leitspruch widersetzt hat, ist die verstorbene Großmutter Enriqua. Dies jedoch erfahren Luisa und ihre Tochter erst, als während Renovierungsarbeiten Briefe und Tagebücher der Großmutter entdeckt werden. Darin schildert die einstige spanische Balletttänzerin ihre erschütternde Ehe mit Friedrich in den 1930er Jahren.
Zuvor hatte Enriqua die Welt bereist und mit den Ballettgrößen der Welt getanzt. Tanzen ist ihre Berufung und Leidenschaft – dafür würde sie alles tun. Die aus finanzieller Not geschlossene Vernunftehe mit Friedrich droht jedoch, ihren Lebenstraum zunichte zu machen. Ihr Ehemann ist kalt und grausam, hat die Verfügungsgewalt über das Geld, das Haus und das Personal. Als Enriqua heimlich eine Anstellung als Kindermädchen findet und Tanzunterricht gibt, schöpft sie Hoffnung, doch das Glück ist nur von kurzer Dauer.
Der Leser bekommt abwechselnd Einblick in Enriquas tragisches Leben und Luisas mühevollen Alltag in der Gegenwart. Die Betreuung ihrer demenzkranken Mutter, die Erziehung ihrer Tochter Melina, die das Studium abgebrochen hat und die Rettung des Familienbetriebs lasten schwer auf ihren Schultern. Was kann sie aus Enriquas Tagebüchern und der Enthüllung eines schockierenden Familiengeheimnisses lernen?
Die Autorin und erfolgreiche Selfpublisherin Heike Fröhling arbeitet die Schicksale der vier Frauen und deren Gefühle sehr gut aus. Man fragt sich, welche Aspekte sich in ihren Geschichten wiederholen werden. Dass Enriqua trotz der körperlichen und psychischen Grausamkeiten, die sie erleiden muss, bei ihrem Ehemann bleibt, ist in der heutigen Zeit undenkbar. Verpflichtungen gegenüber der Familie dagegen können leider auch heute noch einen Menschen daran hindern, seine Träume zu verwirklichen.
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4 Real & true 2

Zwei Tage später trat ich erneut eine imaginäre Reise an. Diesmal ging es nicht nach China, sondern rund um den Globus zu sehr skurril wirkenden Schauplätzen, die Wim Wenders in der Ausstellung "4 Real & true 2" ("in echt und auch wahr") präsentiert. In seiner Heimatstadt Düsseldorf zeigt das Museum Kunstpalast eine Auswahl von etwa 80 großformatigen Fotografien und Landschaftspanoramen, die unter anderem in Australien, Japan, Europa und USA entstanden sind.

Von Wim Wenders sind mir die Filme "Taxi Driver" und "Buena Vista Social Club" besonders in Erinnerung geblieben. Dass der weltbekannte Regisseur ursprünglich Maler werden wollte und sich sogar an der Düsseldorfer Kunstakademie beworben hatte, war mir neu. Schließlich ging er 1967 auf die Filmhochschule in München, sah dabei den Film als "Fortführung der Malerei mit anderen Mitteln".

In Filmen erzählt er, in Fotos dagegen lässt er die Orte erzählen. Er fotografiert analog, ohne Kunstlicht und ohne Stativ. Fasziniert haben mich vor allem die Aufnahmen menschenverlassener Orte wie die rostenden Buchstaben des armenischen Alphabets mitten in der Wildnis oder eine einsame Landschaft in Wyeth. Seine Bewunderung für den Maler Edward Hoppers ist unverkennbar. Als Laie konnte ich nicht bei allen Fotos einen künstlerischen Anspruch erkennen und dachte mir hier und da, dass ich mit meinem Urlaubsschnappschuss hätte konkurrieren können. Aber ich heiße eben nicht Wim Wenders.
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Skandal in Hongkong

Letztes Wochenende begab ich mich auf eine Zeitreise durch 300 Jahre wechselvolle chinesische Geschichte, von der Kaiserzeit bis zur Gegenwart einer Wirtschaftsmacht. In Dortmund wurde die Ballettinszenierung "Der Traum der roten Kammer" von Xin Peng Wang gezeigt und mit begeistertem Applaus honoriert.
Nicht so im Oktober 2013, als das Stück in Hongkong Premiere hatte. Funktionäre stürmten die Bühne und empörte Politiker forderten eine Zensur, als sie mit ansehen mussten, wie Bücher in Ölfässern verbrannt, Gemälde zerfetzt und eine Buddha-Statue zerstört werden. Die Zensur wiederum löste einen Aufschrei der Presse aus.

Erzählt wird die Geschichte des jungen verträumten Pao-Yü, seiner unglücklichen Liebe und dem Aufstieg und Fall des mächtigen Hauses Kia. Nach Pao-Yüs vergeblichem Kampf gegen die Konventionen einer intoleranten Gesellschaft kehrt er allem Weltlichen den Rücken und wendet sich Buddha zu. Der 4.000 Seiten umfassende Roman "Der Traum der roten Kammer" gilt als einer der bedeutendsten Nationalromane Chinas. International dagegen ist das Team, das hinter der Realisierung des Balletts steht: Die Musik stammt von einem weltbekannten englischen Komponisten, das Bühnenbild von einem Deutschen, die Kostüme von einem Chinesen, das Lichtdesign von einem Hongkonger Künstler und das Drehbuch von einem Wiener Autor. Die farbenprächtigen Kostüme, die Darbietung der exzellenten Tänzer und die dramatische Choreographie im dritten Akt waren wirklich sehenswert. Auch wenn Ballettdirektor Xin Peng Wang von der Reaktion Hongkongs tief enttäuscht war, so hat ihm die Zensur und der Skandal doch ein gewaltiges Publikumsinteresse beschert.
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Schwimmlektion über Salatschüssel

Geschichten rund um Hotelinterieurs, -gäste und -personal finde ich immer wieder spannend. Zu gern würde ich beispielsweise einen Tag im Grand Hotel Cap Ferrat an der Côte d’Azur verbringen. Nicht, weil ich mir den Luxus leisten möchte, sondern eher, um mich ein wenig zu amüsieren.
Am Pool dieses exklusiven Luxushotels könnte ich beispielsweise Pierre Grüneberg bei seiner Arbeit beobachten. Seit 60 Jahren gibt er dort Schwimmunterricht – und zwar im Trockenen. Gäste wie die Kinder Charly Chaplins, Tina Turner, Gerard Depardieu oder Robin Williams lernten bei ihm die richtige Atemtechnik beim Schwimmen. Alles, was sie dazu brauchten, waren ein Strohhalm, eine Schwimmbrille und eine mit Wasser gefüllte Salatschüssel. Sie hielten den Kopf ins Wasser während Grüneberg Anweisungen wie „Bubbles, bubbles, bubbles - breathe" gab. Meine Atem- und Kraultechnik hätte sicher auch noch Luft nach oben.
Was ich mich in diesem Hotel nicht trauen würde, ist, die perfekt gemachten Betten zu benutzen. Die Relation zwischen 73 Betten und 350 Angestellten sagt schon einiges über den Qualitätsanspruch des Hauses. Die Richtlinien für das Bettenmachen als streng zu bezeichnen wäre untertrieben. Der Abstand zwischen der umgeschlagenen Decke und dem Kopfende muss genau eine Hand breit sein. Die Etagen-Endkontrolle fordert bei Bedarf Personal zum Nachbügeln an.
Da lobe ich mir doch unsere Serviced Appartments, in denen die Betten vielleicht nicht perfekt, aber liebevoll gemacht werden.
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Wie Shopping zum Erlebnis wurde

Kaufhäuser können heutzutage keinen mehr vor dem Ofen hervorlocken. Wie anders war das doch im 19. Jahrhundert, als Warenhäuser wie die "Galeries Lafayettes" in Paris oder "Bloomingdale's" in New York florierten. Sie verströmten Luxus, Eleganz, Aufbruchsgeist und standen für all die Verheißungen des Lebens.
Ein Roman, der den Mechanismus und die Versuchungen eines Warenhauses sehr treffend beschreibt, ist "Le Ventre de Paris" von Emile Zola. In ähnlicher Manier begeistert mich nun die britische Dramaserie "Mr. Selfridge". Sie handelt vom amerikanischen Unternehmer Harry Gordon Selfridge aus Chicago, der das Luxuskaufhaus 1909 in London eröffnete und etablierte. Seine Visionen, sein Tatendrang und einfallsreiches Marketing reißen den Zuschauer von der ersten Folge an mit. Ein Automobil im Schaufenster, eine Signierstunde mit Sir Arthur Conan Doyle, der Auftritt einer berühmten russischen Tänzerin ... nichts ist ihm zu extravagant. Als seine Idee, erstmals Parfüms als Auslagen im Eingangsbereich offen zu präsentieren, vom Personal mit großen Bedenken aufgenommen und umgesetzt wird, kann man nur schmunzeln, weil es für uns so selbstverständlich ist.
In dieser Serie findet sicher jeder seine Identifikationsfigur: entweder in der jungen Agnes, die lernbegierig ist und großes Talent als leitende Verkäuferin und Dekorateurin beweist. Oder Rose Selfridge, die von ihrem Mann vernachlässigt wird, ihre Leidenschaft zur Malerei wiederentdeckt und sich im Kreis von Bohémiens wohlfühlt; Im ehrgeizigen Koch Victor, der möglichst schnell ein eigenes Restaurant eröffnen will oder in der verwöhnten Tänzerin Ellen, die mehr sein will als das Gesicht des Kaufhauses. Mit welchen Ideen der Schaufensterdekorateur Henri Leclair die Passanten immer wieder überrascht, ist sehr inspirierend.
Es macht Spaß, all die Figuren in ihrem individuellen Schicksal zu begleiten und nebenbei zu erfahren, wie der Konsumtempel in der Oxford Street das Einkaufserlebnis revolutionierte. So haben wir die Sale-Aktionen und Wühltische Mr. Selfridge zu verdanken.