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Literarisches Selbstporträt

Viele Bücher von Hanns-Joseph Ortheil drehen sich um die Themen Lesen, Schreiben und das Leben als Schriftsteller. Das liegt wohl daran, dass er nicht nur Kreatives Schreiben lehrt, sondern selbst auf einem ganz ungewöhnlichen Weg zum Schreiben fand. Davon handelt auch sein etwas älteres Buch „Das Element des Elefanten“.
Seine Mutter, eine Bibliothekarin, verlor nach grauenhaften Kriegserlebnissen die Sprache. So wurde für ihn die Stille, das Abgeschirmte und die wortlose Verständigung die Sphäre der Mutter. Mit zunehmendem Interesse nahm er wahr, wie sie sich in Bücher vertiefte und in einen Leserausch verfiel, der sich bald auch auf ihn übertrug. Dass Ortheil mit fünf Jahren seinen Autismus überwand, haben wir seinem Vater zu verdanken. Der Landvermesser nahm sich täglich einige Stunden Zeit, um mit seinem Sohn ausgedehnte Spaziergänge zu unternehmen und ihm alles, was sie sahen, als Vokabel einzuimpfen. Damit wurde Ortheils Sammelleidenschaft geweckt: Er setzte alles daran, den Besitz seiner Worte zu vergrößern. Es folgten Reisen an den Bodensee, nach Berlin und durch das Rheintal, bei denen er detaillierte Expeditionsberichte schrieb und alle Wege und Strecken, die sie zurücklegten, dokumentierte.
Die Gewohnheit, sich täglich Notizen über Begegnungen und Erlebtes zu machen, hat er bis heute beibehalten. Schreiben ist für ihn „ein Sich-Erinnern, ein Hervorlocken, eine Wegkreuzung all der Stimmen, die den Reisenden auf seinem Schreibweg begleiten“. Nun kann ich auch seine Vorliebe für Haikus nachvollziehen. Die Wanderschaft versteht er nämlich mehr im asiatischen Sinne und „verneigt sich vor den Kostbarkeiten des Lebens“. Rückblickend stellt er fest, dass er mit seinem fünfteiligen Romanzyklus den Kreis seines Elternhauses vermessen hat. Mit 19 Jahren wagt er, seine Heimat hinter sich zu lassen, und bricht nach Rom auf, um einen Roman über die Stadt im Stile Hemingways zu schreiben. Bis er diesen vollendet, hat er noch zahlreiche innere Krisen zu überwinden, an denen der Autor uns wieder einmal in brillanter Sprache teilhaben lässt. 
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Kraftpaket für ein erfülltes Leben

Wer wünscht sich nicht mehr Energie im Alltag, um die wachsende Zahl der Aufgaben stressfrei zu bewältigen und zugleich die vielfältigen Möglichkeiten des Lebens auszuschöpfen? Multitasking und weniger Schlaf scheinen keine Lösung zu sein. Bahar Yilmaz verrät uns einen anderen Weg. In ihrem Ratgeber „Empower yourself. Werde zum glücklichsten Menschen, den du kennst“ stellt sie uns eine Reihe von praktischen Tools und Übungen vor, mit denen wir unser Leben Schritt für Schritt nach unseren Wünschen gestalten können. Ziel ist keine unmittelbare Bedürfnisbefriedigung, sondern ein Lebensstil, der unserem Naturell entspricht und uns ermöglicht, das volle Potenzial und die Energie, die in uns steckt, zu nutzen.
Bahar Yilmaz fordert uns gleich am Anfang auf, zu unserem eigenen Trainer zu werden und eine Bestandsaufnahme zu machen: Wo stehe ich? Was läuft gut? Wo gibt es Defizite? Die Übungen und Anleitungen dürften besonders visuell veranlagte Leser ansprechen. Ob „Why-Diamond“, Gravitations-, Stress- und Infinity-Zone oder Frequenz-Chart, die Autorin arbeitet viel mit Grafiken und Tabellen. Sehr aufschlussreich fand ich eine Liste mit 60 toxischen Emotionen und die zugehörigen Ressourcen, die deutlich macht, dass wir uns bewusst dafür entscheiden können, ein unangenehmes Gefühl oder einen vergangenen Schmerz loszulassen und ihn durch eine positive Empfindung zu ersetzen.
Das sogenannte Frequenz-Chart zeigt im Detail, was es bedeutet, wenn wir sagen, wir wünschen uns mehr Zufriedenheit und Glück im Leben. Mir gefällt der Ansatz, dass niedrige Schwingungen und negative Erlebnisse als Weckruf zu sehen sind, und uns anspornen sollen, uns weiterzuentwickeln. Auch stimme ich ihr zu, dass Neutralität und Mitgefühl in der heutigen Zeit wichtiger denn je sind, um andere Ansichten und Lebensweisen zuzulassen und die „flexibelste und kreativste Version von uns selbst“ zu trainieren. 
Die Autorin nennt Beispiele aus Klientengesprächen und berichtet auch aus eigenen Erfahrungen. So geriet sie selbst einmal in eine Sackgasse, und fand nach dem Tiefpunkt ihres Lebens den Mut und Willen, zu neuen Ufern aufzubrechen. Ihr verständlicher Schreibstil und persönliche Ansprache auf Augenhöhe mit dem Leser erleichtern den Zugang zu schwierigeren Themen wie die Quantenphysik, Spiritualität und Bewusstseinsstretching. Mit den vorgestellten Power-Moves tat ich mich schwer; andererseits ertappte ich mich dabei, dass ich hier typischerweise an die im Buch erwähnten selbst erdachten Grenzen stieß. Alles, was einem befremdlich vorkommt, lehnt man impulsiv ab und kommt sich ‚blöd‘ vor, statt es einfach mal auszuprobieren.
Die „Empower yourself“-Reise hat mich von Station zu Station mehr begeistert. Bahar Yilmaz, die in ihrer Heimatstadt Ingolstadt und in der Schweiz auch Workshops gibt, schreibt aus tiefster Überzeugung, gibt Denkanstöße, um die Chancen unserer Selbstentfaltung zu erkennen, und führt uns durch ein praxisnahes und konsequentes Übungsprogramm. 
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Wilder Ritt in die Vergangenheit

Wenn ich in die Geschichte der Menschheit blicke, gibt es keine Zeit, in der ich lieber gelebt hätte als jetzt. Eine Zeitreise mit der Garantie, dass man jederzeit wieder ins Heute zurückkehren kann, dürfte dagegen ganz interessant sein – so wie es die Protagonisten in dem Buch „One damned thing after another“ von Jodi Taylor praktizieren. Eine von ihnen ist Madeleine Maxwell, kurz Max genannt. Sie bekommt von St Mary’s, einem Institut für Geschichtsforschung in der britischen Stadt Thirsk, ein Jobangebot als Historikerin. Zuvor muss sie sich allerdings in einer Reihe von abenteuerlichen und kräftezehrenden Tests bewähren. Ihr künftiger Beruf stellt schließlich hohe Anforderungen: Zeitreisen zu unternehmen, um historische Meilensteine zu studieren und zu dokumentieren, Antworten auf ungeklärte Fragen zu finden und bei alledem am Leben zu bleiben! Was sich gar nicht so einfach gestaltet, wenn man an Schauplätze wie den Ersten Weltkrieg, die Bibliothek von Alexandria oder in die Kreidezeit mitten in einen Pulk von Dinosauriern katapultiert wird. 
Trotz der Gefahren, die ihre neue Stelle mit sich bringt, fühlt sich Max gut aufgehoben in ihrem Team voller intelligenter, wissbegieriger, aber auch exzentrischer Kollegen. Eine Bewährungsprobe jagt die nächste und sorgt für viele witzige Szenen, aber auch düstere und grausame Momente und Verluste, die ein wenig an die Harry Potter Reihe erinnern. An Action und unerwarteten Wendungen mangelt es wahrlich nicht, zum Beispiel wenn man erfährt, wie das Institut überhaupt entstanden ist. Die geschichtlichen Hintergründe kommen leider ein wenig zu kurz – mit Ausnahme der Kreidezeit, die wiederum zu viel Platz einnimmt. Was den temporeichen Roman trägt, sind vor allem die sympathische und sehr lebendig gezeichnete Hauptfigur Max und der typisch britische schwarze Humor. Jetzt, wo einem die Figuren so vertraut sind, ist man bereit für die nächsten Zeitreisen und Abenteuer, die sich über insgesamt acht Bände erstrecken. 
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Die Bibel für Janeites

Jane Austen. Eine Entdeckungsreise durch ihre Welt“ ist ein Buch, das man allein wegen des wunderschönen Covers unbedingt haben möchte. Holly Ivins entführt uns darin in das Universum der weltberühmten Schriftstellerin und ihrer romantischen Klassiker. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich mehr Verfilmungen gesehen als Romane von ihr gelesen habe. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass ich für ihr Schaffen, ihren Wortwitz und ihren bedeutenden Einfluss auf die Literatur größten Respekt und Bewunderung hege. Wer war diese Frau, die zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen zählt und begeisterte Leserinnen dazu inspirierte, Fanclubs zu gründen? Antworten finden wir in dieser Austen-Bibel, die einen 360-Grad-Blick auf ihr Leben und ihre Werke erlaubt.
Holly Ivins stellt uns jedes Mitglied der Austen-Familie einzeln vor  – allesamt leidenschaftliche Leser – und beschreibt das Umfeld, in dem Jane aufwuchs und zum Schreiben ermutigt wurde. Wir lernen ihre verschiedenen Lebensstationen in Hampshire kennen, darunter Chawton, wo sie die schaffensreichsten Jahre verbrachte. Sehr aufschlussreich ist auch der politische und gesellschaftliche Hintergrund, der sich in ihren Romanen widerspiegelt. Die Autorin geht auf die strenge Etikette der Regency-Zeit ein, in der die Menschen strikt nach Vermögen und Rang eingestuft wurden und sich ihrer Stellung entsprechend zu verhalten hatten. So begreift man schnell, warum sich bestimmte Figuren wie Harriet Smith in dem Roman „Emma“ so und nicht anders verhalten haben, welche Fertigkeiten von Frauen erwartet wurden oder dass sich junge Leute nur auf Tanzabenden näherkommen konnten. 
Bei der Lektüre kommt man sich vor wie in einem lockeren und unterhaltsamen Dialog mit einer leidenschaftlichen Austen-Expertin, die ihre Kenntnisse mit vielen Anekdoten und nützlichen Hinweisen würzt. So lädt sie uns dazu ein, die Entdeckungsreise auf eigene Faust zu erweitern – indem wir zum Beispiel Austens Mahagoni-Schreibtisch in der Schatzkammer der British Library in London besichtigen oder die vielen Landsitze, die als Schauplatz dienten, abklappern. Wahre Fans, auch Janeites genannt, könnten sich die Atmosphäre aus ihren Büchern mit einer typischen Mahlzeit oder Kartenspielen am Abend ins Haus holen. 
Zum Schluss bekommen wir einen kompakten Überblick über ihre Werke, die einzelnen Protagonisten und literarischen Motive. Holly Ivins stellt besondere Momente heraus und verrät uns, was man von den Heldinnen heute noch lernen kann. Dieser Teil mag etwas ermüdend sein, dient jedoch als nützliches Nachschlagewerk. So hat das Büchlein bei mir die Lust geweckt, mir noch unbekannte Romane wie „Northanger Abbey“ zu lesen. Das Schöne ist ja, dass sich an manchen Themen wie den stürmischen Gefühlen und Schwierigkeiten bei der Partnerwahl bis heute nichts geändert hat. Das zeigen nicht nur die modernen Adaptionen wie „Bridget Jones“, sondern auch aktuelle japanische Fernsehserien. Diese st ellen gerne Heldinnen, die von der Norm abweichen, in den Mittelpunkt – genau wie Elisabeth Bennett aus „Stolz und Vorurteil“, mit Abstand meine Lieblingsfigur in Austens Romanwelt.
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Wild und unbezähmbar

Ich habe den Eindruck, dass es noch nie so viele Bücher gab, die uns helfen wollen, ein glückliches Leben zu führen. Der Bedarf scheint groß zu sein – was mich in Zeiten wie diese auch nicht wundert. Auf der einen Seite haben wir immer mehr praktische und technische Möglichkeiten, um ein zunehmend selbstbestimmtes Leben zu führen – auf der anderen Seite steigen entsprechend auch die Erwartungen an uns. Oder zumindest glauben wir dies.
Thomas Hohensee, Autor und Coach für Persönlichkeitsentwicklung aus Berlin, hat ein markantes und treffendes Bild gewählt, um zu veranschaulichen, wie wir seiner Ansicht nach den heutigen Herausforderungen am besten begegnen können: mit den Eigenschaften eines Löwenzahns. Dieser ist widerstandsfähig, freut sich daran, etwas Alltägliches zu sein, hat sich eine Wildheit bewahrt und gedeiht fast überall. Sein aktuelles Buch „Die Löwenzahn-Strategie“ ist passenderweise im Frühling erschienen, wo alles im Zeichen der Erneuerung und des Aufblühens steht – die beste Zeit also, um uns Gedanken darüber zu machen, was unsere ureigene Aufgabe ist und unsere verborgenen Herzenswünsche und Talente zum Leben zu erwecken. 
Der Autor stellt zehn „Löwenzahn-Strategien“ vor, die uns dabei unterstützen können, den Ernst des Lebens abzumildern zugunsten eines glücklichen und erfüllten Lebens. Wie sich zeigt, eignet sich das Bild des Löwenzahns sehr gut, um Themen wie Lebenssinn, Selbstwert, Positive Psychologie – im Englischen „Flourishing“ – und Resilienz zu vermitteln. Mit persönlichen Erfahrungen hält sich Hohensee zurück und gibt dafür interessante Denkanstöße, zum Beispiel, dass der Glaube, machtlos zu sein, an erlernter Hilflosigkeit liegen kann. Oder dass Menschen, die sich nach mehr Freiheit und Abenteuer im Leben sehnen, in der Lage sein sollten, die Freiheit auch auszuhalten und zu nutzen.
Seine Gedanken und Empfehlungen stellt Thomas Hohensee in kompakter Form und verständlich dar. Alle Strategien werden am Ende des jeweiligen Kapitels kurz zusammengefasst. Einsteiger, die ihrem persönlichen Lebensglück auf die Sprünge helfen wollen und sich fragen, wo sie im Alltag am besten ansetzen können, finden in diesem Büchlein sicher viele Anregungen. Wer sich bereits ausführlicher mit der Thematik beschäftigt hat, wird eher eine Bestätigung seines Wissens finden.
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Die Geschichte bin ich

Experimentierfreudige Schriftsteller sind immer wieder auf der Suche nach einer neuen literarischen Form, die den Leser verblüffen könnte. Jasper Gwyn, Hauptfigur des Romans „Mr. Gwyn“ von Alessandro Baricco scheint sie gefunden zu haben. Er beschließt, Kopist zu werden und Porträts zu verfassen. Damit sind keineswegs Biografien gemeint; das Wort „Porträt“ ist durchaus wörtlich zu verstehen. Eigentlich wollte Mr. Gwyn gar nicht mehr schreiben, weder Romane noch Artikel für den Guardian, worüber sein Literaturagent Tom ganz und gar nicht erfreut ist. Nach einer Weile vermisst er jedoch das Schreiben und startet einen neuen Lebensabschnitt als Kopist.  Für diese Tätigkeit mietet er ein Atelier, dass er nach seinen exakten Vorstellungen gestalten lässt. Allein die idealen Arbeitsbedingungen zu schaffen, wird zu einem künstlerischer Akt. 
Mit Spannung verfolgt der Leser, wie die Arbeitsstätte mit eigens komponierter Hintergrundmusik und handgefertigten Glühbirnen Gestalt annimmt. Nun kann Mr. Gwyn endlich seine erste Kundin Rebecca empfangen. Ihre Aufgabe besteht lediglich darin, mehrere Stunden am Tag unbekleidet im Atelier zu verbringen. Baricco beschreibt die Sitzungen, in denen sich der Porträtist ganz in das Modell versenkt und aus der reinen Beobachtung eine Geschichte schreibt, die Rebecca und ihren wahren Kern widerspiegeln soll, atmosphärisch dicht. Währenddessen gewöhnt sich das Modell, ausschließlich dem Blick des Künstlers ausgeliefert zu sein. Dadurch, dass es nichts anderes mehr darstellt als den eigenen Körper, legt es alle überflüssigen Rollen und Masken ab, fühlt sich zunehmend befreit und bewegt sich immer natürlicher.
Ergreifend ist der Moment, als sich Rebecca tatsächlich in dem fertiggestellten Porträt wieder erkennt, nicht in einer Figur, wie man annehmen könnte, sondern in der Geschichte als Gesamtheit, in ihrer Atmosphäre, ihrem Tempo, ihrer Landschaft. Das Thema Neuanfang wird in diesem Roman auf sehr einfallsreiche Weise umgesetzt: Mr. Gwyn macht Tabula Rasa mit seinem bisherigen Leben, schafft für seine Kunden einen besonderen Raum, und gibt ihnen darin die Möglichkeit, sich auf eine neue Art zu erleben und ihr wahres Ich zu entdecken. 
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Das Leben ist kein Tanzsaal

Dass Prinzessinnen nicht zu beneiden sind, wissen wir spätestens seit dem Film „Ein Herz und eine Krone“ mit Audrey Hepburn. Ähnlich wie Prinzessin Anne geht es Marie, eine der Hauptfiguren des Romans „Fürstinnen“ von Eduard von Keyserling. Die Geschichte spielt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf einem baltischen Landsitz. Im Gegensatz zu ihren zwei älteren Schwestern, die sich mit standesgemäßen Fürstenhochzeiten und vorbestimmten Lebenswegen zufriedengeben, spürt Marie immer mehr den Drang, aus den Gemäuern von Schloss Birkenstein auszubrechen. 
Ein einschneidendes Erlebnis ist ein kleiner Ausflug in den Wald mit ein paar Jungs aus der Nachbarschaft, darunter Felix, der aufmüpfige Sohn des Grafen von Dühnen. Zum ersten Mal schnuppert Marie die Luft der weiten Welt, fühlt sich lebendig, auch ein wenig verliebt, und will nicht länger aus diesem aufregenden Leben voller Versprechungen ausgeschlossen werden. Sie wird süchtig nach neuen Impulsen, nach dem „Süßen, Verbotenen, Wilden des Lebens“. Ihre Freundin Hilda von Üchlitz ermutigt sie dazu, ein „modernes Mädchen“ zu sein und statt Männer von der Ferne anzuschmachten, selbst zu handeln – zum großen Missfallen von Tante Agnes. Diese ist der Auffassung, dass unverheiratete Prinzessinnen zumindest etwas Sinnvolles tun sollten wie eine Näh- oder Kochschule zu gründen.
Mit ironischem Unterton lädt uns Keyserling in den Kosmos der aristokratischen Gesellschaft ein, die dem Untergang geweiht ist, und verdichtet größere Zusammenhänge in prägnante Sätze. Wenn er über Räume spricht, die zu viel wissen, und über die Trägheit, die von alten Dingen ausgeht, spürt man allzu deutlich, wie groß die Sehnsucht nach Freiheit und Spontanität ist. Die zwanghaften Teestunden am Nachmittag und die langweiligen Abende im Gartensaal, die Marie erdulden muss, stehen im starken Kontrast zu den Ausflügen in die Natur und den aufregenden Theaterbesuchen. Die kritische Milieustudie bereichert der Autor durch üppige Naturbeschreibungen und poetischen Stimmungsbildern. Es ist fast so, als würde man in ein zartes Landschaftsgemälde versinken.
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Die ewige Nummer Zwei

Fällt man bei der Partnerwahl tatsächlich immer in das gleiche Muster? Nach der Lektüre des Romans „Unvollkommene Verbindlichkeiten“ von Lena Anderson müsste man die Frage bejahen. Mit der Fortsetzung ihres Buchs „Widerrechtliche Inbesitznahme“ lässt uns die schwedische Schriftstellerin erneut teilhaben am Liebesleben von Ester Nilsson, das einmal mehr in eine Katastrophe mündet. 
Anscheinend hat Ester nichts aus ihrer vergangenen Beziehung zu dem Künstler Hugo Rask gelernt. Wieder verliebt sie sich in einen Mann, der sich nicht festlegen will. Verliebt ist stark untertrieben, denn wenn die Dichterin und Essayistin sich erst einmal für jemanden entschieden hat, gibt sie sich ihm mit Haut und Haaren hin. Alles andere existiert für sie nicht mehr. Der Auserkorene heißt diesmal Olof Sten, ist Theaterschauspieler, verheiratet und betont, dass er keine Beziehung mit Ester eingehen kann. Trotzdem trifft er sich immer wieder heimlich mit ihr und nährt Esters Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft. 
Die Autorin beherrscht es meisterhaft, das nervenaufreibende Verhältnis zwischen den beiden bis aufs Kleinste zu sezieren – sowohl dramaturgisch als auch sprachlich. Sie sind wie Zahnräder, die sich antreiben – intellektuell, körperlich und verbal, was leider häufig zu Fehldeutungen führt.  Es ist eine ewige Wiederholung von Annäherung und Abstoßung, von Hoffnung und Niedergeschmettert-Sein, von ekstatischem Glücksgefühl und Todessehnsucht.  So grausam es klingt, ich könnte diese Geschichte von Ester und Olof ewig weiterlesen, weil diese verrückte Dynamik und Spannung zwischen ihnen jeden Psychothriller übertrifft. Die höchst gegensätzlichen Figuren werden so präzise charakterisiert, dass man ihren jeweiligen nächsten Schritt fast vorhersagen kann – zumindest den von Ester, die sich nur Klarheit und Aufrichtigkeit wünscht. Immer wieder versucht sie, ihren Intellekt und ihr sprachliches Wissen – ihre stärksten und einzigen Waffen – zu nutzen, um Olofs Verhalten zu begreifen. Auch dieser Aspekt macht dieses Liebesdrama zwischen der Existenzialistin und dem Fatalisten zu einer literarisch höchst anspruchsvollen Lektüre, die den Leser emotional sehr stark fordert und ähnlich wie Esters Gefühle in einen (Lese-)Rausch versetzt. 
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Schaffensräume und Lebensträume

Der Ich-Erzähler in dem Roman „Ein Satz an Herrn Müller“ von Elmar Tannert hat ein besonderes Anliegen: Er wünscht sich von dem Raumausstatter Horst Müller, den er in einer Tankstelle kennenlernte, einen Entwurf für seine künftige Wohnung. Ungewöhnlich ist die Form seines Auftrags: Er schreibt Herrn Müller einen Brief über 250 Seiten, der aus einem einzigen Satz besteht. 
Schnell wird klar, dass er sich keineswegs mit einer 08/15-Lösung zufrieden gibt. Seine Ansprüche sind hoch, seine Wünsche speziell: Er ist ein Wohnungsflüchter, der sich eine Hausbar mit begrenzten Öffnungszeiten und ein Badezimmer ohne Badewanne vorstellt. Das Bild seiner Idealwohnung bleibt allerdings vage, da der Erzähler immer wieder vom eigentlichen Thema abschweift und sich in leidvollen Erinnerungen an seine Geliebte und in Reflexionen über das Schriftstellerdasein verliert. War soeben noch vom Arbeitszimmer die Rede, das als Kulisse für Fotografen dienen muss, lässt er sich darüber aus, wie wenig er von den Konterfeis hält, die die Buchumschläge zieren. Er sinniert darüber, warum es ein Maler besser hat als ein Schriftsteller, prangert politische Missstände an und stellt eine Menge provokativer Fragen, zum Beispiel ob der Mensch eine Religion brauche. 
Jeder Absatz im Buch bietet Gelegenheit, kurz Luft zu holen, um sich in den nächsten Gedankenstrom  zu stürzen. So liest sich der längste Satz, der mir bisher untergekommen ist, recht flüssig. Allmählich wurde mir klar, warum der Erzähler seinen Satz partout nicht beenden will und seine Überlegungen immer weiterspinnt: Eine zentrale Metapher schien mir der Kreislauf zu sein, der sich durch verschiedenen Themen zieht. Er philosophiert über Lebensstadien, von der Geburt bis zum „Gefühl, tot zu sein“, spricht vom Leben aus der Sehnsucht statt aus der Erfüllung. Sogar das jämmerliche Schicksal von Kartoffelchips geht ihm nahe. Sein Sprachstil ist anspruchsvoll und pointiert. Wer gerne Bücher über den Sinn des Lebens, künstlerisches Schaffen und Lebensträume liest, wird auf seine Kosten kommen. Der Wohnausstatter gestaltet reale Räume, der Schriftsteller Innenwelten – beides ineinander fließen zu lassen, ist eine geniale Idee. Für meinen Geschmack kam der Part der Raumgestaltung etwas zu kurz, hier hätte ich mir noch mehr Details gewünscht. Zwischendurch stellte ich mir vor, wie Herr Müller wohl auf den Brief reagieren würde. Das wäre doch ein interessanter Stoff für einen Fortsetzungsroman!
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Lesegenuss in 12 Gängen

Es sind schon einige Schriftsteller auf die Idee gekommen, eine Sammlung ihrer persönlichen Buchempfehlungen zusammenzustellen und zu veröffentlichen. Hanns-Josef Ortheil macht dies allerdings auf eine höchst originelle und elegante Weise: In „Lesehunger – Ein Bücher-Menü in 12 Gängen“ lädt er uns zu einem Zwiegespräch ein, das zugleich den Appetit und Geist anregt.
Zunächst erläutert er, wie Lesen und Schreiben durch Raumerfahrungen geprägt werden. Schriftsteller, so sagt er, suchen Wohnungen danach aus, ob sie zum Lesen und Schreiben geeignet sind. Ortheil fand sein ideales Fleckchen an einem Stuttgarter Hang. In seinem weitläufigen Anwesen wechselt er je nach Art der Lektüre gern die Location. Die zum Lesen und Rezensieren frisch eingetroffene Ware landet in einem gläsernen Vorraum, der „Empfangs- und Probier-Station“, in der die Bücher beschnuppert und sortiert werden. Von dort aus finden sie ihren Weg zu den verschiedenen Leseräumen wie das Gartenhaus, die Küche oder das Arbeit- oder Gästezimmer.
Wir begleiten Ortheil Kapitel für Kapitel in seine verschiedenen Bibliotheken. Die Küche zum Beispiel ist für ihn ein offener und geselliger Raum, in dem er von seiner Lektüre unterhalten werden möchte wie in einem anregenden Gespräch mit Gästen. Sie ist daher sein bevorzugter Ort, um Essays zu lesen. Seine Leidenschaft für Briefe, literarische Essays und Tagebücher wurde vor allem durch französische Autoren wie André Breton geweckt. Er selbst pflegt seit frühesten Jahren, alles Erlebte und Gelesene in Form von Notizen und Aufzeichnungen festzuhalten. Mir gefällt sein Ansatz, dass die Lektüre einen tieferen Sinne bekommt, wenn er auf das Gelesene reagiert, zum Beispiel in Form von Kommentaren oder eigenen Geschichten. Auch die Erfahrung, dass man sich viel lieber in ein gutes Buch vertiefen würde, als dummem Geschwätz ausgeliefert zu sein, kenne ich nur zu gut. So vielfältig wie die Räumlichkeiten sind auch seine Buchempfehlungen – von Garten- und Kochbüchern über Gedichtbände und Reisebegleiter bis hin zu Lifestyle-Titeln.
Ortheils 12-Gänge-Menü ist ein köstliches Vergnügen, das dazu animiert, unterschiedliche Lesearten auszuprobieren und sie mit sinnlichen und atmosphärischen Erfahrungen zu bereichern. Außerdem hat es meinen Lesehunger auf viele neue interessante Bücher geweckt, zum Beispiel auf „Tage des Lesens“ von Marcel Proust oder „Kleine Weisheiten für Reiselustige“, die ich euch demnächst vorstellen werde. 
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Ist Gerechtigkeit möglich?

Wie in dem zuletzt vorgestellten Film „Glass House“ hatte ich es wieder einmal mit einer Geschichte zu tun, in der sich der Sohn gegen seinen strengen und bornierten Vater auflehnt. Diese spielt allerdings vor hundert Jahren im Wilhelminischen Zeitalter und trägt den Titel: „Der Fall Maurizius“. Den Autor Jakob Wassermann entdeckte ich durch seinen grandiosen Roman „Faber – Die verlorenen Jahre“ und brachte mich auf seine Trilogie rund um die Figur Etzel Angergast.
In diesem ersten Buch stößt der 16-jährige Etzel auf den titelgebenden Fall Maurizius, der für seinen Vater, der damals als Staatsanwalt die Anklage vertrat, längst abgeschlossen ist. Vor 19 Jahren wurde Leonhart Maurizius in einem Indizienprozess für den Mord an seine Frau verantwortlich gemacht und zu lebenslänglicher Haft verurteilt, obwohl er seine Unschuld beteuerte. Eine merkwürdige Begegnung mit dem Vater des Häftlings, dessen Begnadigungsbitte und seine mitgebrachten Unterlagen wecken Etzels Interesse für den Fall. Je näher er sich mit den Akten beschäftigt, desto mehr zweifelt er an der Aussage des Kronzeugen Waremme  und beschließt, ihn in Berlin aufzusuchen.
Und damit beginnt ein Familiendrama, das an psychologischer Finesse, schockierenden Verstrickungen und zerstörerischer Kraft kaum zu überbieten ist. Etzel verlässt das Elternhaus, um die Unschuld Maurizius’ zu beweisen. Das zwingt den entsetzten Vater,  den Fall zu rekapitulieren. Ein Gespräch mit dem Häftling erschüttert schließlich sein Weltbild. Sprachlich virtuos beschreibt Jakob Wassermann, wie aus dem anfangs von allen respektierte, selbstgerechte Staatsanwalt, der streng nach seinen Prinzipien lebte, ein gebrochener, hilfloser Mann wird. Der Roman dreht sich um die Themen Gerechtigkeitssinn, Identitätssuche sowie krankhafte Liebe und zeigt auf beklemmende Weise, wie schnell ein geregeltes Leben aus den Fugen geraten kann. Zuletzt steht man vor der großen Frage: Ist Gerechtigkeit in dieser Welt überhaupt möglich?
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Malen, um nicht verrückt zu werden

Zum Welttag des Buches möchte ich Euch eine Roman-Biografie vorstellen, die uns auf faszinierende Weise eine Künstler-Persönlichkeit und die Zeitgeschichte näher bringt. Wie schafft es eine Frau, die mehrere Suizide in der Familie und die Judenverfolgung miterleben musste, ihren Lebenswillen nicht zu verlieren und der Nachwelt ein autobiografisches Gesamtkunstwerk zu hinterlassen? Die Rede ist von Charlotte Salomon, und eine Antwort auf die Frage liefert uns Margret Greiner in „Charlotte Salomon – Es ist mein ganzes Leben“. 
Vor ihrer Deportation malte Charlotte Salomon knapp zwei Jahre lang wie eine Besessene, um nicht verrückt zu werden, bannte rückblickend ihr gesamtes Leben auf Gouachen im expressionistischen Stil. So entstand ein gemalter Lebenszyklus von etwa 800 Bildern, angefangen mit ihrer Kindheit und dem großbürgerlichen Leben in einer jüdischen Berliner Familie. Margret Greiner vermittelt uns zunächst das Bild eines sehr lebhaften, trotzköpfigen und besitzergreifenden Mädchens, das nach dem Tod ihrer Mutter von diversen Kindermädchen erzogen wird, darunter eines, das ihre Lust auf das Zeichnen und Malen weckt.
Zwei Männern in ihrem Leben haben wir wohl zu verdanken, dass Charlotte ihrer Berufung als Malerin folgte: Einerseits ihrem Vater, der trotz anfänglicher Rückschläge fest an ihr Talent glaubte, bis Charlotte schließlich auf die Berliner Hochschule für die bildenden Künste zugelassen wurde; andererseits ihrer große Liebe zu einem Gesangslehrer, der fest davon überzeugt war, Charlotte würde etwas Außerordentliches vollbringen, und ihr zu mehr Selbstachtung verhalf. 
Auch die Frauenfiguren, die in ihrem Leben eine wichtige Rolle spielten, werden facettenreich charakterisiert – stets aus der Sicht von Charlotte. Ihr Hang zu starken Gefühlsausbrüchen zeigt sich besonders in der Beziehung zu ihrer Stiefmutter und gefeierten Opernsängerin, die sie abgöttisch verehrt. Paula Lindberg, von Charlotte liebevoll Paulinka genannt, schafft es, durch ihre überschwängliche und herzliche Art Charlottes Lebensfreude zu wecken. Im krassen Gegensatz dazu steht Charlottes Verhältnis zu ihren Großeltern, die nach Villefranche emigriert sind und mit denen sie nach Hitlers Machtergreifung eine qualvolle Zeit verlebt. Sie zieht sich schließlich in eine Pension in Saint Jean Cap Ferrat zurück, wo sie mit ihrem Lebensprojekt beginnt.
In kurzen Einschüben beschreibt Margret Greiner, wie Charlotte ein Ereignis in ihrem Leben oder einen Gemütszustand malerisch festhielt. Anhand der angegebenen Nummern kann man einen Teil der Gouachen im Buch, die übrigen auf einer Website betrachten. In dieser hervorragend recherchierten Biografie lässt die Autorin Charlottes Persönlichkeit und ihren Charakter so erspüren, als würden wir in einem Tagebuch lesen. Dabei verzichtet sie auf Sentimentalitäten und öffnet in einer bildreichen Sprache den Blick für Charlottes bewegendes Leben und ihre Bilderwelt.
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Die Zukunft liegt in unseren Händen

Der Titel allein hätte vermutlich nicht mein Interesse geweckt. In „Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde geht es aber um weit mehr als die Imkerei. Raffiniert ist schon der Aufbau: drei Handlungsstränge aus verschiedenen Zeitepochen werden im Wechsel weitergesponnen und im großen Finale zusammengeführt. 
Die Geschichte des Biologen William spielt in England im Jahr 1852. Seine Leidenschaft für Bienen und sein Forschungsdrang werden nach einer langen Phase der Enttäuschung und Lethargie durch ein Buch über die Imkerei neu entfacht. Seine Familie erwartet jedoch von ihm, dass er sich um das Saatgutgeschäft kümmert und die Familie ernährt, statt an neuartigen Bienenstöcken herumzutüfteln. Auch George, Protagonist der zweiten Geschichte, die 2007 in Ohio spielt, stößt auf wenig Verständnis, wenn es um die Haltung und die Zukunft seiner Bienenstöcke geht. Er ging fest davon aus, dass sein Sohn Tom den Hof übernimmt – dieser will jedoch Journalist werden und hat im Familientwist die Mutter auf seiner Seite. Ein beängstigendes Zukunftsszenario entfaltet die dritte Handlung, die im Jahr 2098 angesiedelt ist. Nach einem weltweiten Bienensterben müssen die Blumen per Hand bestäubt werden. Inmitten dieser trostlosen Welt erleidet im chinesischen Sichuan der kleine Sohn des Paares Tao und Kuan einen mysteriösen Unfall und verschwindet.
Trotz der unterschiedlichen Figuren, Schauplätze und Zeitebenen liest sich der Roman sehr flüssig. Alle drei Geschichten werden aus der Ich-Perspektive erzählt, so dass man schnell in das jeweilige Geschehen und die Gefühlswelten der Protagonisten hineinfindet. Hilfreich ist auch, dass der Name der Hauptfigur auf jeder Seite unten abgedruckt ist. Sehr nahe ging mir die Beschreibung der zwischenmenschlichen Konflikte, die sich wie ein roter Faden durch den Roman ziehen. William kann sich nur schwer mit seiner Rolle als Händler und reiner Ernährer der Familie abfinden, die er als „Fass ohne Boden“ empfindet; George will mit seiner Bienenzucht ein Erbe hinterlassen und kann sich ein beschauliches Leben in Gulf Harbors, das sich seine Frau so sehr wünscht, nicht vorstellen. Auch die Beziehung zwischen Tao und Kuan wird durch den Unfall des Sohnes auf die Probe gestellt. Die verzweifelten Gesten, stummen Erwartungen und das Gefühl der Machtlosigkeit beschreibt die norwegische Autorin mit feinen Zwischentönen und baut dabei systematisch eine unheilvolle Stimmung und Spannung auf. Der Roman bietet nicht nur ein außerordentliches Lesevergnügen, sondern ist auch sehr lehrreich. Maja Lunde konfrontiert uns mit der Frage, was für eine Umwelt wir den nachfolgenden Generationen hinterlassen wollen, und appelliert an unsere ökologische Verantwortung.
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Wünsch dir eine Geschichte

Liebe Leser, wie fühlt Ihr Euch heute? Aufgewühlt? Ermattet? Tollkühn oder streitsüchtig? Wer Interesse hat, kann sich zu jeder Regung eine Kurzgeschichte wünschen, und zwar von Tim Krohn, der an einem ungewöhnlichen Projekt-in-Progress arbeitet. Der Schweizer Schriftsteller spielte schon seit längerer Zeit mit dem Gedanken, eine Enzyklopädie der menschlichen Gefühle und Charakterzüge zu schreiben. Als für seine betagte Mutter der Umbau seines Hauses im Val Müstair nötig war, kam er auf die Idee, via Crowdfunding Geschichten auf Bestellung zu schreiben. Er erstellte eine Liste von etwa 1000 Gefühlen und schreibt für jeden Unterstützer, der sich eine Gefühlslage aussucht, die passende Kurzgeschichte.
65 Geschichten nun sind in einem Auftaktband mit dem Titel „Herr Brechbühl sucht eine Katze“ erschienen. Schauplatz ist ein Zürcher Genossenschaftsbau in der Röntgenstrasse mit 11 Bewohnern, darunter ein pensionierter Straßenbahnschaffner, ein Student, eine allein erziehende Lektorin, eine Schauspielerin und ein Rettungsfahrer. Das Konzept erinnert ein wenig an die Comédie Humaine, in der Balzac alle Menschentypen abbilden wollte.
Die Geschichten haben mir unterschiedlich gut gefallen. Manche haben mich sehr gerührt wie die Geschichte „Zartheit“, in der achtzigjähriges Paar in ihrer kleinen Zweizimmerwohnung auf den Tod wartet. Andere konnte ich gut nachfühlen wie „Gerechtigkeitsliebe“, in der eine blockierte Waschmaschine für viel Unmut sorgt. Da sich die Wege der Hausbewohner in den Geschichten immer wieder kreuzen, lernt man die Figuren in neuen Situationen und Konstellationen kennen. Ich habe mich auch schon hin und wieder gefragt, welche Szenen sich in den oberen Etagen unseres Hauses abspielen. Man trifft die Nachbarn im Treppenhaus, hört Kindergeschrei, ein Scheppern oder einen Jubelschrei und setzt aus diesen Bruchstücken ein Gesamtbild zusammen, wenn auch recht vage und unvollständig. Stoff für fantasievolle Geschichten wie die von Tim Krohn liefern unsere Nachbarn allemal.
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Kriegsversehrter auf Mörderjagd

Es ist ein düsteres Bild von Wien, das die österreichische Schriftstellerin Alex Beer in ihrem Debütroman „Der zweite Reiter“ zeichnet. Wir befinden uns im Jahre 1919. In der ehemals prachtvollen Reichshauptstadt herrscht bitterste Armut. Es mangelt an Lebensmitteln, Medikamenten, Kohle und Kleidung. So ist es nicht verwunderlich, dass sich viele Kriminelle mit Tricks und Betrügereien an Leid und Elend bereichern. 
Dem will Protagonist August Emmerich ein Ende setzen. Der Kriegsveteran und aufstrebende Polizeiagent ist kurz davor, dem Anführer eines Schleichhändlerrings endlich das Handwerk zu legen. Er wird jedoch durch eine Serie von mysteriösen Todesfällen abgelenkt. Die Überzeugung seines Vorgesetzten, dass es sich um Selbstmord handle, kann er nicht teilen und ermittelt mit seinem Assistenten Ferdinand Winter auf eigene Faust. Dass mit dem zynischen Emmerich und dem zartbesaiteten Winter zwei Welten aufeinander prallen, mag zunächst klischeehaft wirken, tut der Geschichte jedoch keinen Abbruch. Denn in diesem wendungsreichen Krimi erlebt man immer wieder eine Überraschung. Glaubt Emmerich, kurz vor der Auflösung des Falls zu stehen, rücken neue Details ins Blickfeld, die seinen Glauben immer mehr erschüttern. 
Alex Beer versteht es, die morbid-melancholische Atmosphäre und das Elend der Stadt geschickt in die Handlung einzuweben. Ganz gleich, ob man mit dem Ermittlerduo in der Trambahn durch Wien fährt, in Obdachlosenheimen und Heurigen das Personal befragt oder in der Unterwelt landet, die Beschreibungen sind so authentisch, dass man die Schauplätze deutlich vor Augen sieht. Alex Beer ist ein sehr spannender und vielschichtiger Roman gelungen, der sich mit den Auswirkungen des Krieges beschäftigt und deutlich macht, dass es in Zeiten von tiefstem Elend und Abstumpfung nicht auf Rang und Ehre, sondern auf Menschlichkeit ankommt. Man darf gespannt sein auf den nächsten Fall des sympathischen Ermittlerduos. 
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Reminiszenzen einer Trauernden

Bücher, in denen es um Literatur, Kunst und Kreativität geht, begeistern mich immer wieder. „Wem erzähle ich das“ von Ali Smith passt zwar in diese Kategorie, ist allerdings alles andere als leicht zu lesen. Eine Handlung gibt es nicht – vielmehr tauchen wir in einen Dialog ein, den die Ich-Erzählerin mit ihrer verstorbenen Geliebten führt. Diese ist zwar physikalisch nicht mehr präsent, hat jedoch als Kunst- und Literaturwissenschaftlerin in Form von Büchern und Vorlesungsmaterialien sichtbare Spuren in ihrer gemeinsamen Wohnung hinterlassen, die Gegenstand der Reflexionen werden. Man hat den Eindruck, die Erzählerin wolle damit ihre Geliebte wieder zum Leben erwecken –  was ihr in gewisser Weise gelingt, denn so langsam nimmt die verstorbene Kunst- und Literaturwissenschaftlerin auch vor den Augen des Lesers Gestalt an.
Ich gebe zu, die Lektüre hat mich Zeit und Kraft gekostet, weil ich viele Sätze und Passagen mehrmals lesen musste, um sie zu verstehen. Manchmal hatte ich das Gefühl, die Autorin ist mir ein Stück voraus oder denkt so unkonventionell, dass ich ihren Gedankengängen nicht ganz folgen kann. Dann wieder gab es Stellen, die ich sehr gut nachvollziehen konnte, zum Beispiel die Feststellung, dass Bücher „sich erneuern, wenn wir andere werden und sie zu verschiedenen Zeiten unseres Lebens lesen“. Wie oft war ich erstaunt, dass mich ein Buch, mit dem ich bei der ersten Lektüre nichts anfangen konnte, zu einem späteren Zeitpunkt plötzlich ansprach und berührte, weil ich mich zwischenzeitlich verändert hatte. Andere Überlegungen der Autorin brachten mich zum Schmunzeln, zum Beispiel dass man ein Buch erfinden müsste, in dem steht, was gerade im dem Moment passiert, in dem man es liest. 
Sie analysiert Themen wie Zeit, Form, Ränder, Kanten oder Spiegelung, nimmt die Begriffe wörtlich auseinander und umkreist unter dem Aspekt die Bedeutung von Poesie, Romanen und Filmen. Um dies zu veranschaulichen zitiert sie aus Werken von verschiedensten Autoren wie Charles Dickens, E. M. Forster, Margaret Atwood oder Paul Eluard. Manchmal dachte ich, ich hätte das Buch wegen der vielen Wortspiele in der Originalversion lesen sollen. Man könnte das erste Wort des Buchtitels „Wem“ auch ergänzen durch „Warum“, „Wann“ und „Wie“ und würde eine ungefähre Vorstellung davon bekommen, wie Ali Smith die Kunst des Erzählens wie mit einem Prisma in seine Bestandteile zerlegt. So richtig konnte mich der Inhalt jedoch nicht überzeugen.
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Fragmente einer Ehe

Viel Emotion und Drama würde man in einem Buch erwarten, der den Niedergang einer dreißigjährigen Ehe beschreibt. Nicht so bei Tim Parks und seinem Roman „Thomas & Mary“. Manchmal hatte ich das Gefühl, er dokumentiert das merkwürdige Verhalten von zwei Laborratten, die sich immer mehr voneinander isolieren. Mit dem kleinen Unterschied, dass Laborratten keinen Ehering tragen. Damit fängt die Geschichte nämlich an, oder besser gesagt mit dem Verlust desselben an einem Strand in Blackpool. Thomas ist ganz sicher, dass er seiner Frau den Ring zur Verwahrung gegeben hat, bevor er ins Wasser ging, sie jedoch bestreitet dies. Schon in diesem kleinen Disput werden die Protagonisten treffend charakterisiert: Thomas, der dazu neigt, jedes Vorkommnis im Bezug auf ihre Ehe zu deuten und eine Symbolik zu erkennen, während Mary die Sache als Bagatelle abtut. 
Ähnlich verhält sich das Paar, als eine Pflanze, die sie einst zur Hochzeit bekamen, eingeht. Mary würde pragmatisch die Pflanze entsorgen, doch Thomas hängt an ihr und macht sich Gedanken, wann genau die Pflanze abstarb. Hofft er, auf die Weise bestimmen zu können, wann die Ehe zu kriseln begann? War Thomas’ erster Seitensprung die Ursache oder nur der Auslöser? Fakt ist, dass sich das Paar immer weiter auseinander lebt, bis es schließlich zur räumlichen Trennung kommt. Das alles wird nicht chronologisch, sondern in Zeitsprüngen und aus verschiedenen Perspektiven geschildert. So schlüpft der Erzähler in die Rolle der Ehefrau, Tochter, Geliebten oder seines Tennispartners, so als wolle er die missglückte Ehe von allen Seiten analysieren. Manche Episoden lesen sich wie Kurzgeschichten, mal witzig-ironisch, mal deprimierend. 
Tim Parks hat ein besonderes Talent, Momentaufnahmen im Alltag für sich sprechen zu lassen – zum Beispiel als Thomas Mary etwas Wichtiges von der Arbeit erzählen will und sie mitten im Gespräch den ohrenbetäubenden Entsafter einschaltet. Auch wenn der Erzählstil eher nüchtern wirkt, spürt der Leser doch Thomas’ Schmerz, seine Verzweiflung und Schuldgefühle. Marys Sicht kommt in dieser Geschichte leider zu kurz und würde sicher ein weiteres Buch füllen.
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Boston Marriage und Sisterhood

Obwohl sie zu den wichtigsten Dingen im Leben gehören, macht man sich im Alltag selten Gedanken über die unterschiedliche Bedeutung und Arten von Freundschaften. Für einen besonderen Aspekt, nämlich die kulturgeschichtliche Entwicklung von Frauenfreundschaften interessierten sich die amerikanischen Autorinnen Marilyn Yalow und Theresa Donovan Brown. Das Ergebnis ihrer Recherchen kann man in dem sehr interessanten Buch „Freundinnen – Eine Kulturgeschichte“ nachlesen. 
Die Autorinnen gehen zurück bis in die Antike, wo Freundschaften in der Öffentlichkeit männlich geprägt waren. Frauenfreundschaften rückten erst etwa im 12. Jahrhundert in die Aufmerksamkeit wie beispielsweise die tragische Liebe und Freundschaft zwischen Hildegard von Bingen und der Nonne Richardis von Stade, die wesentlich jünger und von niedrigerem Rang war. Mit Shakespeare fanden Frauenfreundschaften auch Eingang in die Dichtkunst. Kapitel für Kapitel begleiten wir die Autorinnen in neue Epochen und gesellschaftliche Kreise in Europa und Amerika und erfahren, was sich hinter Begriffen wie Boston Marriage und Sisterhood verbirgt. Die literarischen Zirkel in London und die Salons in Paris boten den idealen Rahmen, in dem sich Freundschaften entwickeln konnten. Zitate aus Briefen von George Sand oder Charlotte Bronté vermitteln dem Leser die Intensität der Gefühle und Beziehungen zwischen den Schriftstellerinnen. Neben romantischen Freundschaften etablierten sich auch starke Bindungen zwischen Frauen, die ein gemeinsames Anliegen teilten wie zum Beispiel das Engagement für die Unabhängigkeit Amerikas. Frauengruppen wurden immer mehr zu Eckpfeilern der amerikanischen Gesellschaft und trieben durch ihre Kameradschaft und gemeinsamen Ziele soziale Projekte wie die Schaffung von Zufluchtsorten für Unterprivilegierte voran. 
Am Anfang fand ich das Buch etwas trocken, doch mit der Zeit fesselte mich die Tiefe und Vielschichtigkeit der beschriebenen Frauenfreundschaften, ihr Bezug zum Zeitgeschehen und ihre Bedeutung für die gesellschaftliche Entwicklungen immer mehr. Anhand von vielen Beispielen zeigen die Autorinnen, wie Sitcoms, Spielfilme und Romane die Rolle der Freundin und die Mentalitäten der jeweiligen Zeit deutlich widerspiegeln. Auch die sozialen Medien, die es vielbeschäftigten Frauen ermöglicht, Freundschaften zu pflegen und Gleichgesinnte zu finden, werden differenziert betrachtet. Eine Vernetzung führe nicht unbedingt zur Verbundenheit, weshalb neuerdings der Trend, online zu gehen, um sich offline zu treffen, zu beobachten sei. In dem weit gespannten Bogen erfährt man nicht nur viele interessante geschichtliche Details, sondern sieht den Stellenwert der Freundschaft in einem neuen Licht. 
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Das Märchen Worpswede

Klaus Modick entwirft eine interessante Dramaturgie, um die Beziehung zwischen dem Künstler Heinrich Vogeler und dem Dichter Rainer Maria Rilke zu schildern. Ausgangspunkt für seinen fiktiven Roman „Konzert ohne Dichter“, der auf Rilkes Tagebücher und Vogelers Lebenserinnerungen beruht, ist das Gemälde ‚Das Konzert oder Sommerabend auf dem Barkenhoff‘, wofür Heinrich Vogeler fünf Jahre brauchte und 1905 die ‚Große Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft‘ erhielt. Das begeisterte Publikum sah darin die Idylle der Künstlerkolonie Worpswede. Hätten sie genau hingesehen, wäre ihnen aufgefallen, dass zwischen den Malerinnen Paula Modersohn-Becker und Clara Rilke-Westhoff eine Lücke klafft. An dieser Stelle war ursprünglich Rilke vorgesehen, wurde jedoch von Vogeler in der finalen Version entfernt – eine Tat, die sehr viel über die Verfremdung zwischen den Seelenverwandten aussagt. 
In Rückblicken erfährt der Leser, wie Vogeler und Rilke sich in einer Trattoria in Florenz kennenlernten. Ihre Kunst ähnelte sich insofern, dass sowohl Rilkes Sprache als auch Vogelers Malerei etwas „üppig Ornamentales, wuchernd Florales“ hatten. Im Gegensatz zu Rilke schaffte Vogeler jedoch sehr schnell den Durchbruch zu einem der erfolgreichsten Künstler. Er lockte viele Maler nach Worpswede, wo er ein Haus kaufte, es ‚Barkenhoff‘ taufte und einen regelrechten Schaffensrausch erlebte. Ich war überrascht, was für ein Tausendsassa er war. Für ein neues Domizil des Multimillionärs Heymel in der Leopoldstraße entwarf er Tafelsilber, Tischleuchter, Spiegel, Porzellan, Möbel, Gläser, Schmuck, sogar Türklinken und Garderobenhaken. Er avancierte zu einem gefragten Illustrator und Buchgestalter und entwarf sogar Sammelbilder für Stollwerck-Schokolade. Glücklich war Vogeler jedoch nicht. Auf der Höhe seines frühen Erfolgs erschien ihm seine Kunst flach und schal – Ausdruck einer Romantik, die vor der Gegenwart und den Konflikten floh und Schönheit und Idylle vorgaukelte, was dem Publikum anscheinend gefiel. 
Dabei gab es sie tatsächlich für kurze Zeit: die Idylle in Worpswede. Vogeler erinnert sich an die unvergessliche Stimmung eines Sommers, in der Harmonie, Liebe, Freundschaft, und Lebenslust das Schaffen der Künstlerkolonie prägten – bis 1900 Rilke kam. Seine Taktik, Menschen emotional an sich zu binden und dann von anderen zu isolieren, sowie seine Einstellung, dass alles in einem höheren Auftrag geschehen müsse, zerstörte jegliche Lebensfreude. Nahestehende wie seine eigene Familie waren für ihn wie Gäste, die nicht gehen wollten. Mit solchen Sprüchen verdarb er es sich endgültig mit Vogeler. Die Sprache von Klaus Modick ist so satt und üppig wie die Kunst Vogelers, sein Ton oft spöttisch und sarkastisch. Sein Roman gibt einen sehr interessanten und unterhaltsamen Einblick, wie eine Künstlerfreundschaft in die Brüche ging sowie das teils freizügige, teils dekadente Leben der Bohémiens und Adligen zu der Zeit.
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Bibliothek der Verschmähten

Enttäuschte Schriftsteller aufgepasst! Es gibt eine Bibliothek, die von Verlagen abgelehnte Manuskripte in ihren Bestand aufnimmt: die Richard Brautigan Library an der amerikanischen Westküste. Diese inspirierte den französischen Schriftsteller David Foenkinos dazu, eine fiktive französische Version ins Leben zu rufen, angesiedelt im bretonischen Finistère, Schauplatz seines jüngsten Werks „Das geheime Leben des Monsieur Pick“. 
Autoren pilgern scharenweise zu dieser Bibliothek der Verschmähten, um ihre unveröffentlichten Geschichten dort abzuliefern und ihre Hoffnung auf eine Veröffentlichung endgültig zu begraben. Die Stätte weckt auch das Interesse der Hauptfigur Delphine Despero, die nicht nur aus dieser Gegend stammt, sondern als ambitionierte Junior-Lektorin beim Pariser Verlag Grasset stets auf der Suche nach potenziellen Bestsellern ist. Mit ihrem Freund und Schriftsteller Frédéric besucht sie ihre Familie, besichtigt die Bibliothek und überrascht alle Einheimischen mit der Nachricht, sie sei auf ein wahres Meisterwerk gestoßen. Anfangs ist die Skepsis groß, ob die Geschichte „Die letzten Stunden einer großen Liebe“ tatsächlich wie auf dem Manuskript vermerkt aus der Feder des verstorbenen Henri Pick stammt, zumal dieser als Pizzabäcker ein eher unauffälliges Leben führte und laut seiner Frau weder las noch schrieb. Doch der Medienrummel und das zunehmende Interesse für diese ungewöhnliche Story rund um den mysteriösen Henri Pick räumen die Zweifel allmählich aus. Dank Delphines Vermarktungskünsten wird das Werk nicht nur ein Mega-Bestseller – es verändert auch die Menschen und bringt sie dazu, ihr Leben umzukrempeln. 
Großes Kompliment an David Foenkinos, der nicht nur eine wunderbare Romanidee umgesetzt, sondern eine wahre Schatztruhe für Buchliebhaber zu Papier gebracht hat. Die Geschichte funkelt nur so vor Seitenhieben auf die schreibende Zunft, den Literaturbetrieb und die Leserschaft. Fast jedes Glied der Kette bekommt sein Fett weg: der Schriftsteller, der gar nicht oder nur für kurze Zeit oder völlig ohne Grund zu Ruhm gelangt; der Verlag, der mit allen PR-Raffinessen ein Manuskript auszuschlachten weiß; der Leser, der sich mehr für die Geschichte hinter der Geschichte interessiert; der abgehobene Literaturkritiker, dessen Meinung niemanden mehr interessiert. Auch die vielen Anspielungen auf die Literaturszene, zum Beispiel, dass hinter jedem erfolgreichen Schriftsteller eine starke Frau stehe, bringen den Leser zum Schmunzeln.
Der Rundumschlag gelingt dem Autor mit spielerischer Leichtigkeit, Feinsinn und Expertise, gewürzt mit bretonischem Flair. Trotz des fast schelmischen Tons bringt er durch gefühlvolle Formulierungen wie „schutzbedürftige Manuskripte“ seine Liebe zum Geschriebenen immer wieder zum Ausdruck.
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Reise in die Welt der Muße

Müßiggang erscheint uns in der heutigen Zeit wie ein rares Luxusgut. Im streng getakteten Alltag erfordert es viel Aufwand und Kreativität, sich kleine Ruhe-Inseln einzubauen. Dass sich die Mühe dennoch lohnt, zeigt uns Nicole Stern in ihrem Buch „Das Muße-Prinzip – Wie wir wirklich im Jetzt ankommen“.
Durch die plötzliche Krebserkrankung ihrer Mutter, war die Autorin bereits mit siebzehn Jahren gezwungen, ihre Prioritäten im Leben neu zu ordnen. Sie interessierte sich immer mehr dafür, wie Menschen mehr Gelassenheit, Leichtigkeit und innere Freiheit in ihr Leben bringen können und erkannte, dass die Muße eine wesentliche Voraussetzung dafür war. Auch für sie war es ein weiter Weg, bis sie „im Jetzt ankam“. Die Stationen, die sie durchlief bis zu ihrer heutigen Tätigkeit als Dharma- und Meditationslehrerin, Autorin und Achtsamkeitstrainerin schildert Nicole Stern in ihrem Ratgeber, der zugleich auch ein sehr persönlicher Erfahrungsbericht ist. 
Kann man Muße lernen? Um dies herauszufinden, gönnte sie sich zunächst eine dreimonatige Auszeit in Goa und begab sich im Anschluss in ein bewährtes Trainingslager: ein buddhistische Kloster. Dort machte sie sich mit der zen-typischen Meditationspraxis vertraut und lernte einen Alltag kennen, der von großer Disziplin und ständiger Wiederholung und Verfeinerung bestimmter Rituale geprägt war. Fortschritte und Rückschläge, die sie dabei erlebte, schildert sie so offen und hautnah, dass man ihre ehrlichen Empfindungen wie Dankbarkeit, Ergriffenheit, Sanftheit und Feinfühligkeit sehr gut nachfühlen kann. 
Die Autorin macht auch deutlich, wie vielfältig die Wege zur Meditation sind. Während das Zen-Kloster besonderen Wert auf Rituale und hierarchische Regeln legte, erlebte sie mit einem anderen Trainer eine mehr alltagsbezogene Übungsform mit Retreats und persönlichem Austausch. In ihrer Assistenzzeit zur Dharma- und Meditationslehrerin reiste sie zwei Jahre lang mit ihm um die Welt und stieß auf neue interessante Formen wie Meditationen im Liegen.
In der sprachlich sehr schönen und berührenden Schilderung ihrer inneren Entwicklung liegt für mich die besondere Stärke dieses Buches. Nicole Stern ist überzeugt, dass man das Muße-Prinzip nicht verstehen, sondern nur selbst erleben kann – daher lässt sie uns an ihren persönlichen Erfahrungen und Einsichten teilhaben und schildert ohne Scheu, wie sie ihre Ehekrise überwand oder neue Aspekte der Muße in der Lust und Intimität entdeckte. Statt nur oberflächliche Tipps zu geben, wie man mehr Entspannung in den Alltag bringen kann, war es ihr wichtig, Muße in seiner ganzen Tiefe zu begreifen und zu vermitteln. So ermuntern die Fragen am Ende jeden Kapitels dazu, einen Bezug zur eigenen Lebenssituation zu schaffen und sie zu reflektieren. Mich hat die Einsicht, dass Muße sowohl während einer Tätigkeit als auch beim Nichtstun entstehen kann, überrascht. Nicht jeder wird nach der Lektüre gleich einen Meditationskurs besuchen, doch zumindest weiß man, wie man den Nährboden für mehr Muße und inneren Freiraum schaffen kann. 
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Verhinderte Studie

Gibt es ein Projekt, das Ihr ewig vor Euch herschiebt? Dann geht es Euch wie dem Ich-Erzähler in „Out of sheer rage“ („Aus schierer Wut“) von Geoff Dyer. Vor Jahren beschloss er, eine Studie über den amerikanischen Schriftsteller D.H. Lawrence, sein großes Vorbild und Schöpfer der „Lady Chatterley“ zu schreiben, doch bisher ist es bei der Absicht geblieben. 
Dabei mangelt es nicht an den nötigen Vorbereitungen: Er hat Lawrence’ Geburtsstadt Eastwood besucht, jede Menge Biografien gelesen, Fotografien gesammelt und sich Notizen gemacht. Doch selbstkritisch stellt er fest, dass ‚sich Notizen machen’ gleichzusetzen ist mit Aufschieben. Auch an Ausreden mangelt es dem Erzähler nicht. Ein Grund, warum er noch nicht mit der Studie anfangen konnte, war eine Romanidee. Er war drauf und dran, die Studie hinzuschmeißen und sich auf den Roman zu stürzen – bis er merkte, dass die beiden Projekte derart in Konflikt gerieten, dass er besser beide Vorhaben aufgab. 
Seine Unentschlossenheit betrifft nicht nur sein Schreiben, sondern so ziemlich alle Lebensbereiche. Das fängt schon mit seinem Wohnort an. Von Paris – einem denkbar ungeeigneten Ort für sein Projekt, da Lawrence die Stadt überhaupt nicht mochte – zieht er nach Rom in das Apartment seiner Freundin Laura. Dort ist es im Sommer zu heiß und im Winter zu kalt, um zu arbeiten. Eine Einladung von Freunden auf die griechische Insel Alonissos müsste doch die ideale Lösung sein. Dort hat er alle Zeit der Welt, verfällt jedoch in eine völlige Lethargie.
Er reist an die verschiedenen Lebensorte von D.H. Lawrence, darunter Sizilien, New Mexico und Amerika, amüsiert sich über Land und Leute, findet allerdings nirgendwo den idealen Ort, um mit der Studie zu beginnen. Nicht einmal ein Zimmer in Montepulciano mit Aussicht auf die toskanische Landschaft würde sich seiner Meinung nach eignen, da man dort nur den Ausblick genießen würde, aber keinesfalls zum Schreiben käme. Seine ständig sich wiederholenden Gedanken rund um die Unmöglichkeit, zur Tat zu schreiten, betonen nur noch die Tatsache, dass er sich im Kreis dreht und keinen Schritt vorwärts kommt. Das, was der Erzähler am besten beherrscht ist, etwas nicht zu tun, sei es lesen, schreiben oder Tennis spielen. Dafür, dass Geoff Dyer sich immer wieder erfolgreich vor der Arbeit drückt, ist doch – wenn auch keine akademische Studie über D.H. Lawrence – ein origineller und schwarzhumoriger Reisebericht herausgekommen, mit dem sich so manch Kreativer, der schon mal in einer Schaffenskrise steckte, garantiert identifizieren kann.
Die abgebildete Tür führt übrigens zum Apartment Romeo del Babuino, das wir während eines Aufenthalts in Rom einmal gemietet haben und sehr zu empfehlen ist.
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Zwei Spatzen mit gebrochenen Flügeln

Was ist das wohl für ein Gefühl, als Bahnhofswärter zu arbeiten und tagtäglich Reisende zu beobachten ohne selbst jemals den Bahnhof zu verlassen? Genau solch ein Leben führt Michele Airone, Protagonist in dem Roman „Die wundersame Reise eines verlorenen Gegenstands“ von Salvatore Basile.
Uns wäre das sicher zu fad, aber Michele ist mit seinem ereignislosen Leben zufrieden. Sein Alltag ist völlig auf den Rhythmus der Bahnstation im kleinen Küstendorf Miniera di Mare ausgerichtet. Immer um die gleiche Zeit blickt er morgens dem abfahrenden Interregio nach, abends empfängt er ihn wie eine Ehefrau, die von der Arbeit zurückkehrt. Außer dem Zug gibt es in seinem Leben nichts Bedeutendes – außer vielleicht die beträchtliche Zahl von Fundsachen, die sich in seiner Wohnung angesammelt haben und ihm Trost spenden. Als er sieben war, wurde er von seiner Mutter aus heiterem Himmel verlassen. Seitdem traut er niemandem mehr und lebt zurückgezogen in seinem Schneckenhaus.
Das ändert sich, als eine junge Frau namens Elena buchstäblich in seine Wohnung hereinschneit. Mit ihrer Gesprächigkeit, Neugier und fröhlichem Temperament bringt sie Micheles Alltag und Gefühle durcheinander. Als Michele sein Tagebuch, das er einst seiner Mutter mitgab, im Zug findet, ermutigt Elena ihn, sich auf die Suche zu begeben. Von da an begleiten wir den Protagonisten, den wir längst ins Herz geschlossen haben, auf seiner ersten Zugreise, die ihn ins Dorf Ferrusivo führt. Der schwierige ‚Abnabelungsprozess’ von seinem Zuhause und seine ersten Versuche, mit Menschen in Kontakt zu kommen, wird zauberhaft erzählt. Ganz gleich, ob er sich mit einem glücklichen Ehepaar in einer Trattoria unterhält oder sich das Gejammer eines unzufriedenen Inspektors anhört – ich hatte fast das Gefühl, neben ihm zu sitzen und die Atmosphäre zu spüren. Die Suche nach seiner Mutter wird auch eine Reise in Micheles Vergangenheit, denn eine Begegnung, ein Duft oder ein Geschmack weckt Kindheitserinnerungen, die mit dem aktuellen Geschehen geschickt verwoben werden. 
Ich finde die Idee und Dramaturgie dieses Romans einfach großartig! Micheles Reise, seine Erlebnisse und seine persönliche Entwicklung sind eine Metapher für das ganze Leben. Er fasst Mut, wächst über sich hinaus, wird euphorisch, erlebt dann eine Niederlage, ist enttäuscht und desillusioniert, fällt ins Bodenlose, wagt dennoch einen neuen Versuch ... und lernt dabei immer wieder neue Seiten an sich kennen. Es dauert eine Weile, bis er begreift, dass auch Elena genau wie er ein Spatz mit gebrochenen Flügeln ist, und was es bedeutet, zu vergeben und einen geliebten Menschen ganz und gar in sein Leben einzulassen.
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Sein Traumschiff finden

Die Entscheidung zu einer Kreuzfahrt will wohl überlegt sein. Ist man erst einmal auf dem Schiff, gibt es so leicht kein Entkommen mehr. Eine wertvolle Hilfestellung könnte das Buch „Wo bitte geht’s zum Meer“ von Bettina Querfurth sein. Die Autorin macht uns nicht nur mit dem A bis Z der Kreuzfahrt vertraut, sondern berichtet auch aus ihrem reichen Erfahrungsschatz.
Schon der Einschiffungstest ist ein großes Lesevergnügen. Er eignet sich nicht nur, um seine eigene Tauglichkeit für Kreuzfahrtreisen zu testen, sondern vermittelt eine erste Vorstellung, was einen erwartet. Hat man den Test halbwegs bestanden, kann man zum nächsten Schritt übergehen: die Planung und Vorbereitung. Diese gestaltet sich aufwändiger als ich dachte: Wähle ich ein großes oder kleines Schiff? Was ist mir wichtiger: das Schiff oder die Route? Um solche Fragen im Vorfeld zu klären, bedarf es gründlicher Recherchen. Die Autorin selbst hat große Freude daran, sich mit Prospekten einzudecken und sie im Detail zu studieren, um „ihr Traumschiff zu finden“.  Sie gibt Tipps, wie man sich am besten einen Überblick verschafft und sich auf ein Beratungsgespräch im Reisebüro vorbereitet. 
Welche Strapazen bis zur tatsächlichen Einschiffung lauern können, schildert Bettina Querfurth mit viel Witz am Beispiel einer organisierten Busreise zum Hafen. Auch nach der Ankunft braucht man starke Nerven. Ihre Empfehlung: Sich überall einzureihen, auch wenn man nicht weiß, wofür man sich anstellt. So kann man sichergehen, dass man weder bei der Tischzuteilung noch bei der Ausflugsbuchung leer ausgeht. Wenn sie beschreibt, wie die hungrigen Passagiere im Treppenaufgang vor dem Büfettrestaurant lange Schlangen bilden, vergeht mir schon die Lust. Auch die Kleiderordnung und der typische Smalltalk beim Essen wären für mich ein Alptraum. Andererseits: Wann hat man schon die Gelegenheit, auf einem Schlag so viele verschiedene Kurse auszuprobieren und neue Hobbies zu entdecken wie Obst- und Gemüseschnitzen, Handtücher falten, Cha Cha Cha, Bridge, Fechten oder Karaoke-Singen? Eine schwimmende VHS liegt einem da zu Füßen.
Durch meine Neigung zur Seekrankheit und viele andere Gründe, die mir dieses Buch nur bestätigt hat, kommen Kreuzfahrten für mich nicht in Frage. Umso mehr habe ich es genossen, mit den Augen der Autorin und ihrer Mitreisenden das ganz schön verrückte Leben auf dem Schiff und Landgänge nach St. Petersburg und Santorin zu erleben. 
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Schreiben rund um die Welt

Brauchen wir wirklich Geschichten? Diese provokante Frage stellt Tim Parks in seinem Buch „Where I am reading from“. („Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen“). Der Engländer, der seit über dreißig Jahren in Italien lebt und an der Universität Mailand 'Literarisches Übersetzen' lehrt, weiß, wovon er spricht.  Er ist preisgekrönter Romancier, Autor von zahlreichen Sachbüchern und Essays, Rezensent und Übersetzer.
In 37 Essays reflektiert er über das Schreiben und Geschriebenes und welche Faktoren uns in der Auswahl unserer Lektüre beeinflussen. Er nimmt auch den Literaturbetrieb unter die Lupe und fragt sich, was Literatur zu guter Literatur macht. Wie autobiografisch darf ein Roman sein und inwieweit ist man bereit, Nahestehende durch die Veröffentlichung persönlicher Details zu verletzen? Wie wichtig ist Schriftstellern die Anerkennung des Publikums? Parks’ Augenmerk gilt aber vor allem der Welt, in der wir leben und die sowohl das Schreiben als auch das Lesen prägt. Als Übersetzer beschäftigt ihn zum Beispiel, dass globale Romane, die sich leichter übersetzen und international vermarkten lassen, regional gefärbte Literatur immer mehr verdrängen. 
Das Buch enthält nicht nur anregende und kritische Betrachtungen, sondern auch interessante literarische Beispiele und unterhaltsame Anekdoten. So amüsiert sich Parks über dumme Fragen, die häufig in Signierstunden gestellt werden, wenn Leser versuchen, einen Zusammenhang zwischen dem Gelesenen und dem Autor als Mensch herzustellen. Für alle Literaturliebhaber eine intellektuell fordernde Lektüre, die zu Diskussionen anregt.
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Suhl dich im Leben

Liest man die Lebensgeschichte von Elmar Rassi, so könnte man sagen, dass er (Schweine-)Glück im Unglück hatte. Nachdem er als Kind aus seiner Heimat Aserbaidschan fliehen musste, bekam er die Chance, in Deutschland neu anzufangen. Ausschlaggebend für die positive Wende war vor allem seine dankbare und offene Haltung, sein Leben trotz schwieriger Startphase selbst in die Hand zu nehmen. Die Glückszutaten, die er nach und nach für sich aufspürte, um ein erfülltes Leben zu führen, und zu zehn universellen Regeln verdichtete, stellt er in seinem Buch „Schweineglück – Lass los und suhl dich im Leben“ vor. Dazu zählt zum Beispiel, vergangene negative Erlebnisse und überflüssigen Ballast loszulassen und im Hier und Jetzt zu leben, sich nicht von der Routine den Tag diktieren zu lassen und seine Träume und Ziele zu visualisieren – Themen, die der eine oder andere Leser sicher schon aus anderen Ratgebern kennt. Das Besondere an diesem Buch ist die Art und Weise der Vermittlung.
Der Autor nimmt den Leser behutsam an die Hand und zeigt anhand von Beispielen aus dem Alltag und eigenen Erfahrungen, mit welchen Hürden wir meist konfrontiert werden. Dass jedes Kapitel mit einem Foto von ihm in verschiedenen Lebenslagen beginnt, mag etwas befremdlich sein, doch passt es zum Konzept dieses Buches, denn man nimmt Elmar Rassi ab, dass er voll und ganz hinter dem steht, was er schreibt. Es wäre ein Leichtes, sich aus vielen vorhandenen Töpfen zu bedienen und allgemeine Weisheiten über ein glückliches Leben aneinanderzureihen, doch hier spürt man immer wieder, dass der Autor all das, was er schreibt, auch selbst lebt. Sein Ton ist nie belehrend, sondern bescheiden, warmherzig und aufmunternd. Er lässt seine Ratschläge auch nicht einfach so stehen, sondern gibt Anleitungen, wie man am besten die gewünschten Veränderungen herbeiführen kann. Ihm selbst ist dies offensichtlich gut gelungen: Er lebt in seiner Wahlheimat Köln und ist als Glückscoach auf der AIDA sowie als Speaker und Motivator erfolgreich.
Da mich die Thematik sehr interessiert, habe ich schon sehr viele Bücher dazu gelesen. Trotzdem fand ich wieder neue interessante Anregungen. So gefällt mir der Gedanke, seine Angst vor einer persönlichen Schwäche oder vor einer schwierigen Aufgabe nicht nur zu akzeptieren und zu überwinden, sondern sie in seine größte Stärke umzuwandeln. Erfinderisch zu sein und den Augenblick zu nutzen, wenn man dem nächsten Hindernis begegnet, ist ebenfalls ein Rat, den ich beherzigen möchte. Sehr schön fand ich das Beispiel, wie Eltern je nach ihrer Haltung und Reaktion die Fantasie ihrer Kinder fördern oder ausbremsen und positive oder negative Glaubenssätze schaffen können, die die weitere Entwicklung prägen. Wahrnehmen, stoppen und umprogrammieren lautet die Formel, die Rassi uns ans Herz legt, um neue Wege im Leben einschlagen zu können. Das Buch wird durch positive Affirmationen, Parabeln und Geschichten seiner Großmutter aufgelockert, ist klug aufgebaut und auch optisch sehr schön gestaltet. Zu einem Live-Event lädt der Glückscoach am kommenden Donnerstag, dem 9. März um 19 Uhr ein.
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Boshaft und skrupellos

Wer Probleme mit dem Älterwerden hat, sollte nicht unbedingt zu dem neuen Buch „Stone Mattress“ („Die steinerne Matratze“) von Margaret Atwood greifen. In neun Kurzgeschichten zeichnet die kanadische Autorin ein ziemlich abstoßendes Bild dessen, was uns mit fortschreitendem Alter erwarten kann. Wie schonungslos sie dabei vorgeht, zeigt eine Geschichte, die in einem luxuriösen Seniorenheim spielt. Die langsam erblindende Wilma ist kaum in der Lage, auch nur irgendetwas ohne Hilfe zu bewerkstelligen. Sie lebt in ständiger Angst, in der Dusche auszurutschen, vereinbart Termine zum Zehennägel-Schneiden und hat ständig seltsame Halluzinationen. Von Tobias lässt sie sich erzählen, welche Dramen sich draußen abspielen: Verkleidete Demonstranten blockieren den Eingang und rufen „Fackelt die Alten ab“, so auch der Titel dieser Erzählung. Es sei Zeit, dass die Alten den Mittelalten ihren Platz überlassen.
Auch die übrigen Charaktere haben mit dem stetigen Abbau ihres Körpers und der jüngeren Generation, von der sie verdrängt werden, zu kämpfen. Statt zu resignieren oder in Selbstmitleid zu baden, entwickeln sie jedoch ungeahnte Energien und Fantasien, um mal stolz, mal boshaft, ihren Platz in der Welt zu behaupten. Constance zum Beispiel hat einen Fantasykosmos namens Alphinland erschaffen, wo sie mit ihrem verstorbenen Ehemann Ewan weiterlebt. Irena war klug genug, einen Vertrag mit ihrem Geliebten und Autor eines erfolgreichen Horrorklassikers abzuschließen, der sie zur Millionärin macht. Und Verna, die auf einer Arktisreise Bob wiedertrifft, der sie einst nach einem Highschool-Ball vergewaltigte, tüftelt einen perfiden Plan aus, um Rache zu üben. 
Während der Lektüre läuft es einem immer wieder kalt den Rücken runter – und das liegt nicht am eisigen Ambiente dieser „wicked tales“, wie die Autorin ihre Geschichten genannt hat, sondern vielmehr an der morbiden und dystopischen Zukunftsvision, die Atwood in Edgar Allan Poe-Manier vor unseren Augen entfaltet.
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Zerbrechliches Leben

„Our house was taken away on the back of a truck one afternoon late in the summer of 1979“. So beginnt der Roman „All my puny sorrows“ („Das gläserne Klavier“) der kanadischen Schriftstellerin Miriam Toews. Dieser originelle Satz genügte, um mich für den Kauf dieses Buches zu entscheiden. Nun könnte man eine skurrile und vergnügliche Familiengeschichte erwarten. Zum Glück war ich vorgewarnt, dass dem nicht so ist. Ganz im Gegenteil: Die Ich-Erzählerin Yolandi erzählt von der bedingungslosen Liebe zu ihrer selbstmordgefährdeten Schwester Elfrieda, kurz Elf.
In Rückblicken erfahren wir, wie sie als Kinder von Mennoniten in der kanadischen Provinz aufwuchsen. Schon immer stand Yoli im Schatten von Elf und deren künstlerischen Begabung. Doch Elf hat das Suizid-Gen des Vaters geerbt und will nicht mehr leben. Nach einem missglückten Selbstmordversuch landet sie in der Psychiatrie eines Krankenhauses. 
Yoli lässt uns hautnah erleben, wie schwer es ist, sich in einen Menschen mit Todessehnsucht hineinzuversetzen. Was geht in ihren Köpfen vor? Wie kann man ihre Lebenslust wieder wecken? Während der Krankenbesuche fragt sich Yoli, ob Elf über Gründe nachdenkt, am Leben zu bleiben oder über Möglichkeiten, ihr Leben zu beenden. Dabei hätte sie allen Grund, glücklich zu sein: Sie hat einen Ehemann, der sie über alles liebt, und wird als Konzertpianistin umjubelt. Ist ihr Leben so perfekt, dass sie es nun beenden kann? Yoli dagegen sieht ihre Existenz als gescheitert: sie ist beruflich erfolglos, pleite und und schlägt sich nach zwei missglückten Ehen als alleinerziehende Mutter durch. Und doch legt sie eine unbändige Energie, Hartnäckigkeit und Leidenschaft an den Tag, wenn es darum geht, ihre Schwester am Leben zu erhalten. Während sie überlegt, ob sie Elf nicht in ein gefährliches Land schicken sollte, wo es ums nackte Überleben geht, verlässt sich Elfs Ehemann Nic lieber auf die regelmäßige Einnahme der Medikamente. Auch wenn sie unterschiedlich mit ihrer Situation umgehen, teilen sie doch den Glauben an ein Wunder und die Hoffnung, dass sie doch noch auf Welttournee gehen könnte. Trotzdem erscheint es Yoli zunehmend grausam, jemanden gegen seinen Willen zum Leben zu zwingen. Umso zerrissener fühlt sie sich, als Elf sie bittet, sie in die Schweiz zu begleiten und ihr beim Sterben zu helfen. 
Miriam Toews kehrt in diesem autobiografisch geprägten Roman ihr Innerstes nach Außen und zieht uns in ihre widersprüchliche Gedankenwelt hinein. Auch wenn die Geschichte bedrückend und aufwühlend ist, sorgt sie durch witzige und ironische Passagen auch für heitere Momente und bietet mit großer Erzählkraft vielfältige Einsichten in ein ernstes Thema. 
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From Think to Ink

Auch wenn ich schon genügend Bücher über Creative Writing gelesen habe und mich besser ans Schreiben machen sollte, konnte ich es wieder nicht lassen und griff zum Buch „Creative Writing – From Think to Ink“. Darin geht es weniger um da nötige Handwerkszeug, um gute Texte zu schreiben oder Romane zu konzipieren, sondern vielmehr um den kreativen Schreibprozess.
Gail Carson Levine gibt viele schlüssige Tipps, wie man seinen eigenen Stil findet, Ängste vor Kritik überwindet oder die nötige Schreibroutine in seinen Alltag integriert. Interessant fand ich ihre Ansicht, dass man keine 1000 Writing Prompts brauche, um eine gute Story zu schreiben. Vielmehr solle man sich Fragen stellen wie „Warum will ich schreiben?“ oder „Was ist der größte Wunsch in meinem Leben?“ und schon könne man seine Kreativität anzapfen und eigene Ideen sprudeln lassen. Wer viel liest, hat meistens bestimmte Lieblingsschriftsteller. Laut Levine könne man am besten von ihnen lernen, wenn man sich fragt, was einem genau an ihren Romanen oder ihrem Schreibstil gefällt.
Auch zum Thema ‚Editieren‘ und ‚Feedback einholen’ konnte ich ein paar gute Anregungen mitnehmen. Die New Yorker Schriftstellerin empfiehlt, beim Überarbeiten des Textes nicht nur auf stilistische und inhaltliche Aspekte, sondern auch auf seine Gefühle während der Lektüre zu achten. Mit verschiedenfarbigen Markierungen werden schwächere und stärkere Stellen schnell sichtbar. Sobald man beim Lesen das Interesse verliert, könne man zum Beispiel zu pink, bei konfusen Passagen zu grün und bei steigender Spannung zu gelb greifen. 
Levine erinnert daran, dass Schriftsteller nicht nur während des Schreibens, sondern rund um die Uhr ‚arbeiten‘. Es gibt zahlreiche Gelegenheiten im Alltag, die man ‚schriftstellerisch’ nutzen kann, indem man die Mimik und Gestik von Menschen beobachtet und in Worte fasst, Metaphern für eine ungewöhnliche Landschaft sucht oder sich Wortspiele ausdenkt. Jede Wartezeit ist somit sinnvoll genutzt.
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Eisiges Naturschauspiel

„Ich habe gelernt, jederzeit eine Einladung annehmen zu können, wenn das für mich heißt, dass ich reisen kann.“ Diese Abenteuerbereitschaft ihrer Freundin gefiel der amerikanischen Schriftstellerin Kathleen Winter, so dass sie ebenfalls für alle Fälle einen kleinen Koffer packte und in ihren Wandschrank verstaute. Damals ahnte sie noch nicht, dass dieser Fall schon in Kürze eintreten sollte: Sie wird eingeladen, auf einem russischen Eisbrecher eine Reise durch die Nordwestpassage zu unternehmen, die sie in ihrem Buch „Eisgesang“ schildert. 
Schon der Einstieg der Geschichte ist sehr gelungen: Kathleen, Ende 40, trifft ihre Jugendfreundinnen wieder. Sie liegen auf einem Steg und erinnern sich an die Zeit zurück, als die Zukunft verheißungsvoll und die Welt für sie noch voller Möglichkeiten war. Nun, 30 Jahre später, hat Kathleen eine unglückliche Ehe und ein Familienleben hinter sich, das sie als eher „uninspiriert“ erlebte. Unverändert geblieben ist ihre Sehnsucht nach dem Unvorhergesehenen. Daher zögert sie nicht lange und nimmt das Angebot ihres Berufskollegen, an seiner Stelle zu reisen, an. 
Das Schiff folgt der Route Roald Amundsens bei seiner ersten Überquerung der Nordwestpassage von Kanada nach Grönland mit dem Endziel Kugluktuk. Unter der Crew befinden sich Forscher, Geologen, Touristen und jene, die persönliche Tragödien verarbeiten wollen. Kathleen sucht zunächst eher Abstand von der Gruppe. Statt sich in Lehrvorträgen Fakten und Zahlen über die Fjorde anzuhören, möchte sie die Landschaft und die Begegnung mit den Ureinwohnern  live erleben und auf sich wirken lassen. 
Das Naturerlebnis, das ich mir überwältigend vorstelle, beschreibt Kathleen fesselnd und bildgewaltig. Sie macht das Land im wahrsten Sinne des Wortes lebendig, indem sie es mit einem Reisegefährten vergleicht, der über einen Körper und eine Sprache verfügt. In der sich ständig verändernden Eislandschaft erkennt sie ihre eigene Veränderung während der Reise wieder. Je tiefer sie in die „Existenz einer arktischen Majestät“ eindringt, desto mehr wird ihre bisherige Wahrnehmung und ihr Denken außer Kraft gesetzt. Dazu gehört auch, dass sich ihre ursprüngliche Vorfreude und Neugier zunehmend in das unbehagliche Gefühl verwandeln, unbefugt in ein fremdes Territorium einzudringen. Auch der krasse Gegensatz zwischen dem Komfort auf dem Schiff und der Unerbittlichkeit des Meeres macht ihr bewusst, dass die Geborgenheit reine Illusion ist. Ich kann jedem nur empfehlen, Kathleen Winter auf dieser einzigartigen Reise sowohl in die Arktis als auch in ihre Seelenlandschaft  zu begleiten.
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In den Wäldern von Pennsylvania

Das Schöne an Romanen ist, dass man in Welten eintauchen kann, die einem völlig fremd sind – so auch in dem Krimi „Auf der Jagd“ von Tim Bouman. Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist die Gemeinde Thyme, wo man sich vor Holzdieben, Wilderern und Einbrechern hüten muss. Ansonsten passiert nicht viel in den einsamen Wäldern im Nordwesten von Pennsylvania. Das dachte zumindest Henry Farrell, als er seine Stelle als Dorfpolizist dort antrat und sich auf ein ereignisloses Leben einstellte. Nach seinem Kampfeinsatz in Somalia und dem Verlust seiner erkrankten Frau war es genau das, was er wollte: räumliche Weite, ein wenig jagen und fischen und minimaler Kontakt mit Menschen.
Als eines Tages eine Leiche auf dem Grundstück von Aubrey Dunigan entdeckt wird, zeigt der Ort jedoch nach und nach sein wahres Gesicht. Henry ist gezwungen, sich mit den einzelnen Bewohnern und ihrer Vorgeschichte zu beschäftigen. Auch den zunehmenden Bedrohungen, einerseits durch mexikanische Drogendealer und andererseits durch ein Frackingunternehmen, das das Land ausbeutet, muss sich der Gesetzeshüter im Zuge seiner Ermittlungen stellen. Wer jetzt eine effiziente und rasante Ermittlung erwartet, wird allerdings enttäuscht, denn die Uhren ticken anders in Wild Thyme. Die Menschen dort passen sich dem Rhythmus der Tiere und der Natur an und entsprechend gemächlich erfolgt auch die Aufklärung des Falls. So darf man sich nicht wundern, wenn Henry in Ruhe die Umgebung des Tatorts auskundschaftet, sich zwischendurch auf einem Baumstumpf niederlässt und die Sterne beobachtet. Nicht gerade der typische Ermittler, den man aus gängigen Krimis gewohnt ist.
Das ist aber auch das Besondere an dieser Geschichte, denn der Mordfall ist eher sekundär. Vielmehr geht es um die eigenwilligen Figuren, ihr besonderes Verhältnis zu dem Lebensraum, das immer mehr gefährdet ist und verkommt. Bouman deckt Schicht für Schicht die Vergangenheit des Ortes auf und vermittelt subtil, wie sich der Hass der Gemeinschaft auf jegliche Autorität aufgebaut hat. Als Henry mit seiner Frau Polly am Stadtrand von Pinedale wohnte, den Blick auf die Zeilen der Wind-River-Bergkette genoss und Wanderungen unternahm, war die Welt für ihn noch in Ordnung. Durch die Erkrankung und den Tod seiner Frau ist der Ort für Henry nicht mehr das, was sie war. Auf ähnliche Weise hat auch Aubrey Dunigan durch den Fund der Leiche auf seinem Grundstück „einen Ort verloren, den er liebt“. Diese Wechselwirkung zwischen Mensch und Land zieht sich wie ein roter Faden durch diesen sehr lesenswerten Roman mit einem überraschenden Ende.
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Momente der Entrücktheit

Von Hanns-Josef Ortheil habe ich bisher nur wenig gelesen. Daher wundere ich mich selbst, was mich an seinem aktuellen Buch „Was ich liebe und was nicht“ so gereizt hat. Können seine Vorlieben und Abneigungen so interessant sein, dass sie mir ein schönes Leseerlebnis bescheren? Die Antwort lautet ja! Schon die Einführung ist sehr interessant: Man erfährt, dass sich bereits in der Antike Philosophen und Schriftsteller gerne über beliebte Themen in brieflichem oder mündlichem Dialog austauschten. Ortheil folgt dieser Tradition und teilt uns seine persönliche Einstellung zu verschiedenen Lebensbereichen mit, von Reisen über Essen bis hin zu Medien und Sport. Er möchte den Lesern eine Art Spiegel vorhalten, in dem sich der eine oder andere erkennt. Und genau das passierte mir gleich mehrmals. 
Ortheil lädt uns in für ihn typische Alltagssituationen ein, zum Beispiel auf eine lange Zugfahrt, bei der er interessante Mitreisende kennenlernt, gemeinsame Interessen entdeckt und stundenlang anregende Gespräche führt. Oder ein Treffen mit einem guten Freund in einem Weinlokal, in dem sich beide derart ins Gespräch vertiefen, dass sie glatt vergessen, ihr Essen zu bestellen. Der Schriftsteller ist aber auch gern für sich allein. Immer wieder sucht er sich kleine Oasen wie ein Berliner Taxi oder ein Hotel, das er als „paradiesischen Lebensraum“ für sich entdeckt und in Salons, Bädern und Bars Momente der Versenkung genießt. Häufig verspürt er den Wunsch, vom Alltag abzudriften und Momente der Entrücktheit zu genießen. 
Er gibt Einblick in viele persönliche Details wie seine Heimat in Westerwald, seinen einstigen Lebenstraum, Pianist zu werden oder seine jetzige Lehrtätigkeit. Der Autor wurde mir nicht nur immer sympathischer, ich fühlte auch eine starke Verbundenheit mit ihm, weil ich so viele Empfindungen, die er sprachlich meisterhaft beschreibt, teilen konnte. Dass er zum Beispiel lieber allein als in Begleitung Museen besucht oder dass er in Filmen den Figuren so nahe kommt und den Illusionen erliegt, dass er sich glatt in sie verliebt. Auch wenn er ganz triviale Tätigkeiten beschreibt wie Fernsehen, Autofahren oder Schwimmen kommt man seiner Person und seinem Lebenskonzept so nahe, als würde man sie schon lange kennen.
Ich würde mir wünschen, Ortheil ganz zufällig während einer seiner Lesereisen im Zug zu begegnen und mich über japanische Haikus und Gott und die Welt zu unterhalten. Bis dahin nehme ich vorlieb mit diesem wunderbaren Buch voller inspirierender und humoristischer Gedankengänge und folge vielleicht Ortheils Aufforderung, selbst ein Buch zu schreiben über "was ich liebe und was nicht".
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Gemeinsam einsam

Schon das Cover macht neugierig auf die neue Kurzgeschichtensammlung von Terézia Mora. Winzige Menschen bewegen sich voneinander weg und mitten drin prangt der Titel „Die Liebe unter Aliens“. Handelt es sich etwa um einen Science-Fiction? Keineswegs, denn mit Aliens sind Menschen gemeint, die sich jedoch so fremd bleiben, als wären sie Bewohner verschiedener Planeten. In der gleichnamigen Kurzgeschichte zum Beispiel geht es um den jungen Koch Tim und seine Freundin Sandy, die eines Tages einen Ausflug ans Meer unternehmen. Tims Chefin Ewa hegt mütterliche Gefühle für Tim. Doch das Verhalten des zu spontanen Aktionen neigenden Paares ist für sie unverständlich. Ewas geregeltes Leben mit ihrem Ehemann, der auf Alltagsroutine wert legt, macht ihr den krassen Gegensatz der Lebensweisen nur noch deutlicher. 
Oft fällt der Satz „Was es für Leute gibt!“, zum Beispiel in einer Geschichte, die auf einem Friedhof spielt. Ein Mann erfährt, dass sein Schulfreund verstorben ist und trifft sich mit dessen Schwester an seinem Grab. Sie bleibt seltsam verschlossen und es kommt kein Gespräch zustande. Obwohl sie sich kennen, stehen sie sich wie Fremde gegenüber. Auch ein Hotelmitarbeiter und seine Halbschwester hatten einmal eine enge Beziehung, merken jedoch, dass sie sich auseinander gelebt haben. 
Die Figuren suchen entweder Anschluss und Nähe oder haben sich mit ihrem isolierten Dasein abgefunden. Halt oder gar Glücksmomente finden sie oftmals in der Natur – zum Beispiel am Meer, dass immer „großartig“ ist, ganz gleich, was in der Welt oder im Inneren der Menschen vor sich geht, vor einer Lärche, die ihre goldenen Nadeln fallen lässt oder auf einer Autofahrt durch den Wald bei Sonnenauf- und untergang. Auffällig ist auch, dass die Figuren gern und ständig in Bewegung sind. Sie rennen wie die Verrückten während einer Verfolgungsjagd quer durch die Stadt, radeln vergnügt durch die Gegend oder legen an einem Kanal mehrere Kilometer zu Fuß zurück. Manchmal werden sie auch aus ihrem gewohnten Umfeld gestoßen und sind gezwungen, sich in einer neuen Umgebung zurechtzufinden, zum Beispiel ein Marathonläufer, der einen Dieb bis in ein angrenzendes Stadtviertel verfolgt oder ein japanischer Rentner, der sich seine neu gewonnene Zeit mit Spaziergängen durch sein Wohnviertel vertreibt und dabei ungewöhnliche Entdeckungen macht. Wenn auch rar, so gibt es sie doch – die kurzen Momente der Glückseligkeit und menschlichen Nähe, zum Beispiel als eine einsame Studentin, die aus Budapest nach London gezogen ist, unerwartet von deutschen Touristen zu einer Runde Fish & Chips eingeladen wird.  
Mora erzählt sehr unkonventionell. Die ungewöhnlichen Satzkonstruktionen vermitteln stellenweise den Eindruck, sie schreibe ihre Gedanken so nieder wie sie kommen. Manchmal wechselt die Erzählperspektive abrupt von der dritten in die erste Person. Obwohl die Autorin eher nüchtern, kühl und zynisch schreibt – da fallen auch mal so grausame Sätze wie „Die Menschen sind überflüssig“ oder „Menschen sind dumm und böse“ – nimmt man als Leser doch großen Anteil am Schicksal und Gefühlsleben der Figuren. Man taucht mit ihnen in eine sehnsuchtsvolle Entrücktheit ein. Nach der Lektüre war ich ganz hin und weg, wie erfinderisch Terézia Mora die großen Fragen menschlichen Daseins in kleine literarische Kostbarkeiten verpackt hat. 
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Die Queen von Bowery

Eine ganz besondere Mischung aus Biografie und Großstadtroman ist das Buch „Saint Mazie“ von Jami Attenberg. Nach ihrem erfolgreichen Roman „The Middlesteins“ erzählt die amerikanische Schriftstellerin diesmal vom Leben einer New Yorker Frau, die als „Queen of the Bowery“ zu einer Legende wurde: Marie Gordon-Phillips.
In Form von fiktiven Tagebucheinträgen erfahren wir, wie Mazie im Alter von zehn Jahren mit ihrer Schwester Jeanie von Boston nach New York zog, um bei ihrer älteren Schwester Rosie zu leben. Später arbeitet sie als Kartenverkäuferin im Kino ihres Schwagers und verbringt Tag für Tag in ihrer kleinen Zelle, die zu ihrem zweiten Zuhause wird. 
Mazie liebt das Nachtleben und ist oft in den New Yorker Straßen unterwegs, um Bars abzuklappern und mit charmanten Männern zu tanzen und zu flirten. Ihre Vorlieben, Schwächen und Stärken erfahren wir nicht nur aus ihrem Tagebuch, sondern auch aus der Perspektive verschiedener Zeitzeugen. So lässt Jamie Attenberg Nachbarn, Freunde und Bekannte zu Wort kommen, deren Kommentare ein sehr lebendiges Bild dieser ungewöhnlichen Frau vermitteln. Ungewöhnlich deshalb, weil sich das vergnügungssüchtige Mädchen immer mehr zu einer selbstlosen Frau entwickelt und später sogar als „Heilige“ angesehen wird. Nicht nur Mazie, auch ihr Umfeld hat sich stark verändert. Die Große Wirtschaftskrise nach dem Schwarzen Freitag hat viele Bürger arbeits- und obdachlos gemacht und das Elend und die Zahl der Hilfsbedürftigen nimmt zu. Noch immer zieht Mazie nächtens durch die Stadt, doch nicht mehr, um sich zu amüsieren, sondern um den Obdachlosen, Trinkern und Stadtstreichern rund um die Bowery zu helfen. Sie gibt ihnen Geld und Seife und lässt sie im Kino schlafen. 
Ihre Persönlichkeit hat mich sehr fasziniert. Obwohl sie zahlreiche Schicksalsschläge und Verluste von Familienangehörigen und Freunden erleidet, gibt sie die Hoffnung nie auf. „Walking wounded, and we never even went to war“, schreibt sie am 1.9.1921, ein Satz, der nicht nur ihre Gefühle, sondern die Stimmung in ganz New York auf den Punkt bringt. Obwohl Mazie allen Grund hat, verzweifelt, ratlos und verwirrt zu sein, weiß sie in jeder Lebenslage genau, was zu tun ist und trifft eine klare Entscheidung. Und ganz gleich, was in New York passiert: Sie ist stets in der Lage, auch im Dreck die Schönheit der Stadt zu sehen.
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Signale des Körpers

Diesen Winter scheinen die Krankheiten besonders aggressiv die Runde zu machen. Nacheinander erwischt es Freunde und Bekannte, die über Fieber, Magen-Darm-Grippe und chronischen Husten klagen. Kollegen horten auf ihren Schreibtischen ganze Batterien von Tabletten, Nasensprays und Hustensäften. Wer die lästigen Beschwerden als wichtige Signale des Körpers ernst nimmt und sie dazu nutzen möchte, sich und seinen Körper besser zu verstehen, dem kann ich das Nachschlagewerk „Der Schlüssel zur Selbstbefreiung – Enzyklopädie der Psychosomatik“ von Christiane Beerlandt wärmstens empfehlen. Die flämische Autorin und Lebensphilosophin, die lange Zeit in Ostende lebte, beschreibt darin den psychischen, emotionalen Ursprung von etwa 1300 Erkrankungen und wie man damit umgehen kann, um dauerhaft zu genesen. 
Durch eine Freundin kam ich mit diesem Buch in Berührung und war fasziniert, je länger ich darin blätterte. Dass Psyche und Emotionen bei der Entstehung und Heilung von Krankheiten eine wichtige Rolle spielen, ist ja allgemein bekannt. Was sich dabei ganz genau in unserem Inneren abspielt, wie sich innere Kämpfe und Blockaden körperlich äußern und was wir dagegen tun können, beschreibt Christiane Beerlandt auf verständliche, einfühlsame und und aufmunternde Weise. Im Vorwort schreibt sie, dass die Informationen nicht auf wissenschaftlichen Beobachtungen beruhen, sondern dass sie sie „aus sich selbst geschöpft“ und 1992 niedergeschrieben hat. Umso erstaunlicher war für mich, wie genau die Erklärung meiner sporadisch wiederkehrenden Leiden wie Kopfschmerzen oder Hautentzündungen auf mich zutrafen. 
Das Buch, das in verschiedene Sprachen übersetzt wurde, macht deutlich, dass hinter den meisten Erkrankungen Selbstzweifel, Angst und Unsicherheit oder angestaute und unterdrückte negative Emotionen wie Trauer, Schmerz und Wut stecken. Es wundert mich nicht, dass das Werk auch von Ärzten und Therapeuten als wichtige Ergänzung zur medizinischen Behandlung genutzt wird. Ich hoffe, dass Ihr dieses Jahr gesund und fit bleibt und auch die kalten Wintermonate durch innere Ausgeglichenheit und wohltuende Spaziergänge übersteht.
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Randale im Aufsteigerviertel

Als ich letztes Jahr in Brooklyn oder in Berliner Stadtteilen wie Neukölln unterwegs war, war mir gar nicht bewusst, dass es sich um typische Beispiele von Gentrifizierung handelt. Erst der Krimi „Tod Steine Scherben“ von Veit Bronnenmeyer machte mir deutlich, welche sozialen Auswirkungen die Aufwertung eines Stadtviertels haben kann. Als Außenstehender genießt man nur die hippe und kultige Atmosphäre eines boomenden Szeneviertels. 
Der fünfte Fall der Nürnberger Ermittler Albach und Müller spielt im Stadtteil Konradshof, jahrzehntelang Heimat von Arbeitern, Arbeitslosen, Künstlern und Ausländern. Seit einiger Zeit hat allerdings eine neue betuchtere Schicht Gefallen an dieser Wohngegend gefunden. Große Geldsummen werden investiert, um den alten Baubestand zu sanieren. Dies ruft viele Gegner auf den Plan wie die linken Aktivisten der Gruppe AFKO. Als einer von ihnen in einem Auto verbrennt, ist wieder einmal das Ermittlerduo gefragt.
Albach, der vorübergehend die Kommissariatsleitung übernehmen darf, will sich mit eigenen Augen ein Bild von dem Stadtviertel machen. Gemeinsam mit seiner Kollegin Sophie geht er auf Streife, um mit den Bewohnern von Konradshof ins Gespräch zu kommen. Sie erhoffen sich Hinweise von Linksalternativen, Obdachlosen, Eigenheimbesitzern und Bauarbeitern. Dadurch wird der Krimi auch zu einer interessanten, kritischen Milieustudie, die die Auswirkungen des sozialen Wandels aus verschiedenen Perspektiven unter die Lupe nimmt. Während auf Bürgerversammlungen heftig diskutiert und protestiert wird, finden im Rohbau sogenannte Fette-Miete-Parties statt. 
In dieser temporeichen Geschichte gibt Bronnenmeyer auch den einzelnen Figuren genügend Raum und Tiefe. So hat man Mitleid mit Renan, die genervt ist, weil sie ständig auf ihre unübersehbare Schwangerschaft angesprochen wird, obwohl sie so ungern über Privates spricht. Noch weniger gefällt ihr, dass sie zu ihrem Schutz zum Innendienst verdonnert wird. Der Fall wird unterdessen immer mysteriöser. Eine junge Frau, die seit ihrem missglückten Selbstmordversuch kein Wort mehr spricht und in einer psychiatrischen Klinik seltsame Zeichnungen anfertigt, scheint in dem Fall verwickelt zu sein. Und dann geschieht ein weiterer Mord. Soziale Spannungen, Profitgier und kriminelle Energie ergeben in diesem Krimi eine explosive Mischung, die bis zum Ende spannend bleibt und mit einem überraschenden Ende aufwartet.
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Schreibutensilien zum Verlieben

Ich gebe zu, ich zähle zu jener Spezies, die Bleistifte und Notizbücher sammeln wie andere Leute Uhren, Termine in Planer kritzeln und an keiner Papeterie vorbeigehen können ohne darin zu stöbern. Kein Wunder, dass mich das Buch „Schreibwaren – Die Rückkehr von Stift und Papier“ sofort angesprochen hat. Es ist nach verschiedenen Utensilien wie Bleistifte, Radierer, Spitzer und Notizbücher gegliedert und erläutert deren Ursprünge und kulturelle Entwicklung bis zur heutigen Zeit. Dabei erfährt man so manch interessante Fakten: zum Beispiel dass der Name des Unternehmens Sharp Electronics auf den 1915 entwickelten ersten mechanischen Bleistift namens Ever-Ready-Sharp-Pencil zurückzuführen ist. Das Buch öffnet auch den Blick für neue Betrachtungsweisen. So war der Bleistift für mich immer ein Symbol für skizzenhafte Notizen und Kreativität, da ich ihn nutze, um Gedanken und Ideen niederzuschreiben. Für Ingenieure und technische Zeichner dagegen steht der Bleistift für Maßarbeit und Präzision. Auch ein so schlichter Büroartikel wie die Büroklammer bietet eine riesige Bandbreite an Gestaltungsmöglichkeiten wie kreative Designer in Eindhoven beweisen.
Was diesen Band zu etwas ganz Besonderem macht, ist die Vorstellung ausgewählter Konzeptläden aus der ganzen Welt, die sich auf Schreibwaren spezialisiert haben. Die Gründer bzw. Geschäftsführer kommen selbst zu Wort und teilen mit uns ihre Philosophie, ihre Liebe zum Detail und ihre ganz persönlichen Lieblingsstücke. Der Inhaber von 'Choosing Keeping' in London wünscht sich, dass alltägliche Gebrauchsgüter als nationale Kultur-Ikonen angesehen werden und sieht einen Laden als ein Mini-Museum von Objekten. Solche Geschäfte sind auch Anlaufstelles für Requisiteure, die Gegenstände für historische Filme suchen. Die 'pencil lady' Caroline Weaver, Gründerin des Bleistift-Dorados 'CW Pencil Enterprise', vermittelt ihren Kunden Hintergrundwissen zu jedem einzelnen Bleistift. Die Ladeninhaber sind schon zu beneiden: Sie reisen viel, entdecken Marken- und Nischenprodukte, Vintage- und Design-Objekte in Japan, Italien, Prag oder Skandinavien und holen sich weltweit Inspirationen. Eine Stärke des Buchs ist auch, dass der Autor nicht nur in nostalgischen Erinnerungen schwelgt, sondern auch interessante Verbindungen von Alt und Modern zeigt wie zum Beispiel einen zweisprachigen Podcast über Stifte. 
In diesem wunderschön gestalteten und reich bebilderten Band zu blättern ist ein wahrer optischer und haptischer Genuss. Am liebsten möchte man nach der Lektüre in den nächsten Schreibwarenladen rennen und sich eine eigene Sammlung schöner Stücke wie den legendären Radiergummi 'Pink Pearl' zulegen. Für alle, die ein Faible für Schreibutensilien, für formvollendetes Design und haptische Erlebnisse haben, ist dieses Buch ein Muss!
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Lehrstück im Versagen

Jeder Mensch kennt vermutlich jemanden, dessen Leben genügend Stoff für einen Roman liefert. Liam, Protagonist der Geschichte „Fließsand oder eine todsichere Anleitung zum Scheitern“ von Steve Toltz hat sogar das Glück, mit solch einer Person seit seiner Jugend befreundet zu sein. Dies bringt Liam, der statt Polizist viel lieber Schriftsteller geworden wäre und noch auf seinen großen Durchbruch wartet, auf die Idee, ein Buch über seinen Freund Aldo Benjamin zu schreiben. 
Dass Aldo eine ganz einzigartige Person ist, kann der Leser nach den ersten Kapiteln kaum bestreiten. Allein die Geschäftsideen, mit denen der mittellose Unternehmer zwar Investoren gewinnen, aber keine müde Mark verdienen konnte, füllen ein Buch für sich. „Lehrstücke im Versagen“ nennt Liam Aldos endlose Produkteinführungen. Höchst amüsant ist auch, wie sich Aldo ein Netzwerk von nützlichen Berufsvertretern wie Polizisten, Anwälte und Ärzte, allesamt „menschliche Feuerlöscher“ aufbaut, die ihm in jeder Lebenslage aus der Patsche helfen. Dies ist auch vonnöten, denn in der Patsche zu sitzen entwickelt sich für Aldo zu einem Dauerzustand. Er schlittert von einer Katastrophe in die nächste. Meint man, dass es nicht mehr schlimmer kommen kann, wird man eines Besseren belehrt.  
Verstärkt wird diese Aneinanderreihung von Desastern auch stilistisch. Steve Toltz ist ein Meister der Aufzählungen, sei es von unsinnigen Produkten, die Aldo auf den Markt lancierte, von Dingen, die er hasst oder von Arten, wie ein Mensch nicht begraben werden will. Da kann ein Satz locker über eine Seite hinausgehen. Man wird förmlich in den Gedankenstrom des Erzählers hineingerissen und staunt über den fantastischen Einfallsreichtum und schrägen Humor. Eine explosive Vitalität zieht sich durch den gesamten Roman. Manchmal trägt der Erzähler jedoch zu dick auf und man weiß nicht recht, was er damit bezweckt. Soll man Aldos Hass auf die Welt, auf die Absurditäten und Ungerechtigkeiten im Leben teilen oder ist alles so verrückt und grotesk, dass es gar nicht ernst zu nehmen ist? 
Der zweite Teil, der aus Aldos Sicht geschildert wird, verliert durch lange Ausschweifungen ein wenig an Schwung. Mit der Zeit nervte mich zunehmend die penetrante Auswalzung menschlicher Leidensfähigkeit. So ist der Roman durch den Wortwitz und die überbordende Fantasie durchaus lesenswert, kommt jedoch an Toltz’ erstes Werk „Vatermord und andere Familienvergnügen“, der mich vollends begeisterte, nicht ganz heran.
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Kopfkino

Nach der Lektüre des Romans „Nachts die Schatten“ von Helwig Arenz fühlt man sich unweigerlich in seine Jugend zurückversetzt. Auch wenn der Protagonist Georg keine direkte Identifikationsfigur für mich war, konnte ich mich gut daran erinnern, wie ich bestimmte Situationen im Elternhaus ganz ähnlich erlebte.
Georg hat es wahrhaftig nicht leicht. Er kämpft nicht nur mit den typischen Unsicherheiten eines Heranwachsenden, sondern muss sich auch noch gegenüber seinen zwei älteren Brüdern Torsten und Kai behaupten. Einerseits bewundert er vor allem Kai, der sich alles traut, und sucht seinen Rat, als er sein erstes Rendezvous vor sich hat. Andererseits fühlt er sich oft unverstanden und ausgeschlossen. Das Einzige, was ihm hilft, sich in der Welt zurechtzufinden, Widersprüchliches zu akzeptieren und Geschehnisse zu verarbeiten, ist seine stark ausgeprägte Vorstellungskraft. Diese geht soweit, dass er sich nicht nur wilde Geschichten rund um seinen Bekanntenkreis ausdenkt und sie im Geiste ausschmückt, sondern auch Geister sieht – zum Beispiel in Gestalt eines Polizisten oder einer Frau im weißen Gewand. Stehen diese Erscheinungen für sein Gewissen oder lebt er  nur seine überbordende Fantasie aus? Dies bleibt der Fantasie des Lesers überlassen.
Der Roman ist keine chronologische Erzählung, sondern vielmehr Moment- und Nahaufnahmen, die Georg in der Ich-Perspektive wiedergibt. Es sind Kleinigkeiten, bestimmte Gesten, die den Protagonisten treffender charakterisieren als jede ausführliche Beschreibung, zum Beispiel seine Gewohnheit, sich Essen in den Mund zu stopfen, um sich nicht am Gespräch beteiligen zu müssen. Das Unsichere, Zaghafte, Holprige und Bemühte in seinem Wesen wird sehr gut vermittelt. Besonders gut gefiel mir die Episode mit dem Titel „Esszimmerwelt“. Beschrieben wird eine scheinbar harmlose alltägliche Szene am Esstisch, in der der Vater Torsten zurechtweist. Welche panischen Gefühle dieses Gespräch, das in ähnlicher Form schon etliche Male stattgefunden hat, in Georg auslöst, entfaltet Helwig Arenz enorm ausdrucksstark. Seine einfallsreichen Metaphern und die Art und Weise, wie er das Geheimnisvolle verdichtet, faszinieren. Der Autor wuchs in Fürth auf und ist auch als Schauspieler tätig. Ihm ist ein zärtlich-einfühlsamer und sehnsuchtsvoller Roman gelungen, der die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens poetisch und berührend schildert. 
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"Schöne Aussicht"

Im Stadtviertel Uhlenhorst, dem geografischen Mittelpunkt Hamburgs, spielt die Geschichte „Töchter einer neuen Zeit“ von Carmen Korn – allerdings nicht in der heutigen Zeit, sondern vor knapp hundert Jahren. Das Alsterufer dort trägt den Namen ‚Schöne Aussicht’, da sie einen Blick auf den Michel, den Fernsehturm und zahlreiche Kirchtürme bietet.
Und welche Aussichten hatten die Frauen in der damaligen Zeit? Davon erzählt diese Geschichte, die sich um vier Frauen, ihre Freundschaft und ihre unterschiedlichen Lebenswege dreht. Henni und Käthe zum Beispiel beginnen im Frühjahr 1919 eine Ausbildung zur Hebamme an der Frauenklinik Finkenau. Henni ist ehrgeizig, hat viele Pläne, doch als sie sich in den Arzt Lud verliebt und schwanger wird, verläuft ihr Leben anders als erwartet während Käthe sich politisch engagiert und die Kommunisten unterstützt. Einen Einblick in höhere gesellschaftliche Schichten und in schicke Villen der Gründerzeit gibt uns die Figur Ida, die in eine unglückliche Ehe mit einem reichen Bankdirektor gezwungen wird. Da sich die Haushälterin Mia um alles kümmert, hat Ida nicht viel mehr zu tun, als ihrer Liebe zum Chinesen Tian nachzutrauern. 
Durch die Heirat mit Lud lernt Henni seine Schwester Lina kennen – für mich die interessanteste Figur in dem Roman, da sie die Aufbruchsstimmung, die Neugier und den Mut zu einem emanzipierten Leben am stärksten verkörpert. Sie kann nicht nachvollziehen, warum ihre Schwägerin, die so viele Pläne und Ehrgeiz hatte, in jungen Jahren eine Familie gründet. Lina vertritt die Ideen der Reformpädagogik und unterrichtet an einer Versuchsschule, interessiert sich für den Expressionismus und zieht in eine Mansarde – bereit für einen Neuanfang. 
Was die Handlung betrifft, hätte ich mir etwas mehr Spannung und überraschende Wendungen gewünscht. Doch die Stärken des Romans liegen für mich woanders. Carmen Korn versteht es, durch detailreiche Beschreibungen Figuren, Schauplätzen und der damaligen Epoche Leben einzuhauchen. Die Sehnsüchte der Figuren und ihre wachsende Angst vor dem Aufstieg der Nationalsozialisten sind immer wieder präsent. Auch die Charakterisierung der Männer kommt nicht zu kurz: zum Beispiel Käthes Mann, ein linker Romantiker, der in die KPD eintritt, Lud, der sich etwas Kindliches bewahrt hat und bei Frauen das Gefühl auslöst, ihn behüten zu wollen, oder der Arzt Theo Unger, der kein Glück bei Frauen hat. 
Wer weiß, ob ich bei der Buchversion der Geschichte mit der gleichen Aufmerksamkeit gefolgt wäre wie diesem Hörbuch. Die Autorin liest selbst und beweist ein großes Talent dafür. Mal kühl-sachlich, mal empathisch zieht sie mit ihrer unverwechselbaren Stimme die Hörer in den Bann. Man kann nur hoffen, dass die porträtierten Frauen und ihre Nachfahren im nächsten Band der Trilogie auf schönere Aussichten im Leben hoffen dürfen. 
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Die göttliche Maschine

Stellt Euch vor, Ihr geht auf Reisen und überall sieht es genauso aus wie zu Hause. Welch ein Alptraum! Solch ein Szenario zeichnet E. M. Forster in seiner Erzählung „The machine stops“ („Die Maschine steht still“), die nun in neuer Übersetzung erschienen ist. 
Selbstfahrende Autos, Komfort und Sicherheit auf Knopfdruck in seinen vier Wänden ... an all das werden wir uns wohl früher oder später gewöhnen müssen. E. M. Forster hat dies alles aber schon 1909 kommen sehen, als er seine verstörende Kurzgeschichte verfasste. Hatte der Schriftsteller, der nach seinem Studium in Cambridge durch die Weltgeschichte reiste und so bekannte Romane wie „Zimmer mit Aussicht“ und „Wiedersehen in Howards End“ schrieb, hellseherische Fähigkeiten? 
Seine Vision ist allerdings weitaus düster. Das Leben gleicht der Hölle und das nicht nur, weil die Menschen unterirdisch leben und jeglichen Kontakt zur Umwelt und Natur verloren haben. Alles, was sie umgibt, ist standardisiert: vom Stadtbild über die Einzelzelle bis hin zur Bettgröße. Ob Essensaufnahme, Unterhaltung oder Kommunikation – alles wird über eine allmächtige Maschine gesteuert. Menschen, die sich gegen das System auflehnen, werden als Gesetzesbrecher an die Erdoberfläche verbannt. 
Besonders beängstigend fand ich den Gedanken, dass Menschen nur noch aus zweiter Hand leben und nur noch nach neuen Ideen suchen, weil sie selbst keine authentischen Erfahrungen mehr machen können. Wissen wird ausschließlich über Vorträge und Schriften überliefert – direkte Beobachtungen und persönliche Meinungen sind tabu. 
Aber was passiert, wenn die Maschine anfällig wird für Pannen und irgendwann stillsteht? E.M. Forster zeigt die Konsequenzen unkritischer Technikgläubigkeit und völliger Abhängigkeit. Dass Harry den Apple Store scherzhaft „Die Kathedrale“ nennt, hat auf einmal einen bitteren Beigeschmack. Forsters damalige Zukunftsversion, die unserem Alltag erstaunlich nahe kommt, wirft viele aktuelle Fragen auf und ist absolut lesenswert.
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Ein Bild auf Reisen

Es war einmal ein Gemälde, das fühlen und erzählen konnte. So könnte der Roman „Die Launenhaftigkeit der Liebe“ von Hannah Rothschild beginnen. Das gleichnamige Bild von Antoine Watteau ist nämlich der eigentliche Held des Romans und erzählt in einigen Kapiteln sogar aus der Ich-Perspektive! Dies ist nur eine von vielen originellen Ideen, die dem Roman etwas Zauberhaftes verleihen. 
Als die Protagonistin Annie McDee das besagte Gemälde in einem Trödelladen kauft, um es zu verschenken, ahnt sie noch nicht, welche Turbulenzen sie damit auslöst. Sie will in London einen Neuanfang wagen, arbeitet als Köchin für die Kunsthändlerfamilie Winkleman und sucht Anschluss in der anonymen Großstadt. Als sie die Chance bekommt, ein künstlerisches Festmahl zu kreieren, entdeckt sie ihre wahre Berufung. Währenddessen interessieren sich immer mehr steinreiche und einflussreiche Personen für das Gemälde von Watteau.
Bei den vielen Figuren, die nacheinander die Bühne betreten, muss man schon sehr aufmerksam lesen, um nicht durcheinander zu kommen. Darin liegt aber auch der Reiz dieses Romans, denn für jeden einzelnen hat das Gemälde eine andere Funktion zu erfüllen. Der Museumsführer Jesse nutzt das Bild, um Annie, in die er sich verliebt hat, näher zu kommen und gemeinsam mit ihr mehr über die Herkunft zu erfahren. Annie hofft, dass das Bild mehr wert ist als sie anfangs vermutet hat, um ihr Selbstwertgefühl zu steigern. Annies Arbeitgeberin und Kunsthändlerin Rebekka findet indessen heraus, dass das Bild mit ihrer Familiengeschichte eng verwoben ist, und schreckt auch vor kriminellen Taten nicht zurück, um ihren Ruf zu retten. 
Stellenweise liest sich der Roman wie spannender Geschichts- und Kunstunterricht. Wir erfahren Hintergründe über den Maler und Rokoko-Begründer Antoine Watteau, die Entstehungsgeschichte seines Meisterwerks und seine Reise durch die Hände von zahlreichen Herrschern. Eine Restauratorin erläutert, wie man durch Pigmentproben die Herkunft eines Bildes bestimmen kann. Hannah Rothschild, die dem Aufsichtsrat der Londoner National Gallery vorsteht, beweist nicht nur Fachkompetenz, sondern auch Humor, wenn sie das Bild in affektierter Sprache und spöttischem Ton zu Wort kommen lässt. Obwohl sich die Autorin an viele verschiedene Themen und Genres wagt, ist ihr eine brilliant ausbalancierte Mischung gelungen, die beide Seiten der Kunst durchleuchtet: das Schöne und Betörende am Beispiel der Malerei, der Koch- und Filmkunst einerseits und die Macht- und Besitzgier in der elitären selbstinszenierten Kunstwelt andererseits. Eines steht fest: Wenn ich das nächste Mal eine Kunstausstellung besuche, werde ich die Werke sicher mit anderen Augen betrachten als bisher.
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Hört, hört

Noch auf der Suche nach einem Last-Minute-Weihnachtsgeschenk? Ich finde, Bücher und Hörbücher sind immer eine gute Wahl! Wer nicht ganz auf dem Laufenden ist, was gerade aktuell oder empfehlenswert ist, kann natürlich die Bücherrezensionen in meinem Blog lesen ;-) oder die Buchempfehlungen vom HR, NDR oder WDR hören. Ich abonniere alle drei Podcasts und höre mir zwischendurch immer mal wieder die etwa vier bis achtminütigen Beiträge an. 
Darin kommen Buchkritiker und manchmal auch die Autoren selbst zu Wort. Romane und Sachbücher werden ebenso besprochen wie besonders schöne Bildbände. Interessant sind auch bestimmte Themenschwerpunkte. So wurde neulich unter dem Titel "Kunstwerke erzählen" eine Reihe von Büchern vorgestellt, in denen Gemälde eine besondere Rolle spielen wie „Der Distelfink“ von Donna Tartt oder „Sie dreht sich um“ von Angelika Overath.
Die Liste meiner notierten Bücher wächst und wächst. An erster Stelle steht „Geteiltes Vergnügen“ von Johanna Adorján, die Geschichte einer Journalistin, die in eine abgründige Liebesbeziehung gerät. Mal sehen, ob ich an den kommenden Feiertagen dazu komme, es zu lesen.
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"Gedrucktes Geschrei"

Dass der französische Schriftsteller Honoré de Balzac ein Meister darin war, die Menschheit zu typisieren und zu kategorisieren, hat er mit seinem Monumentalwerk „Comédie Humaine“ bewiesen. In der „Monographie de la presse parisienne“ von 1843 knöpfte er sich auch die Journalisten vor. Seine Abrechnung mit der Pariser Presse ist nun erstmals in deutsch erschienen und trägt den treffenden Titel „Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken – Die schrägen Typen der Journaille“.
Balzac hielt offenkundig nicht viel von der schreibenden Zunft, obwohl er selbst 1826 bis 1832 in diesem Metier tätig war und unter anderem für ‚Figaro‘ oder ‚La Silhouette‘ schrieb. Sein Urteil fällt äußerst harsch aus, ganz gleich ob er sich über Feuilletonisten, Lobhudler oder Propheten auslässt. In spöttischem Ton wirft er ihnen vor, Albernheiten auszuwalzen, lediglich die Meinungen der Leser wiederzugeben und für gedrucktes Geschrei Papier zu verschwenden. Nur wenige Schreiberlinge kommen gut weg wie jene, die Hintergrundartikel verfassen; ihnen traut er gedankliche Aufrichtigkeit, gewissenhaftes Talent und ernsthafte Recherchen zu. 
Das Besondere an diesem Buch ist nicht nur die edle Gestaltung, sondern die Sammlung verschiedenster Beiträge zu dem Thema, darunter ein Auszug aus Balzacs Roman mit einem Journalisten als Hauptfigur, seine kritische Beurteilung des Schriftstellers Sainte-Beuve sowie ein ausführliches Nachwort. Zusammen ergeben die Texte ein sehr umfassendes und anschauliches Bild der Zeitungslandschaft im allgemeinen und Balzacs Haltung im speziellen. Der Leser erfährt dabei so manche interessante Details: zum Beispiel warum Kurzmeldungen für die Zeitung so wichtig waren oder weshalb ständig Theaterstücke, aber keine Literatur besprochen wurde. Politische Hintergründe werden ebenso erläutert wie die Entstehung der Massenpresse und die Etablierung von Karikaturen. Ich fand die Lektüre sehr amüsant und informativ – manchmal fühlte ich mich sogar als Bloggerin angesprochen und kam ins Grübeln, was es eigentlich heißt, die Werke anderer zu beurteilen und seine Meinung kundzutun.
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Rückkehr in eine fremde Heimat

Faber – Die verlorenen Jahre“ von Jakob Wassermann ist der erste Heimkehrerroman, den ich gelesen habe. Doch er ist weit mehr als das. Erzählt wird die Geschichte vom 30-jährigen Architekten Eugen Faber, der aus dem Ersten Weltkrieg und russischer Gefangenschaft in seine unbenannte Heimatstadt zurückkehrt. Doch schon auf den ersten Seiten spürt man, dass dieser Faber ganz anders tickt als seine Kameraden, die im selben Zug sitzen und sich auf das Wiedersehen mit ihren Familien freuen. Statt seine Ehefrau aufzusuchen, quartiert sich Faber bei dem ehemaligen Hauslehrer Fleming ein.
Jakob Wassermann hat eine ganz eigene Art, Figuren einzuführen und zwar oft aus der Sicht einer anderen Person in Form von Monologen und Dialogen. So lernen wir die Eltern von Faber und ihre liberale Lebensweise und Erziehungsmethoden aus Flemings Perspektive kennen. Fabers Sohn Christoph bekommt erst durch die Erzählungen seiner Ehefrau Martina ein Gesicht, während Martina selbst von ihrer jungen Freundin und Mitbewohnerin Fides beschrieben wird. So wird Stück für Stück offen gelegt, welch harmonische Ehe Faber und Martina einst führten und warum Faber sich seit seiner Rückkehr so isoliert fühlt. Er will nicht wahrhaben, dass das Leben ohne ihn weitergegangen ist, dass seine Frau nicht tatenlos herumsitzen wollte und sich an der Seite der sogenannten Fürstin in einem sozialen Projekt engagiert. Er trauert den verlorenen Jahren nach und will genau den Zustand wiederhaben, den er zurücklassen musste.
Die Dialoge und Formulierungen mögen etwas altmodisch und pathetisch erscheinen, doch die Themen, die der Autor anschneidet, sind immer noch höchst aktuell. Es geht um das Rollenverständnis in einer Ehe, um Erwartungen, Ansprüche und Entfremdung, wenn sich Paare auseinander entwickeln. Besonders imponiert hat mir die Figur Fides, die sich in Worten und Taten klug, souverän und vor allem menschlich zeigt. In einem langen Gespräch macht sie Faber deutlich, dass sie die Achtung vor dem Menschen über die Liebe stellt. Bedürftige bräuchten kein Mitleid, sondern Respekt. 
Den Roman entstand 1924, als Jakob Wassermann im österreichischen Altaussee lebte und bereits Weltruhm genoss. Sein Werk hat mich sowohl sprachlich, thematisch als auch psychologisch tief beeindruckt. Die Gefühlswelten und seelischen Nöte der Figuren werden so akribisch ausgeleuchtet, dass man den schmerzerfüllten Gesichtsausdruck unmittelbar vor sich sieht wie auf einer Theaterbühne. Sein Appell, seinem Leben durch Tatkraft, Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit einen Sinn zu geben und alte Glaubenssätze loszulassen, um Neues zu ermöglichen, passt überraschend gut in unsere heutige Zeit. Für mich ist der deutsch-jüdische Schriftsteller eine echte Neuentdeckung. Sein Roman "Der Fall Maurizius" ist bereits auf meine Leseliste gelandet.
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Der Klang der Wahrheit

Ich habe mich schon immer gefragt, wer sich bloß für die ganzen Reality-Shows und Doku-Soaps interessiert, von denen es in den Fernsehprogrammen nur so wimmelt. Das Hörbuch „Nach einer wahren Geschichte“ von Delphine de Vigan könnte Aufschluss geben. Die Protagonistin heißt ebenfalls Delphine, ist Schriftstellerin und befindet sich in einer Schaffenskrise. In ihrem letzten erfolgreichen Buch, das vom Selbstmord ihrer Mutter handelt, gab sie zu viel preis und hat seitdem keine Zeile geschrieben. Ihr Leben erfährt eine Wende, als sie auf einer Party eine Frau kennenlernt, die sie fortan L. nennt.
Sie ist fasziniert von der hübschen und intelligenten Frau, die richtig Anteil an Delphines Leben und Krise nimmt. Das glaubt sie zumindest und lässt es zu, dass L. nicht nur in ihre Wohnung zieht und Aufgaben für sie übernimmt, sondern auch immer mehr Kontrolle über Delphines Leben gewinnt. L. ist Ghostwriterin für Prominente und gibt ihrer neuen Freundin zu verstehen, dass die Leser nicht an Fiktion, sondern an Geschichten mit Echtzeitszertifikat, am Klang der Wahrheit interessiert sind. Als Delphine allmählich begreift, welche Gefahr von L. ausgeht, reißt sie das Ruder herum.
Die Geschichte hat eine unglaubliche Sogkraft, allein durch die Verschmelzung zwischen Konstruktion und Inhalt. Beide Frauen beschäftigen sich mit den Grenzen zwischen Fiktion und Realität und experimentieren mit Erzählformen. Erst macht sich L. in Delphines Leben breit, um sie zu manipulieren, später taucht Delphine in das Leben von L. ein, um einen Roman über sie zu schreiben. Sie spiegeln sich zunehmend in der anderen Person und als Leser ist man sich nicht mehr sicher, ob es sich um zwei Identitäten handelt oder ob L. eine fiktive Figur, eine Wunschprojektion oder auch Delphines Gewissen darstellt. Martina Gedeck ist perfekt für die Rolle der Sprecherin und trägt durch ihren mal energischen, mal feinfühligen Ton einiges dazu bei, dass man sich in Delphines Gedankenwelt begeben und die beängstigenden und bedrohlichen Schwingungen mitfühlen kann.
Ich habe schon einige Bücher gelesen, die von Schriftstellern, ihren Krisen und dem Schreibprozess handeln, doch dieses ragt durch seine originelle Idee und experimentellen Umsetzung besonders heraus. Es wirft viele Fragen auf, zum Beispiel, was es heißt, mit der eigenen Geschichte in der Öffentlichkeit zu stehen oder wie viel Fiktion und Realität die Leser erwarten. Manche Biografien werden vielleicht erst lesenswert, wenn sie ein wenig ausgeschmückt werden. Dann fiel mir der Roman „Die Fotografin“ von William Boyd ein, der reine Fiktion ist, aber so authentisch erzählt wird, als hätte es die Figur Armory Clay tatsächlich gegeben. Delphine de Vigan hat auf jeden Fall alles richtig gemacht und mit ihrer spannend konstruierten und ausdrucksstark erzählten Geschichte, ob wahr oder unwahr, meine Erwartungen übertroffen. 
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Die Brave und die Böse

Der Roman „Meine geniale Freundin“ von Elena Ferrante gilt in Italien als Kultbuch. Der erste Teil einer vierteiligen Saga, die im Neapel der Nachkriegszeit spielt, ist nun auf deutsch erschienen und fand in der Presse viel Beachtung. Ich las trotzdem die englische Fassung „My brilliant friend“ und tauchte in das Armenviertel Rione ein, in dem die Ich-Erzählerin Lenù und ihre langjährige engste Freundin Lina aufwachsen. 
Seit der ersten Begegnung in der Grundschule ist die brave und schüchterne Lenù fasziniert von der unangepassten Schustertochter Lila, die überall aneckt. Obwohl die beiden so unterschiedlich sind, teilen sie ein gemeinsames Ziel: so schnell wie möglich dem Milieu zu entfliehen und ein unabhängiges und selbstbestimmtes Leben zu führen. Kein Wunder, denn die allerorts herrschende Gewalt und Brutalität sowohl in der Familie als auch zwischen rivalisierenden Clans bekommt der Leser permanent zu spüren. Prügel von den Eltern und Morddrohungen stehen an der Tagesordnung. Als Lila in eine höhere Schule möchte, wird sie von ihrem Vater sogar aus dem Fenster geworfen. 
Mal raufen sich die Freundinnen zusammen, lernen Latein und reden über schöne Verse, dann wieder entfremden sie sich oder konkurrieren gegeneinander. Ihre Höhen und Tiefen sind oft gegenläufig: Erlebt Lenù wahre Glücksmomente während eines Sommers auf Ischia, geht es Lina hundsmiserabel. Am Ende deutet sich an, welch gegensätzlichen Wege sie einschlagen werden: Lenù wird Schriftstellerin während Lina schon mit 16 Jahren einen Lebensmittelhändler heiratet.
Obwohl die Geschichte mit einem Cliffhanger endet, bin ich noch nicht sicher, ob ich die Fortsetzung lesen werde. Ich hätte mir weniger Chronik und mehr Reflexionen über Bildung und Freundschaft gewünscht – etwa wie in dem Entwicklungsroman „Der Distelfink“ von Donna Tartt, in dem mich die Freundschaft zwischen den zwei Hauptfiguren und ihre Entwicklung deutlich mehr bewegt hat. 
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Den Alltag zelebrieren

Ich berichtete Euch schon einmal von der Schriftstellerin Nina Nell, die mich mit ihrem Spiel der Götter begeistert hat. „Nicht wünschen“ und „Absichtslos spielen“ lauteten ihre Formeln, um mehr Glück und Zufriedenheit in sein Leben zu bringen. Eine ähnliche Vorstellung vertritt auch Neil Parisha aus Toronto, der eine Gleichung aufgestellt hat, mit der ich mich absolut identifizieren kann: „To want nothing + to do anything + to have everything“. Dies ist seine Happiness Equation, die er in seinem gleichnamigen Buch erläutert.
Inhaltlich kam mir vieles bekannt vor – besonders aus der Positiven Psychologie. So zählt Neil Parisha viele kleine Tätigkeiten auf, die man leicht in den Alltag integrieren kann und die Stimmung steigern: zum Beispiel anderen etwas Gutes zu tun, sich auf eine Sache zu fokussieren statt Multitasking zu betreiben, nicht ständig Probleme zu sehen, sondern dankbar für all die positiven Dinge zu sein. Bewegung mache uns glücklich oder sich hinzusetzen und für 20 Minuten über eine positive Erfahrung zu schreiben. 
Ein Tipp, der mir besonders gefiel, lautet „Do it for you“. Wie oft ist man bemüht, mit seinen Arbeiten anderen zu gefallen. Bleibt das positive Feedback aus, kommen einem gleich Zweifel, ob man auf der richtigen Schiene ist. In solchen Situationen finde ich den Gedanken, Dinge einfach aus Spaß für mich zu machen, sehr aufmunternd. Mehr über seine Lebenserfahrungen und seine Top 1000 der „Awesome Things“, auf die er gestoßen ist, kann man in seinem Blog nachlesen. 
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Märchenhafte Kurzprosa

Den Namen Tania Blixen assoziiere ich mit dem Roman und der Verfilmung „Jenseits von Afrika“. Die bewegende Geschichte und starken Bilder sind mir jetzt noch präsent. In der Geschichtensammlung „Nordische Nächte“ entführt uns die Autorin in ihre nordische Heimat und stimmt uns ein wenig auf die bevorstehenden Wintermonate ein. Die Erzählung „Saison in Kopenhagen“ zum Beispiel spielt im Jahre 1870 und schildert, wie die Wintersaison am Neujahrsmorgen mit festlichen Empfängen bei Hofe eröffnet wird und der Landadel die Stadt erobert. Die Söhne der Magnaten reisen durch Europa, während sich ihre Schwestern künstlerischen Tätigkeiten widmen und Klavier-, Gesangs- und Malstunden nehmen. Elegisch und opulent beschreibt die Autorin das Savoir Vivre in der damaligen Zeit, die glänzenden Equipagen, die vor den Palästen halten, und die feine Gesellschaft, die sich auf Galanächten vergnügt. Dabei ist es gar nicht einmal der Luxus, den die Hauptfigur Ib in die große Welt lockt, sondern vielmehr das Gefühl der Freiheit und Grenzenlosigkeit.
Die Sehnsucht, das volle Potenzial, das das Leben zu bieten hat, auszuschöpfen, scheint die Autorin zu faszinieren und spiegelt sich in mehreren Erzählungen wider. So zaubert die Meisterköchin Babette in der wohl bekanntesten Erzählung von Blixen ein Festmahl für einen Abend, verbrät im wahrsten Sinne des Wortes ihre Erbschaft und ist glücklich, weil sie sich als Künstlerin verausgaben und den Gästen eine Freude machen konnte. Erstaunt hat mich, wie unterschiedlich die Themen und der Ton der Erzählungen sind. Mal geht es um gesellschaftliche Normen und die Gier nach sozialem Aufstieg, mal um die schwierige Beziehung zwischen Künstler und Publikum und die Frage, was die Kunst dem Menschen nutzt. Auch bissige Ironie ist der Autorin nicht fremd, wie die Geschichte über die Familie de Cats beweist. Über mehrere Generationen sind die Familienmitglieder scheinbar so rechtschaffen, dass sie als das Gewissen des Landes bezeichnet werden. Sie scheuen keine Mühe und Kosten, um ihren Ruf aufrechtzuerhalten und sind sich bewusst, dass dies nur funktioniert, wenn ein schwarzes Schaf in der Familie alle Schwächen und Sünden auf sich nimmt. Märchenhafte Züge dagegen hat eine Geschichte, in der es einem jungen Königssohn gelingt, durch Weisheit und Mut einen Krieg zu verhindern. Tania Blixen verwebt den Zauber verschiedener Zeiten und Kulturen zu feinster Prosa und schmückt sie elegant mit märchenhaften und mystisch funkelnden Pailletten. 
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Fenster in neue Welten

Der November steht ganz im Zeichen von Lesen und Schmökern. Als hätte ich nicht schon genügend Anregungen auf der Münchner Bücherschau mitgenommen – nun hat das Flow Magazin auch noch erstmals ein Lesebuch als Special herausgebracht. Da konnte ich natürlich nicht widerstehen, zumal mir die letzten Sonderhefte „Ferienbuch“ und „Achtsamkeitsbuch“ schon so gut gefallen haben.
Diesmal dreht sich alles um die Freude an Büchern. Ein Artikel erläutert zum Beispiel, warum die Emanzipation ohne Romane nicht denkbar wäre und zeigt wunderschöne Zeichnungen von lesenden Frauen. Es werden Lebenswege berühmter Autorinnen, vielfältige Motive von Lesezeichen und ausgefallene Orte für Leseratten vorgestellt: zum Beispiel das B2B Boutique Hotel in Zürich mit 33.000 antiquarischen Büchern in der Lobby oder das Book and Bed Hostel in Tokio, das ich bei meiner nächsten Japanreise nicht verpassen darf. 
Es ist schon faszinierend, was Romane bewirken können – als Inspirationsquelle, als Rückzugsmöglichkeit oder als emotionale Stütze und Trost in schwierigen Lebensphasen. Für manche Leser sind sie Fenster zu neuen Welten, für andere ein Mittel, sich persönlich weiterzuentwickeln und geistig zu entfalten. Das Lesebuch enthält auch Ideen und praktische Übungen, um einmal anders als gewohnt in Bücher einzutauchen. 
Ein Augenschmaus sind wieder die vielen Illustrationen, die die Interviews, Berichte und Buchempfehlungen bereichern. Einige davon schmücken sogar Prada-Läden in New York. Und für Papier-Freunde gibt es viele Extras wie ein Büchertagebuch, ein Brushlettering-Projekt, Postkarten, Lesezeichen, Poster und Bucheinbandpapier. 
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Die glücklichsten Minuten sind blau

Was würde ich machen, wenn ich eine Million Minuten zur freien Verfügung hätte? Diese Frage stellt man sich unweigerlich, nachdem man das Buch „Eine Million Minuten“ von Wolf Küper gelesen hat. Es handelt sich um einen ganz ungewöhnlichen Reisebericht – und zwar in vielerlei Hinsicht. Zunächst die Dauer der Reise: Welche Familie beschließt schon, statt zwei oder drei Wochen gleich für 694 Tage unterwegs zu sein? Auslöser ist der Wunsch der behinderten Tochter Nina, die sich 1 Million Minuten Zeit von ihrem Vater wünscht. Dieser machte als Tropenforscher und Umweltgutachter für die Vereinten Nationen stetig Karriere, jettete von einer Konferenz zur nächsten ... und ließ schließlich ein sehr attraktives Angebot sausen, um mehr Zeit für Nina, seinen zweijährigen Sohn Simon und seine Frau Vera zu haben.
Ihre erste Station ist Phra Thong in Thailand, wo sie noch recht komfortabel in einer Beachfrontvilla untergebracht sind und entspannte Tage am Strand verbringen. Von dort geht es weiter nach Yao Yai, wo sie einen Kulturschock erleben, und später nach Australien und Neuseeland. Da ich bisher noch keines dieser Länder besucht habe, war es umso spannender für mich, die Familie auf ihrem Abenteuer zu begleiten, mit ihnen Expeditionen in die Regenwälder von Queensland zu unternehmen und mit dem Wohnmobil durch Neuseeland zu kurven. 
Während der Reise macht sich Wolf Küper viele Gedanken über sein Leben, seine Zukunft und auch die Bedeutung von Freiheit und Reisen. Er kann gar nicht anders, denn seine Tochter bringt durch ihre vielen Fragen und unbekümmerte Sicht der Dinge seine bisherige Lebenseinstellung ganz schön ins Wanken. Bedeutet Reisen das Gegenteil von To-Do-Listen abarbeiten? Ist ‚Zuhause’ eine Sammlung von Gewohnheiten? Warum sind Reiseeindrücke im Alltag so schnell verklungen? Diese Überlegungen brachten auch mich zum Nachdenken. 
Mir gefiel nicht nur der sympathische Erzählstil des Autors, sondern auch die Symbolik, die er spielerisch in seinen Reisebericht einwebt: zum Beispiel wie er durch den Verkauf seiner Uhrensammlung Zeit gewann oder Dinge einfach auf sich zukommen ließ und neugierig auf den Beruf des Treibgutsammlers wurde. Mich würde interessieren, wie sehr die Erlebnisse nicht nur die Eltern, sondern auch die Kinder Nina und Simon geprägt haben. Nicht jeder bekommt schließlich die Gelegenheit, in so jungen Jahren so viel ‚Lebenserfahrung’ zu sammeln und herauszufinden, warum die glücklichsten Minuten blau sind. 
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Schmökerwochen im Gasteig

Wer sich mal wieder richtig Zeit zum Schmökern nehmen möchte, ist seit 10. November im Gasteig bestens aufgehoben: dort läuft die 57. Münchner Bücherschau. Von morgens 8 Uhr bis nachts um 23 Uhr kann man die Stände von rund 300 Verlagen abklappern und deren Programme kennenlernen. Daneben locken zahlreiche Veranstaltungen wie Lesungen, Diskussionen und Workshops für Groß und Klein.
Viel Zeit verbrachte ich vor allem bei den unbekannteren Verlagen und den schön illustrierten Fachbüchern und Bildbänden. Auffällig war neben den vielen DIY-Büchern die große Auswahl an Ausmalheften. Es gab sogar eins für Nerds mit verschiedenen Hardwaremotiven. Ob Computer-Freaks für solche meditativen Tätigkeiten zu begeistern sind, wage ich allerdings zu bezweifeln…
An jedem Stand liegen Kärtchen aus, auf denen man interessante Neuentdeckungen notieren kann. Meine Liste füllte sich ziemlich schnell, unter anderem mit folgenden Titeln:
1) „Atlas der seltsamen Häuser und ihrer Bewohner“ von Niklas Mark.
Der Autor stellt fünfzehn ungewöhnliche Bauten aus aller Welt vor und erzählt die Lebensgeschichte ihrer Erbauer oder Besitzer. 
2) „Wir sind Chef: Wie eine unsichtbare Revolution Unternehmen verändert“
Hermann Arnold stellt moderne Führungsformen vor, bei denen Führungsaufgaben auf alle Mitarbeiter im Team verteilt werden.
3) "Sozusagen Paris" von David Germania
Im Mittelpunkt steht ein Schriftsteller, der einen Roman über seine große Jugendliebe geschrieben hat und nach einer Lesung dieser Romanfigur begegnet.
4) „Die Welt (fast) zum Nulltarif: Das ultimative Reisebuch für Schnäppchenjäger“
Warum immer Führungen buchen oder Eintritt bezahlen, wenn es so viele Sehenswürdigkeiten und Erlebnisse gibt, die nichts kosten? In dem sehr schön bebilderten Band finde ich sicher ganz allgemein viele Anregungen für interessante Reiseziele. 
Soviel steht fest: Der Lesestoff geht mir diesen Winter garantiert nicht aus. 
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Die verschollene Elefantenforscherin

Von Jodi Picoult habe ich schon sehr viele Romane gelesen, doch immer wieder gelingt es ihr, mich zu verblüffen, so auch mit ihrem neuesten Werk „Die Spuren meiner Mutter“. Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist das spurlose Verschwinden von Alice Metcalf, einer Wissenschaftlerin, die einen tragischen Unfall im Elefantenreservat von New Hampshire miterlebte. Die Tochter Jenna kann nicht glauben, dass ihre Mutter sie damals freiwillig zurückließ und macht sich mit 13 Jahren, 10 Jahre nach dem Vorfall, auf die Suche. Die einzige Verbindung zu ihrer Mutter sind ihre Forschungsarbeiten, ihre einzige Hoffnung ein Medium namens Serenity, die ihr bei der Suche helfen soll.
Mit der Unterstützung von Privatdetektiv Virgil Stanthope, der damals als Polizeibeamter den Fall betreute, folgen sie den Spuren der verschollenen Elefantenforscherin. Parallel erfahren wir aus der Perspektive von Alice, was zuvor alles geschah, wie es sie nach Botswana verschlug, um über Elefanten zu forschen und wie sie Jennas Vater kennenlernte.
Ich wusste gar nicht, dass Jodi Picoult so humorvoll schreiben kann! Der verbale Schlagabtausch zwischen der mit allen Wassern gewaschenen Jenny, der kuriosen Serenity, die glaubt, ihre Gabe zu sehen verloren zu haben, und dem abgehalfterten Virgil bringen einen immer wieder zum Schmunzeln. Ganz anders die Passagen, in denen Alice zu Wort kommt. Hier dominieren starke Emotionen, durchwebt mit Hintergrundwissen über das Trauerverhalten von Elefanten. Die Autorin wechselt nicht nur souverän den Erzählstil – auch der Plot ist raffiniert konstruiert, denn Jennas Nachforschungen und Alice’ Bericht liefern sich ein Rennen und als Leser ist man mit seinem Wissen dem Suchtrupp ein wenig voraus – bis sich schließlich beide Erzählstränge in der Gegenwart treffen und für ein Ende sorgen, bei dem die Bezeichnung „überraschend“ glatt untertrieben wäre.
Jodi Picoult zeigt einmal mehr, welch großartige Geschichtenerzählerin sie ist. Sie schreibt empathisch, sensibel, fesselnd und jongliert mit verschiedensten Themen, die sich elegant zu einem Ganzen fügen. Die Geschichte über unerschütterliche Mutterliebe und Trauer berührt, unterhält und ist darüber hinaus sehr lehrreich, denn man erfährt nicht nur viel über das Verhalten von Elefanten, sondern auch die Forschungsarbeit in Wildreservaten. Das sehr schön gestaltete Cover trägt obendrein zu einem optischen Lesevergnügen bei.
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Charlie Resnicks letzter Fall

Der britische Schriftsteller John Harvey hat sich vor allem mit seiner Krimireihe rund um den Ermittler Charlie Resnick einen Namen gemacht – einen Jazzliebhaber, der in Nottingham Verbrechen jagt. Nach elf Fällen hat sich der Polizist zur Ruhe gesetzt, doch im aktuellen zwölften Band mit dem Titel „Unter Tage“ ist seine Hilfe erneut gefragt. Diesmal spielt die Geschichte vor dem Hintergrund des Bergarbeiterstreiks 1984/85, der nicht nur das Land, sondern auch Regionen, Gemeinschaften und sogar Familien spaltete. 30 Jahre später werden in den Fundamenten eines Abrisshauses die Überreste von Jenny Hardwick gefunden. Es handelt sich um die junge Frau eines Bergmanns, die sich im Streik aktiv engagierte und plötzlich verschwand. 
Charlie Resnick, der damals mit dem Fall betraut war, wird gebeten, die Ermittlerin Catherine Njoroge zu unterstützen. Die Ermittlungen scheinen jedoch von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Obwohl so manche Ungereimtheiten auftreten, scheint keiner an der Wahrheit und Auflösung des Falls interessiert zu sein. Durch Rückblenden erfahren wir Stück für Stück mehr über die Person Jenny. Erst engagierte sie sich in der Organisation der Frauen der Streikenden, dann als Rednerin und Kurier, während ihr Ehemann Barry als Streikbrecher weiterhin die Brötchen verdiente. Kein Wunder, dass die Spannungen und Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden weiter wuchs. Ist Barry damit der Hauptverdächtige? 
Für mich war der Krimi in zweifacher Hinsicht lesenswert: Zum einen lernen wir neben Jennys Ehemann weitere zwielichtige Figuren wie ihre Schwester, ihren Schwager oder einen mysteriöser Verehrer kennen, die sich allesamt verdächtig benehmen, was die Spannung steigert. Zum anderen erfährt man viele Hintergründe über den Konflikt zwischen den Streikenden und Arbeitswilligen. Man kann sich gut vorstellen, wie sich die Streikbrecher damals gefühlt haben, die es gewohnt waren, als Ernährer der Familie in die Arbeit zu gehen und auf einmal dafür verurteilt wurden. Noch härter traf es Familien wie die Hardwicks, die im eigenen Haus zwei Fronten bildeten. 
An wenigen Stellen schimmert ein wenig Humor durch, zum Beispiel wenn Resnick sich fragt, warum jeder gleich in die Küche rennt, um Tee zu kochen, wenn ein Polizeibeamter vorbeikommt. Doch im Ganzen überwiegt ein trister und harter Ton, der den Leser den Hass, die Ausgrenzung und Gewalt, die bis in die Gegenwart reichen und sich in ganz anderer bedrohlicher Form zeigen, hautnah spüren lässt. „Darkness, darkness“ lautet treffenderweise der englische Originaltitel des Romans, der in typischer John Harvey Manier gesellschaftliche Konflikte ins Visier nimmt und sie in einen spannenden Krimi verpackt. 
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Spurensuche in den Alpen

Wer sich auf die kalte Jahreszeit einstimmen möchte, liegt mit dem Hörbuch „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ von Gerhard Jäger genau richtig. Am besten macht man es sich mit einem heißen Kakao und warmer Decke bequem und lauscht den Sprechern Peter Matić und Manuel Rubey, die uns in die winterliche Bergwelt entführen. 
Die Geschichte handelt von dem Wiener Historiker Max Schreiber, der im Herbst 1950 in ein abgeschnittenes Tiroler Bergdorf reist, um einem 100 Jahre zurückliegenden mysteriösen Todesfall auf den Grund zu gehen. Eine Hexe soll damals verbrannt worden sein. Mit seinen Recherchen kommt Schreiber jedoch nicht weit, denn überall stößt er auf Ablehnung. Die Dorfbewohnter behandeln ihn wie einen Störenfried und weigern sich stur, über die Vergangenheit zu sprechen. So ist Schreiber gezwungen, im Alleingang Fakten zu sammeln und sich die fremde Welt zu erschließen. Als er sich in die stumme Maria verliebt und kurz darauf ein Bauer tödlich verunglückt, wächst das Misstrauen der Dorfgemeinschaft nur noch mehr. Das Unglück nimmt weiter seinen Lauf, bis plötzlich tödliche Lawinen das Dorf verschütten. Eingebettet ist dieses Geschehen in eine Rahmenhandlung, in der sich ein 80-jähriger Amerikaner 50 Jahre später ebenfalls auf die Suche nach der Wahrheit begibt. Er hofft, im Tiroler Landesarchiv mehr über den verheerenden Lawinenwinter herauszufinden und stößt auf das Manuskript von Max Schreiber. 
Berge hatten für mich schon immer zwei Gesichter: friedlich und kraftvoll einerseits, bedrohlich und unberechenbar andererseits, besonders wenn die Witterung ins Spiel kommt. Durch seine bildhafte Sprache gelingt es Gerhard Jäger, uns in diese archaische Bergwelt hineinzuziehen und sie sinnlich zu erleben. Immer wieder schafft er scharfe Kontraste: zwischen der winterlichen Kälte und der lodernden Leidenschaft Schreibers zu Maria, zwischen der Schneelandschaft und der Verbrennung, die im Roman eine zweifache Rolle spielt. Einzelne Wörter und Sätze werden überdeutlich artikuliert, wiederholt und die Wirkung bekräftigt, was in starkem Gegensatz zur Stummheit von Maria steht. Man hat fast das Gefühl, dass Natur und Sprache miteinander verschmelzen. Manchmal geschieht dies sehr plakativ, was schon der Titel andeutet oder am Anfang der Geschichte, als eine tote Frau im Schnee beschrieben wird, „die Haare schwarz, die Kleidung grau, der Schnee weiß“. 
Der Autor lädt die Szenen gern pathetisch auf, was vielleicht nicht jedermanns Sache ist, die bedrohlich anmutende Melange aus Mistrauen und Aberglaube, auf die Max Schreiber trifft, und seine aus den Fugen geratenden Emotionen, jedoch gut einfängt. Der melancholisch-düsteren Stimmung und der zunehmenden Spannung und Dramatik kann man sich bis zum überraschenden Ende kaum entziehen. 
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Ordnung im Herzen

Ordnung zu halten, fällt mir nicht schwer. Nur wenn ich mir unseren Keller ansehe, denke ich, da geht noch was in Sachen Entrümpeln. Dieser Teil der Wohnung löst seit jeher bei mir Unbehagen aus, weil es mich daran erinnert, wie oft ich meine Mutter in den Keller begleiten musste, um Sachen hin- und herzuräumen ohne sichtbarem Ergebnis. Das ist vielleicht auch der Grund, warum ich neugierig auf die KonMari-Methode wurde und den Bestseller „The Life-Changing Magic of Tidying“ der Japanerin Marie Kondo gelesen habe. „To kondo“ ist mittlerweile ein Synonym für „radikal aufräumen“. 
Was die Autorin aus ihrer Kindheit erzählt, bringt die Augen jeder Mutter zum Glänzen. Schon in frühen Jahren hatte sie Freude am Aufräumen und Ordnungssystemen verschiedenster Art. Sie fand darin ihre Berufung und gibt heute als selbstständige Beraterin ‚Nachhilfe’ beim Entrümpeln und Ordnung halten. Einerseits stelle ich mir ihre Arbeit spannend vor: Wer bekommt schon einen so intimen Einblick in die Lebensgeschichte und Besitztümer anderer Menschen und entdeckt dabei Kuriositäten, dass es nie langweilig wird. Andererseits könnte es ermüden, sich ständig mit überflüssigem Krempel fremder Menschen zu beschäftigen und Überzeugungsarbeit zu leisten.
Ganz gefährlich ist das Wörtchen ‚Irgendwann’. Irgendwann könnte ich es brauchen. Irgendwann könnte ich es verschenken. Irgendwann werde ich das Buch lesen. Irgendwann werde ich die alten Klamotten wegwerfen. Meine Schwäche ist, zu viele Vorräte anzulegen, um auf die Bemerkung „Dieses und jenes ist aus“ blitzschnell mit „Haben wir noch im Lager“ zu kontern. Am liebsten wäre mir ein kleiner Supermarkt im Keller, der sich von allein auffüllt. Zum Glück geht mein Hortwahn nicht so weit wie bei einigen verrückten Kunden von Marie Kondo, die verschämt 60 Zahnbürsten, 20.000 Wattestäbchen oder 30 Schachteln Frischhaltefolie zu Tage förderten.
Einige Anregungen, die ich ganz hilfreich finde, sind die folgenden:
- Räume nicht nach Zimmern, sondern nach Kategorien auF
- Räume in einem Rutsch auf, statt dich Schritt für Schritt vorzuarbeiten
- Behalte nur, was dir Freude macht. Besitze nur, was du brauchst.
Den letzten Punkt könne man am besten umsetzen, wenn man jedes Teil tatsächlich in die Hand nimmt und erfühlt. So zeige eine aufgeräumte Wohnung, welche Dinge einem wirklich wichtig seien. Man lernt sich dadurch neu kennen, erinnert sich an verborgene Interessen und krempelt möglicherweise sogar sein Leben um. Auf jeden Fall stärke die KonMari-Methode die Fähigkeit der Entscheidungsfindung. Am meisten gefällt mir die Wertschätzung, die die Aufräumexpertin den Dingen entgegenbringt. Bei der Heimkehr begrüßt sie ihre Wohnung, leert täglich ihre Handtasche aus und bedankt sich bei ihren Dingen dafür, dass sie gute Dienste geleistet haben. 
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Chef im Glitzeranzug

Sollte man seinen Job nicht lieben, wenn man gut darin sein möchte und soviel Zeit damit verbringt? Meine bisherige Überzeugung geriet leicht ins Schwanken, als ich auf den Buchtitel „Liebe dein Leben und nicht deinen Job“ stieß. In seinem aktuellen Buch gibt der Kommunikationsexperte Frank Behrendt zehn Ratschläge für ein entspanntes (Berufs-)Leben, die er einmal während der Wartezeit bei einem Friseur für ein Magazin niederschrieb.
Einer von ihnen lautet zum Beispiel, sich ernst, aber nicht zu wichtig zu nehmen und sich bewusst zu machen, dass man nicht nur eine Rolle im Leben hat. Vom klassischen Verständnis einer Work-Life-Balance hält der Autor wenig, da für ihn die Grenzen fließend sein dürfen. So macht es ihm nichts aus, im Urlaub seine Mails zu checken oder abends auf der Couch Arbeitsunterlagen durchzugehen. Bei Unternehmern und Selbstständigen leuchtet mir das ein, aber Angestellte möchten nach Feierabend sicher nicht über eine anstehende Aufgabe oder einen Konflikt mit einem Kollegen grübeln und sind froh, wenn sie einmal richtig abschalten können.
Der Autor nennt aber auch Aspekte, in denen ich ihm hundertprozentig zustimme – zum Beispiel die Möglichkeiten der Selbstbestimmung. Ich finde es toll, dass er sich einfach traute, einen „Daddy-Dienstag“ einzuführen, um regelmäßig Zeit mit seiner Tochter, die bei seiner Ex-Frau lebt, zu verbringen. Auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass man mehr Einfluss auf die eigene Arbeitsgestaltung nehmen kann als man glaubt – ganz unabhängig von der Position. „Als Chefin kann ich das doch nicht bringen!“ ist ein Glaubenssatz, den ich schnell verwerfen konnte, wenn ich nur kreativ genug war, mir alternative praktikable Lösungen auszudenken. Die allgemeine Tendenz zu flexiblen Arbeitsmodellen sollte man sich also unbedingt zunutze machen. Auch Behrendts Empfehlungen, eine ordentliche Mittagspause zu machen und öfters an die frische Luft zu gehen, kann ich nur unterstreichen. Warum nicht einen Spaziergang mit Geschäftspartnern am Rhein unternehmen statt stundenlang in einem Konferenzraum zu hocken.
Manchmal fand ich seine Ausführungen zu glatt und makellos. Er beschreibt zwar auch einige schwierige Phasen in seinem Leben, doch unterm Strich formt sich das Bild eines beruflichen Überfliegers und vorbildlichen Familienvaters, der sehr oft betont, wie wichtig ihm das gemeinsame Frühstück zu Hause ist, und der auf Betriebsfesten gern seinen Lieblingssänger Howard Carpendale im Glitzeranzug mimt. Seine Begeisterung für Winnetou-Figuren, die positive Energien in ihm freisetzen, oder für einen Matchbox Jeep, mit dem er während Telefonkonferenzen spielt, sprechen wahrscheinlich eher männliche Leser an. Es ist ein sehr flüssig und verständlich geschriebenes Buch, in dem ich persönlich nicht so viele Anregungen finden konnte wie in vergleichbaren Ratgebern.
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Wörter als Verbündete

Hildegard Palm, Protagonistin der Romantrilogie von Ulla Hahn, ist zurück. Im dritten Teil mit dem Titel „Spiel der Zeit“ ist die Tochter einer rheinischen Arbeiterfamilie aus dem ländlichen Dondorf nach Köln gezogen, um Germanistik zu studieren. Die Kornblumen auf dem Buchcover symbolisieren die Wanderschaft. Passend dazu unternehmen wir gemeinsam mit Hildegard, kurz Hilla genannt, einen Streifzug durch die Stadt, „gehen, sehen und lauschen“ und nehmen die geballten Eindrücke in uns auf. Die Sprachverliebtheit und Fabulierkunst der Autorin ist dabei so einnehmend, dass sich sogar die Vorführung eines modernen Mixers in einer Einkaufspassage höchst amüsant und spannend liest. 
Wie in den 60er Jahren die Technik Einzug in den Wohnungen hält, ist nur ein Aspekt, der den damaligen Zeitgeist vor unseren Augen aufleben lässt. Hilla lebt sich im katholischen Studentinnen-Kolleg ein und hört auf Feten Songs der Beatles und Rolling Stones. Auf einer Kostümparty verliebt sie sich in den vermögenden Intellektuellen Hugo, der ihre Liebe zur Poesie teilt und sie geistig anfeuert. Er ist es auch, der ihr hilft, ein düsteres Kapitel in ihrer Vergangenheit aufzuarbeiten. Mit Hugo an seiner Seite ist Hilla in der Lage, ein neues Leben zu beginnen. Ihm zuliebe nimmt sie an Friedensdemonstrationen, Teach-Ins und Grundsatzdiskussionen teil, obwohl sie mit Politik nicht viel am Hut hat. Offen gibt sie zu, dass sie sich viel lieber mit ihrer literarischen Arbeit zu Hause beschäftigen würde. 
Was diese autobiografisch gefärbte Erzählung zu etwas Besonderem macht, ist der Bezug zur Sprache, der die gesamte Trilogie durchzieht. Die Autorin beschäftigt sich eingehend damit, welchen Einfluss Wörter und ihr Gebrauch auf unser Leben haben. Das Aussprechen von Wörtern kann helfen, ein Trauma zu bewältigen oder Ängste zu überwinden. Ein Wort wie „Student“ kann durch gesellschaftliche Ereignisse völlig andere Assoziationen wecken, von akademischer Unnahbarkeit bis hin zu Gammler und Randalierer. Sprachbegeisterte wie ich werden ihre Freude an diesen Exkursen haben; alle anderen könnten es als langatmig empfinden, wenn Hilla und Hugo sich mit Schiller, Nietzsche oder Hölderlin beschäftigen und detaillierte Textanalysen betreiben. So überzeugt der dritte Teil der Hilla-Romane vor allem durch die Sprachkraft und das interessante Gesellschaftspanorama und weniger durch eine spannende Handlung. 
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Tragödien des Alltags

Richard Yates war mir bisher nur als Autor von “Zeiten des Aufruhrs“ bekannt. Die Geschichte einer zerrütteten Ehe hinterließ damals einen bleibenden Eindruck, zumal ich die Verfilmung und schauspielerische Glanzleistung von Leonardo DiCaprio und Kate Winslet als sich fetzendes Ehepaar gesehen hatte.
In den neun Erzählungen aus dem Band „Eine letzte Liebschaft“ geht es ebenfalls um Beziehungskonflikte, doch nicht nur. Yates widmet sich diesmal einem größeren Themenspektrum und erzählt beispielsweise von Männern, die auf einer Tuberkulose-Stationin in Jugenderinnerungen schwelgen oder Kriegserlebnisse austauschen.
Ich war erstaunt, wie gut sich der Schriftsteller in die jeweiligen Charaktere, sogar in die Seele eines jungen Mädchens, hineinversetzen kann wie zum Beispiel in der Erzählung „Ein persönliches Besitzstück“. Eileen findet ein 50 Cent Stück – an sich nichts Bedeutungsvolles, doch für das Mädchen schon. Sie wollte immer etwas eigenes besitzen und ein Geheimnis vor ihrer gebieterischen Tante hüten, die sie auf Schritt und Tritt kontrolliert. Als die Tante von dem Fund erfährt, mündet eine für das Mädchen nette kleine Überraschung im Alltag in eine Katastrophe. Yates schreckt nicht vor drastischen Formulierungen zurück, um zu vermitteln, welchem Unrecht und welcher Willkür von Erwachsenen die Unschuldige ausgesetzt wird.
Manchmal wäre es spannender gewesen, die Überschrift vorher nicht zu kennen. So fragte ich mich in der Erzählung „Eine letzte Liebschaft“ bei jeder neuen Begegnung, die eine Weltenbummlerin macht, ob dies denn nun endlich die besagte letzte Liebschaft ist. Wie man es von einer gelungenen Kurzgeschichte erwarten kann, belohnt uns Yates auch hier mit einem überraschenden Schluss.
Mit Abstand am meisten berührt hat mich die Erzählung „Ein genesendes Selbstbewusstsein“. Liegt es daran, dass es um Selbst- und Fremdbild und die typischen Kommunikationsprobleme in einer Ehe geht, also Yates’ Spezialthema? Vielleicht. Kenntnis- und nuancenreich schildert er, wie unterschiedlich ein einfacher Satz wie „Ruh dich aus oder was auch immer du tust“ ausgelegt werden kann. Ein krank geschriebener Ehemann malt sich ein bevorstehendes Streitgespräch mit seiner Frau in allen Details aus. Es hat mich amüsiert, aber auch nachdenklich gestimmt, wieviel Energie er aufbringt, um sich verschiedenste Szenarien auszumalen und Überlistungstricks zu überlegen, denn solche Situationen kommen einem sehr bekannt vor. Der Schluss trieb mir sogar die Tränen in die Augen. Mein Fazit: Das Buch enthält ein paar schwächere und mehrere richtig starke Geschichten, die meine Neugier auf seine zahlreichen Romane geweckt haben.
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Die Welt der Flapper Girls

Eines konnte man von den schillernden Frauen aus den Roaring Twenties gewiss lernen: die Kunst der Selbstinszenierung. Mitten unter ihnen war Zelda Fitzgerald, die meist im Schatten ihres Ehemannes und weltberühmten amerikanischen Schriftstellers F. Scott Fitzgerald stand. Welche erzählerische Begabung sie selbst besitzt, beweist sie in ihren Erzählungen „Himbeeren mit Sahne im Ritz“. 
In jeder Geschichte steht eine andere weibliche Persönlichkeit im Mittelpunkt: die clevere und entschlossene Gracie in New Heidelberg, die lebenshungrige Harriett in Jefferssonville oder die autoritäre und wankelmütige Helena in New York. Die Autorin entwirft ein breites Panoptikum an Figuren, die in ihren Ambitionen und Hoffnungen verstrickt sind, und man kann sich gut vorstellen, dass Zelda tatsächlich ähnlichen Menschen in ihrem Leben begegnet ist. Zeitweise hat man Mühe, bei den zahlreichen Stationen mitzuhalten, kann jedoch dank der glänzend formulierten Sprache immer wieder genussvoll in die neue Szenerie eintauchen. So entfaltet sich ein authentisches Bild der High Society, in der sich vergnügungssüchtige Eisenbahnmagnaten, Bankiers und Großunternehmer tummeln, Frauen in den elegantesten Ozeandampfern von New York nach Paris jetten und im Ritz Champagner schlürfen. ‚Flapper’ wurden diese jungen Frauen genannt, die gern tranken rauchten, tanzten und Jazz hörten.
Manchen von ihnen wird alles geschenkt. Frei von finanziellen Sorgen können sie ihre Launen ausleben und ihre Begierden befriedigen. Doch gerade jene Frauen, denen es an nichts zu fehlen scheint, versprühen ein Gefühl des Mangels und der Rastlosigkeit. Andere wiederum träumen in einem Provinznest in den Südstaaten von einer Tanzkarriere in New York und arbeiten hart dafür, bis sie schließlich erkennen müssen, dass nicht jede für den Broadway bestimmt ist.
Fitzgerald präsentiert die mannigfaltigen Frauenfiguren wie auf einem Laufsteg und beschreibt detailreich ihre Außenwirkung. Was sie jedoch tief im Inneren fühlen, bleibt dem Leser verborgen. So blieben die Charaktere für mich größtenteils unnahbar. Wie die Autorin ihre sinnlichen Eindrücke der verschiedenen Begegnungen und Schauplätze und das Lebensgefühl der Goldenen Zwanziger beschreibt, habe ich dagegen sehr genossen. 
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Das Gift der verschwiegenen Wahrheit

Nach langer Zeit kam ich mal wieder in den Genuss eines Hörbuchs, das mir eine Bekannte lieh. Bei Hörbüchern werde ich normalerweise leicht abgelenkt und verliere schnell den Faden. Beim Roman „I saw a man“ von Owen Sheers passierte mir das allerdings nicht. Dafür sorgte nicht nur der mysteriöse Anfang und die vielen Wendepunkte, sondern auch an Devid Striesow, der die Geschichte als neutraler Betrachter und dennoch sehr eindringlich und dramatisch vorträgt. 
Zunächst lernen wir den Protagonisten Michael Turner kennen, der eine Weile in New York lebte, um sich vom Journalisten zum Schriftsteller weiterzuentwickeln und dort ein erfolgreiches Buch über zwei Außenseiter der amerikanischen Gesellschaft veröffentlichte. Er lernt die Fernsehjournalistin Caroline kennen, heiratet sie und lässt sich mit ihr in Wales nieder. Das Eheglück ist jedoch von kurzer Dauer, denn seine Frau kommt bei ihren Recherchen für eine Reportage in Pakistan ums Leben. 
Und schon sind wir bei dem schicksalhaften Moment, der eine Katastrophe in zwei Familien in weiter Entfernung auslöst. Schuld an Carolines Tod ist der amerikanische Offizier Daniel McCullen, der vom Luftwaffenstützpunkt in der Wüst Nevadas die Drohne abschoss. Nun werden die Geschehnisse aus seiner Sicht geschildert und wir erfahren, dass er Michael einen persönlichen Brief schreibt, um sein Gewissen zu erleichtern.
Michael mietet derweil in London eine Wohnung und versucht, den Tod seiner Frau zu verarbeiten. Halt und Trost findet er bei seinen Nachbarn Josh und Samantha Nelson, mit denen er sich anfreundet. Als er eines Tages das Haus der Nelsons durch die Hintertür betritt und eine fatale Entscheidung trifft, wird er von einem Moment auf den anderen selbst zum Schuldigen und tritt eine neue Ereigniskette los. Um Verlust und Schuld, Wahrheit und Geheimnisse geht es in diesem Roman, der sich keinem bestimmten Genre zuordnen lässt. Werden sich die drei Männer, die sich jeder auf ihre Weise schuldig gemacht haben, ihrer Verantwortung stellen? Michaels Romanmanuskript „Der Mann, der den Spiegel zerbrach“ könnte Aufschluss darüber geben.
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König von Dänemark

Journalisten, die auf eigene Faust in einem Fall ermitteln, sind nichts Neues in der skandinavischen Krimilandschaft. Dennoch bringt die Figur Karin Sommer, Protagonistin der Geschichte „Ein anständiger Mord“ von Gretelise Holm frischen Wind in die Riege: Sie ist klug, wachsam, menschlich und voller Selbstironie. Als Kriminalreporterin bei der „Sjaellandsposten“, einer Tageszeitung in der Provinz Südseelands, berichtet sie eines Tages über ein Familiendrama, bei dem der Vater offenbar zuerst Frau und Kind und anschließend sich selbst umgebracht hat. In den Ermittlungen der örtlichen Polizei stößt Karin jedoch auf widersprüchliche Aussagen und stellt auf eigene Faust Nachforschungen an. Dabei gerät sie selbst in Lebensgefahr, erhält eine seltsame Botschaft von einem ‚König von Dänemark‘ und setzt obendrein ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel.
Man merkt, dass die in Dänemark sehr beliebte Schriftstellerin selbst als Journalistin tätig war und mit dem Redaktionsalltag bestens vertraut ist. Die einzelnen Mitarbeiter – vom Chefredakteur mit seiner abfälligen Meinung über alternde Frauen bis hin zum jungen Praktikanten, der bis zum Schluss zu Karin hält – werden gut charakterisiert und liefern witzige Dialoge. Dann geschehen weitere Morde, die eine Verbindung zur litauischen Mafia und dem Handel mit Prostituierten vermuten lassen. Hier holt die Autorin für meinen Geschmack zu weit aus, um sich mit politischen, sozialen und gesellschaftlichen Themen auseinanderzusetzen. Weitaus interessanter fand ich den Monolog des Täters, der zwischendurch immer wieder sein Wort an den Hörer richtet, sich jedoch nicht zu erkennen gibt. Es handelt sich um einen grausamen Psychopathen, der die Kläglichkeit seines Vaters verurteilte und sich selbst zum Richter ernannte. Die Erklärung für seine Selbstjustiz lässt einem einen kalten Schauder über den Rücken laufen: Er habe lediglich die Prinzipien des Marktes – die größtmögliche Befriedigung der eigenen Bedürfnisse und die Maximierung des Profits – auf sein persönliches Handeln übertragen. 
Trotz einiger langatmiger Szenen war es ein spannendes Hörerlebnis mit einer sympathischen Hauptfigur, abwechslungsreichen Nebenschauplätzen, interessanten philosophischen Gedanken und einer überraschenden Auflösung.
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Die Baumeister der Welt

Stefan Zweig hat die Gabe, Biografien so lebendig zu schreiben, als seien es epische Romane. Auch seine Essays „Drei Meister: Balzac, Dickens, Dostojewski“ lesen sich so spannend wie seine fiktiven Geschichten „Unruhe des Herzens“ oder „Rausch der Verwandlung“. Dabei gibt er nicht nur interessante Einblicke in das literarische Schaffen der drei großen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, die zu seinen großen Vorbildern zählen, sondern ergründet dabei auch die Psychologie der Romanciers. 
Besonders interessierten mich seine Ausführungen über Balzac, der zweifellos zu meinen Favoriten zählt und mir während des Studiums etliche spannende Lektürestunden beschert hat. Ich habe viel von ihm, aber bisher nichts über ihn gelesen. Umso neugieriger war ich zu erfahren, welche Motivation den französischen Dichter antrieb – oder sollte ich besser sagen, welche Persönlichkeit? Es war Napoleon, der ihm in seinem Schaffensprozess als Vorbild diente. So wie Napoleon mit seinem Schwert auf Eroberungszug ging, versuchte Balzac mit seiner Feder gierig die ganze Weltfülle aufzusaugen. Sein Ehrgeiz bestand darin, die Vielfalt des Lebens in ein anschauliches, übersichtliches System zu bringen. So entstand die Comédie Humaine mit unzähligen Figuren, die jeden Menschentypen abdecken. Balzac machte Paris zum Zentrum und Frankreich zum Umkreis der Welt, zog dabei mehrere Zirkel, die verschiedenste gesellschaftliche Schichten wie den Adel, die Geistlichen, die Arbeiter, die Dichter und Gelehrten einschlossen. Darin liegt auch für mich die Faszination seiner Romane: die Charaktere hängen an der Illusion des Lebens, sei es Geld, Macht, Liebe, Kunst oder Freundschaft und werden von unersättlichem Ehrgeiz und Besessenheit getrieben bis sie schließlich tief fallen.
Weit entfernt vom napoleonischen Temperament sind die Helden in Dickens Werken. Laut Zweig sind sie bescheiden, mit dem Mittelmaß zufrieden und doch voller Sinnlichkeit und Lebendigkeit. Glück bedeutet für sie, ein beschauliches, sittsames Leben zu führen, Geborgenheit in einer Familie zu finden und die Kleinigkeiten im Leben zu schätzen. 
Damit haben sie auch sehr wenig gemein mit den Helden Dostojewskis. Diese suchen keineswegs das Mittelmaß, sondern – ganz im Gegenteil – die gegensätzlichen Pole des Lebens in ihren stärksten und berauschendsten Formen. Zweig erläutert, dass Dostojewski den Abgrund und die Tiefe des Lebens liebte und in seinen Romanen das Dämonische des Zufalls und die innere Zerrissenheit der Figuren thematisierte. Richtig leben hieß für ihn, beide Gegensätze des Lebens, das Gute und das Schlechte intensiv auszuleben. 
Bei Zweig bewundere ich immer wieder das unerschöpfliche Repertoire seines Vokabulars und seine Fabulierkunst, ganz gleich ob er Emotionen beschreibt oder philosophische Themen erörtert. In jedem kleinsten Nebensatz stecken Kraft und Passion, die einen mitreißen. Hinzu kommt, wie belesen dieser Schriftsteller ist. Wie schafft er es bloß, nicht nur die umfangreichen Werke dieser drei Dichter zu lesen, sondern sie auch noch so genau zu analysieren und darüber Bücher zu schreiben? Ich werde jedenfalls noch eine ganze Weile damit beschäftigt sein, aus seiner Sammlung „Die Baumeister der Welt“ weitere Essays von ihm über Tolstoi, Stendhal, Nietzsche etc. zu lesen. 
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Wundersame Vermehrung

Harrys Handy- und Uhrensammlung wächst langsam, aber stetig. Da kann ich nur froh sein, dass sie nicht so viel Platz einnimmt wie Kühlschränke, die sich in Maries Wohnung türmen. Marie ist die Protagonistin des französischen Romans mit dem treffenden Titel „Givrée“ – ein Ausdruck für sehr kalt und verrückt. Nicht minder originell ist der deutsche Titel „Die wunderbare Welt des Kühlschranks in Zeiten mangelnder Liebe“. 
Die Geschichte beginnt damit, dass Maries frisch erworbener Kühlschrank defekt ist. Als sie ihn bei der Hotline des Herstellers reklamiert, tritt sie durch fehlerhafte Kommunikation und übertriebenem Service eine Lawine los. Dummerweise funktioniert auch das Ersatzgerät nicht und die übereifrigen Angestellten beliefern Marie laufend mit neuen Geräten. So werden aus zwei Kühlschränken schnell mal vier, sechs, zwölf, bis schließlich 17 Geräte in ihrer Wohnung herumstehen – allesamt funktionsuntüchtig. Da ist teurer Rat gefragt – doch von wem? Zur Auswahl stehen der nette Mann von der Hotline, ihr Liebhaber sowie ihr guter Freund und Schriftsteller. Während das fehlende Thermostat aus Indonesien zum Versand bereit liegt, stürzen sich die Medien auf die Story von der vermeintlich unersättlichen Kühlschranksammlerin.
Am erstaunlichsten ist, dass die Betroffene sich überhaupt nicht aus der Fassung bringen lässt. Wo andere schon längst ausgeflippt wären, zeigt Marie kühle Selbstbeherrschung. Oder schwindet nur ihre Widerstandsfähigkeit angesichts des Warenüberflusses und Medienrummels? Man kann gar nicht glauben, dass diese fantasievolle Geschichte mit vielen schrägen Figuren, sarkastischem Humor und witzigen Wortspielereien aus der Feder eines Ingenieurs stammt, der sich sonst mit Solarenergie beschäftigt. Alain Monnier ist eine unterhaltsame Geschichte über eine Mittdreißigerin gelungen, deren kühles Gemüt sich mit zunehmendem Besitz von Kühlschränken allmählich erwärmt und die unerwartet zu ihren wahren Gefühlen findet. 
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Tückische Strömungen

In dem Roman „Porträt einer Ehe“ von Robin Black geht es um einen Schriftsteller und eine Malerin, die in ein Bauernhaus in der Nähe von Philadelphia ziehen, um ein abgeschiedenes Leben zu führen und sich ganz der Kunst zu widmen. Das klingt erst einmal so, als ob sich das Paar einen langgehegten Traum erfüllt hätte. Eheliches Glück und Erfüllung wird man bei Augusta, genannt Gus, und Owen jedoch vergeblich suchen. Zu groß ist die Anzahl der Tabuthemen, die sich im Laufe ihrer Beziehung angestaut haben, darunter Gus’ Untreue, die verziehen, jedoch nicht vergessen ist, und Owens länger andauernde kreative Blockade. 
Als im leerstehenden Nachbarhaus die geschiedene Britin Alison einzieht, die ebenfalls malt, sucht Gus immer häufiger ihre Gesellschaft, um sich mit ihr auszutauschen und anzufreunden. Erst genießt Gus diese Freundschaft frei von Vergangenheit, doch sehr bald merkt sie, dass auch hier kein wahrer Neuanfang möglich ist. Je mehr Gefühle und Geheimnisse sie sich gegenseitig anvertrauen, desto mehr schwindet die anfängliche Unbeschwertheit in ihren Gesprächen und Unternehmungen. Es ist nicht so, dass der Neuankömmling ein Gleichgewicht zerstört, sondern vielmehr eine bereits existente Schieflage nur noch verschärft. Als dann noch Alisons Tochter Nora auf der Bildfläche erscheint, ist das Fiasko perfekt. 
Über der ganzen Geschichte lastet eine tiefe Traurigkeit. Es geht um Bedauern, Reue, Misstrauen und Kontrollverlust. Verwunderlich ist es nicht, wenn man bedenkt, was die Figuren durchmachen müssen. Gus’ Vater leidet unter rapide fortschreitender Demenz während Alison immer noch von ihrem gewalttätigen Ex-Mann schikaniert wird. Beide mussten die übelste Verwandlung eines geliebten Menschen mitansehen. Trotz der Tragik habe ich jede Zeile dieses Buches genossen, weil mich die Geschichte im Innersten berührt hat. Die tückischen Strömungen der Ehe werden ebenso mitreißend erzählt wie der tägliche Kampf im kreativen Schaffensprozess. Wunderschön beschrieben ist auch, wie Gus ihre Umwelt mit den Augen einer Malerin wahrnimmt und ihre zurückliegende Affäre wie eine gemalte Landschaft in ihrer Erinnerung abgespeichert hat. Robin Black lotet mit psychologischem Feingefühl kleinste Gefühlsnuancen, Zwischentöne und das Ungesagte aus und bezaubert durch ihren elegant lyrischen Stil. 
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Das Spiel des Lebens

Wir stoßen hin und wieder auf Dinge, die bestimmte Erinnerungen in uns wecken: ein Familienfoto, ein Urlaubsandenken, ein Duft oder eine Melodie. Ganz ungewöhnlich ist jedoch die Idee in dem Roman „Sonne, Mond und Sterne“ von Mario Alberto Zambrano. Die elfjährige Hauptfigur Luz Maria Castillo hat nach einem traumatischen Erlebnis aufgehört zu sprechen und lebt in einem Heim. Ihre Tante Tencha ermutigt sie, sich von den Spielkarten aus der mexikanischen Lotería – vergleichbar mit Bingo – inspirieren zu lassen und ihre Gedanken zu jeder einzelnen Spielkarte aufzuschreiben. So entsteht ein Kaleidoskop aus 53 Momentaufnahmen, die uns das Schicksal einer mexikanischen Migrantenfamilie in den USA näher bringen. Der Autor selbst ist Amerikaner mit mexikanischen Wurzeln und in Houston aufgewachsen. In einem Interview sagt er, dass er in seiner Jugend oft verwirrt war, ob er "mexikanisch" oder "weiß" war. 
Nach und nach lernen wir Luz’ Familie kennen, erleben die Auseinandersetzungen mit dem gewalttätigen Vater und die Sticheleien zwischen den ungleichen Schwestern mit. Es gibt auch schöne Erinnerungen an Freunde und Feste, doch immer wieder droht die latente Gefahr von Gewalt. Es ist bemerkenswert, wie gut sich der Autor in die kindliche Seele hineinversetzen kann, zum Beispiel wenn Luz der Flasche San Pedro die Schuld für den Untergang der Familie gibt. Luz verwendet viele spanische Wörter und Ausrufe, die am Ende der Geschichte übersetzt werden und ihren Einträgen einen temperamentvollen und authentischen Touch verleihen.
Ein Spannungsbogen fehlt, da es sich um bunt zusammengewürfelte Szenen handelt. Dafür entsteht eine starke emotionale Nähe zu Luz, sofern man bereit ist, sich ganz auf ihre Person und ihre Empfindungen einzulassen. Es finden sich auch kleine Sprachjuwelen wie der Satz, der einen begabten Jungen bei einem Gesangswettbewerb im Fernsehen beschreibt: „Aus seinen Augen leuchtete alles, was seine Eltern ihm beigebracht hatten.“ Besonders gefällt mir die optische Gestaltung dieses ungewöhnlichen Tagebuchs. Die Tragik, die die Geschichte durchzieht, wird durch die bunte Pracht der Spielkarten, die einzeln vor jeder Episode abgedruckt sind, ausgeglichen. Vielleicht lasse ich mich auch einmal von den ansprechenden Motiven zu einer Geschichte inspirieren.
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Moosforscherin auf Entdeckungsreise

In ihrem Buch „The Big Magic“, den ich Euch im letzten Post vorstellte, beschreibt Elisabeth Gilbert, wie sie dazu kam, ein Buch über das Leben einer Botanikerin zu schreiben. Nachdem ich besagtes Werk mit dem Titel „The Signature of All Things“ („Das Wesen der Dinge und der Liebe“) gelesen habe, verstehe ich auch warum. Im 19. Jahrhundert war für Frauen die Botanik eines der wenigen Gebiete, in dem sie sich wissenschaftlich betätigen konnten.
Das Leben der Protagonistin Alma Whittaker als ungewöhnlich und faszinierend zu beschreiben, wäre glatt untertrieben. Ihr Charakter und Lebensweg wurde sehr stark von ihrem Vater geprägt, weshalb die Autorin auch weit ausholt und zunächst den Aufstieg des Briten Henry Whittaker schildert , der Kapitän Cook auf seinen Expeditionen begleitete und zum reichsten und mächtigsten Pflanzenhändler von Philadelphia wurde.
Seine Tochter Alma, die 1800 geboren wird, ähnelt ihm sowohl äußerlich als auch ihrem Wesen nach: Sie ist stark, wissbegierig, hartnäckig und entwickelt eine große Leidenschaft für die Pflanzenwelt. Sie erkundet jeden Winkel des Anwesens White Acre, das eine große Bibliothek, vielzählige Gärten, Gewächshäuser, Ställe und Brunnen umfasst. Statt mit gleichaltrigen Freunden zu spielen, führt sie kluge Gespräche mit Wissenschaftlern und Kaufleuten, die regelmäßig in ihrem Haus verkehren. Mit 16 Jahren schreibt sie die ersten Aufsätze für Botanica Americana. Ihr besonderes Interesse gilt dem Moos, das unspektakulär, primitiv und bescheiden erscheint und dennoch Würde und Intelligenz für sie ausstrahlt. Durch die intensive Erforschung der Moose begreift Alma allmählich die Signatur aller Dinge. Nur das Wesen der Liebe bleibt ihr trotz der Heirat mit einem Seelenverwandten und einer langen Selbstfindungsphase auf Tahiti ein Rätsel. 
Ich schätze unseren Garten, mag schöne Blumensträuße und Waldspaziergänge, doch damit hört mein Interesse für die Botanik schon auf. Trotzdem zog mich die Lebensgeschichte von Alma Whittaker immer mehr in den Bann, was auch der souveränen Erzählerin zu verdanken ist. Elizabeth Gilbert schreibt klar, vielfarbig, zart und zeichnet das Bild einer Frau, die zwischen Wissensdurst und emotionalen Sehnsüchten hin- und hergerissen ist. Dabei nimmt sie uns mit auf eine lehrreiche Entdeckungsreise rund um die Welt, gibt Einblick in das damalige Eroberungsfieber, die Naturforschung und Darwins Evolutionstheorien.
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Schlummernde Schätze

Als ich das Workbook Meet Becky entwickelte, hatte ich vor allem den Wunsch, dass es den Menschen hilft, ihr verborgenes kreatives Potenzial zu entfalten und auszuleben. Per Zufall stieß ich kürzlich auf das Buch „Big Magic“ von Elizabeth Gilbert, die ebenfalls dieser Frage nachgeht. Auch sie ist der Meinung, dass in jedem Menschen Schätze schlummern, und diese zum Vorschein zu bringen bezeichnet sie als „creative living“. 
Sehr ausführlich geht die Autorin auf das Thema Angst ein – das größte Hindernis, um seine individuellen Möglichkeiten auszuschöpfen und etwas zu wagen. Auch die Ausrede, es mangle an guten Ideen, lässt sie nicht gelten. Ihre These, dass unzählige Ideen in unserem Universum bereits vorhanden sind, und nur darauf warten, von einer dafür aufgeschlossenen Person umgesetzt zu werden, gefällt mir. Auch das verbreitete Bild des leidenden, mittellosen Künstlers nimmt sie auseinander und zeigt, dass nicht nur die klassischen künstlerischen Berufe ein kreatives Leben ermöglichen. 
Elizabeth Gilbert, die in Conneticut aufwuchs, erzählt ebenfalls Geschichten und Anekdoten aus ihrem Bekanntenkreis und interessante Hintergründe über ihre Romane – sowohl unveröffentlichte als auch bekannte Bestseller wie „Eat, Pray and Love“ oder „The Signature of All Things“. Letzterer entstand vor allem durch ihre Neugier, die durch ihre Recherchen über die Biologin Alma Whittaker und die Botanik immer weiter angestachelt wurde. Elizabeth Gilbert hat ihre Lebensphilosophie, die ich vollkommen teile, in sehr schöne Worte und Weisheiten verpackt. Es ist eine sympathisch und lebensnah geschriebene Liebeserklärung an die Macht der Inspiration und Kreativität.
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Ein Vater verschwindet

Einen passenderen Einstieg hätte Jaap Robben für seinen Roman „Birk“ kaum wählen können, um auf dramatische Weise zu zeigen, wie eine heile Welt ganz plötzlich aus den Fugen gerät. Es ist ein scheinbar ganz gewöhnlicher Tag im Leben von Mikael, der am Nachmittag mit seinem Vater am Strand war und gerade nach Hause gekommen ist. Die Mutter serviert das Abendessen und stellt fest, dass der Vater mal wieder auf sich warten lässt, was offenbar häufiger vorkommt. Für den Sohn stellt sich die Situation völlig anders da. Er ist allein zurückgekehrt und das aus einem bestimmten Grund, den wir erst später erfahren. Vergeblich warten die Mutter und der Leser auf eine Erklärung für das Fehlen des Vaters. „Papa ist weggeschwommen“, ist das Einzige, was der verstörte und von Schuldgefühlen geplagte Sohn von sich gibt. 
Was ist tatsächlich passiert, als Mikael mit seinem Vater Birk an den Strand zum Baden ging? Diese Frage zieht sich zunächst wie ein roter Faden durch die Geschichte, rückt aber zunehmend in den Hintergrund. Man begreift allmählich, dass es dem niederländischen Autor nicht darum geht, eine Familientragödie und ihre Ursachen aufzudecken, sondern umgekehrt die erschreckenden Folgen zu schildern. Anfangs verleugnet die Mutter den Tod ihres Mannes, deckt nach wie vor den Tisch für drei und klammert sich an alle Erinnerungsstücke. Doch dann beginnt sie auf subtile Weise, Veränderungen vorzunehmen, sowohl in der Wohnung als auch in den Rolleneinteilungen. Wie weit die Mutter geht, um den Verlust ihres Mannes zu kompensieren, ist ziemlich schwerer Tobak, mit dem uns der Autor zwar wohldosiert konfrontiert, seine Wirkung aber keineswegs verfehlt.
Die Geschichte lebt vor allem durch den starken Kontrast zwischen harmlosen Alltagsbeschreibungen und psychologischer Analyse und der starken Erzählkraft Robbens. Während er das Leben auf der verlassenen Insel vor der norwegischen Küste und die Atmosphäre am Hafen beschreibt, wo die Fischer ihrer Arbeit nachgehen und gelegentlich Touristen in bunten Regenjacken aufkreuzen, isoliert sich der Sohn immer mehr von seiner Umwelt. Seine Mutter hat für ihn eine ganz besondere Aufgabe vorgesehen – welche, das sollte der Leser in dieser spannenden Lektüre selbst herausfinden.
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Im planlosen Universum

Zwei Dinge hat der Schriftsteller Gavin Extence auf jeden Fall richtig gemacht, um die Neugier auf sein Buch „The Universe Versus Alex Woods“ („Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat“) zu wecken: die Wahl des Titels und die Eröffnungsszene. Der 17-jährige Alex Woods wird mit 113g Marihuana und mit der Asche eines Toten im Auto an der Grenze vor Dover von der Polizei angehalten. Wie es dazu kam? Das erfahren wir natürlich erst am Ende des Romans.
Ungewöhnlich ist das Leben des jugendlichen Helds aber schon viel früher, als er mit zehn Jahren im Badezimmer von einem Meteoriten getroffen wird und fortan unter Epilepsie leidet. Er wächst in Glastonbury auf, interessiert sich für Astrophysik, Neurologie und wird immer mehr zum Stubenhocker. Dass die alleinerziehende Mutter hellseherische Fähigkeiten hat und mit Tarotkarten ihr Geld verdient, macht ihn erst recht zum Sonderling. Bis dahin liest sich die Geschichte wie ein Jugendroman über einen typischen Außenseiter. Eine interessante Wende tritt ein, als Alex wieder einmal auf dem Schulweg von seinen Mitschülern schikaniert wird und auf der Flucht im Gartenschuppen von Mr. Peterson landet. Zunächst unfreiwillig lernt der Junge den mürrischen und menschenscheuen Kriegsveteranen näher kennen, der gern kifft und Bücher von Kurt Vonnegut liest. 
Es entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen den beiden, die sich viel zu geben haben. Mr. Peterson vermittelt dem Jungen die Liebe zur Literatur und Lebensweisheiten, die den jungen Alex schnell reifen lassen. Als der Ersatzgroßvater später schwer erkrankt, kann sich Alex revanchieren, indem er über sich hinaus wächst und losgelöst von jeglichen Konventionen das tut, was er für das einzig Richtige hält. Der Autor verpackt komplexe philosophische Themen wie das richtige Handeln, den freien Willen eines Menschen, Freundschaft, Vertrauen und Tod in einen sehr locker und unterhaltsam geschriebenen Road Novel mit viel Herz. 
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Der Mann aus der Seine

Der Roman „Das Leben ist ein listiger Kater“ von Marie-Sabine Roger erinnerte mich ein wenig an „The Universe versus Alex Woods“, den ich Euch vor ein paar Tagen vorstellte. Auch diese Geschichte beginnt mit einer mysteriösen Situation, die erst zum Schluss aufgeklärt wird und handelt von einem griesgrämigen Mann, der durch ein einschneidendes Erlebnis lernt, das Leben wieder zu schätzen. Die Begegnung mit einem Studenten entscheidet am Ende darüber, wie er seine verbleibende Lebenszeit verbringen will.
Doch fangen wir von vorne an: Jean-Pierre Fabre, ein 67-jähriger Witwer und Rentner, wurde von einem Studenten aus der Seine gefischt und landet im Krankenhaus. Bis seine Knochenbrüche verheilt sind, muss er mehrere Untersuchungen und Bewegungstherapie über sich ergehen lassen. Das allein wäre für den leidenden Nörgler Grund genug für seine permanent schlechte Laune. Hinzu kommt das miserable Krankenhausessen, nervendes Personal, lästige Besucher und ein Mädchen, das ständig seinen Laptop benutzen will. Auch sein Lebensretter Camille lässt sich blicken und versetzt ihm einen tiefen Schock, als er erzählt, dass er mit Gelegenheitsprostitution sein Studium finanziert.
Jeder, der längere Zeit im Krankenhaus verbringen musste, weiß, wie viel Zeit man auf einmal zum Nachdenken hat. Mir ging es jedenfalls vor zwei Jahren so. Jean-Pierre blickt auf sein Leben zurück und beschließt aus lauter Langeweile, seine Memoiren zu schreiben. Er erinnert sich an seine Jugendträume, die erste Liebe, seine verstorbene Frau Annie und seine außerehelichen Eskapaden. Im Wechsel beschreibt er seine Lebensgeschichte und den Klinikalltag und das mit so viel Sarkasmus, schrulligem Humor und Selbstironie, dass ich ständig schmunzeln musste.
Die verschiedenen Bekanntschaften, auf die der Witwer anfangs nur zu gern verzichtet hätte, öffnen ihm nach und nach das Herz und verändern seine Lebenseinstellung. Ähnlich wie in ihrem erfolgreichen Roman „Das Labyrinth der Wörter“ widmet sich Marie-Sabine Roger auch diesmal den Themen Freundschaft, Altern und gesellschaftlichen Problemen und bereitet den Lesern mit ihrem lebensbejahenden Roman höchst vergnügliche Lesestunden. 
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Ein Leben in Bildern

Habt Ihr Lust, in den Ferien einmal den künstlerischen Fotografen in Euch zu wecken? Elsie Larson und Emma Chapman geben in ihrem wundervollen Buch „A Beautiful Mess“ 236 Anregungen, wie kreativ man mit seiner Kamera oder seinem Smartphone werden kann.
Ihre Leidenschaft für die Fotografie haben die Schwestern und Bloggerinnen von ihrem Großvater geerbt, der eine umfangreiche Fotosammlung hinterließ. In ihrem Buch geht es nicht um technisches Know-How und sein Können zu perfektionieren – im Gegenteil, es ermutigt, neue Blickwinkel im Alltag zu finden und Ungewöhnliches auszuprobieren. 
Als ich das Buch vor zwei Jahren zum ersten Mal las, brachte es mich auf die Idee, während unseres Kretaurlaubs eine Fotosammlung von Texturen anzulegen, die ich für grafische Zwecke nutzen wollte. Ständig blieb ich stehen, um Steinmauern, Büsche oder Mosaikböden in verschiedensten Variationen zu fotografieren. 
Nun habe ich wieder einmal in dem schönen Bildband geschmökert und Ideen entdeckt, die ich in nächster Zeit ausprobieren möchte, zum Beispiel 
– Porträts von Freunden/Familie mit einem typischen Accessoire (Harry mit seinem Single Speed ist schon mal verewigt)
– Schattenporträts
– Lieblingstätigkeiten fotografieren
– Fortschritte eines kreativen Projekts festhalten
– Mit verschiedenen Hintergrundmaterialien wie Holz, Stoff oder Dekopapier experimentieren
Elsie und Emma geben auch Tipps, wie man originelle Requisiten herstellt und wie vielseitig man seine Fotos nutzen kann, zum Beispiel für individuelle Gruß- und Einladungskarten, mit Familienmotiven gefüllte Weihnachtskugeln, Pappfiguren auf Muffins, personalisierte Tafeln Schokolade oder Smartphonehüllen.
Dass man auch mit einem iPhone einzigartige Aufnahmen machen kann, zeigen die Gewinner der iPhone Photography Awards 2016, die zum ersten Mal in dieser Form stattfand. Also nichts wie los und KLICK!
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Memoiren einer Künstlerfrau

Was für einen Schatz Maria Marc uns mit ihren Memoiren hinterlassen hat und wie gut es Brigitte Roßbeck gelungen ist, sie in eine Lesefassung zu bringen! Die persönlichen Aufzeichnungen waren gar nicht zur Veröffentlichung gedacht, doch glücklicherweise sind sie zum 100. Todestag ihres Mannes Franz Marc unter dem Titel '"Das Herz droht mir manchmal zu zerspringen" – Mein Leben mit Franz Marc' erschienen und geben sehr persönliche Einblicke in das Lebens des Künstlerpaars. 
Zunächst erzählt Maria Marc von der Zeit in Berlin, wo sie in bürgerlichen Verhältnissen aufwächst. Obwohl ihr künstlerisches Talent von den Eltern gefördert wird, kann sie es nicht richtig ausleben und geht nach München. Sie glaubt, im Schwabinger Künstlerviertel das passende Umfeld für ihre schöpferische Entfaltung gefunden zu haben, auch wenn sie sich anfangs schwertut und sich unter den Künstlerfamilien nirgends zugehörig fühlt. Erst durch die Begegnung mit Franz Marc erkennt sie ihre wahre Lebensaufgabe. 
Mich hat erstaunt, wie gut Maria Marc ihren künftigen Ehemann von Anfang an einschätzen kann und sein wahres Wesen erkennt. Sie weißt sofort, dass er dazu berufen ist, große Kunst zu schaffen, nichts halbherzig tut und unterstützt ihn dabei, sich vom Schmerz durch unglückliche Liebesbeziehungen und Melancholie zu befreien. 
Genossen habe ich vor allem die Passagen, in denen Maria Marc die unbeschwerten Stunden in Ried bei Kochel und in Sindelsdorf mit großem Enthusiasmus beschreibt. Man kann sich sehr gut ausmalen, wie Franz Marc sich von der hügeligen Landschaft und den weidenden Kühen und Pferden zu seinen Bildern inspirieren lässt. Er fühlt sich eins mit der Natur, befasst sich eingehend mit der Anatomie der Tiere und mit der Zeit wird das Pferd zum Hauptthema seiner Arbeit. Maria wächst unterdessen in die Rolle der Gefährtin hinein, spornte ihn an und freut sich über seine Schaffenskraft.
Zu einem späteren Zeitpunkt hat mich die Erzählerin erneut mit ihrer Begeisterung angesteckt. Grund dafür ist die langersehnte Begegnung mit gleichgesinnten Künstlern wie August Macke und Kandinsky. Endlich wird die eigene künstlerische Sprache Franz Marcs bestätigt und gewürdigt. Es sind jedoch nicht nur die großen Momente, die zum großen Lesevergnügen beitragen – auch die eingestreuten kleinen Anekdoten und Erinnerungen, zum Beispiel daran, wie Helmut Macke in ihrem Haus rheinische Reibekuchen zubereitete und die Küche fast in Brand setzte, berühren. Der Titel „Das Herz droht mir manchmal zu zerspringen“ beschreibt sehr treffend, welchen starken Emotionen sie im Laufe des gemeinsamen Lebens ausgesetzt war und wie ehrlich sie diese preisgibt.
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Die Poesie des Schweigens

Schon so mancher Schriftsteller hat sich auf Spurensuche in die Vergangenheit begeben. Die Geschichte von „Anna und Armand“, die die Enkelin Miranda Richmond Mouillot niedergeschrieben hat, ist dennoch etwas Besonderes und das nicht nur, weil sie auf einer wahren Begebenheit beruht. Das jüdische Paar floh 1942 in die Schweiz, überlebte den Krieg und kurz danach trennten sich ihre Wege. Seitdem haben sie kein Wort mehr miteinander gewechselt. Miranda ist fest entschlossen, das Schweigen zu brechen und herausfinden, was sie damals entzweit hat.
Schon als Kind fällt ihr die seltsame Beziehung zwischen den Großeltern auf und sie versucht, sich einen Reim darauf zu machen. Ihre Großmutter Anna ist redselig, beschreibt die Kriegszeit als die „Universität ihres Lebens“ und gibt ihr die Gabe, vierblättrige Kleeblätter zu finden, sowie viele Lebensweisheiten mit auf den Weg. Ihr Großvater Armand dagegen, bei dem sie in einem Internatsjahr in Genf lebt, ist verschlossen und reagiert jedes Mal wütend, wenn sie Anna erwähnt. Von ihm erfährt sie lediglich, dass Anna versucht habe, sein Leben zu ruinieren.  
Die Alltagssituationen, die Miranda mit ihrem schwer umgänglichen Großvater erlebt, beschreibt sie mit feiner Ironie. Sie stellt fest, wie unterschiedlich Anna und Armand sind, sei es die Art zu kochen, den Haushalt zu führen oder ihre Vorlieben für Musik. Fest steht, dass die Ehe ihrer Großeltern ein explosives Thema ist, das Miranda nicht mehr loslässt – erst recht, als ihr Großvater sie in das südfranzösische Dorf La Roche mitnimmt und ihr ein altes Steinhaus zeigt, dass er mit seiner Frau nach dem Krieg gekauft hat. Miranda fühlt sich aus unerklärlichen Gründen gleich zu Hause und nutzt jede Gelegenheit, um ihre Zeit dort zu verbringen. 
Ihre akribische Suche nach ihren familiären Wurzeln hat mich derart gefesselt, dass ich das Buch an einem Tag verschlungen habe. Stück für Stück setzt sie die Puzzleteile zusammen, studiert Dokumente aus Annas Flüchtlingsakte und gerät unter Zeitdruck, weil Armand zunehmend dement wird. Wo Fragen offen bleiben, versucht sie sich, in ihre Großeltern hineinzuversetzen und vernachlässigt dabei fast ihr eigenes Leben und ihre Zukunftspläne. Ihre wiederkehrenden Befürchtungen, ob sie nüchterne Fakten nicht grundlos romantisiert, kommen sehr gut zum Ausdruck. Nicht nur die mysteriöse Geschichte, auch die Sprache der Autorin entfaltet einen besonderen Zauber und man wird sich bei der Lektüre bewusst, dass man das Ergebnis ihrer mühsamen Recherchearbeit, die sie mit Fotos aus dem Familienarchiv und einer Zeittafel illustriert, in Händen hält. 
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Brauch ich Lehrer für Deutsch

Ich kenne sehr viele Lehrerinnen in meinem Freundeskreis, auch eine, die Ausländern Deutschunterricht gibt. Einen so ausgefallenen Schüler wie den Russen Sergey Dyck aus der Geschichte „Die Grammatik der Rennpferde“ von Angelika Jodl hat aber sicher keine von ihnen erlebt. Der Ex-Jockey arbeitet in Deutschland als Stallbursche und will ein Rennpferd kaufen. Dazu muss er jedoch seine Deutschkenntnisse auf Vordermann bringen und wer wäre als Lehrerin besser geeignet als die Linguistikdozentin Salli Sturm, die mit viel Enthusiasmus ausländischen Schülern Syntax und Konjugation näher bringt.
Für die alleinstehende 52-Jährige ist Sergey eine willkommene Herausforderung, um sprachliche und kulturelle Barrieren zu überwinden. Nebenbei erhofft sie sich, eine wissenschaftliche Studie zu dem Thema in einer Fachzeitschrift veröffentlichen zu können. Für dieses Projekt verlässt Salli sogar ihr Schwabinger Apartment und zieht zu Sergey auf einen gepachteten Hof in Daglfing. 
Ihr Schüler erweist sich als ziemlich harter Brocken. Mit Satzkonstruktionen kennt sich Salli bestens aus, doch welche Regel lässt sich bloß in dieser kniffligen Situation und Konstellation am besten anwenden – besonders, wenn auch noch romantische Gefühle ins Spiel kommen? Wie das ungleiche Paar täglich Deutsch- und Pferdekenntnisse austauscht und sich näher kommt, wird mit viel Wortwitz erzählt, mal in bissig-rauen, mal in warmherzig-gefühlvollen Tönen. Sergeys fehlerhafte Satzbrocken bringen sein Wesen und Temperament umso stärker zum Ausdruck. Martina Gedeck beweist, dass sie nicht nur eine hervorragende Schauspielerin, sondern auch eine begnadete Sprecherin ist, die jedem Dialekt, ob bayerisch oder russisch, gewachsen ist.
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Holpriger Neustart

Manche alleinerziehende Mütter haben das Glück, dass ihnen Verwandte oder Freunde zur Seite stehen und ihnen im Alltag unter die Arme greifen.  Doch was ist, wenn die Vertrauensperson von einem Tag auf den anderen verschwindet? Genau das passiert der 33-jährigen Letty Espinosa in dem Roman „Weil wir Flügel haben“ von Vanessa Diffenbaugh. 15 Jahre lang hat sich ihre Mutter Maria Elena um die Enkelkinder Alex und Luna gekümmert während sie selbst in einer Bar am Flughafen den Lebensunterhalt verdiente. Als ihre Eltern plötzlich beschließen, in die mexikanische Heimat zurückzukehren, ist sie in der Kleinstadt The Landing, südlich von San Francisco, das erste Mal auf sich allein gestellt.
Hier baut sich der erste Spannungsbogen auf, denn zu gern will man wissen, wie Letty mit der neuen Situation umgeht. Ausgerechnet jetzt, wo sie mit der Erziehung ihrer Kinder völlig überfordert ist, treten auch noch zwei Männer in ihr Leben und bringen sie emotional durcheinander. Anfangs wirkt Letty, die ihre Mutterpflichten jahrelang vernachlässigt hat, nicht sonderlich sympathisch. Doch die Art und Weise, wie sie langsam in die Mutterrolle hineinwächst, sich durchbeißt und nichts unversucht lässt, um ihren Kindern ein besseres Milieu und ihrem intelligenten Sohn die bestmöglichen Zukunftsperspektiven zu bieten, gehen einem doch nahe.
Interessant wird die Geschichte vor allem durch den Perspektivenwechsel zwischen Mutter und Sohn. Aus der Sicht des 15-jährigen Alex erleben wir das ohnehin nicht leichte Erwachsenwerden unter nochmals erschwerten Bedingungen. Ich finde, der Autorin ist hier eine sehr vielschichtige Figur gelungen: Alex ist ein Jugendlicher, der die Faszination für Federmosaiken von seinem Großvater geerbt hat, einerseits verantwortungsvoll und besonnen handelt und stets bemüht ist, das Richtige zu tun –  andererseits durch die Begegnung mit seinem Vater aus der Bahn geworfen wird, bei seiner ersten großen Liebe unbedarft und unsicher wirkt und sich zu impulsiven und folgenschweren Taten verleiten lässt. Sicher hat die Autorin, die Mutter von zwei Pflegesöhnen ist, eigene Erfahrungen einfließen lassen. Es ist eine Geschichte, die immer mehr an Tiefe gewinnt und sowohl die innere Zerrissenheit der Figuren als auch die sozialen Missstände in einer klaren und flüssigen Sprache sehr authentisch wiedergibt. 
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Die Welt ablichten

Wer war diese Fotografin Amory Clay? Kann man mehr über sie erfahren? Leider nicht, denn diese faszinierende, unerschrockene Frau, von der William Boyd in seinem Roman „Sweet Caress“ („Die Fotografin“) erzählt, ist frei erfunden; auch wenn es einem schwerfällt, dies zu glauben – so real wirkt diese Frauenfigur, die der britische Schriftsteller zum Leben erweckt. 
Zum einen liegt es daran, dass er virtuos geschichtliche Ereignisse mit seiner Fiktion vermengt. Obendrein streut er Tagebuchaufzeichnungen ein, in denen die Ich-Erzählerin in einem Cottage auf der Hebrideninsel Barrandale ihr Leben Revue passieren lässt. Zudem ist der Roman mit Fotos, die Amory Clay angeblich selbst geschossen hat, in Wahrheit jedoch von Flohmärkten oder aus dem Internet stammen, illustriert. 
Als die Protagonistin zum siebten Geburtstag von ihrem Onkel ihre erste Kamera, eine Kodak Brownie Nummer 2, geschenkt bekommt, ist ihre Laufbahn als Fotografin besiegelt. Damit beginnt die Reise einer Frau durch das 20. Jahrhundert, die zu verschiedensten Brennpunkten der Geschichte führt. Im dekadenten Berlin der frühen 1930er Jahre fotografiert sie Szenen in Tanzclubs und Bordellen und löst mit ihrer ersten Ausstellung einen Skandal aus. Als Fotoreporterin einer amerikanischen Agentur gerät sie in eine Schlägerei mit faschistischen Demonstranten. New York und Paris während der Besatzungszeit sind die nächsten Stationen, wo sie sich weiterhin einen Weg durch die von Männern dominierte Welt bahnt. 
Fasziniert hat mich vor allem, wie sich ein männlicher Schriftsteller so tief in die Seele einer mutigen und kreativen Frau, und zugleich in die damalige Zeit einfühlen kann. Wer kommt schon auf die Idee, eine durch den Krieg gezeichnete Vaterfigur zu erfinden, die versucht, an einem schönen Sommertag nicht nur sich selbst, sondern auch seine Tochter in den Tod zu stürzen? Von ihren vielen Wunden und Verletzungen lässt sich Amory keineswegs einschüchtern. Sie fotografiert später überlebende Soldaten des Zweiten Weltkrieges, heiratet den traumatisierten Sholto Farr und wagt sogar eine Reise als Kriegsfotografin nach Vietnam. William Boyd hat einen kühnen und täuschend echten Künstlerroman geschrieben, der das Porträt einer ganzen Epoche zeichnet. 
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Was ziehe ich heute an?

Kürzlich traf ich mich mit meiner Freundin zum Essen, und wir beschlossen, uns von allen Kleidungsstücken zu trennen, in denen wir uns nicht richtig wohlfühlen. Eigentlich doch völlig naheliegend: Wie sollen wir in einen schönen, vergnüglichen oder erfolgreichen Tag starten, wenn uns unser Outfit schon nicht ganz taugt?
Es ist erstaunlich, wie viele Studien schon zum Thema Kleidung und Psychologie geführt wurden, wie man in dem Buch „Mind What You Wear: The Psychology of Fashion“  von Karen Pine lesen kann. Von 2011 bis 2014 unterrichtete die Professorin Modepsychologie an der Istanbul Bilgi Universität. In einem Test forderte sie beispielsweise Studenten auf, ein Superman T-Shirt anzuziehen mit dem Effekt, dass sie ein besseres Selbstbild und größeres Selbstvertrauen hatten als zuvor. Ein anderes Ergebnis konnte ich dagegen nicht nachvollziehen: Zu Jeans greifen offenbar Frauen eher, wenn sie sich schlecht fühlen. Das trifft auf mich nicht unbedingt zu, da ich Jeans in jeder Tagesform gern trage.
Drückt unsere Kleidung unsere wahre Persönlichkeit aus? Inwiefern hat sie Einfluss darauf, was wir an dem Tag erleben? Wieweit hebt die Kleidung unsere Stimmung oder beeinflusst unser Denken? Mit diesen und ähnlichen Fragen beschäftigt sich die Modepsychologin, die auch das Programm „Wear Something Different“ ins Leben gerufen hat, mit dem Ziel, frischen Wind in seine Garderobe zu bringen und das Leben aus neuen Perspektiven zu betrachten. Mich interessierte vor allem der Aspekt, welche Rolle Farben, Materialien und Muster bei unserer Kleiderwahl spielen. Karen Pines Überlegungen und Forschungsergebnisse werden sicher auch bei den zahlreichen Modebloggern auf Interesse stoßen. Mittlerweile gibt es so viele verschiedene Formate wie zum Beispiel „Très Click – fashion just got fun“ – ein Magazin, das Mode, Beauty und Popkultur verbindet. 
„Kleider machen Leute“ heißt es ja bekanntlich, und das bezieht sich nicht nur auf den Eindruck, den man auf andere macht, sondern auch auf sein eigenes Lebensgefühl. Könnte gut sein, dass ich mich an Karen Pines Empfehlungen erinnern werde, wenn ich morgens wieder vor dem Kleiderschrank stehe und mich frage „Was ziehe ich heute an?“
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Kunst der langen Weile

„Wie die Zeit vergeht“ ist so ein Spruch, der einem schnell auf der Zunge liegt, wenn man nach langer Zeit seiner Freunde wieder trifft oder feststellt, dass das Jahr schon wieder vorbei ist. Aber warum eigentlich? Die Zeit vergeht doch immer im gleichen Tempo. Winfried Hille hat für diese und ähnliche Fragen Antworten, die man in seinem aktuellen Buch „Slow – Die Entscheidung für ein entschleunigtes Leben“ nachlesen kann. Die alten Griechen, so erfahren wir, hatten genau aus dem Grund zwei Begriffe für Zeit. ‚Chronos‘ stand für die äußere, physikalische Zeit, während ‚Kairos‘ die innere, von eigenem Erleben geprägte Zeit beschrieb. Der Autor zeigt uns, wie wir Letzteres, also Kairos wieder neu für uns entdecken und uns auf das Wesentliche zurückbesinnen können.
Er untersucht das Phänomen Zeit und Zeitgefühl aus verschiedenen Blickwinkeln, in dem er Schriftsteller und Zeitforscher, Ärzte und Philosophen zu Wort kommen lässt. Sehr gut gefiel mir, dass der Autor jedes Kapitel mit einer Reihe von Fragen abschließt, die dazu anregen, einen Bezug zum eigenen Alltag herzustellen und unsere eigenen Gewohnheiten zu prüfen. 
Wie oft ertappe ich mich tatsächlich dabei, dass ich besinnungslos „To-Do-Listen“ abarbeite und dabei Genuss und Lebensfreude auf der Strecke bleiben. Zielorientiert und effizient zu arbeiten steckt so tief in mir, dass ich vermutlich andere neue Chancen, die sich auftun, schlichtweg übersehe. Winfried Hille führt dies darauf zurück, dass wir in der heutigen Gesellschaft ständig auf ökonomische Effizienz und Selbstoptimierung getrimmt sind. Statt Eile und Multitasking empfiehlt er uns, mehr Müßiggang und Erlebnistiefe zuzulassen. Nichts tun kann nämlich entgegen unserem Verständnis durchaus produktiv sein, weil es den Geisteszustand schärft. 
Winfried Hille, der in Freiburg lebt, war mir bisher als Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift "bewusster leben" bekannt. Sein ganzheitliches Konzept des Slow Living, das verschiedene Bereiche wie Familie, Beruf, Ernährung und Reisen umfasst, überzeugt auch deshalb, weil er den Leser mit Bedacht und in ruhigem Ton an das Thema heranführt und ihn Stück für Stück dazu ermutigt, öfters innezuhalten und der Laune des Augenblicks zu folgen. Damit scheint er den Nerv der Zeit zu treffen: Erst vor einigen Tagen las ich, dass immer mehr Slow Reading Clubs entstehen, die sich der konzentrierten Buchlektüre widmen. 
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Die Stunde der Erniedrigung

Wie bigott und frauenfeindlich die Wiener Adelsgesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts war, macht Marie von Ebner-Eschenbach in ihrem Roman „Unsühnbar“ deutlich. Opfer der biederen Konventionen wird die Protagonistin Maria von Wolfsberg, die den kunstliebenden Felix Tessin liebt. Die Gräfin fügt sich jedoch dem Wunsch ihres strengen Vaters und heiratet den biederen Graf Dornach. Als es zum Seitensprung kommt und Marie schwanger wird, schiebt sie ihrem Ehemann das Kind unter. Mit der Zeit lernt sie jedoch, Hermann zu lieben und die zahlreichen Vergnügungen der feinen Gesellschaft zu schätzen. Früher wollte sie um jeden Preis gefallen; nun wollen alle der Gräfin gefallen. 
„Ein ganzes Dasein der Rechtschaffenheit muss eine Stunde der Verirrung aufwiegen können“, versucht sie sich einzureden, doch ihre Gewissensbisse und Seelenqualen nehmen mit der Zeit zu. Die Stunde der Erniedrigung bleibt für sie unsühnbar. Da helfen auch ihre Zerstreuungsversuche in Form von opulenten Bällen, der Treibjagd oder Wintersport nicht. Auch ihr Streben nach Vervollkommnung durch Bücher und die Kirche misslingt. Maria, die so viel Wert auf Wahrheit legt, kann nur schwer ertragen, dass ihr eigenes Leben auf einer Lüge aufbaut, und stürzt immer weiter in den Abgrund von Schuld und Sühne.
Auch wenn der pathetische Ton nicht ganz in unsere Zeit passt, werden Marias Leidenschaften und Seelenqualen so nuanciert beschrieben, dass man mit ihr fühlt. Der Roman, der erstmals 1890 erschien, illustriert sehr deutlich die Scheinmoral und die patriarchalische, durch ökonomisches Kalkül geprägte Gesellschaft der damaligen Zeit.
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Verrat am eigenen Volk

Am Anfang des Romans „Straus Park“ des flämischen Schriftstellers Paul Baeten Gronda weiß man noch nicht so recht, was man von der Hauptfigur halten soll. Amos Grossmann hat von seiner jüdischen Kunsthändlerfamilie ein Vermögen geerbt, lebt direkt am Straus Park in der Upper West Side von Manhattan und hat einen ziemlich hohen Verschleiß an Frauen. Innerhalb weniger Seiten machen wir Bekanntschaft mit seinen Ex-Frauen Farren und Alison und seinem Studienfreund Butch. Amos wirkt verbittert und teilnahmslos, scheint mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart zu leben. Dies ändert sich, als eines Tages die englische Kunsthistorikerin Julie Dane in sein Leben tritt. Sie arbeitet an einem Forschungsprojekt über die Verbreitung europäischer Kunst in den USA und möchte dazu Amos’ Besitz begutachten.
Interessant wurde für mich die Geschichte erst durch den Zeitsprung ins Jahr 1937, als Amos’ Großeltern Markus und Charlotte vom brandenburgischen Ketzin nach Amsterdam fliehen, um sich vor den Nazis zu verstecken. Sie werden von einer reichen und hochgebildeten Unternehmerfamilie, die zu den wichtigsten Förderern der Künste zählen, in die Amsterdamer Gesellschaft eingeführt. 
Für Charlotte öffnet sich ein neues aufregendes Leben, während ihr ängstlicher Ehemann um keinen Preis auffallen will. Charlottes Lebensgier schlägt jedoch in eine schockierende und verhängnisvolle Richtung. Dabei beschreibt der Autor sehr einfühlsam, wie das Paar trotz ihres gegensätzlichen Charakters und den dramatischen Verwicklungen zusammenhält. Mit steigendem Tempo führt er zwei Zeitebenen zusammen und entfaltet ein Bild von zwei jüdischen Familienschicksalen, die sich auf tragische Weise kreuzen.
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Filmische Novellen

Was für ein Glück, dass die Erzählungen der französischen Schriftstellerin Irène Némirovsky erstmals auf Deutsch erschienen sind. Die elf kompakten Texte in dem Band „Pariser Symphonie“ lesen sich wie literarische Drehbücher – kein Wunder, denn die Autorin hatte ein starkes Faible für das Kino. In ihren melancholischen Novellen geht es um Erinnerungen in doppelter Hinsicht. Zum einen erinnern sie an den Ersten Weltkrieg und wie die Menschen in Frankreich damals lebten und fühlten; zum anderen geht es um die persönlichen Erinnerungen der Protagonisten, ihren Träumen, Ängsten und verpassten Lebenschancen.
In der Erzählung „Umständehalber“ zum Beispiel fragt sich eine Mutter, ob ihrer frisch vermählten jungen Tochter ein ähnliches Schicksal blüht wie ihr selbst. Sie erinnert sich daran, wie sich ihr erster Ehemann René durch den Krieg immer mehr von ihr entfremdete. Sie wurde regelrecht eifersüchtig auf den Krieg, in dem ihr Ehemann grandiose Siege und katastrophale Niederlagen erlebte, den Alltag dagegen als banal und bedeutungslos empfand. 
Auch die Enkeltochter in „Die Diebin“ kann nicht vergessen und vergeben, dass ihre Mutter zu Unrecht als Diebin beschuldigt und vom Hof gejagt wurde und entscheidet sich, dasselbe Schicksal auf sich zu nehmen.
Neben der Ehe greift die französische Schriftstellerin oft die Mutter-Tochter-Beziehung als Thema auf und verarbeitet damit offensichtlich ihre eigene unglückliche Kindheit. 
Besonders gut gefiel mir die titelgebende Erzählung „Pariser Symphonie“, die von einem Komponisten und einer Malerin handelt. Das Paar erlebt die Stadt Paris in verschiedensten Stimmungen und durch die wechselnden Jahreszeiten, mal verliebt und voller Hoffnung, mal verzweifelt und angewiesen auf die Hilfe reicher Sponsoren. Die Autorin arbeitet wie in einem Film mit Schnitten und Blenden und lässt sprachgewandt ein Kaleidoskop von Bildern und Farben, von Klängen und Tönen entstehen, dass man meint, man sei mitten im Geschehen. Ihre Begeisterung für das Kino zeigt auch der Text „Ein Film“, in dem der Leser die Szenerie wie eine Kamerafahrt erfasst – von der Totalen der Stadt bis zum Fokus auf ein Bordell. Das Buch macht Lust, mehr von Némirovsky zu lesen, die als Star der französischen Literaturszene galt und neben fünfzehn Romanen mehr als fünfzig Novellen verfasst hat.
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Himmlische Lektüre

Nachdem man den neuesten Roman von Ewald Arenz gelesen hat, stellt man sich unwillkürlich die Frage, ob und wie viele Dinge sich wohl in unserem Universum abspielen, die wir gar nicht mitbekommen. Und zwar richtig abstruse und unglaubliche Dinge wie sie in der Geschichte „Herr Müller, die verrückte Katze und Gott“ geschehen.
Auslöser der Handlung ist der tödliche Sturz des Familienvaters Kurt Müller aus dem Fenster seiner Wohnung. Während Tochter Helen und Ehefrau um den Verlust trauern, sorgt sich der Erzengel Jehudi um einen Verlust ganz anderer Art, nämlich den der Seele von Kurt Müller, denn dies könnte den Beginn der Apokalypse auslösen. Der Verstorbene wird derweil in Südfrankreich als Katze wiedergeboren. Es beginnt ein aberwitziges Abenteuer, bei dem der Leser die Welt aus ganz ungewöhnlichen Perspektiven erleben kann – aus der Sicht einer Katze, die sich auf die Reise von Collioure über Paris nach Nürnberg begibt, aus der Sicht eines fliegenden Erzengels mit Rücklichtern oder aus der Sicht eines Dämonen, der so gelangweilt ist, dass er zum Vergnügen Kaiserpinguine fliegen lässt. Im unsichtbaren vierzehnten Stockwerk des SPIEGEL-Hochhauses werden schließlich alle Kräfte mobilisiert, um den Weltuntergang zu verhindern. 
Am Anfang fällt es etwas schwer, sich in den Roman einzufinden, zumal die Figuren nicht viel Identifikationspotenzial bieten. Doch dann will man einfach nur noch wissen, wie es mit dem verrückten Suchtrupp bestehend aus Erzengeln, Dämonen, islamistischen Selbstmordattentätern und Schülerinnen weitergeht und ob die Mission glückt. Amüsant ist, dass auch im Himmel so manche Pannen passieren wie zum Beispiel dem Erzengel Michael, der mit dem Flammenschwert versehentlich den Teppich im metaphysischen Himmel angezündet hat. Der Roman sprüht vor verrückten Ideen und Slapstick-Einlagen und animiert den Leser, sich den Themen Gott, Glaube, Fanatismus, Sühne und Reinkarnation einmal auf ganz andere Weise zu nähern.
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Spaziergang durch den Goethe-Park

Wie führt man ein glückliches und erfülltes Leben? An Ratgebern zu dem Thema mangelt es sicher nicht. Man könnte sich aber auch mit Werken von Johann Wolfgang von Goethe beschäftigen, wie uns Stefan Bollmann in seinem aktuellen Buch vermittelt. Er unternimmt mit uns acht Spaziergänge durch den Goethe-Park und erklärt, „Warum ein Leben ohne Goethe sinnlos ist“, so der Buchtitel. 
Für Goethe, so erfahren wir, bestand der Sinn des menschlichen Lebens darin, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und es nach seinen eigenen Vorstellungen zu gestalten. In seiner Heimat Frankfurt und den bürgerlichen Verhältnissen, in denen er aufwuchs, blieb ihm dieser Wunsch verwehrt. Glücklicherweise entdeckte er, dass er durch das Schreiben sein unglückliches Leben immer mehr unter Kontrolle bekam. Er wählte bewusst den Schreibprozess und die Literatur zur Lebensbewältigung und ließ dafür seine Romanfiguren wie den jungen Werther leiden und sterben. Die erste Möglichkeit, seinen eigenen Weg zu gehen, bot ihm Karl August, Erbprinz von Sachsen-Weimar-Eisenach, der ihn nach Weimar einlud und ihm dort wichtige politische Aufgaben übertrug. Dies war nur der Anfang und ein Bruchteil von Goethes vielzähligen Beschäftigungen, die danach folgten. 
Stefan Bollmann versteht es, die verschiedenen Facetten des Weltliteraten und seine Lebensstationen informativ und spannend vor den Augen des Lesers auszubreiten. Ganz gleich ob wir Goethe auf seinen Reisen nach Rom, Neapel und Sizilien begleiten, wo er das Bohèmeleben zu schätzen lernt, oder ihm beim Schreiben in seinem Arbeitszimmer in Weimar beobachten – es ist, als sei man vor Ort und würde ihn in seiner Rolle als Vagabund, Naturforscher oder Dichter persönlich erleben. Interessant ist auch, wie er seine eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse in Werken wie „Italienische Reise“ und „Wahlverwandtschaften“ verarbeitete. Erstaunlich, dass man sich Goethe fast als Zeitgenossen vorstellen kann, denn seine Weisheiten wie „Tue es einfach“, „Koste den Augenblick aus“ oder „Folge dem Pfad deiner eigenen Kreativität“ sind aktueller denn je.
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Entzugserscheinungen

Die Handlung des Romans „Reise nach Orkney“ der britischen Autorin Amy Sackville ist schnell erzählt. Ein Literaturprofessor und seine vierzig Jahre jüngere Studentin sind frisch vermählt und machen Flitterwochen auf einer der kleinsten Inseln in Orkney, einem Archipel nordöstlich von Schottland. Sehr viel mehr passiert rein äußerlich nicht, und doch entwickelt die Geschichte eine Dynamik, weil sich immer mehr Gegensätze auftun.
Am auffälligsten ist der Kontrast zwischen Nähe und Weite. Das Paar verbringt den Urlaub in einer gemütlichen Hütte in einer kleinen Bucht und sie verspüren beide eine starke Intimität. Der Professor schreibt an einem Buch über Hexen und Nixen des 19. Jahrhunderts, doch er ist so liebestrunken und besessen von seiner Frau, dass seine Aufmerksamkeit ausschließlich ihr gilt. Sie dagegen zieht es ständig an den Strand. Ihr wird nicht langweilig, das Meer zu betrachten und ihm wird nicht langweilig, ihr dabei zuzusehen. 
So vergeht ein Tag nach dem anderen und es wird immer deutlicher, dass sie mehr als nur der große Altersunterschied trennt. Während er sich hoffnungsfroh einer gemeinsamen Zukunft öffnet, zieht sie sich immer mehr zurück, um ihre nebulöse Vergangenheit zu verarbeiten, von der sie ständig träumt, aber nur wenig erzählt. So wird die Distanz zwischen der entgleitenden Frau und dem besitzergreifenden Mann immer größer. Er lebt ständig mit der Angst, seine Frau könnte regelrecht vom Sand verschluckt oder vom wogenden Meer weggespült werden.
Die Stärke des Romans liegt für mich in der Mischung aus Düsternis und Poesie. Auf unvergleichliche Weise beschreibt die Autorin, wie die junge Frau immer mehr von der Landschaft vereinnahmt, ja eins mit ihr wird und sich aus den Klauen ihres verzweifelten Ehemannes löst. Die Grenzen zwischen Realität, Träumen und Wahnvorstellungen lösen sich auf und lassen viel Spielraum für eigene Interpretationen.
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Kein Ort zum Sterben

Das zweite Buch, das ich mir neben „Brooklyn“ für unseren Urlaub besorgte, war „Brooklyn Follies“ („Die Brooklyn-Revue“) von Paul Auster, einer meiner Lieblingsautoren. Es ist zwar schon vor zehn Jahren erschienen, aber wer könnte besser über ein Stadtviertel schreiben als ein Einheimischer, der seit 1980 dort lebt. 
Zu Beginn des Romans steht es nicht gut um den Protagonisten Nathan Glass. Der pensionierte Versicherungsagent hat eine Lungenkrebs-Therapie hinter sich und seine Familie hat sich von ihm abgewandt. Nun sucht er einen „Ort zum Sterben“ und zieht nach Brooklyn. Seinen Lebensabend will er damit verbringen, ein Buch mit dem Titel „The Book of Human Follies“ zu schreiben, das von menschlichen Torheiten handelt. Dieses Projekt verliert jedoch allmählich an Bedeutung, als er in einem Antiquariat von Harry Brightman zufällig seinen Neffen Tom Wood trifft, der dort arbeitet. Die Begegnung und Freundschaft zwischen den drei führt wiederum zu neuen Bekanntschaften, bringt turbulente Geschehnisse ins Rollen und auf einmal ist Nathan Glass ganz und gar nicht mehr allein. 
Nach und nach erfahren wir mehr über Toms vergangenes Leben und die Abenteuer des Buchladenbesitzers Harry, aber auch über Figuren, die unerwartet auf der Bildfläche erscheinen wie die BPM (Beautiful Perfect Mother), in die sich Tom verguckt oder dessen Nichte Lucy, die plötzlich vor der Haustür steht. Einzeln für sich sind es keine spektakulären Ereignisse, doch in typischer Auster-Manier werden Themen wie Lebensträume und Krisen, Altern und Tod geschickt eingewoben, so dass man mit Spannung den Verwicklungen folgt. Gar nicht typisch für Auster empfand ich dagegen die fast überbordende Warmherzigkeit des Erzählers Nathan und seine zunehmend optimistische Lebenshaltung. Am Ende lösen sich fast alle Konflikte in Wohlgefallen auf und aus dem anfangs einsamen und unglücklichen Mann ist ein Mensch voller Hoffnung und Lebensfreude geworden.
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Aufbruch in die Neue Welt

Anfang des Jahres lief in den Kinos die Verfilmung des Romans „Brooklyn“ von Colm Tóibín. Der Roman schien mir ideal als Urlaubslektüre für unsere Reise nach Manhattan und Brooklyn. Allerdings bin ich weder im Flieger noch im Apartment zum Lesen gekommen und habe die Lektüre letzte Woche nachgeholt. Immerhin kannte ich nun verschiedene Schauplätze des Romans wieder.
Die Geschichte handelt von Eilis Lacey, die in den Fünfzigerjahren mit ihrer Schwester und ihrer Mutter in Enniscorthy an der Südostküste Irlands in ärmlichen Verhältnissen lebt. Als ein Priester ihr die Gelegenheit bietet, nach Brooklyn auszuwandern und dort eine Stelle als Verkäuferin anzutreten, nimmt sie die Chance wahr. Sie findet eine Bleibe in der Pension der Irin Ms. Kehoe, wo viel getratscht wird, und kann sich nur schwer dort einleben. Die Arbeit im großen Modekaufhaus Bartocci’s ist anstrengend und trotz verschiedener Veranstaltungen der irischen Community vermisst sie ihre Heimat und ihre Familie. Das ändert sich, als sie auf einer Tanzveranstaltung den italienischstämmigen Tony kennenlernt. Auch beruflich geht es aufwärts: Sie besteht die Prüfung zur Buchhalterin an der Abendschule und schmiedet mit Tony Zukunftspläne. 
Obwohl mich das Thema sehr interessierte, konnte ich nicht so richtig in Eilis Gefühlswelt eintauchen. Welche Wirkung die neue Umgebung auf sie hat und wie sie sich dabei verändert, schildert Toíbín recht nüchtern ohne Kommentierung. Doch genau dieser Stil, frei von Begeisterung und Romantik, beschreibt wohl am besten die schwierige Phase der Integration vieler amerikanischer Auswanderer, die sich sowohl in der alten Heimat als auch in der Neuen Welt fremd fühlten.
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Hundert Seelenlektionen

Der Titel des kürzlich erschienenen Buchs von Chuck Spezzano „Ändere deinen Partner und dein Leben gleich mit“ löste bei mir zunächst Verwirrung aus. Ich dachte, es sei genau umgekehrt: Um eine glückliche Beziehung zu führen, solle man nicht versuchen, seinen Partner zu ändern. Sobald man die ersten von insgesamt 100 Lektionen gelesen hat, wird einem klar, wie der Autor seine Aufforderung gemeint hat. Dein Partner wird sich ändern, doch erst dann, wenn du dich selbst änderst – so die Botschaft des Beziehungsexperten, der sich als Autor, Referent und spiritueller Lebensbegleiter international einen Namen gemacht hat auf Hawaii lebt.
Als Grundvoraussetzung nennt er die Akzeptanz – ein Grundsatz, der allen, die sich schon einmal mit der buddhistischen Lehre beschäftigt haben, bekannt sein dürfte. Ohne Akzeptanz verstärke man nur die Situation oder die Eigenschaften des Partners, die einem nicht gefallen. Dabei macht er den Unterschied zwischen Akzeptanz und Anpassung, die oft in Resignation mündet – deutlich und erläutert, wie man selbst Verantwortung für seine Situation, seine Vergangenheit und sein Leben übernimmt.
Eine nicht ganz leichte Aufgabe, die uns da der Autor stellt, doch zum Glück gibt er Hilfestellung durch zahlreiche Übungen. Sie alle zielen darauf ab, alte Glaubenssätze aus der Kindheit und der Familie, die die Einstellung und das Verhalten gegenüber dem Partner prägen, abzulegen. Besonders Aussagen wie „Deine Familienmuster bestimmen dein Erfolgs- und Beziehungsmuster“ und Fragen wie „Welche Ausrede gibt mir mein Partner, damit ich mich vor einer wichtigen Aufgabe drücken kann?“ haben eine Wirkung bei mir hinterlassen. Sie zeigen, wie viel man durch den Partner über sich selbst erfahren und sich persönlich weiter entwickeln kann, wenn man begreift, dass das Gegenüber nur die eigenen "Baustellen" widerspiegelt. Das Buch ist jedem zu empfehlen, der nicht einfach seinen Partner nach seinen Vorstellungen formen will, sondern eine Beziehung zu einem ebenbürtigen Partner anstrebt, die auf wachsende Verbundenheit beruht. 
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Cellistin im Widerstandskampf

Wir schreiben das Jahr 1943: Als sich Elodie und Angelo, Protagonisten des Romans „Der italienische Garten“ von Alyson Richman in Portofino begegnen, ahnen wir schon, dass beide ein tragisches Geheimnis hüten. Man könnte erwarten, dass sich nun eine klassische Liebesgeschichte im malerischen Küstenort entfaltet, doch davon sind wir weit entfernt. In Rückblenden erfahren wir, welche unfassbaren Erlebnisse und emotionalen Hochs und Tiefs die beiden durchgemacht haben.
Als Elodie noch ein behütetes Leben in Verona führte und Musik studierte, gab es für sie nur einen Lebensinhalt: das Cellospiel. Dies ändert sich schlagartig, als ihr Vater von Faschisten verprügelt wird und ihre Freundin Lena sich zunehmend in Aktivitäten der italienischen Resistenza engagiert. Elodie kann sich der Realität nicht mehr verschließen und fasst den Entschluss, sich der Gruppe anzuschließen. Dabei lernt sie den Buchhändler und Widerstandskämpfer Luca kennen und lieben. 
Auch Angelo war als Medizinstudent voller Hoffnungen und Träume und fand seine große Liebe, doch der Krieg machte ihm einen tragischen Strich durch die Rechnung.
Die Wege der beiden kreuzen sich, als Elodie bei der Passkontrolle durch deutsche Soldaten von Angelo gerettet wird und sich in seine Obhut begibt. Nach und nach entdecken sie immer mehr Gemeinsamkeiten wie ihre dunkle Vergangenheit und ihre Leidenschaft für Bücher.
Der Roman hat mich auf mehreren Ebenen begeistert. Zum einen ist die Dramaturgie, die die zwei Hauptfiguren zusammenführt, perfekt. Nebenbei erfährt man interessante Details darüber, wie die Untergrundaktivisten damals arbeiteten und durch raffinierte Codes und Kuriere Botschaften übermittelten. Spannend ist auch, wie sich nicht nur Elodies Leben, sondern auch ihr Charakter und Auftreten verändern. Aus der verträumten Musikstudentin wird eine kühne Kämpferin, die für das Wohl ihres Landes ihr Leben aufs Spiel setzt. 
Die Autorin beherrscht ihr Handwerk so virtuos wie Elodie ihr Cellospiel, sie jongliert geschickt mit den Metaphern Musik und Bücher, und erzählt so intensiv, dass man jeden Satz verschlingt. Der Originaltitel „Garden Of Letters“ ist sicher zutreffender, denn neben der Musik spielen Briefe im Speziellen und Worte im Allgemeinen eine ganz besondere Rolle. 
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Alles nur Einbildung?

Nicht selten werden Mitarbeiter aufgefordert, „out of the box“ zu denken, d.h. ausgetretene Pfade zu verlassen, um kreativ und innovativ zu sein. Wäre es nicht ideal, wenn man dafür noch den richtigen Rückzugsort hätte? Genau das passiert Björn in dem Roman „Das Zimmer“ von Jonas Karlsson. Er hat eine neue Stelle in einer Behörde angetreten und will so schnell wie möglich aufsteigen und zeigen, was er auf dem Kasten hat.
Seltsamerweise gelingt ihm das besonders gut in einem kleinen Bürozimmer, das er ganz zufällig zwischen der Toilette und dem Aufzug entdeckt. Immer häufiger sucht er diesen Ort auf, zunächst nur um seine Ruhe vor den Kollegen im Großraumbüro zu haben, die nicht nur seine höchst effiziente Arbeitsweise beeinträchtigen, sondern ihn auch zunehmend nerven. Symbol für alles, was ihn dort abstößt ist, ist das hässliche Cordjacket des Kollegen Hakan, der ihm direkt gegenüber sitzt. Mit der Zeit richtet er sich in dem kleinen Zimmer seinen zweiten Arbeitsplatz ein und stellt fest, dass ihm dort selbst die schwierigsten Aufgaben leicht von der Hand gehen. Was er allerdings nicht versteht: warum alle, sogar sein Chef, behaupten, das Zimmer existiere nicht.
Dieser Roman ist wie ein brillantes Kammerspiel und bietet viel Spielraum für Interpretationen. Mir kam es so vor, als ob das Zimmer für etwas steht, was motivierten Mitarbeitern in der Arbeitswelt oft versagt bleibt: eine Spielwiese, auf der sie kurzzeitig ihre Arbeitsroutine verlassen, unsinnige Regeln außer Acht lassen und experimentieren und Ideen entwickeln können. Oder viel einfacher gedacht: ein Raum, wo sie ungehindert ihre Arbeit verrichten können. Andererseits ist Björn ganz und gar kein Sympathieträger und macht sich mit seiner überheblichen Art schnell unbeliebt. Wollte der Autor nur aufzeigen, wie schnell man durch sinnlose Bürokratie, Mobbing und Machtspielchen Wahnvorstellungen unterliegen kann? Lest am besten selbst! 
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Wiedersehen mit den Muchachas

Katherine Pancol hat uns ganz schön auf die Folter gespannt. Im Mai ist endlich der dritte und letzte Band ihrer Trilogie unter dem Titel „Muchachas – Nur ein Schritt zum Glück“ erschienen, und dieser letzte Schritt gestaltet sich für die verschiedenen Frauenfiguren sehr unterschiedlich. 
Die Schrotthändlerin Stella setzt ihre Rachepläne endgültig in die Tat um und zeigt dabei eine ungeahnte Kühnheit und Energie. Joséphine gelingt es endlich, ihre ständigen Zweifel abzulegen und lernt, sich selbst zu respektieren und ihren Mitmenschen zu vertrauen. Sogar Léonie, die jahrelang unter den Gewaltausbrüchen ihres Mannes litt, fasst wieder Lebensmut, nachdem sie sich nicht nur als Opfer sieht, sondern ihre eigene Schuld und Verantwortung gegenüber ihrer Tochter erkennt und dazu steht. 
Während diese Frauen allmählich ihr Selbstbewusstsein zurückgewinnen, verfügen die Modedesignerin Hortense und Rays Geliebte Violetta mehr als nötig davon. Hortense nutzt ihren Kreativschub, um mit ihrer neuen Kollektion Paris und die Welt zu erobern während Violetta sich der Herausforderung annimmt, das Image des Bürgermeisters von Saint-Chaland und dessen Frau aufzupeppen. Nachdem sie von ihrem Freund Ray gedemütigt wird, findet sie glücklicherweise eine Aufgabe, die ihr weitaus besser gelingt: an Rays endgültigem Untergang mitzuwirken.
Meiner Meinung nach hat sich die Autorin im dritten Band noch ein Stück gesteigert – sowohl in der Ausführung der Charaktere als auch in ihren sprachlichen Stilmitteln. Jeder Figur gibt sie ihre eigene individuelle Stimme und arbeitet im gleichen Zuge ihre persönliche Entwicklung heraus, die sie nicht nur räumlich, sondern auch charakterlich näherbringt: die Fähigkeit, ihr Glück nicht mehr von Männern abhängig zu machen, und sich von keinem mehr herabsetzen zu lassen. Der Untertitel hätte auch „Nur ein Schritt zur Selbstliebe“ lauten können.
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Kurze Fantasiereisen

"Just 3 Minutes“ – mit dem Trick kann ich mich oft selbst überlisten, wenn ich mich zu einer unangenehmen Aufgabe so gar nicht aufraffen kann. Sich nur drei Minuten hinzusetzen und einfach anzufangen – das kostet wenig Überwindung. Margret Geraghty scheint ähnlicher Meinung zu sein, nur überträgt sie die Methode auf das Schreiben und spricht von fünf Minuten. Ihr Buch „The Five-Minute Writer – Exercise And Inspiration In Creative Writing In Five Minutes A Day“ kann ich jedem empfehlen, der das Schreiben als feste Routine in seinen Alltag einbauen möchte. Fünf Minuten kann sicher jeder entbehren, der sich vorgenommen hat, nicht aus der (Schreib-)Übung zu kommen. Das bekomme ich sogar hier in Brooklyn hin, wo ich gerade eine Woche Urlaub mache. 
Jeden Tag widmet sich die Autorin einem anderen Thema, das sie anhand von literarischen Beispielen erläutert. Im Anschluss gibt es jeweils eine konkrete Schreibübung, an der man fünf oder – wenn man Zeit und Lust hast – auch länger arbeiten kann. Die Aufgaben sind sehr abwechslungsreich, regen die Fantasie an und bieten reichlich Stoff, um mehr daraus zu machen.
Hier meine Top 5 der vorgestellten Übungen:
1) Sich verschiedenste Wendepunkte im Leben überlegen und auflisten, einen herauspicken und einen Text dazu schreiben
​2) Einen Tag beschreiben, an dem man unsichtbar ist
3) Verschiedenste Gegenstände zweckentfremden
4) 
Ein Alltagritual in allen Details beschreiben
5) 
Öffentliche Plätze auflisten, die man mit bedeutenden Erinnerungen verknüpft, einen herauspicken und einen Text dazu schreiben
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"Die elende Wahrheit"

Die erste und längste Erzählung des Buchs „Die Komödie von Charleroi“ von Pierre Drieu la Rochelle beginnt mit einer Reise. Eine Pariser Witwe, die 1914 ihren Sohn in den Krieg geschickt hat, um einen Helden aus ihm zu machen, ist auf dem Weg ins belgische Charleroi. Auf dem Schlachtfeld, wo ihr Sohn fiel, will sie sich fünf Jahre später vor den Honoratioren der Stadt als Grande Dame inszenieren. Schon auf den ersten Seiten beschwört der Autor ein sehr präzises Bild der Madame und ihrer gesellschaftlichen Geltungssucht herauf und spart dabei nicht an sarkastischen Seitenhieben. Auch der Satz „Das Ehepaar erbebte in seinem Fett“ gibt einen guten Vorgeschmack auf die typisch drastischen Charakterisierungen der Figuren. 
Alle Erzählungen sind geprägt durch Drieus eigene Erfahrungen als Soldat im Ersten Weltkrieg an Orten wie Charleroi, Verdun und den Dardanellen. Die Protagonisten sind oftmals psychisch labil, haben jegliche Orientierung verloren und verhalten sich ambivalent – genauso wie der Autor, seine politischen Ansichten und Werke wahrgenommen wurden. An mehreren Stellen wird dies deutlich: Einerseits scheint für ihn zum Beispiel die Position des Anführers erstrebenswert zu sein, dann wieder stellt er Überlegungen an, zu desertieren. Er richtet sein Augenmerk weniger auf die Schlachten und Kriegsstrategien, sondern vielmehr auf die Soldaten als Individuen und ihre Ängste und Kämpfe an der Front, wenn sie von Angesicht zu Angesicht dem Feind gegenüberstehen. 
Am besten gefiel mir die Geschichte „Der Hund der heiligen Schrift“, in der der Erzähler in Paris die Premiere eines Kinofilms über Verdun besucht. Er übt harsche Kritik an der eitlen Gesellschaft und macht deutlich, dass auch das gelungenste Kunstwerk eine Enttäuschung für jeden ist, der die „elende Wahrheit“ selbst erlebt hat. Das Buch bietet keine vergnüglichen Lesestunden, gibt dafür aber interessante Einblicke in die Gedankenwelt eines ehemaligen Soldaten und umstrittenen intellektuellen Bourgeois, der sich sehr intensiv mit den Kriegsereignissen und -auswirkungen auseinandergesetzt hat.
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Hommage an Rückert

Anlässlich des 150. Todestages von Friedrich Rückert finden dieses Jahr in Schweinfurt und Coburg zahlreiche Ausstellungen statt. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich bisher nur sehr wenig über den Dichter und Übersetzer wusste, geschweige denn etwas von ihm gelesen habe. Nun konnte ich meine Wissenslücken füllen – dank Johannes Wilkers und seinem Frankenkrimi „Der Fall Rückert“, der im März erschienen ist.  
Ein Kriminalfall, in dem es um Literatur geht, weckte gleich mein Interesse. So wird man schon zu Beginn in den ersten Schauplatz und ungewöhnlichen Tatort eingeführt: Erlangens alte Universitätsbibliothek, wo eine Angestellte ermordet aufgefunden und Rückerts Originalhandschriften gestohlen wurden. Hauptfigur Kommissar Mütze ist in heller Freude, dass er endlich in seinem ersten Mordfall ermitteln kann, seitdem er von Dortmund nach Erlangen versetzt wurde. Auch sein Lebensgefährte Karl-Dieter begeistert sich immer mehr für den Fall, oder besser gesagt für Rückert und seine Werke. 
Man kann sich herrlich über das ungleiche Paar und ihre täglichen Dispute amüsieren. Es werden zwar die typischen Klischees über Homosexuelle bedient, doch verwoben mit vielen interessanten Fakten über Rückert und seine Wirkungsstätten ergibt sich eine angenehme Balance zwischen Anspruch und Unterhaltung. Wenn man den Kommissar bei seinen Autofahrten oder Karl-Dieter bei seinen Einkäufen begleitet, sieht man die lebhafte Studentenstadt, das Treiben auf dem Marktplatz, die Verkehrsführung und die ausgefallenen Straßennamen regelrecht vor sich. Manchmal kam ich mir fast vor wie bei einer Stadtführung von einem Insider.
Auch das Bild Friedrich Rückerts, der sich mit – sage und schreibe – 44 Sprachen wissenschaftlich beschäftigt hat und einer der Begründer der deutschen Orientalistik ist, wird immer schärfer. Die Kostproben seiner Gedichte haben mich neugierig gemacht auf seine persischen und arabischen Übersetzungen. So macht Weiterbildung Spaß!
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Selbstfindung auf Umwegen

Robert Foss, Hauptfigur des Romans „Wer ist Mister Satoshi?“ von Jonathan Lee, führt ein Einsiedlerdasein. Er ist tablettensüchtig und leidet unter Depressionen. Als seine demenzkranke Mutter im Altersheim verstirbt, wirft ihn dies gleich doppelt aus der Bahn. Es ist nicht nur sein zweiter Verlust, nachdem seine Frau bei einem tragischen Unfall ums Leben kam; seine Mutter hinterlässt ihm auch noch geheimnisvolle Briefe an einen Mann in Tokio, von dem er bisher noch nie gehört hat. 
Wer ist dieser Mister Satoshi und warum wünscht sich seine Mutter, dass er ihre Briefe bekommt? Wie gut kannte er überhaupt seine Mutter? Jonathan Lee beschreibt sehr eindringlich, wie das Päckchen mit der fehlerhaften Anschrift eine immer größere Macht auf ihn ausübt. Ihm ist klar, dass er sich davor fürchtet, die Wahrheit zu erfahren, eine Grenze zu überschreiten, so als würde er die Büchse der Pandora öffnen. Und doch entschließt er sich dazu, den letzten Wunsch seiner Mutter zu erfüllen.
Die Suche des Unbekannten bildet den roten Faden des Romans und steigert die Neugier auf diese mysteriöse Figur, die offenbar eine wichtige Rolle im Leben von Foss’ Mutter gespielt hat. Eigentlich geht es jedoch mehr um Foss’ persönliche Entwicklung und Selbstfindung dabei. Er wird gezwungen, gleich mehrfach über seinen Schatten zu springen: Er muss sein Schneckenhaus verlassen, sich ausgerechnet in das Getümmel von Tokio stürzen, mit seinen Panikattacken fertigwerden und die Hilfe fremder Menschen annehmen – genauer gesagt einer jungen schrägen Japanerin namens Chiyoko. 
Seine Ankunft am Narita Flughafen, die Fahrt mit dem Taxi durch das Lichtermeer von Shibuya und die ersten Erfahrungen mit einem typisch japanischen High-Tech-Klo im Hotel konnte ich gut nachempfinden, da ich es selbst schon oft genug erlebt habe. Dagegen war der zweite Schauplatz, Sapporo im hohen Norden, Neuland für mich. 
Interessant wird die Geschichte vor allem dadurch, dass der Autor nach und nach Foss’ vergangenes Leben als erfolgreicher Fotograf und glücklicher Ehemann ans Licht bringt und ein immer schärferes Bild des Protagonisten zeichnet. Sehr schön beschrieben ist, wie Foss seine Begleiterin Chiyoko, die er aus den Augen verloren hat, durch den Sucher seiner Kamera absucht und seine Lust auf das Fotografieren neu geweckt wird. Am meisten hervorzuheben ist jedoch Lees außergewöhnlicher Schreibstil, der tief in die Seele der Charaktere blicken lässt. Der Wechsel zwischen einem humorvollen und melancholischen Ton und die frischen und originellen Formulierungen sorgen für ein großes Lesevergnügen.
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Ungenutztes Potenzial

Die Eigenschaft „hochsensibel“ hätte ich bis vor einiger Zeit noch mit „emotional überempfindlich“ gleichgesetzt. Erst durch den Film „Die anonymen Romantiker“, den ich Euch im Januar vorstellte, erfuhr ich, was sich tatsächlich hinter dem Begriff verbirgt. Hochsensible empfinden äußere Reize wie Geräusche, Gerüche, Geschmäcker, Licht, Farben und Berührungen intensiver und reagieren stärker darauf. Umso interessanter war es für mich, das Thema zu vertiefen und zwar anhand des Buchs „Hochsensibel“ von Eliane Reichardt. Sie lebt in Nottuln bei Münster und gibt auch Seminare zu dem Thema.
Zu Beginn schildert die Autorin, wie sie das Persönlichkeitsmerkmal bei sich selbst feststellte, wie sie damit umging und Nutzen daraus zog. Ihr Rückblick auf den Wandel unseres Alltags seit Mitte des 20. Jahrhunderts und die explodierende Reizüberflutung, macht deutlich, warum das Thema auch im deutschsprachigen Raum immer mehr Aufmerksamkeit gewinnt. Immerhin 15% der Menschheit sind davon betroffen.
Laut Eliane Reichardt ist es wichtig, das „Anderssein“ zu erkennen, anzunehmen und als Potenzial zu nutzen. Daher enthält der erste Teil einen umfangreichen Selbsttest, dessen Ergebnis mich überraschte, da sehr viele Eigenschaften auch auf mich zutrafen: Hochsensible sind geborene Sinnsucher, eher Generalisten als Spezialisten, mögen kein Smalltalk, haben einen neugierigen Geist, einen stark ausgeprägten Freiheitsdrang, großes Interesse für spirituelle Themen und ein Bedürfnis nach Sicherheit, Ordnung und Struktur. Nur die individuelle Intensität und Ausprägung dieser und vieler anderer Merkmale kann sehr verschieden sein, was die Autorin durch Grafiken veranschaulicht.
Sie ist der Ansicht, dass Hochsensible keine Therapie benötigen, sondern eine Anleitung zu einer für sie passenden Lebensführung und genau die bietet sie in diesem Buch in leicht umsetzbarer Form. Sie gibt zahlreiche Anregungen, wie man in alltäglichen Situationen, sei es im Supermarkt, in der U-Bahn, in Meetings oder auf Parties, mit Stressquellen umgehen, hilfreiche Tricks anwenden und sich Erleichterung verschaffen kann. Das Sachbuch ist sehr gut aufgebaut und bietet eine gelungene Balance zwischen Begriffserklärungen, wissenschaftlichem Hintergrundwissen, praktischen Anleitungen und persönlichen Erfahrungen. 
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Symbol für den Frühling

Was steckt hinter der Fassade? Diese Frage scheint Peter Coon, Autor der Kurzgeschichtensammlung „Märzchen im November“, besonders zu interessieren. In den 14 Erzählungen, die bisher teilweise in Anthologien und im November letzten Jahres erstmals in einem Sammelband erschienen sind, geht er Dingen genau auf den Grund. Das kann eine ganz alltägliche Situation sein wie in „Gute Unterhaltung“, in der ein Ehepaar viel Mühe hat, ihren gemeinsamen Abend interessant zu gestalten, oder eine Katastrophe wie ein tödlicher Unfall auf der Ramstein Air Base. 
Überrascht hat mich, wie es dem Autor gelingt, den einzelnen Charakteren Tiefe zu verleihen, auch wenn manche Geschichten nur wenige Seiten lang sind. Er beobachtet die Menschen genau, ergründet, was ihn ausmacht und was sich hinter dem Schein verbirgt. Welche Wirkung können eine tiefe Stimme oder eine Haarfarbe auf andere haben, welche Gefühle und Stimmungen lösen sie aus? Eine Eigenschaft wie Schönheit kann durchaus hinderlich sein, wenn sie vom Wesentlichen ablenkt. Interessant ist auch, wie Peter Coon die Figuren in ihrem Kontext beschreibt („Marie war wie das Gebirge, das sie umgab“). 
Manche Themen haben mich weniger angesprochen, andere dafür umso mehr wie die Geschichte von Mira, die der Meinung ist, dass Worte überschätzt werden, oder von einem Mann, der sich durch die Musik in ferne Sphären katapultieren lässt. Am meisten hat mich die titelgebende Erzählung „Märzchen im November“ berührt. Ein Märzchen, so erfuhr ich, besteht aus einer rot-weißen Schnur mit einem Anhänger und symbolisiert den Frühling. In Ländern wie Moldawien, Bulgarien oder Griechenland schenkt man es Frauen und Kindern, die es an ihrer Kleidung so lange tragen, bis sie einen blühenden Baum sehen. Das Wechselspiel in der Geschichte zwischen aktuellem Geschehen und Vergangenheit, zwischen dem oberflächlichen Vergnügen eines Mannes und den verstörenden Erinnerungen seiner Geliebten an ihre Heimat Moldawien, die durch das vermeintlich harmlose Mitbringsel an die Oberfläche kommen, zeigt das Talent des Autors in komprimierter Form. Das Buch ist eine Empfehlung für alle, die wie ich ein Faible für tiefgründige und überraschende Kurzgeschichten haben. 
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Wie Frauen ihr Leben meistern

In dem Roman „Muchachas – Tanz in den Tag“ von Katherine Pancole braucht man ein gutes Namensgedächtnis. Es handelt sich um den ersten Teil einer Trilogie, in der wir sehr vielen Frauen begegnen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Hortense Cortés zum Beispiel ist schön, extravagant und kapriziös und möchte mit einer eigenen Modekollektion der Welt ihren Stempel aufdrücken. Sie und ihr Freund und Komponist Gary beflügeln sich gegenseitig zu künstlerischen Höchstleistungen. Verliebt in Gary ist aber auch die Kubanerin Calypso, die sonst nur in ihrem Geigenspiel aufgeht.
Der leichte, beschwingte Ton des Romans ändert sich schlagartig, als zwei weitere Frauenfiguren ins Spiel kommen. Wir verlassen die glamouröse Welt von New York und finden uns auf einem Bauernhof im Burgund wieder. Stella arbeitet dort auf einem Schrottplatz, zieht allein ihren Sohn auf und versucht, ihrer Mutter Léonie zu helfen, die den Gewaltausbrüchen ihres Mannes ausgeliefert ist. Auf einmal geht es nicht mehr um die kreative Selbstverwirklichung und Jagd nach Glücksmomenten, sondern um die blanke Existenzangst, um Misstrauen, Bedrohung und Grausamkeit. 
So verschieden die Charaktere und die Schicksale der Frauen sind – eines haben sie gemeinsam: Für die Liebe sind sie bereit, große Opfer zu bringen. Auffällig ist, dass die Männer in diesem Roman eher dazu neigen, in schwierigen Situationen das Weite zu suchen oder sich zurückzuziehen. Die Frauen dagegen gehen aufs Ganze, stellen sich dem ganzen Spektrum der Emotionen, die sehr plastisch beschrieben werden: von der Leidenschaft über Schmerz bis hin zu Scham und Selbsthass. Man sieht, welche Macht Gefühle und Beziehungen auf die Frauen haben, die sonst mit beiden Füßen auf den Boden stehen, stark und selbstständig sind.
Im ersten Teil nahm der Part von Stella für meinen Geschmack zu viel Raum ein und man fragt sich, wann sich denn endlich die Wege der unterschiedlichen Frauen kreuzen werden. Diese Frage wird auch im zweiten Teil „Muchachas – Kopfüber ins Leben“ noch nicht klar beantwortet, doch dafür taucht man tiefer in das Schicksal der Schriftstellerin Joséphine und ihrem Freund Philippe ein. Außerdem verfolgen wir den Fortschritt von Hortenses und Calypsos Karriere. Ich bin gespannt auf die Auflösung im dritten Band, der diesen Monat erschienen ist und von dem ich Euch bald berichten werde. 
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Kleine Idee – Große Wirkung

Es gibt Bücher, die fallen einem genau zum richtigen Zeitpunkt in die Hände. „Auf ins fette pralle Leben“ von Ina Rudolph war so eines. In letzter Zeit hatte ich überlegt, wie ich meine Routine durchbrechen und etwas mehr Abwechslung in meinen Alltag hineinbringen könnte. Und prompt handelt gleich das erste Kapitel des optisch sehr ansprechenden Buchs von Gewohnheitsumkehrungen. Ina Rudolph, Schauspielerin, Autorin und Coach, lädt den Leser ohne Umschweife in ihr Familienleben in Berlin-Neukölln ein und beschreibt ihr erstes von 12 Experimenten, die sie sich für jeden Monat vorgenommen hat. Sie alle beruhen auf „The Work“ von Byron Katie, deren Methode sie in Seminaren und Einzeltrainings weitervermittelt.
Was die Gewohnheiten betrifft, sprach sie mir aus der Seele. Auch für mich ist es immer eine Gratwanderung zwischen dem Ziel, die täglichen Aufgaben möglichst routiniert und effizient zu erledigen und dem Wunsch, mehr Variationen, Spannung und Überraschung zu erleben. Ihre Ideen, alltägliche Dinge einmal anders zu machen als gewohnt, inspirierten mich gleich dazu, meinen eigenen Tagesablauf zu überdenken. 
Auch die folgenden Experimente drehen sich um Themen, die sicher jedem mal mehr mal weniger Kopfzerbrechen bereiten: der Umgang mit sorgenvollen Gedanken, der Wunsch nach klarer Kommunikation oder der Optimierungsdrang. Viele konkrete Beispiele aus ihrem Leben, z.B. dem Partner Unpünktlichkeit vorzuwerfen oder die Absage einer Freundin fehlzuinterpretieren, kamen mir so bekannt vor, dass ich schmunzeln musste.
Immer wieder geht es darum, eigene Glaubenssätze zu hinterfragen und zu erspüren, welcher Gedanke und welche Einstellung sich gut für einen selbst anfühlen. Mit dem Glaubenssatz „Dafür muss ich etwas tun“ traf sie bei mir auf einen wunden Punkt. Erst kürzlich war mir aufgefallen, dass ich manchmal zu ziel- und ergebnisorientiert an Aufgaben herangehe und dabei vor lauter Tunnelblick der Spaß völlig auf der Strecke bleibt. Mir gefällt, dass Ina Rudolphe auch bei diesem Beispiel das Thema sehr differenziert beleuchtet, indem sie sagt, dass sie persönlich weder das eine Extrem – Faulheit und Passivität – noch das anderen Extrem – Kampf und Anstrengung – gutheißen kann. Erstaunlich, wie die Autorin den Leser sanft an die Problematik heranführt und immer die richtigen Worte findet. Es ist ein mit vielen persönlichen Erfahrungen und Alltagsgeschichten gespickter Lebensratgeber, der dem Leser interessante Impulse zu mehr Leichtigkeit und Freude auf den Weg gibt.
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Licht am Ende des Tunnels

Normalerweise würde ich zu keinem Buch greifen, in dem ein Schriftsteller seinen Kampf gegen die Depression beschreibt. Bei Matt Haig machte ich eine Ausnahme. Sein Roman „The Humans“ zählt zu den besten Büchern, die ich je gelesen habe. Daher ließ ich mich auf seinen aktuellen Roman „Reasons to stay alive“ („Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben“) ein und damit auf seine ganz persönlichen Erfahrungen mit der Krankheit, die so viele Menschen quält. Betroffene können vermutlich die Schilderungen des Autors sehr gut nachvollziehen. Alle anderen bekommen eine vage Vorstellung von dem Leiden, spätestens dann, wenn eindrücklich beschrieben wird, wie gewaltig der Unterschied zwischen einer Depression und einem niedergeschlagenen Gemütszustand ist.
Matt Haig ging mit 24 Jahren buchstäblich durch die Hölle und wollte sich nicht einmal glücklich fühlen, sondern nur, dass der Schmerz weggeht. Am liebsten hätte er einfach den Bereich aus dem Gehirn entfernt, der den Schmerz verursacht. Er analysiert das Leiden aus vielen Blickwinkeln. Wie erkennt man, dass man unter einer Depression leidet? Wie bekämpft man die typischen Symptome wie Leere, Antriebslosigkeit, Zweifel und Angstzustände? Wie fühlt sich die erste Panikattacke an? Und wie unterscheidet sich die tausendste Panikattacke von der ersten? Angehörigen gibt er viele praktische Tipps, wie man Verständnis für die Krankheit entwickeln und besser mit ihr umgehen kann. 
Für einen Außenstehenden ist es schwer zu begreifen, dass die Depression Menschen völlig ohne Grund treffen kann. Auch Menschen, die von ihren Eltern, Geschwistern und Freunden geliebt werden wie der Schriftsteller selbst. Die Liebe seiner Freundin war es schließlich, die Matt Haig rettete und ihm dabei half, ziemlich gute Gründe zu finden, am Leben zu bleiben. Diese hat er zum Schluss des Buchs aufgelistet und macht sicher jedem Mut, Licht am Ende des Tunnels zu sehen.
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Selbsterfahrungen in der Ferne

Habt Ihr das auch schon einmal erlebt? Ihr trinkt im Urlaub einen Wein, der Euch so gut schmeckt, dass Ihr eine Flasche mit nach Hause nehmt. Doch in den eigenen vier Wänden findet Ihr ihn gar nicht mehr so besonders. Liegt es am Essen, am Wetter oder am fehlenden Urlaubsflair? Diese Frage stellt sich auch ein Mann in einer Geschichte von Rafik Schami – mit dem kleinen Unterschied, dass er kein Getränk, sondern eine Frau mit nach Hause genommen hat. In Udine war sie noch die Frau seiner Träume – in München erscheint exakt die gleiche Person in einem völlig anderen Licht. Die Magie, die Verspieltheit, die Gelassenheit – alles futsch. 
Um diese und ähnliche Phänomene drehen sich die feinen Kurzgeschichten im ersten Band der Sechs-Sterne-Reihe „Reisen“. Ähnlich wie im zweiten Band „Tiere“, den ich kürzlich vorstellte, sind auch hier wieder sehr interessante Varianten zu einem Thema entstanden – mal im heiteren, traurigen, poesievollen oder auch fantastischen Stil.
Die Neugier, Unternehmungslust und Lebensfreude, die ein Urlaub in uns wecken kann, erleben wir hautnah in einer Erzählung von Franz Hohler, die uns auf eine ganz ungewöhnliche Hochzeitsreise nach Rom mitnimmt. Auch von spannenden Begegnungen, die ja den Reiz einer Reise ausmachen, handeln die Geschichten – zum Beispiel eine, die in Cagliari spielt, und meine Urlaubserinnerungen an die hügelige Stadt mit den engen Gassen und dem imposanten Blick auf den Hafen weckte.
Auch wenn die Figuren ganz unterschiedliche Städte bereisen, so ist ihr wahres Reiseziel oft identisch: nur weg von zu Hause zu sein. Entweder um über sich und seine Zukunft nachzudenken, Abstand von seiner Familie zu haben oder vor dem Schmerz im Alltag zu flüchten. Doch was ist, wenn der Schmerz mitreist? Oder man kehrt zurück, fällt in seine alten Verhaltensmuster zurück und alles ist beim Alten? Die Geschichten zeigen uns, mit welchen Erwartungen Menschen in die Ferne aufbrechen und dass Reisen nach Außen stets einen Blick nach Innen nach sich ziehen.
Sehr herzerwärmend und zeitgemäß fand ich eine Geschichte, die in einem kleinen Dorf in der Pfalz spielt. Sie zeigt, dass man gar nicht weit reisen muss, um in unterschiedlichste Länder und Kulturen einzutauchen. Ist man offen für das Andersartige, beginnt die weite Welt gleich vor der Haustür.
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Der Große Bericht

Was wäre, wenn man seine Umwelt nur noch in Mustern, Rastern und Algorithmen wahrnehmen würde? Eine ungefähre Vorstellung davon bekommt man in dem Roman „Satin Island“ von Tom McCarthy.
Dies beginnt bereits mit der Hauptfigur, die keinen individuellen Namen trägt. Sie nennt sich „U“, gleichklingend wie „You“, als sei die Figur übertragbar auf jede Person, den Leser eingeschlossen. Als Firmenanthropologe erforscht U die Menschheit im Auftrag einer Beratungsgesellschaft in London. Die Beschreibung einer Szene am Flughafen in Turin zeigt, dass sich seine Arbeitsweise und die  beruflichen Gewohnheiten schon längst in seinen Alltag eingeschlichen haben. Während er auf einen verspäteten Flieger wartet, beobachtet er das Treiben um sich und scannt alle Informationen, die auf ihn herein prasseln, ab. Auf mehreren Bildschirmen werden Berichte von Ölkatastrophen übertragen, Kinder tollen um ihn herum, auf seinem Handy blinken Nachrichten aus dem Büro. Sein Sitznachbar spricht ihn in einem Mischmasch aus Französisch, Holländisch, Deutsch und Amerikanisch an. Reale Bilder und Fernsehaufnahmen verschmelzen dabei zu einer vielschichtigen Collage und U fühlt sich leicht überfordert.
Wenn sich schon so eine einfache Alltagssituation derart wirr für ihn darstellt, wie wird es ihm dann erst beim Koob-Sassen-Projekt ergehen? Bei diesem Auftrag soll er DEN Großen Bericht über die Menschheit schreiben, einen universales ethnografisches Werk, das das gesamte Zeitalter abbildet – das bedeutet, alle Daten zu katalogisieren, sie durch Skizzen, Diagramme und Muster in eine Ordnung zu bringen und das ganze Bild zu sehen. U weiß nicht so recht, wo er anfangen soll und stellt fest, dass allein die Klimaanlage in seiner Firma so umfassend ist, dass sie ein eigenes Buch verdient. Was der Protagonist im großen Stil betreibt, kennt man selbst im kleinen Maßstab. Ganz ähnlich ergeht es mir, wenn ich die ständig wachsende Zahl von Mails, Dokumenten und Fotos sichte, archiviere und versuche, ein System hineinzubringen.
Interessant fand ich den Gedanken, dass der große Bericht möglicherweise schon längst von einem binären System geschrieben wurde und dass es dafür keiner menschlichen Anstrengung bedarf. Ich bin bisher schon so einiges von Schriftstellern und Philosophen gelesen, die sich mit dem Sinn des Universums und des Lebens beschäftigen. Das Thema aus der Sicht eines Anthropologen zu betrachten, war trotz der fehlenden Handlung eine interessante Leseerfahrung. 
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Schuld ist der Wind

Der neue Roman „Der Wind war es“ von Nataša Dragnić handelt von sechs jungen Menschen aus München, die in ein abgeschiedenes Dorf auf der kroatischen Insel Brač fahren, um ein Theaterstück zu proben. Doch schon bald wird der Ort zum Schauplatz realer Lebensdramen.
Von Anfang an erlebt man den Roman wie ein Kammerspiel. Die Laientheatergruppe nähert sich ihrem Reiseziel und lässt die Leser an ihrer ersten Begegnung mit der wilden Natur und der überwältigenden Landschaft teilhaben. Als sie sich im Gästehaus einrichten, sind ihre Rollen schnell verteilt: Anton ist nicht nur Regisseur des Stücks, sondern mimt auch innerhalb der Gruppe den Leiter und gibt allen zu verstehen, dass sie zum Arbeiten und nicht zum Vergnügen da sind. Für ihn steht am meisten auf dem Spiel, denn das Stück ist für ihn eine Chance, ein Stipendium und eine Stelle am Theater zu bekommen. Barbara, die Nichte der Gastgeberin, neigt dazu, alle zu bemuttern und sich für alles zuständig zu fühlen. Doch da gibt es auch noch einige Figuren, die ihre Rolle in dem Beziehungsgeflecht noch nicht recht gefunden haben: Lisa zum Beispiel, die sich zwischen zwei Männern nicht entscheiden kann, oder Katrin, deren Liebe unerwidert bleibt.
Als ein Fremdling und zwei unerwartete Gäste das Terrain betreten, beginnt das ohnehin labile Gefüge deutlich zu wackeln. Und als dann noch der Südwind Jugo über der Insel tobt, gerät alles aus den Fugen. "Der Wind war es". Treffender könnte der Titel des Romans nicht sein. Tatsächlich übernimmt der Wind für einige Zeit das Zepter, schlüpft förmlich in verschiedenste Rollen und zeigt sich als Feind oder als Verbündeter, als vereinende oder trennende Kraft zwischen den Figuren. 
„Ist dieses Haus wirklich sicher?“ fragen die Künstler voller Sorge. Dabei möchte man vielmehr wissen, ob denn die Menschen voreinander sicher sind. Ihr Verhalten ist auf einmal willkürlich, unerklärlich, als hätte der Wind ihre blanken Gefühle freigelegt und jegliche Hemmschwellen weggefegt. Für meinen Geschmack war es etwas zu viel Gefühlsdrama. Dass sich die Charaktere so schnell zu einem oder gleich mehreren Personen hingezogen fühlen, nur weil sie sich in einem Ausnahmezustand befinden, erschien mir unglaubwürdig. Davon abgesehen bleibt das dynamische Wechselspiel zwischen Naturgewalten und Gefühlsausbrüchen, die zu einem tragischen Unglück führen, bis zum Schluss spannend. Vor allem die Sprache der Autorin ist atmosphärisch dicht und stimmig. 
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Beatlemania in Norwegen

Auf eine doppelte Reise in die Vergangenheit, nämlich in die Teenagerzeit und in die 60er Jahre, entführt uns der Roman „Yesterday“ aus dem Jahr 1984 von Lars Saabye Christensen. Der Norweger gehört zu den bekanntesten Autoren in seiner Heimat. Für mich ein Grund mehr, Euch nach „Der Alleinunterhalter“ diesen Generationsroman vorzustellen, der im Zeitraum von 1965 bis 1972 spielt. 
Im Mittelpunkt stehen die vier eng befreundeten Jugendlichen Kim, Seb, Ola und Gunnar, die vor allem eine große Leidenschaft teilen: die Musik der Beatles. Erzählt wird aus der Perspektive von Kim, der mit viel Humor, Ironie, aber auch melancholischen Tönen so manche Jugenderinnerungen weckt: Sportlehrer, die einen beim Bockspringen triezen, der peinliche Augenblick, in dem man vor der Klasse steht, abgefragt wird und hilflos seinen Blick aus dem Zimmerfenster schweifen lässt, das erste Date, der Streit mit den Eltern, Identitäskrisen etc.
Die vier Teenager machen jeder auf seine Weise ihre schmerzvollen Erfahrungen und entwickeln mit der Zeit unterschiedliche Interessen, doch kaum kommt eine neue Beatles-LP heraus, finden sie sich sofort zusammen und analysieren voller Ekstase jeden einzelnen Song. So bilden die Beatles-Songs den roten Faden durch den gesamten Roman. 
Auch wenn der Roman hin und wieder Längen hat, genießt man durchgehend den unverwechselbaren Sprachstil Christensens. Ausdrücke wie „Unsere Ohren waren riesige Regenschirme“ oder „Der Sommer war wie ein Sprungbrett in alle Richtungen“ fand ich so treffend, dass ich die Gefühle der Figuren, auch wenn sie für mich nicht viel Identifikationspotenzial  boten, richtig nachempfinden konnte. Der Erzähler bietet nicht nur tiefen Einblick in Kims Innenleben, sondern entwirft auch ein interessantes Bild von Oslo und den damaligen gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen.
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Leseschnitzeljagd durch die Welt

Ich ging wieder einmal einer meiner Lieblingsbeschäftigungen nach und sortierte meine Bücher im Regal um. Für ein neues gutes musste ein altes weniger gutes weichen. Welcher Titel würde diesmal dran glauben? Mein Blick blieb bei „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ von Italo Calvino hängen. Wenn ich mich recht erinnerte, hatte mir dieses nicht besonders gefallen. Aber weshalb? Ich las die ersten Absätze und konnte nicht mehr aufhören. Ich beschloss, das Buch, das 1979 erschienen ist, ein zweites Mal zu lesen.
Witzigerweise beleuchtet der Autor – bevor er mit der eigentlichen Erzählung beginnt –  genau diesen Prozess, den ich gerade beschrieb: Was bewegt den Leser dazu, zu einem bestimmten Buch zu greifen, es unter tausend anderen auszuwählen und mit der Lektüre zu beginnen? Calvino beschreibt nicht nur der Erwerb eines Buches in aller Ausführlichkeit, sondern bietet dem Leser eine Anleitung zum größtmöglichen Leseerlebnis. Dabei spricht er ihn direkt an, weiht ihn als einen engen Verbündeten in das gemeinsame Abenteuer ein, das ihnen bevorsteht.
Was dieses Buch von anderen unterscheidet: Der Leser hat nicht das Vergnügen, die Erzählung „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ zu Ende zu lesen. Durch einen Produktionsfehler einer Druckerei gerät er an eine unvollständige Ausgabe und begibt sich fortan auf die Suche nach der Fortsetzung. Der Leser wird praktisch zur Hauptfigur und landet gegen seinen Willen in einem völlig anderen Romananfang mit dem Titel „Von dem Weichbild von Malbork“. Erfahrungsgemäß ist der Einstieg in eine Geschichte eine der spannendsten Partien. Ist es da nicht reizvoll, lauter Romananfänge lesen zu dürfen – in diesem Buch sogar elf? Oder eher frustrierend, dass einem die Fortsetzung vorenthalten wird? 
Calvino stellt allerlei Überlegungen zum Schreib- und Leseprozess an. Wäre das Schreiben nicht viel leichter, wenn man sich von seinem eigenen Stil, Geschmack, seiner Bildung und Erfahrung lösen könnte, sich praktisch entpersonalisierte? Und ist es die noch ungeschriebene Welt, die man zu Papier bringt oder sind die Dinge erst vorhanden, wenn sie geschrieben sind? Man mag es auslegen wie man will – originell ist Calvinos Verwirrspiel und seine Schnitzeljagd durch die halbe Welt allemal, bei der wir unter anderem verzweifelten Autoren, üblen Übersetzern, Finanzbossen von der Wallstreet bis hin zu Fälschern aus Japan begegnen. 
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Wer willst du sein?

Wie sehr die innere Einstellung und die eigenen Gedanken das tägliche Leben beeinflussen – damit haben sich schon zahlreiche Autoren und Wissenschaftler befasst. Eckhart Tolle oder Richard Hanson zum Beispiel beschreiben sehr einleuchtend, welche Macht die eigenen Gedanken auf die erlebte Realität haben können. Insofern war mir die Message „Wie Innen, so Außen“ der Autorin Nina Nell nicht neu für mich. Trotzdem hat mich ihr Buch „Euphoria – das Spiel“ begeistert und zwar deshalb, weil sie eine Komponente hineinbringt, die ich vernachlässigt hatte: die Gefühle. Ich bin ein ziemlich ausgeglichener Mensch und lasse mich nicht so leicht aus der Fassung bringen. Damit bin ich im Alltag gut gefahren, doch nachdem ich die drei Spielregeln von Nina Nell – Akzeptanz, Absichtslosigkeit und Glücksgefühle – kennengelernt habe, verstehe ich, warum ich bei vielen Aufgaben oder Projekten einfach nicht weiterkam. Ich war viel zu zielbesessen und hatte dabei die nötige Leichtigkeit verloren. Nina Nell hat völlig Recht: Alles, was mir großen Spaß bereitete und mir leicht von der Hand ging, gelang mir viel besser als Dinge, hinter denen harte Arbeit steckte. 
Manche können vielleicht den ganzen Hype um das Thema Glück und die Glücksforschung nicht mehr hören. Für mich dagegen ist ein gut geschriebenes und nachvollziehbares Buch wie dieses von Nina Nell motivierender und wirksamer als jedes Seminar oder jede Glücksdroge. „Jedes Glücksgefühl ist ein anderer Ausdruck für Einheit“ ist nur einer von vielen Sätzen, der meiner Meinung nach genau ins Schwarze trifft. Erst neulich habe ich mich nach einer Tanz- und Saunastunde so gut gefühlt, dass ich jeden auf der Straße hätte anquatschen und die ganze Welt umarmen können. Nun verstehe ich auch warum. Und was spricht dagegen, sein Leben darauf auszurichten, sich so oft wie möglich in diesen euphorischen Zustand zu versetzen? Um die Spielregeln noch anschaulicher zu vermitteln, hat Nina Nell eine fiktive Geschichte in fünf Bänden herausgebracht. Sie handelt von Lucy Meier, die nach Lumenia, eine von Göttern bewohnte Welt, katapultiert wird, ein Abenteuer nach dem anderen durchlebt und völlig neue Dinge über die Realität erfährt. Bisher habe ich den ersten Band gelesen. Mich persönlich hat jedoch die Spieleanleitung noch stärker angesprochen.
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Schritt für Schritt zum Ziel

Das erste Vierteljahr verging mal wieder wie im Flug. Alle, die sich für dieses Jahr bestimmte Ziele gesetzt haben – zum Beispiel ein Buch zu schreiben, eine neue Sprache zu lernen oder mehr Ausflüge zu unternehmen – könnten jetzt die Gelegenheit nutzen, ihre Vorsätze zu prüfen. Wo stehe ich gerade? Habe ich meine Zwischenziele erreicht oder muss ich meinen Plan revidieren?
Geht es um das Thema Ziele, hört man oft den Begriff „.S.M.A.R.T.“. Er besagt, dass Ziele spezifisch, messbar, aktionsorientiert, realistisch und terminiert sein sollen. Auch der Autor S.J. Scott schwört auf „S.M.A.R.T. Goals made simple“ in seinem gleichnamigen Buch. Dabei geht er äußerst systematisch vor: Er empfiehlt, zunächst seine Lebensziele zu formulieren und diese herunterzubrechen auf einen 5-Jahres-Plan, Jahresplan und Quartalsplan. Im nächsten Schritt zeigt er anhand vieler praktischer Beispiele, wie man die Ziele in ein konkretes Projekt und in einen Aktionsplan umwandelt.
Ich habe schon viel zu dem Thema gelesen und konnte trotzdem neue Anregungen mitnehmen: zum Beispiel den Tipp, beim Brainstorming in 5 bis 7 Minuten so viele Ideen wie möglich zu einem Thema aufzuschreiben und diese mit Unterideen, Farben und Symbolen zu versehen, um neue Assoziationen zu wecken. Oder sich zu Beginn des Tages den drei „MIT“s (Most Important Tasks) zu widmen. Im Grunde geht es ja darum, eine tägliche Routine zu finden, mit der man im besten Fall automatisch auf sein Ziel zusteuert. Ziele in Gewohnheiten umzuwandeln – daran muss ich wohl noch arbeiten, statt ständig neue Listen zu erstellen oder zu überarbeiten.
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Ein Hut geht auf Reisen

Manchmal bedarf es nur einer Kleinigkeit, um seinem Leben eine entscheidende Wendung zu geben. Zum Beispiel einen fremden Hut. Genau das erleben vier Charaktere in dem zauberhaften Roman „Le chapeau de Mitterand“ („Der Hut des Präsidenten“) von Antoine Laurain, der in den 80ern spielt. 
Hätte der französische Staatspräsident François Mitterand eines Abends in einer Brasserie nicht seinen schwarzen Filzhut vergessen, wäre die Geschichte sicher ganz anders verlaufen. Und genau um die beliebte Frage „Was wäre wenn?“ geht es Antoine Laurain in seiner episodenhaften Erzählung. Eine tolle Idee, den Hut quer durch Paris von einem Besitzer zum nächsten wandern zu lassen und unerwartete Geschehnisse in Gang zu setzen. 
Allein der Augenblick, in dem die jeweilige Figur Besitz von dem fremden Hut ergreift, ist spannend. Oft ist es ein Impuls von wenigen Sekunden, der weitreichende Folgen haben wird. Sobald der neue Besitzer den Hut aufsetzt, geschieht etwas Merkwürdiges mit ihm. Er fühlt sich beflügelt, einen mutigen Schritt zu wagen, aus sich hinauszuwachsen und sein Leben zu verändern. Der Autor spinnt die Geschichte wendungsreich weiter und lässt die Besitzer sogar miteinander in Kontakt treten.
Der Roman versprüht einen typisch französischen Charme. Die Bedeutung des Zufalls und die Leichtigkeit, mit der Antoine Laurain die ‚Reise’ des Hutes beschreibt, erinnern an die Liebesreigen, die einem aus französischen Komödien bekannt sind. Themen wie Liebe, Untreue, die Kreation eines Parfums oder der Verzehr einer Meeresfrüchte-Platte tragen dazu bei, dass man während der Lektüre Frankreich und das Savoir-vivre mit allen Sinnen spüren kann. Ganz nebenbei erfährt man interessante Hintergründe über die französische Politik, Kunst und Gesellschaft der damaligen Zeit. 
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Monolog eines Songschreibers

Die Zutaten des neuen Romans von Nicholson Baker „Travelling Sprinkler“ ("Das Regenmobil") machten mich neugierig: Scharfe Alltagsbeobachtungen und tagebuchartige Reflexionen über die großen Themen des Lebens wie Liebe, Glauben und die Kunst lese ich normalerweise gern. Doch die Geschichte entsprach leider nicht ganz meinen Erwartungen. Dabei fängt sie so vielversprechend an: Der Protagonist Paul Chowder lebt in Portsmouth, New Hampshire, und darf sich zum 55. Geburtstag etwas von seiner Ex Roz wünschen, die er gern zurückerobern würde. Er denkt an eine Gitarre, doch das erscheint ihm zu bedeutungsschwanger – stattdessen wünscht er sich ihr legendäres Eiersalatsandwich. 
Paul will künftig keine Gedichte, sondern Liebes- und Protestsongs schreiben und beschäftigt sich intensiv damit, wie man Töne erzeugt. Die Scheune seines Hauses baut er in ein Musikstudio um und füllt sie mit immer mehr technischen Gerätschaften wie Kompositionssoftware, High-Tech-Mikrofon und Mischpult. Alles, was er im Alltag hört oder erlebt, will er in tanzbare Musik verwandeln. Er pendelt zwischen Scheune, Küche und Fitness-Studio und verliert sich dabei in Gedanken über Filme, Komponisten, die amerikanische Politik und den technischen Fortschritt. Ein Symbol dafür ist sein Regenmobil, ein selbstfahrender Rasensprenger, der in seinem Garten steht. 
Musikfans werden sicher ihr Vergnügen an Pauls künstlerischen Experimenten haben, doch ich hätte mir etwas mehr Dynamik in der Handlung gewünscht. Zumindest hat das Buch bei mir die Lust geweckt, Debussys „Sunken Cathedral“, von dem der Erzähler immer wieder schwärmt, sowie ein paar alte Klassiker von Suzanne Vega und Tracy Chapman zu hören.
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Afrika an der Amstel

Bleiben wir doch gleich bei den Tieren. Wer kennt nicht das zwiespältige Gefühl: Man schlendert durch den Zoo, beobachtet die eingesperrten Löwen und Giraffen und fragt sich, ob man sie bemitleiden muss oder beruhigt sein kann, dass sie nicht der wilden Natur ausgeliefert sind. Über Sinn und Unsinn eines Tierparks hat sich wohl auch der Autor Lodewijk van Oord Gedanken gemacht, denn er beschert uns den hinreißend komischen, aber auch tragischen Roman „Das letzte Nashorn“, der vor wenigen Tagen erschienen ist. Van Oord ist Holländer, jedoch in Madrid geboren und arbeitete als Lehrer in Wales und Afrika. 
Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein Zoo in Amsterdam, um dessen Zukunft es nicht gut steht. Zoodirektor und Visionär Edo Morell will dies ändern und boxt einen horrend teuren Umbau durch. Besonderes Highlight des in seinen Augen revolutionären Konzepts soll die Erlebniswelt „Afrika“ werden. Dazu hat er sich bereits die ideale Unterstützung gesichert: Sariah Malan, Halb-Europäerin, Halb-Afrikanerin, hat in einem Naturschutzgebiet in Südafrika Dickhäuter erforscht und wird frisch eingeflogen, um den Posten der Afrika-Managerin zu besetzen.
Während es dem Zoodirektor weder um die Besucher noch um die Tiere, sondern allein um das wirtschaftliche Überleben des Zoos durch die richtige Vermarktung geht, verfolgt Sariah Malan ganz andere Ziele. Ihr geht es allein um den Fortbestand der Nashörner, die besonders durch skrupellose Wilderer ernsthaft gefährdet ist. Je weiter das Afrika-Projekt jedoch voranschreitet, desto mehr nimmt sie jedoch Morells Denkweise an. Ihre ethischen Bedenken verdrängt sie unter dem Vorwand, das letzte Nashorn retten zu müssen und verschreibt sich voll und widmet sich voll und ganz einem wissenschaftlichen Paarungsplan.
Der Autor schildert die Geschehnisse über einen Zeitraum von mehreren Jahren aus wechselnden Perspektiven und bringt eine weitere Figur ins Spiel, die ich besonders interessant finde: Vorstandsmitglied Frank Rida hat als Doktorand die frühmoderne Darstellung von Tieren erforscht und stellt sich voll und ganz hinter Morells Projekt. Für ihn ist der pädagogische Auftrag, möglichst vielen Menschen die Tierwelt zugänglich zu machen, maßgeblich. Daher unterstützt er auch Edo Morell, für den er väterliche Gefühle hegt.
Die interessante Frage, wie wir als Menschen am besten mit Tieren umgehen sollten, hat der Autor in eine kurzweilige Geschichte verpackt, die mal absurd-witzig, mal bissig-ironisch und mit ernsten und nachdenklichen Untertönen erzählt wird. 
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Literarischer Ausflug ins Tierreich

Als Kind kam ich viel öfter mit Tieren in Kontakt als jetzt, sei es beim Zoobesuch, in Märchenbüchern, Kinofilmen wie ‚Bambi’ oder Fernsehserien wie ‚Flipper’. Mit zunehmendem Alter verschwand die Tierwelt leider immer mehr aus meinem Blickfeld. Umso schöner ist es, wenn einem eine Kurzgeschichtensammlung wie „Tiere" in die Hände fällt, die Anfang dieses Monats erschienen ist. Es ist der zweite Band der Sechs-Sterne-Reihe von ars vivendi, bei der sechs bekannte Autoren und Autorinnen beteiligt sind. Diesmal inspirierte Rafik Schami die Kollegenrunde zu Geschichten, die unser Verhältnis zu Tieren beleuchten.
Eine Erzählung handelt beispielsweise von einer Frau, die seit ihrer Kindheit immer wieder in den Körper verschiedenster Vogelarten schlüpft. Die "Metamorphosen" vollziehen sich ganz unscheinbar und werden so einfühlsam und poetisch beschrieben, dass man die Protagonistin als Adler, Uhu, Kolibri oder Eisvogel mit menschlichen Gefühlen regelrecht vor Augen hat. Sehr berührt hat mich auch die Geschichte von einem Geiger, der durch sein einzigartiges Spiel einen Wolf zum Weinen bringt und durch einen sehr klugen Einfall dem Tod entkommt.
Es geht um typische Begierden der Menschen, zum Beispiel den Wunsch nach dem ewigen Leben, nach Reichtum, nach menschlicher – oder tierischer – Nähe und Treue. Wer hat schon das Glück, seinem ‚zweiten Ich’ in einem Tierpark zu begegnen wie die Hauptfigur in der Erzählung von Monika Helfer. Und wer hat nicht schon einmal den Wunsch verspürt, die Gedanken seines Haustiers zu lesen oder sich gar mit ihm zu unterhalten wie in der Geschichte „Die Augensprache der Hunde“, die in Damaskus, der Heimat von Rafik Schaki, spielt.
Die feinsinnigen und fantasievollen Erzählungen bereiten viel Freude beim Lesen und regen zugleich an, über unseren Umgang mit Tieren nachzudenken. Ich kann Rafik Schami nur zustimmen, wenn er im Nachwort deutlich macht, dass man weder über die Tiere herrschen noch sie vermenschlichen darf, sondern sie schlicht mit Respekt und Sensibilität behandeln sollte. 
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Fünf sind keiner zuviel

Bahnhöfe in japanischen Großstädten sind ein Phänomen. Shinjuku in Tokio zum Beispiel zählt mit bis zu vier Millionen Passagieren täglich zu den verkehrsreichsten Bahnhöfen der Welt. Die Hauptfigur des Romans „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ von Haruki Murakami ist jedenfalls derart fasziniert, dass er sogar Bahnhofsarchitektur studiert, um beim Bau mitzuwirken. 
Das ist aber auch so ziemlich das Einzige, wofür sich der Protagonist jemals interessiert hat. Mit 36 Jahren erzählt Tsukuru Tazaki seiner Angebeteten Sara Kimoto von seiner Schulzeit in Nagoya. Damals gehörte er zu einer unzertrennlichen Clique, bestehend aus zwei Mädchen und drei Jungen. Dabei verstand er gar nicht, was sie an ihm fanden. Er kam sich nichtssagend und farblos vor – im wahrsten Sinne des Wortes, denn die anderen vier trugen alle Farbbezeichnungen in ihren Namen. Trotzdem war es die glücklichste Zeit seines Lebens – bis zu dem Zeitpunkt, als er ganz plötzlich ohne jegliche Erklärung aus der Gruppe verstoßen wurde. Erst 16 Jahre später ermutigt ihn Sara, der Sache auf den Grund zu gehen. Tsukurus Reise in die Vergangenheit führt ihn bis nach Helsinki und zu der Erkenntnis, wie stark Selbst- und Fremdbild voneinander abweichen können.
Haruki Murakami zählt zu meinen Lieblingsschriftstellern und spielt auch in diesem Roman seine besondere Stärke aus, vermeintlich gegensätzliche Welten miteinander zu verschmelzen. Aus der Sicht von Tsukuru erleben wir, wie die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Realität und Traum, zwischen vollkommener Harmonie und Zerrüttung zerfließen. Tsukurus Stimmung schwankt zwischen düsterer Todessehnsucht und heiterer Melancholie. Stets findet der Autor den perfekten Ton, um etwa die perfekte Chemie in der Clique oder Tsukurus tiefste Depression zu beschreiben. An Murakamis typischen philosophischen Exkursen und Episoden, die ans Mystische und Fantastisch-Absurde grenzen wie zum Beispiel die Frage, ob sechs Finger wohl nützlich oder eher hinderlich seien, mangelt es auch diesmal nicht. Darüber baut der Autor geschickt einen Spannungsbogen und lässt die Leser bis zum Schluss grübeln, was wohl die vermeintlich perfekte harmonische Gemeinschaft von damals entzweit hat.
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Schnitzeljagd durch 15 Leben

Ich beneide Harry August, Hauptfigur des Romans „First Fifteen Lives of Harry August“ („Die vielen Leben des Harry August“) von Claire North. Er hat mehrere Leben und kann so vieles ausprobieren – als Gelehrter, Abenteurer oder Spion. Seine Missionen führen in rund um die Welt nach London, Berlin, Wien, Leningrad und eskalieren in Peking.
Ich beneide Harry August nicht. Immer wieder wird er im Jahr 1919 geboren mit dem Wissen seiner vorherigen Leben und weiß daher genau, was ihn erwartet. 
Zeitreisen sind ein beliebtes Thema und haben schon so manchen Schriftsteller zu originellen Geschichten inspiriert, zum Beispiel „The time traveller’s wife“ von Audrey Niffenegger. Claire North hat sich ein besonders großes Pensum vorgenommen, denn sie berichtet gleich von 15 Lebensläufen, die allerdings tragischerweise sehr ähnlich ablaufen.
Harry August fühlt sich auch im vierten Leben keine Spur klüger oder furchtloser. Er verliert den Glauben an Gott und wendet sich den Wissenschaften zu. Er will die Welt verstehen und wird zum Spion, um Verschwörungstheorien nachzugehen. Dabei hat er genügend Geld und alle Zeit der Welt – eigentlich könnte er sich entspannt zurücklehnen und sein Leben genießen. Sein Wissen über die bevorstehenden Ereignisse setzt ihn jedoch extrem unter Druck – besonders dann, als ihm in seinem elften Leben an seinem Sterbebett ein kleines Mädchen prophezeit, dass der Weltuntergang bevorstehe und nur Harry dies verhindern könne.
Ich stellte mir während der Lektüre oft die Frage, wie es sich wohl lebt, wenn man sein Wissen nicht aus Büchern oder aus zweiter Hand bezieht, sondern aus seinen eigenen Erfahrungen. Als Leser lernt man jedenfalls eine ganze Menge, denn Harry beschäftigt sich als Dozent an der Uni unter anderem mit Physik und erklärt auf sehr verständliche Weise die Beschaffenheit des Universums. 
Andererseits wird einem vor Augen geführt, welche Konsequenzen jede noch so kleine Entscheidung haben kann. Wenn der Protagonist durch eine bestimmte Tat ein Unglück verhindern will, löst er dadurch womöglich ein anderes, noch viel größeres aus. Dies kann zu Absurditäten führen wie, dass Harry August einen Mörder jagt, der noch gar keinen Mord begangen hat.
Claire North wirft in ihrem intelligenten Roman auf sprachlich sehr hohem Niveau viele Fragen auf. Was lernen Menschen aus der Geschichte? Welche Gefahr kann Allwissenheit bedeuten? Ein Thema, dass niemals seine Aktualität verlieren wird. 
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Butch und Sundance

Eliteschulen stelle ich mir als eine abgekapselte Welt vor, in der eigene Gesetze herrschen und man sich durch Beziehungen und Bewährungsproben seinen Platz erkämpfen muss. Nicht anders ist es in St. Oswald's, Schauplatz in dem Roman „Gentlemen and Players“ von Joanne Harris. Ich bekam das Buch, das im Jahr 2005 erschienen ist, vor kurzem von einer begeisterten Leserin geschenkt. 
Durch Harris’ brillanten Erzählstil wird man von der ersten Seite an in das Machtgefüge von St. Oswald’s und in die Unheil verheißenden Geschehnisse hineingezogen. Man erlebt sie abwechselnd aus der Perspektive von dem 12-jährigen Snyde, Sohn des Hausmeisters, der sich mit gestohlenen Schuluniformen als ‚Julien Pinchbeck’ in die Privatschule eingeschlichen hat und ein Doppelleben führt, und Ron Straitley, einem Lateinlehrer im Pensionsalter. 
Schnell zeichnet sich ein klares Bild der Schüler und unterschiedlichen Lehrer ab mit ihren individuellen Macken und ihrer schwierigen Aufgabe, die Jungs zu Gentlemen auszubilden. Besonders gelungen finde ich jedoch Juliens Charakterstudie. Sein ambivalentes Verhältnis zu St. Oswalds, das durch Hass, Wut, Bewunderung und der Sehnsucht geprägt ist, dazuzugehören, lassen sich ebenso gut nachfühlen wie seine Besessenheit von seinem Kumpel und Vorbild Leon. Die beiden kommen sich vor wie Butch und Sundance und treiben ihr Unwesen auf dem Campus. Jahre später beginnt Julien einen grausamen und folgenschweren Rachefeldzug gegen die Schule. Durch anschauliche Metaphern wird die Location selbst als ein lebendiges gnadenloses Wesen dargestellt.
In starkem Kontrast zu der bekannten romantischen Geschichte „Chocolat“ ist Joanne Harris ein Thriller gelungen, der auf einen überraschenden Höhepunkt zusteuert und seine Spannung vor allem aus seiner psychologischen Raffinesse bezieht.
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Gefangen im Kokon

Tiere und Menschen haben die gleiche Seele. Davon ist Vera Zagt, Hauptfigur des Romans „Gegenlicht“ von Esther Verhoef überzeugt. Sie hat sich auf Tierfotografie spezialisiert, wird jedoch von ihren Berufskollegen nicht ernst genommen, da sie hauptsächlich für Tiernahrungshersteller Katzen, Vögel und Hunde ablichtet. Die Fotografie ist nicht nur ihre Leidenschaft und ihr Beruf – sie dient auch als Schutz vor der Außenwelt, die sie seit ihrer Kindheit als grausam erlebt. Von den Mitschülern wird sie gehänselt und verprügelt, ihr strenger und gefühlskalter Vater hält sie von ihrer psychisch kranken Mutter fern. Alle versuchen ihr einzureden, dass etwas nicht mit ihr stimmt, und verstärken immer mehr ihr Bedürfnis und ihre Fähigkeit, sich jeder Lage anzupassen, um zu gefallen. 
Als Erwachsene flüchtet sie sich in eine vermeintlich sichere Ehe mit dem Unternehmer Lucien, und eine Wohnung im niederländischen Ort Brabant, die sie als „Fort“ bezeichnet. Sie ist lieber Beobachter als Akteur, versteckt sich hinter dem Sucher und hält die Welt so fest, wie sie sie sehen möchte, nicht, wie sie ist. Arbeit, Mann, Haus – auf diesen drei Säulen beruht ihre Existenz. 
Die niederländische Autorin erzählt Kapitel für Kapitel abwechselnd aus der Schulzeit und aus der Gegenwart. So lassen sich die Nachwirkungen der Kindheitserlebnisse und die Ängste, die sie auch als Erwachsene noch nicht abgelegt hat, gut nachvollziehen. Esther Verhoef schafft durch ihren authentischen Erzählstil eine große emotionale Nähe. Veras tägliche Flucht vor ihren grausamen Mitschülern nach dem Schulunterricht wird stakkatohaft in knappen Sätzen beschrieben, als würde sie Schläge kassieren. Ihren späteren Liebhaber vergleicht sie mit einem Fußballer, der sich an der Seitenlinie warm läuft, so dass er im Notfall den Stürmer ersetzen kann.   
Doch niemand ist in der Lage, den Status Quo für immer zu halten – auch Vera gelingt dies trotz größter Anstrengung nicht. Immer stärker spürt sie, wie die drei Säulen allmählich anfangen zu bröckeln. Erst eine gemeinsame Reise mit Luciens Familie nach Florida öffnet Vera die Augen und zwingt sie zu einem Neuanfang. Esther Verhoef ist für mich eine Meisterin der Momentaufnahmen und hat mich mit ihrem schnörkellosen und doch bewegenden Roman begeistert
 
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Die Kunst der kreativen Pause

Wie viele Pausen habt Ihr heute schon gemacht? Zwei? Eine? Oder gar keine einzige? Dann wird es höchste Zeit, Euch das Buch „Das große Geheimnis der kleinen Espresso-Pause“ von Hans Kreis zu Gemüte zu führen. Wer bisher glaubte, eine Pause sei lediglich die kurze Unterbrechung einer Tätigkeit, lernt hier ganz neue Perspektiven einer ‚Mini-Auszeit’ kennen. Mit klugen Worten, stimmungsvollen Bildern und einfachen Übungsanleitungen lädt der Autor und Krisencoach ein, Pausen bewusst in den Alltag einzubauen und sie zu zelebrieren. 
„Pausen sind wie kleine Heldenreisen“, schreibt er beispielsweise. „Sie führen dich zu deiner wahren Aufgabe.“ Es leuchtet ein, dass man in regelmäßigen Abständen Kraft tanken sollte, um seine Energie und Kreativität voll entfalten zu können. Von der Bedeutung und Wirkung von Pausen handelte bereits sein Vorgängerbuch „Die Espresso-Strategie: oder wie ich lernte, das Leben wieder zu lieben“ beschäftigt. Es passt gut in eine Zeit, in der immer mehr Menschen unter Erschöpfungszuständen leiden und sich für Achtsamkeitsübungen und –seminare interessieren. Im Stau stehen, auf einen verspäteten Gast warten, in der Supermarktschlange stehen ..., alles kein Grund zum Ärgern, wenn man weiß, wie man die ‚Zwangspause’ zum Innehalten und Entspannen nutzen kann. Ein tolles Büchlein, als Begleiter im Alltag und zum Verschenken.
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Nicht irgendeine Sojasoße

Obwohl die Sojasoße in der japanischen Küche unverzichtbar ist, habe ich ihr bisher nicht sonderlich viel Beachtung geschenkt. Das hat sich nach der Lektüre von „Sojasoße für Anfänger“ ein wenig geändert. In dem Roman von Kirstin Chen wird man darauf aufmerksam gemacht, wie viele Geschmacksnuancen das Gewürz haben kann: von herb, flach, metallisch über erdig, blumig, süß bis hin zu fruchtig und prickelnd – fast so komplex wie ein guter Wein. 
Die Geschichte spielt teils in Singapur, wo sich das Familienunternehmen „Lin’s Sojasoße“ befindet, teils in San Francisco, wo Lins Enkelin Gretchen lebt. Lin ist überzeugt, dass das Gewürz Ketchup und Senf verdrängen und die Nummer eins der Würzsoßen in Amerika werden wird. Hobbyköche will er dazu bewegen, einfaches Tafelsalz durch Premium-Sojasoße zu ersetzen. Bis zur Gegenwart hat er die Tradition fortgesetzt, mit sämtlichen Mitarbeitern aus der Fabrik und dem Büro ein gemeinsames Mittagessen einzunehmen. Eine Ehekrise führt Gretchen in ihr Elternhaus zurück und weckt zahlreiche Erinnerungen. Der Aufenthalt zwingt sie, sich mit ihrer Familie, deren Probleme und ihrer eigenen privaten und beruflichen Zukunft auseinanderzusetzen. 
Neben dem Sojasoßen-Handwerk vermittelt Kirstin Chen viel Interessantes über den Schauplatz Singapur, die Sitten und Kultur. Der Clarke Quay am beliebten Singapur River sei eine Gegend voller Restaurants und Bars, der ein wenig steril wirke, obwohl man sich Mühe gab, den historischen Charme zu bewahren. Die blank polierten Mülleimer, die wie Skulpturen wirken, und die von Palmen gesäumten, bunt gestrichenen Lagerhäuser kann man sich dank dem flüssigen und lebendigen Schreibstil der Autorin gut vorstellen. Auch das Fest der hungrigen Geister, bei dem traditionelle chinesische Puppentheaterstücke aufgeführt und üppige Delikatessen bereit gestellt werden, um den Hunger der Geister zu stillen, machen Lust, Singapur einmal live zu erleben.
Ich konnte mich gut mit der Hauptfigur identifizieren, da auch ich die asiatische und westliche Kultur in mir trage. Der Balanceakt zwischen Traditionsbewahrung und Modernisierung wird in diesem Roman sowohl in Bezug auf Singapur als auch auf Einzelschicksale wie Lins Familie als Mikrokosmos sehr einfühlsam, authentisch und unterhaltend beschrieben. Das nächste Mal werde ich die Sushihappen etwas bedächtiger in die Sojasoße tunken und auf den Geschmack achten.
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Zeitmosaik mit märchenhaften Zügen

Wie der Titel bereits vermuten lässt, spielt neben den Figuren Clara, Hans, Natalja und Emma der Schauplatz "Machandel" die Hauptrolle in diesem Roman von Regina Scheer. Jeder Protagonist hat eine besondere Beziehung zu diesem imaginären Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, wo sich ihre Schicksale kreuzen.
Die Berlinerin Clara kommt 1985 mit ihrer Familie aus der DDR nach Machandel und findet ein dort altes Sommerhaus, wo sie sich niederlassen. Clara möchte mehr über die Vergangenheit des Ortes erfahren – nicht nur weil sie eine Dissertation über das Grimmsche Märchen vom Machandelboom schreibt. Sie begreift auch, dass das verschlafene Dorf ein Verbindungsstück zu ihrer eigenen Vergangenheit ist. Ihr Vater zum Beispiel, Minister in der Regierung der DDR, fand dort in den letzten Kriegstagen Zuflucht. Clara bringt in diesem Roman alle Akteure dazu, ihr Schweigen zu brechen und nach und nach ihre eigene Lebensgeschichte zu enthüllen. 
Die Lektüre war für mich wie ein fesselnder Geschichtsunterricht über Deutschland in den 30er-Jahren bis zum Fall der Mauer. Ungewöhnlich ist der wechselnde Stil: Mal werden politische Veränderungen präzise und reportageartig wiedergegeben – dann wieder taucht man in poetische Beschreibungen des mythenumrankten Machandelstrauchs ein. Die schwankende Stimmung zwischen Hoffnungslosigkeit und Optimismus zu der Zeit, endlose Diskussionen und die allmähliche Verfremdung zwischen Clara und ihrem Mann vermag die Autorin subtil und überzeugend zu erzählen. Besonders berührt hat mich die Lebensgeschichte von der Zwangsarbeiterin Natalja, die mit 16 Jahren in das Dorf verschleppt wurde. Jeder Figur gibt sie ihre individuelle Stimme und legt über das gemischte Ensemble die märchenhafte Atmosphäre der mecklenburgischen Natur. 
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Das Jahr der Mutproben

Wer noch auf der Suche nach einem tollen Projekt für 2016 ist, dem kann ich das Meet Becky Workbook empfehlen – oder das Buch „My Year with Eleanor“ von Noelle Hancock, das mir meine Freundin Yvonne kürzlich geschenkt hat. 
Die Autorin beschreibt in ihrem autobiografischen Roman das Jahr vor ihrem 30. Geburtstag. Was daran so spannend ist? Sie verliert ihren Job als Klatsch-und-Tratsch-Bloggerin und damit ihren Lebensinhalt. Um sich neuzuorientieren beschließt sie, als erstes all ihre diffusen Ängste abzulegen. Ein Jahr lang will sie sich täglich einer Mutprobe unterziehen. Auslöser für ihr Jahresprojekt ist ein Zitat von Eleanor Roosevelt, das sie in einem Coffee-Shop entdeckt: "Do one thing every das that scares you".
Mit Haien schwimmen, in einer Live-Comedy-Show auftreten, klärende Gespräche mit Ex-Freunden führen ..., Noelle schreckt vor nichts zurück und wächst dabei über sich hinaus. Sie versteht es, ihre mal mehr mal weniger spektakulären Erlebnisse sehr erfrischend und amüsant zu schildern. Besonders gut gefiel mir die packende Beschreibung ihres letzten Abenteuers, die Besteigung des Kilimandscharos, bei der sie nicht nur an ihre mentalen, sondern auch körperlichen Grenzen stößt. Zwischendurch lässt die Autorin immer wieder Interessantes aus der Lebensgeschichte und den Erfahrungen von Eleanor Roosevelt einfließen.
Der Roman motiviert, gerade am Jahresanfang, verdrängte Wünsche oder Vorsätze wieder hervorzukramen und in Angriff zu nehmen: Zum Beispiel eine Liste zu erstellen, was man schon immer einmal machen wollte. Ich hatte mir letztes Jahr vorgenommen, nach dem Motto ‚Take a risk everyday’ meine Komfortzone öfter zu verlassen und Neuland zu betreten. Einfacher gesagt als getan, denn immer wieder verfällt man in seine tägliche Routine, um die anstehenden Aufgaben möglichst effektiv zu erledigen. Noelle Hancock hat mich inspiriert, dieses Jahr einen neuen Anlauf zu starten. Danke Yvonne für das wundervolle Buch!
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Streben nach Reinheit

Bei dem jüngsten Werk von Jonathan Frantzen ist der Romantitel „Unschuld“ (Originaltitel: „Purity“) Programm. Purity – so heißt zunächst eine der Hauptfiguren, eine Studentin, die in einer WG in Oakland lebt, sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält und von allen Pip genannt wird. Ihre Mutter will ihr partout nichts über ihren Vater verraten. So begibt sich Pip selbst auf die Suche und landet in den bolivianischen Bergen bei dem charismatischen und mächtigen Mann Andreas Wolf. Spätestens dann begreift man, dass es in dem Roman nicht wie erwartet um die Zusammenführung einer Familie geht.
Andreas Wolf ist ein weltbekannter Whistleblower, der sich mit Leib und Seele dem Enthüllungsjournalismus verschrieben und zu diesem Zweck das „Sunlight Project“ gegründet hat. Mit einer Spionagesoftware und einem riesigen Netzwerk von Hackern deckt er politische Skandale aus. Der Mann kennt sich aus im Business – schließlich leistete er als junger Mann Widerstand gegen das DDR-Regime und kennt die Tricks, um die Bürger auszuspionieren. Die Ironie: Er selbst trägt ein dunkles Geheimnis mit sich herum: Damals ermordete er einen Stasispitzel, um eine junge Frau zu schützen und versteckt sich nun in Bolivien vor den deutschen und amerikanischen Strafverfolgungsbehörden. Einziger Mitwisser ist der amerikanische Reporter Tom Aberant, den er einst in Berlin traf und der ihm half, die Leiche zu vergraben. Um sicherzugehen, dass Tom Andreas nicht schaden kann, schickt dieser Pip in seine Obhut – direkt in die Arme ihres leiblichen Vaters.
Es war mein erstes Hörbuch von Jonathan Frantzen und ich bin tief beeindruckt von diesem virtuos komponierten Werk, das mehrere Kontinente umspannt. 26 Stunden sprachlicher Genuss, allerdings stellenweise auch anstrengend, weil der Autor bei den Figuren so weit ausholt, um ihre Hintergrundstory auszubreiten, und es nicht versäumt, immer wieder auf ihre Sexsucht hinzuweisen. Was die Protagonisten neben ihre Neurosen noch gemeinsam haben, ist ihr permanentes Streben nach Reinheit. Auch die Fülle der Themen – von der DDR über die Gefahren im digitalen Zeitalter bis hin zu den moralischen Ansprüchen einer Wohlstandsgesellschaft – erfordert hohe Aufmerksamkeit, bietet aber im Gegenzug viel Unterhaltung und Stoff zum Nachdenken.
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Lust auf ein neues Projekt?

Seit über einem Jahr abonniere ich das 'Flow Magazin' und finde darin heute noch tolle Ideen, Anregungen und inspirierende Porträts über Künstler. Kürzlich beim Schmökern stieß ich auf den Spruch "Tue alles, was du tust, als würdest du ein Kunstwerk erschaffen". Das könnte mein Motto für 2016 werden!
Paperlovers wie ich, die an keiner Papeterie vorbeigehen können ohne sie zu betreten, werden garantiert ihre Freude an der Zeitschrift haben, die aus Holland stammt. Die Beiträge werden in Hoofdorp geschrieben und in einer Hamburger Redaktion für die deutschsprachige Ausgabe aufbereitet. Mich begeistern vor allem die wunderschönen Illustrationen, zum Beispiel von Dinara Mirtalipova.
Das Magazin war sicher nicht ganz unbeteiligt, dass ich letztes Jahr Meet Becky ins Leben gerufen und ein Self-Coaching Arbeitsbuch entwickelt habe. Aus Liebe zum Gedruckten wählte ich statt eines E-Books oder Onlinekurses einen Arbeitsordner, in dem Ihr blättern, schmökern, hineinkritzeln und Materialien abheften könnt. Falls Ihr also für dieses Jahr noch auf der Suche nach einer zündenden Idee für ein persönliches oder berufliches Projekt seid, dann ist es höchste Zeit für Euch, Becky kennenzulernen ;-)
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Suche nach Vergebung

Ich habe schon viel von Jodi Picoult gelesen und weiß mittlerweile, dass ihre Themen alles andere als leichte Kost sind. Ihr Roman „Bis ans Ende der Geschichte“ hat mich definitiv am meisten erschüttert.
Er handelt von Sage Singer, einer Bäckerin in New Hampshire, die versucht, in einer Trauergruppe den Verlust ihrer Mutter zu verarbeiten. Dort lernt sie Josef Weber kennen, der bald Stammgast in ihrer Bäckerei wird. Obwohl er 70 Jahre älter ist als sie, entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen ihnen. Sage stellt fest, dass sie ihm gegenüber sogar mehr über sich offenbart als ihrem Freund Adam. Als Josef jedoch beginnt, von seiner Vergangenheit zu erzählen, erfährt die Geschichte eine dramatische Wende. Als SS-Offizier in Deutschland hat er unaussprechliche Verbrechen begangen und bittet nun Sage, ihm stellvertretend für das jüdische Volk Absolution für seine Verbrechen zu erteilen und ihm zu verzeihen. 
Ist es die Bitte eines Mörders oder der Wunsch eines sterbenden Freundes? Sage gerät in ein moralisches Dilemma, zumal ihre Großmutter Minka den Holocaust selbst erlebt hat. Schließlich wendet sich Sage an die öffentliche Behörde zur Verfolgung ehemaliger Kriegsverbrecher. Die schonungslosen bildhaften Schilderungen von Josefs Gräueltaten sind entsetzlich genug. Als diese unfassbar grausamen Handlungen auch noch aus der Sicht der Großmutter beschrieben wurden, musste ich mich oft zum Weiterhören zwingen. 
Jodi Picoult beweist wieder einmal ihre meisterhafte Erzählkunst, ihr psychologisches Gespür und ihr Talent, Fakten aus verschiedensten Blickwinkeln zu durchleuchten, was durch die wechselnden Stimmen im Hörbuch unterstrichen wird.
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Krimis mit Schuss

Windbeutel aus Bier-Brandteig, mit Brandy bestrichene Lammkeule oder mit Bärwurz aufgepepptes Bärlauchpesto. So einfallsreich wie die Rezepte sind auch die 12 Kurzkrimis in "Promillekiller". Das Autorenpaar Barbara Dicker und Hans Kurz nimmt uns mit auf einen kriminalistischen und kulinarischen Streifzug durch Franken.
Eine Geschichte aus dieser Krimisammlung zu lesen ist fast so, als ob man sich am Abend einen guten Drink genehmigt. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn in jeder Story spielt ein Gericht mit einem Schuss Hochprozentigen eine besondere Rolle. Dank dem Rezept am Ende der Geschichte kann jeder, der auf den Geschmack gekommen ist, den Bayerwald-Pesto, den Satansbraten oder die besoffenen Jungfern nachkochen.
Gut gewürzt und mit allerlei Geschmacknuancen versehen sind auch die Krimis, die von Kunsthehlern, Riesenzüchtern und rachsüchtigen Frauen handeln. Besonders amüsant fand ich die Geschichte "Bierwindbeutel oder Steuber im Sturm". Schon der erste Satz "Bei Windstärke 8 sollte man keine Bank überfallen, vor allem, wenn im Sturm auch noch Politiker unterwegs sind", stimmt auf die aberwitzige Geschichte eines unterbezahlten Restaurantgehilfen ein, der mit Fruchtzwergen ausgestattet eine Bank in Bamberg überfallen und seinem Chef eins auswischen will. Auch die Hauptfigur in "Unstrudel oder zwei Mann im Boot" ist auf seinen Vorgesetzten gar nicht gut zu sprechen. Da hilft auch kein Team-Building-Seminar – im Gegenteil: Welch kriminelle Energie und Fantasien in dem gefrusteten Angestellten während einer Kanufahrt mit seinem Chef auf der Saale geweckt werden, ist so herrlich bissig und ironisch beschrieben, dass ich mehrmals lachen musste. Sein angestauter Frust aus dem Büroalltag und der Hass auf seinen Chef verdichten sich zu einem physischen und emotionalen Abenteuer auf engstem Raum, das man durch den lebendigen und humoristischen Schreibstil des Autorenduos hautnah miterlebt. Die Geschichten machen Appetit auf 'Das Bierkochbuch', 'Das Schnapskochbuch' und "Das Weinkochbuch', die ebenfalls aus ihrer Feder stammen. 
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Die Schülerin Rodins

Der Name Rainer Maria Rilke ist sicher jedem ein Begriff, doch welch bemerkenswerte Persönlichkeit an seiner Seite lebte, erfuhr ich erst in der Biografie „Clara Rilke-Westhoff“ von Marina Bohlmann-Modersohn.
Ihre Lebensgeschichte ist beneidenswert und tragisch zugleich. Beneidenswert deshalb, weil sie gezielt ihren Weg als angehende Bildhauerin beschreitet und sich von ihrer Heimatstadt Bremen aus zu zahlreichen europäischen Städten begibt, um sich inspirieren zu lassen. Sie holt sich Anregungen in der Alten Pinakothek in München, im Pariser Louvre, nimmt Kurse an der Académie Julian, wird Schülerin Rodins, verbringt eine arbeitsreiche Zeit in Rom und reist sogar nach Kairo, um eine Büste für eine Baronin zu fertigen.
Ein bedeutender Ort, wo Clara auch ihren künftigen Ehemann und Dichter Rainer Maria Rilke kennenlernt, ist Worpswede. Heinrich Vogeler hat dort einen Bauernhof in ein Atelier umgebaut, wo sich die Künstlerkolonie regelmäßig trifft. Die Beziehung zwischen Clara und Rainer ist höchst ungewöhnlich: Während andere sich zusammentun, um der Einsamkeit zu entfliehen, bezwecken die beiden genau das Gegenteil: Die Gemeinsamkeit soll die nötige Stille und Ungestörtheit schaffen, um sich vollkommen ihrem jeweiligen künstlerischen Schaffen zu widmen. Trotz immenser Anstrengungen gelingt es dem Paar jedoch nicht, von ihrer Kunst zu leben und eine stabile Existenz aufzubauen.
Die Autorin setzt sich auf sensible Weise mit der Entwicklung und dem Leidensweg der Künstlerin auseinander. Durch zahlreiche Briefe und Tagebucheinträge von Rainer Maria Rilke und Paula Becker vermittelt sie ein lebendiges Bild von Clara und ihren Zeitgenossen und vom Auf und Ab zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Ein gründlich recherchierter, hervorragender Lesestoff nicht nur für Kunstinteressierte.
Die Skulpturen von Clara Rilke-Westhoff kann man heute übrigens im Pariser Musée d’Orsay bewundern. Sie stehen gleich neben denen ihres Lehrers Rodin.
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"Ins Ziel coachen"

Einen sterbenden Familienangehörigen in den letzten Wochen seines Lebens zu begleiten, ist ein Gedanke, mit dem man sich nicht unbedingt beschäftigen möchte, solange man nicht betroffen ist. Und doch bin ich froh, dass ich das Buch „Bis zum Schluss“ von Oliver Uschmann und Sylvia Witt gelesen habe. ‚Wie man mit dem Tod umgeht, ohne verrückt zu werden’ lautet der Untertitel, und wie schwer sich dies gestaltet, beschreiben die beiden aus eigener Erfahrung.
Der Autor erfährt, dass seine krebskranke Mutter nicht mehr lang zu leben hat, und verbringt ihre letzten Tage an ihrem Sterbebett im Hospiz. Er schildert offen und ehrlich, wie überfordert er sich in der Situation fühlt: Einerseits das erschreckende Bewusstsein, seine Mutter das erste Mal als Sterbende zu sehen; andererseits die Notwendigkeit, sich davon nicht lähmen zu lassen – im Gegenteil, entscheidungsfähig zu bleiben und besonders gegenüber unsensiblen und arroganten Ärzten als ‚Anwalt’ der Patientin zu fungieren. Dabei lassen die Autoren den Leser so nah an das Geschehen und an ihren Gefühlen teilhaben, dass man fast meint, man sei selbst vor Ort.
Man merkt, dass sie hauptberufliche Satiriker sind, denn das beklemmende Thema wird durch ihren geistreichen Humor und guten Schreibstil angenehm aufgelockert. So fühlt sich Uschmann mitunter wie eine „lebendige Prothese mit Ohren zum Empfangen von Befehlen“, erleidet Qualen im Gästebett, wenn das Atmen seiner Mutter erst in Ächzen und Seufzen, später in Hecheln und Röcheln übergeht, und ist empört, dass sie im Schlaf nicht etwa nach ihrem Sohn, sondern nach ihrem Maler schreit.  
Die Autoren wechseln geschickt zwischen verschiedenen Ebenen wie ihre persönliche Geschichte, psychologischen Betrachtungen und Anleitungen, den Sterbenden behutsam „ins Ziel zu coachen“. Gut gefiel mir der Rat, kurz vor dem Tod des Betroffenen seine Lieblingsorte in Erinnerung zu rufen und ihm die Erlaubnis zu erteilen, loszulassen und zu gehen statt in einen Heulkrampf auszubrechen. Abgerundet wird das Ganze durch praktische Tipps wie eine Trauerfeier zu organisieren oder ein vergangenes Leben würdevoll aufzulösen. Ein durch und durch lesenswertes Buch, das mich auf die schwersten Momente im Leben sehr gut vorbereitet.
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Verpasste Chancen

Was geschieht mit einer Ehe, die vom Kinderwunsch besessen ist? Nach der Lektüre von „Nachts schwimmen“ bekommt man eine vage Vorstellung davon. Noch schwieriger wird die Situation, wenn sich das Paar nicht mehr einig ist so wie Marianna und Quinn in Sarah Armstrongs Roman. Sie will auch nach mehreren Fehlgeburten um keinen Preis aufgeben während er den Verlustschmerz nicht mehr länger erträgt. Erst waren sie noch auf der gleichen Linie – plötzlich verfolgen sie unterschiedliche Lebensziele und driften immer stärker voneinander ab.
Als Quinn Rachel, Journalistin und Tochter einer Patientin, kennenlernt, spürt er sofort eine starke Anziehung und Verbindung zu ihr. Kein Wunder, auch Rachel sucht eine Ablenkung vom erdrückenden Alltag. Sie klammert sich an etwas, das das Sterben ihrer Mutter erträglicher macht. Zudem plagen sie Schuldgefühle, da ihr Bruder Scotty durch ihre Nachlässigkeit in einem See ertrank.
Sarah Armstrong zeichnet die ambivalenten Gefühle der Charaktere sehr nuancenreich und bezieht die wechselnden Schauplätze geschickt in die Handlung mit ein – sei es Marianna und Quinns Wohnung in Brisbane, Rachels späteres Refugium außerhalb der Stadt oder das städtische Schwimmbad in Corimbi, Zufluchtsort für Quinn und Rachel, die sich dort näherkommen.
Im zweiten Teil entwickelt sich die Handlung anders als man erwartet und spitzt sich dramatisch zu. Bis zum Schluss fühlt man mit den Protagonisten mit, die fest daran glauben wollen, das Bestmögliche getan zu haben, und in Wirklichkeit immer wieder die falschen Entscheidungen treffen und ihre Mitmenschen verletzen. Die Autorin zeigt eindrucksvoll, wie schmal der Grat ist zwischen alles zu haben und alles zu verlieren.
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41 Prosa-Miniaturen

Es gibt Bücher, die einem erst beim zweiten Anlauf gut gefallen. Dazu gehört in meinem Fall „Mikado“ von Botho Strauß. Vielleicht war ich damals auch einfach nicht in der Stimmung für die teils düsteren, teils surrealen Kurzgeschichten.
Zentrales Thema sind die Wechselwirkungen zwischen Menschen, die eine zerstörerische Kraft haben können. Ganz exemplarisch ist die Geschichte „Hunderttausend Grobiane“, in der die Hauptfigur 130 Grobiane, denen er in seinem Leben begegnet ist, bei sich versammelt, um mit jedem einzelnen abzurechnen.
In fast allen Geschichten geht eine Gefahr von den Mitmenschen aus und man steht vor der Frage, ob man sich auf jemanden einlassen darf oder sich zur eigenen Sicherheit abgrenzen muss. Bemerkenswert ist, dass sowohl die Anwesenheit als auch Abwesenheit einer Person Unbehagen auslösen kann. Besonders gut gefiel mir in dem Zusammenhang die Geschichte „Die Lücke“. Zwei unbesetzte Plätze in einem Saal ziehen mehr Aufmerksamkeit auf sich als die Vorstellung selbst. In „Laufsteg“ treiben Models ihre Machtkämpfe und den Versuch, sich voneinander zu differenzieren, auf die Spitze.
Strauß’ Augenmerk gilt vor allem dem ‚tipping point’ – jenem Punkt, an dem das vertraute Verhältnis zwischen Freunden oder zwischen Mann und Frau in völlige Entfremdung oder in etwas Bedrohliches kippt. Das Konstrukt ist so zerbrechlich, wie der Zusammenhalt von Mikado-Stäben. Er beschreibt, wie sich dieses Muster von Generation zu Generation wiederholt. Jedes Verhalten besitzt einen Stammbaum, jedes Gefühl einen Vorfahren. Mich fasziniert, wie prägnant der Autor, der in Berlin lebt, die große Geschichte des menschlichen Unglücks in 41 Prosa-Miniaturen verpackt.
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Selfpublishing mit CreateSpace

Ab sofort ist mein Roman „Glückliche Zukunft“ auch als Printversion erhältlich.
Ich hätte nicht gedacht, dass ich so schnell und mit so geringem Aufwand an ein gedrucktes Exemplar komme – und das ganz ohne finanzielles Risiko, da das Buch nach dem Print-on-Demand-Prinzip gedruckt wird.
Alles, was ich tun musste, war, mich auf dem Portal CreateSpace zu registrieren, das Worddokument gemäß den Vorgaben umzuformatieren und die Umschlagseite im pdf-Format hochzuladen. Man hat die Wahl zwischen verschiedenen Formaten und zwischen der Papierfarbe weiß und cremefarben. Ich entschied mich für Letzteres. Es gelang mir sogar, eine Werbeanzeige in eigener Sache für das Meet Becky Workbook am Ende zu platzieren. Zum Schluss wurde der Roman mit einer ISBN-Nummer versehen.
Zunächst hatte ich ein Freigabeexemplar bestellt, das in den USA gedruckt wird, doch der Versand dauert ewig, so dass ich nach Prüfung der digitalen Ansicht doch schon die Freigabe erteilte. Schon nach wenigen Tagen war das Buch auf Amazon verfügbar.
Nachdem ich unterschiedliche Erfahrungsberichte im Internet gelesen hatte, bestellte ich zur Sicherheit ein Exemplar. Letzte Woche traf es ein und ich bin sehr zufrieden mit der Qualität. Besonders gut gefällt mir der Soft Touch Umschlag. Mit seiner samtigen Oberfläche wie der Kindle liegt das Buch angenehm in der Hand. Das war sicher nicht meine letzte 'Buchproduktion' – es wird Zeit, dass ich mich an mein nächstes Werk mache.
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Alle Notizen griffbereit

Bei der Entwicklung des Meet Becky Workbooks nutzte ich das erste Mal die Software Evernote intensiver. Einen kostenlosen Account habe ich schon seit einer Weile, um verschiedene Notizbücher anzulegen und dort nützliche Links thematisch zuzuordnen.
Um zu erfahren, welche ungenutzten Features Evernote sonst noch bietet, machte ich mich anhand des E-Books „Evernote – Mein Life-Management-Tool“ von Thomas Mangold schlau. Man kann ohne Übertreibung behaupten, dass der Autor sein komplettes Leben mit Evernote – und dem Google Kalender – organisiert. Ob To-Do-Listen, Bedienanleitungen, nützliche Fachberichte oder persönliche Reiseprojekte – alles findet bei ihm seinen Platz in diesem mittlerweile beliebten Tool.
Sein Motto lautet: Erfassen, Organisieren, Aus- bzw. Durchführen. Interessant fand ich, dass er neues Material zunächst in einer Inbox sammelt, bevor er es thematisch einzelnen Notizbüchern zuordnet. Das kann eine Sprachnotiz, ein Blogartikel oder eine fotografierte Folie aus einem Vortrag sein. Aus einer kleinen Notiz kann wiederum ein größeres Projekt werden, das man als neues Notizbuch anlegt und mit Materialien füttert.
Da ich dabei bin, meine Ablage so weit wie möglich zu digitalisieren, kommt mir diese Vorgehensweise sehr entgegen. Administratives wie Korrespondenz und Praktisches wie Infomaterial kann ich platzsparend archivieren und durch die Suchfunktion jederzeit abrufen. Ich kann meine Mobilgeräte synchronisieren und gespeicherte Artikel auch offline lesen. Eine beschleunigte Suchfunktion und mehr Speicherplatz bietet der Premium Account, den man einen Monat lang kostenlos testen kann.
In einem Punkt bleibe ich allerdings auch in Zukunft altmodisch: Ideen und Inspirationen wandern bei mir nach wie vor in gedruckte Notizbücher. Das Schöne ist: Je weniger Papierkram zu Hause, desto mehr Platz für schön gestaltete Notizblöcke und Bücher!
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8-Wochen-Programm für Körper, Geist und Seele

Über Yoga und Energiemedizin wurde bereits viel geschrieben, doch selten lag der Fokus auf der Verbindung zwischen den beiden Welten wie in dem Buch „Energieheilung mit Yoga“ von Lauren Walker.
Die Autorin stellt ein 8-Wochen-Programm vor, das Atemübungen, Kopfmassagen, Balance-Übungen und spezielle Asanas enthält. Ziel ist es, die Energieströme zu harmonisieren, Blockaden zu lösen und die Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Man erfährt viel Wissenswertes darüber, wie der Körper funktioniert, wie man Energie im Körper bewegt und lenkt, was hinter Allergien steckt oder wie man mit bestimmten Übungen Gewohnheitsmuster unterbrechen und verändern kann.
Besonders gut gefielen mir die anschaulichen Metaphern. So vergleicht die Autorin Energiebahnen mit Skipisten, die immer wieder geglättet werden müssen oder den Körper mit einer Konstruktion aus beweglichen Spiralen, Kuppeln, Stäben und Seilen, die unter Zugspannung stehen und zusammengehalten werden. Auf verständliche Weise erklärt sie, warum es so wichtig ist, all das im Gleichgewicht zu halten, um Krankheiten vorzubeugen.
Viele Übungen sind auch für Anfänger leicht umzusetzen wie zum Beispiel die Brücke – eine Rückwärtsbeuge, die aus der Rückenlage ausgeführt wird. Eine einfache Bewegung mit mehrfacher Wirkung: Laut Walker stärkt und stabilisiert sie die Hüften, die Oberschenkel und den Rücken, verstärkt den Blutfluss zum Gehirn und stimuliert die Schilddrüse. 
Ein zusammenfassendes Arbeitsblatt und ein Übungs-Programm spornen dazu an, das Gelernte gleich in die Praxis umzusetzen und es fest in seinen Alltag zu integrieren. Was die Anleitungen betrifft, hätte ich mir jedoch eine begleitende DVD gewünscht. Die Fotos sind zwar hilfreich, können aber die Bewegungsabläufe nicht so gut vermitteln wie ein Film. 
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Bier und Limonade

Wie keiner sonst“ – so lautet der Titel des Romans von Thomas Bengtsson und trifft auf so vieles in dieser Geschichte zu.
Damit könnte der Vater gemeint sein, der seinen siebenjährigen Sohn allein erzieht, ihm den Schulstoff selbst beibringt und ständig seine Zelte abbricht, um in und um Kopenhagen neu anzufangen. Mit Gelegenheitsjobs wie Möbelrestaurator, Türsteher oder Lichttechniker schlägt er sich durchs Leben. Sein Sohn versteht zwar das Nomadenleben nicht, verehrt seinen Vater jedoch bedingungslos und will so sein wie er.
Im zweiten Teil verschwindet der Vater plötzlich von der Bildfläche und bringt die Geschichte ein wenig aus dem Gleichgewicht – so sehr hat man sich an die traute Zweisamkeit zwischen Vater und Sohn gewöhnt. Auch der Sohn, der nun bei seiner Mutter lebt, entwickelt sich immer mehr zum Außenseiter, raucht Joints und verschreckt Lehrer und Schüler mit seinen verstörenden Zeichnungen.
Es ist faszinierend, wie unsentimental und doch treffsicher Bengtsson die Gefühle des Jungen wiedergibt. Sehr deutlich wird dies in einer Szene, in der er heimlich die Wohnung der Vermieterin inspiziert und zwischen dem Reiz, etwas Verbotenes zu tun, und der Angst, ertappt zu werden, hin- und hergerissen ist.
So wie die Romanfiguren muss man auch als Leser darauf gefasst sein, bei der Lektüre aus der Bahn geworfen zu werden. Haben sich Vater und Sohn in einer fast idyllischen Atmosphäre gerade noch ein Bier und eine Limonade bestellt, wird man kurze Zeit später mit einer Gewaltszene überrascht. Es ist wahrlich ein Roman ‚wie keiner sonst’, der von einer tragischen Vergangenheit, emotionaler Zerrüttung und Menschlichkeit handelt.
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Wilde Abenteuer eines Rechengenies

Es ist nicht verwunderlich, dass ein Schriftsteller nach einem Weltbestseller auf sein bewährtes Muster zurückgreift, um an den Erfolg anzuknüpfen. Erstaunlich fand ich aber doch, wie konsequent Jonas Jonasson dieses Prinzip bei seinem Roman „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ angewendet hat. Nicht nur die Satzstruktur des Titels erinnert an seinen Vorgänger „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“; auch die skurillen Figuren, ihre aberwitzigen Abenteuer und Einmischung in die Weltpolitik sind sich einander ähnlich.
Diesmal steht Nombeko, ein schwarzes Mädchen aus den Slums von Soweto, im Mittelpunkt der Geschichte. Als sie von einem betrunkenen Ingenieur angefahren wird, muss sie fortan als Putzfrau für ihn arbeiten. In seinem Haushalt freundet sie sich nicht nur mit drei chinesischen Schwestern an, die Kunst fälschen, sondern wird auch in ein südafrikanisches Atomwaffenprogramm involviert, an dem ihr Boss arbeitet. Schließlich landet Nombeko mit den drei Schwestern und einer Atombombe, die eigentlich nach Israel geschickt werden sollte, in Schweden.
Wieder mangelt es Jonas Jonasson nicht an aberwitzigen Ideen, pfiffigen Charakteren und Wendungen. Es gibt wohl kaum einen Schriftsteller, der so kühn und satirisch mit Themen wie Apartheid oder Atomwaffen umgeht. Die rauchige Stimme von Katharina Thalbach passt sehr gut zu der pfiffigen Hauptfigur und der verrückten Geschichte. Zum Ende hin fand ich Nombekos Abenteuer etwas langatmig und ermüdend, doch die lebendige Lesung macht einige Längen wieder wett.
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Die Kunst, Kind zu sein

Meine Begeisterung für Bücher nahm ihren Anfang mit „Wir Kinder aus Bullerbü“ von Astrid Lindgren. Sie brachte mich nicht nur dazu, nahezu alle Bücher von ihr zu verschlingen, sondern auch selbst zu schreiben. Umso mehr interessierte mich ihre Biografie mit dem Titel „Astrid Lindgren. Ihr Leben“ von Jens Andersen.
Geschickt wählt der Autor die umfangreiche Fanpost als Einstieg in ihre Lebensgeschichte und bringt Astrid Lindgren dem Leser nicht als abgehobene Bestsellerautorin, sondern als „Klok gumma“, die „kluge Alte des Nordens“, näher, eine Frau aus der Nachbarschaft, der man sich anvertraute und die man um Rat bat.
Nach und nach verstand ich, warum Lindgrens Bücher mich und Millionen andere Leser derart berührt haben. Die Bedürfnisse und Gefühle der Kinder zu verstehen und zu vermitteln war ihr eine Herzensangelegenheit. Sie selbst verbrachte eine glückliche Kindheit in Vimmerby. Als Mutter beobachtete sie sowohl ihre eigenen Kinder und Spielkameraden als auch fremde Kinder auf der Straße genau. Der Vasapark in Stockholm war für sie ein psychologisches Labor, in dem sie regelmäßig das menschliche Verhalten, verschiedene Charaktertypen, die Spiele und den Umgang der Eltern mit den Kindern analysierte und in ihre Geschichten einfließen ließ.
Es finden sich sehr amüsante Episoden in ihrem Leben, zum Beispiel wie Lindgren die Entwicklung ihres Sohnes Lasse in den hinteren Seiten des „Praktischen Kassenbuchs der Hausfrau“ minuziös festhält. Sie selbst nahm eine Doppelposition ein, war gleichzeitig Elternteil und Kind und kletterte bei einem öffentlichen Event mit 70 auf einen Baum als sei sie Pippi Langstrumpf höchstpersönlich.
Jens Andersen zeichnet ein sehr vielschichtiges Porträt der weltberühmten Schriftstellerin. Öffentlich zeigte sie sich als einflussreiche Lektorin, professionelle Geschäftsfrau, schlagfertige Rundfunkmoderatorin und politische Aktivistin. Privat war sie eine leidende Mutter, die ihren Sohn für einige Jahre in eine Pflegefamilie geben musste, und die immer wieder von Melancholie, Depressionen und der Einsamkeit heimgesucht wurde. All diese Facetten hat der Autor zu einer sehr beeindruckenden Biografie verwoben und schildert die Schattenseiten ihres Lebens mit sehr viel Mitgefühl.
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Die fünfte Jahreszeit

Der Herbst zeigt sich in diesen Tagen mal mild, mal frostig und lenkt unsere Aufmerksamkeit unweigerlich auf die leuchtende Blätterpracht. Wer sich dabei noch die Audio-CD „Pure Landlust“ anhört, kann die Natur noch intensiver genießen und kommt ganz schön herum.
„Literarische Träumereien vom Leben in der Natur“ lautet der Untertitel und tatsächlich gerät man zuweilen ins Träumen, wenn man zum Beispiel Thomas Mann in sein Sommerhaus an der Ostsee begleitet, wo er das bewachsene Dünengelände, die vielen Gesichter des Meeres und die Niddener Elche im Wald beschreibt, sich mit Ernst Kammerer den ersten Zwetschgendatschi im Mund zergehen lässt oder mit Hermann Hesse einige Wintertage in Graubünden verbringt.
In der Erzählung „Herbswinter in Meran“ schildert Stefan Zweig sehr poetisch die Schönheit der Südtioler Täler und Weingärten, das besondere Licht und die sanften Übergänge der Jahreszeiten, was mich gleich an meinen letzten Kurzurlaub dort vor einigen Monaten erinnerte.
Die Erzählungen auf den 4 Hör-CDs sind sehr vielseitig und handeln nicht nur von atemberaubenden Landschaften, sondern auch von Wanderungen, Reisen, der Gartenarbeit oder –gestaltung. Die Auswahl der Sprecher ist sehr gelungen, wobei mir die ausdrucksstarke, dunkle Stimme von Johannes Steck mit rauem Timbre besonders gefiel.
Für Kurt Tucholsky war übrigens der Herbst, wenn der Spätsommer verklingt und die Natur ruht, die schönste Jahreszeit. Er nannte sie die „fünfte Jahreszeit“. 
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Es grüßt Arak

Wenn AnnaRosa eine reale Figur wäre, würde sie sicher jeden Tag Flüchtlinge bei sich aufnehmen. Es hat schon seinen Grund, warum sie als „Don Quijotes Schwester“ bezeichnet wird. So lautet auch der Titel des Romans von Root Leeb, in dem die Protagonistin entschlossen ist, bedürftigen Menschen zu helfen – das heißt, nicht nur Menschen: Als Kind versucht sie, Schweine zur Freiheit zu verhelfen, was ihr gehörig misslingt. Dieses einschneidende Erlebnis verstärkt nur noch mehr ihr Helfersyndrom.
Sie beschließt, Ethnologie und Archäologie zu studieren, um alles über die Menschheit und deren Geschichte zu erfahren. Es ist berührend und amüsant zugleich, wie ernst sie ihre Mission nimmt, die Welt zu verstehen, einzugreifen und aufzurütteln. An Ideen mangelt es ihr wahrlich nicht. So verfolgt man – mal schmunzelnd, mal mit Entsetzen  – wie sie aus Mitleid einen Libanesen heiratet, um ihn vor der Abschiebung zu retten, Obdachlosen eine ungewöhnliche Unterkunft vermittelt und die Stadtlandschaft Wuppertals gestalterisch verändert.  Bemerkenswert ist, dass sie sich keiner Organisation anschließt. Sie hat ihre eigenen Methoden und akzeptiert lediglich die Hilfe ihrer Mitbewohnerin Kerstin, mit der sie ihre Samariterträume auslebt und ihre Aktionen mit „Es grüßt Arak“ unterzeichnet.
Ihre Schwester Melissa versucht vergeblich, sie davon zu überzeugen, dass man manche Dinge nicht ändern kann. Verständnis findet AnnaRosa lediglich bei ihrem Professor, in den sie sich leidenschaftlich verliebt und der eine ganze andere zärtliche Seite der Retterin zum Vorschein bringt. Ein sehr zeitgemäßer Roman mit viel Herz und Humor, der unterhält und zum Nachdenken anregt.
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Roadtrip quer durch England

Jess, Putzfrau und alleinerziehende Mutter, setzt alle Hebel in Bewegung, damit ihre hochbegabte Tochter Tanzie an einem Mathematik-Wettbewerb in Schottland teilnehmen kann. Soweit die Handlung des Romans „The One Plus One“ von Jojo Moyes, die mir zunächst nicht so originell erschien, zumal sie mich an an den Film „Little Miss Sunshine“ erinnerte.
So braucht die Geschichte auch eine Weile, bis sie endlich in Fahrt kommt – im wahrsten Sinne des Wortes, denn Jess begibt sich mit Tanzie, ihrem Stiefsohn Nicky, Hund Norman und ihrem Arbeitgeber Ed auf einen Roadtrip von Südengland nach Aberdeen. Dieser würde sich nicht so in die Länge ziehen, wenn Tanzie nicht extrem anfällig auf hohe Fahrgeschwindigkeiten reagieren würde. So bleibt den Fahrinsassen nichts anderes übrig, als auf der langen Strecke miteinander auszukommen und sich zwangsläufig näher kennenzulernen.
Auch wenn einiges in der Geschichte vorhersehbar ist, fand ich die Lektüre sehr unterhaltend. Das lag zum einen an den gut gezeichneten Charakteren und deren Entwicklung im Laufe ihrer gemeinsamen Reise. Ihr Abenteuer endet auch nicht wie erwartet in Aberdeen, sondern setzt sich wendungsreich fort und bringt weitere Figuren und Komplikationen ins Spiel. Am meisten hat mir der ungewöhnliche Schauplatz des Romans gefallen: Eds Auto. Auf engstem Raum spielen sich slapstickartige Szenen, bissige Wortgefechte bis hin zu emotionalen und folgenschweren Dramen ab. Für mich war es die ideale Urlaubslektüre.
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„Leben? oder Theater?“

So hieß eines der bedeutendsten Werke der Malerin Charlotte Salomon. Der französische Schriftsteller David Foenkinos war so überwältigt von diesem gemalten Theaterstück sowie von ihren übrigen Gemälden, dass er den Drang verspürte, ein Buch über sie zu schreiben. Er begab sich auf Spurensuche der in Berlin geborenen und in Ausschwitz ermordeten Künstlerin, bereiste die Orte, an denen sie gelebt hatte, unter anderem Villefranche-sur-Mer bei Nizza.
Seine literarische Annäherung an die Malerin in seinem Buch "Charlotte" ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Zum einen ist es fast in Gedichtform geschrieben. Jeder Satz beginnt in einer neuen Zeile und verdichtet die Handlung, dass man das Gefühl hat, kein Wort ist zu viel. Irritierend ist, dass im Laufe der Geschichte der Erzähler stellenweise ganz plötzlich in Erscheinung tritt und seine Spurensuche beschreibt. Den Einsatz dieser Stilmittel fand ich äußerst gelungen, da er deutlich macht, wie aufgewühlt und fassungslos er angesichts seiner Erkenntnisse und Entdeckungen über die Künstlerin war.
So findet man in diesem Roman viele starke Momente, zum Beispiel als Charlotte bewusst wird, dass sie malen muss, um nicht verrückt zu werden, oder die immer wiederkehrende Sehnsucht nach ihrem Vater, der von seinen medizinischen Forschungen besessen ist und sie vernachlässigt. Umso intensiver entwickelt sich Charlottes Beziehung zu ihrer Stiefmutter Paula, einer begehrten Sängerin, die sie vergöttert und ganz für sich vereinnahmt. Bei der Schilderung der Naziherrschaft genügen einige kurze, prägnante Szenen, um das ganze Ausmaß des Grauens erahnen zu lassen. Auch das Liebesverhältnis zwischen Charlotte und dem Gesangslehrer Alfred Wolfsohn werden sehr eindringlich beschrieben.
Eine sehr lesenswerte Biografie, die nicht nur zeitgeschichtliche Hintergründe, sondern auch die Seelenlandschaft der Malerin auf eindrucksvolle Weise erforscht. 
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Hobbydetektiv jagt Rentnermörder

Paul Flemming ist Fotograf und leidenschaftlicher Hobbydetektiv. Der Protagonist der Krimireihe von Jan Beinssen hat schon so manchen Fall in Nürnberg gelöst. Im zehnten Fall „Sechs auf Kraut“ ist er selbst unmittelbar betroffen. Er rettet nämlich einen ehemaligen Staatsanwalt, der im gleichen Stammlokal verkehrt wie er, vor den herabstürzenden Fassadenteilen eines baufälligen Hauses – und muss wenige Tage später erfahren, dass der Rentner an der gleichen Stelle zu Tode gekommen ist.
Unfall oder Mord? Diese Frage beschäftigt Flemming immer stärker, zumal noch mehr Menschen sterben, die etwas gemeinsam haben: Sie trafen sich nicht nur regelmäßig zum Bratwurstessen im 'Goldenen Ritter', sondern waren auch in einer umstrittenen Nürnberger Massenverhaftung Anfang der Achtzigerjahre involviert.
Beinssen erzählt die Geschichte in rasantem Tempo. Nach und nach deckt er mehr Details zu der Massenverhaftung im alternativen Kulturzentrum KOMM auf, was die Spannung erhöht und zugleich interessante historische Fakten liefert. Eine besondere Stärke des Autors ist, viel Zeit- und Lokalkolorit einfließen zu lassen und eine authentische Atmosphäre zu erzeugen, sei es bei den Recherchen im KOMM, bei der Befragung eines Verdächtigen oder beim Auftischen fränkischer Spezialitäten wie dem berühmten 'Sechs auf Kraut' im Goldenen Ritter. Ein nettes Schmankerl ist der auf der inneren Umschlagseite abgedruckte Stadtplan, in dem alle Tatorte des Romans eingezeichnet sind. Hoffen wir, dass der Hobbydetektiv, dessen erster Fall vor genau zehn Jahren erschienen ist, auch nach seinem Jubiläumsfall weiter ermittelt.
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Schreiben als Meditation

Kurz nach dem Buch "Travel Writing 2.0" las ich das schon etwas ältere Buch "Writing down the bones" von Nathalie Goldberg. Sie bringt die Schreibpraxis jedoch nicht mit Reisen, sondern mit Meditation in Verbindung. In ihren Schreibbüchern und -workshops verknüpft sie Methoden des Kreativen Schreibens mit den Lehren des Zen-Buddhismus und beschreibt, welchen Einfluss die Zen-Meditation auf ihr Schreiben hatte. Aus ihren Erfahrungen hat sie einige Grundregeln abgeleitet, die sie den Lesern mitgibt: zum Beispiel beim Schreiben den Editor auszuschalten und sich zu erlauben, auch Mist zu schreiben und in Absurditäten einzutauchen; in einer festgesetzten Zeit alles niederzuschreiben, was einen in den Sinn kommt, und später gnadenlos zu streichen; das, was noch übrig bleibt, so lange feinzuschleifen, bis ein richtig guter Text entsteht. Sie selbst hat sich auferlegt, jeden Monat ein Notizbuch vollzuschreiben.
Mich erinnerte das Buch an "Der Weg des Künstlers" von Julia Cameron und "The Creative Habit" von Twyla Tharpe. Hier geht es nicht um das Handwerkzeug eines Schriftstellers und Tipps, wie man eine Handlung aufbaut oder Dialoge schreibt, sondern darum, das, was in in einem schlummert, wachzukitzeln und zum Ausdruck zu bringen. Wer sich von klischeehaften Ausdrücken lösen und Ungewöhnliches wagen will, wird in diesem Büchlein sicher viele inspirierende Anregungen und ausgefallene Schreibübungen finden. Nathalie Goldberg beschäftigt sich auch mit verschiedenen Locations zum Schreiben und hat unter anderem das Buch "Schreiben in Cafés" verfasst. Die Stadt, in der sie am liebsten schreibt, ist Taos in Mexiko.
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Ein Mann in Schwarz und Weiß

Ich mag Bücher, die von Außenseitern, Exzentrikern und verschrobenen Charakteren handeln. Daher weckte auch die Figur Ove aus dem Roman "A man called Ove" von Frederik Backman mein Interesse. Es geht um einen Griesgram, der seine verstorbene Frau Sonja schmerzlich vermisst und nun auch noch in den Vorruhstand versetzt wurde. Auf seinen regelmäßigen Kontrollrunden tyrannisiert er seine Nachbarn, weist Falschparker zurecht und sorgt dafür, dass der Müll korrekt getrennt wird. Eine Autofahrt beschreibt Ove ganz vortrefflich: Er weigert sich, die Fernbedienung für seine Garage und sein Auto zu benutzen, legt seine Sitze mit Zeitungspapier aus und fährt strikt nach Vorschrift. Alles, was ein Mann seiner Meinung nach braucht, ist gutes Werkzeug.
Eines Tages beschließt er, sein freudloses Leben zu beenden. Doch dann zieht eine Familie in seine Nachbarschaft und vereitelt seine Selbstmordpläne. Immer wenn es spannend wird, gibt es Rückblenden in die Vergangenheit und man erfährt, warum Ove zu dem Mann geworden ist, der er ist. Die Geschichte ist witzig und warmherzig, doch die überschwänglichen Rezensionen kann ich nicht ganz teilen. Zum einen waren mir die Charaktere etwas zu stereotyp. Ove ist übertrieben altmodisch, pedantisch und miesepetrig, für ihn gibt es nur Schwarz und Weiß, seine verstorbene Frau dagegen liebte die Kunst und Literatur. Ich konnte nicht ganz nachvollziehen, wie sich jemand wie Sonja in Ove verlieben konnte. Es ist eine unterhaltende Lektüre, die nicht ganz meine Erwartungen erfüllt hat. 
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Erzählen Sie weiter!

Manche Menschen halten Erinnerungen durch Fotos lebendig, andere durch Tagebücher oder Memoiren. Madame Rosella, Hauptfigur in dem Roman „Madame Rosella und die Liebe“ von Tuna Kiremitci, wählt einen ungewöhnlichen Weg: eine Unterhaltung in türkischer Sprache. Die 88-Jährige engagiert die junge Studentin Pelin, um ihr von den „außergewöhnlichsten, schönsten, schmerzvollsten und merkwürdigsten Jahre ihres Lebens“ zu erzählen, die sie während des Krieges in Istanbul verbracht hat.
Pelin hat zunächst wenig Verständnis für Rosellas Beweggründe und zeigt sich distanziert. Sie liest weder Zeitungen noch Romane, versteht nicht, dass sie für eine Unterhaltung bezahlt wird und lässt sich nur darauf ein, weil sie mit dem Geld ihr Studium finanzieren kann.
Es ist spannend, nur aus den Dialogen die beiden so unterschiedlichen Charaktere kennenzulernen und zu beobachten, wie sie sich annähern. Schon bald zeichnen sich immer stärkere Konturen der Figuren ab. Je mehr Rosella über ihre Vergangenheit erzählt, desto faszinierter ist Pelin von Rosellas Persönlichkeit und Charme. Sie selbst taut immer mehr auf und weiht Rosella in ihre Männergeschichten und in das schwierige Verhältnis zu ihrem Vater ein.
Sie stacheln sich gegenseitig zum Weitererzählen an, schweigen gemeinsam, wenn ihnen die Worte fehlen, weinen und trösten sich. Die regelmäßigen Treffen und Gespräche wirken so lebendig und bewegend, dass man das Gefühl hat, man sei selbst dabei.
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Vermeintlicher Traumberuf

Wer träumt nicht davon, durch die Weltgeschichte zu reisen, über seine Erfahrungen zu schreiben und damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Doch ist der Reisejournalismus wirklich ein Traumberuf oder ist es nur ein Traum, von dem Beruf leben zu können? Einblick in den wahren Alltag eines Reiseautors gibt Tim Leffel in seinem Buch "Travel Writing 2.0". Der Autor aus Nashville weiß, wovon er spricht. Mehrere Jahre war er als Rucksacktourist unterwegs, bevor er sein erstes Geld verdiente. Mittlerweile blickt er auf 20 Jahre Erfahrung zurück, in denen er unter anderem vier Bücher, etliche Reportagen für Magazine, Zeitungen und Reiseblogs geschrieben sowie zwei Reise-Webmagazine ins Leben gerufen hat. 
Sein Beruf hat ihm viele spannende Reiseabenteuer beschert – von Luxussafaris in Botswana über Wanderungen in den Anden, palastartige Unterkünfte in Mexiko bis hin zu Weinverköstigungen in Europa. Doch der Weg bis dahin war lang und hart. "Erst kommt das Reisen, dann das Geld verdienen", betont Tim Leffel. Und auch dann gestaltet sich das Geld verdienen auf dem hart umkämpften Markt immer noch schwierig. In der heutigen Zeit werden so viele Reisetipps und -erfahrungen auf Portalen wie Trip Advisor oder persönlichen Blogs kostenlos zur Verfügung gestellt, so dass Menschen immer weniger bereit sind, Geld für kostenpflichtige Beiträge zu zahlen. Nur wer seine spezielle Nische findet, flexibel ist und mehrere Standbeine aufbaut, so der Autor, habe Erfolgschancen. 
Tim Leffel berichtet nicht nur von seinen eigenen Erfahrungen, sondern lässt auch seine Berufskollegen zu Wort kommen. Alison Stein Wellner zum Beispiel ist seit 13 Jahren im Business. Sie begann ihre Karriere als freiberufliche Reisejournalistin zunächst mit Beiträgen für Wirtschaftsmagazinen und spezialisierte sich dann immer mehr auf Geschäftsreisen und Luxusreisen. Einen anderen Weg ging John DiScala. Er bereist im Schnitt 20 Länder im Jahr, betreibt eine eigene Reise-Website und lebt von den Werbeeinnahmen. Unter besonders großem Stress stehen Autoren von Reiseführern. Ihre Zeit ist limitiert, um Hotels, Restaurants und Nightlife zu testen sowie Menschen vor Ort zu befragen, so dass ihnen nur noch die Nächte zum Schreiben bleiben. Für alle, die sich von solchen Strapazen nicht abschrecken lassen, bleibt der Reisejournalismus vielleicht nach wie vor ein Traumberuf.
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Das Mädchen im roten Mantel

Eltern leben in ständiger Angst, dass ihren Kindern etwas zustoßen oder dass sie sie gar verlieren könnten. Genau dies widerfährt Beth, Hauptfigur des Romans „The girl in the red coat“ („Das Mädchen, das rückwärts ging“) von Kate Hamer. Es ist fast eine ‚self fulfilling prophecy’, denn Beth ist eine überbesorgte Mutter und hält die Zügel zu ihrer acht Jahre alten Tochter Carmel manchmal übertrieben eng. Carmel, der dies ganz und gar nicht gefällt, versucht immer wieder, sich aus ihrer Kontrolle zu lösen – bis zu dem Tag, als sie auf einem Geschichtenfestival im Nebel spurlos verschwindet. 
Die Autorin schildert das Geschehen im englischen Norfolk abwechselnd aus der Sicht von Beth und von Carmel. Bemerkenswert ist, wie gut ihr dieser Wechsel gelingt. Die rätselhaften Gedanken und trotzigen Reaktionen der Tochter vermittelt sie genauso überzeugend wie die Verzweiflung, Trauer und Schuldgefühle der Mutter. 
Mir gefiel auch, dass es sich um keine typische Entführungsgeschichte handelt. Carmel lernt eine dunkle mystische Welt kennen, während Beth zwischen Hoffnung und Panik schwankt und kläglich versucht, etwas wie Normalität in ihr Leben zu bringen. Die Intensität und Präzision, mit der Kate Hamer die Emotionen der Figuren darstellt, macht ihren Debütroman trotz einiger Längen im zweiten Teil absolut lesenswert. 
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Gebeutelter Kommissar

Jan Weiler, der vor allem für seine humorvollen Geschichten bekannt ist, zeigt in dem Roman „Kühn hat zu tun“ eine düstere Seite. 
Es geht um den Leiter einer Mordkommission in München, der hinter seiner Gartenhecke die Leiche eines Rentners findet. Zeitgleich verschwindet ein Mädchen in einer modernen Neubausiedlung. Allein die Aufklärung dieser Fälle stellt für Kühn eine große Herausforderung dar. Der Mittvierziger ist aber auch noch als Familienvater stark gefordert und muss sich mit den Wünschen seiner Tochter, die seine finanziellen Mittel überschreiten, mit den politischen Ansichten seines Sohnes und den Bedürfnissen seiner Ehefrau auseinandersetzen. 
Jan Weiler hat eine ungewöhnliche Geschichte geschrieben, die eine kriminalistische Handlung mit Gesellschaftskritik verbindet. Nur die Zahl der Themen, denen er sich annimmt – von Flüchtlingsproblematik und Integration über Rassismus und Bürokratie bis hin zu Bausünden und Umweltverschmutzung – waren für meinen Geschmack etwas zu viel des Guten. Die detaillierte plastische Darstellung des kleinbürgerlichen Lebens mit Weilers gewohnter Lakonie hätte ausgereicht. Angenehm überrascht war ich von der Hör-CD. Der Autor liest brillant mit viel Wärme und Mitgefühl.
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Verkaufsstart

Ab sofort ist mein Roman „Glückliche Zukunft“ im Amazon Shop erhältlich!
Die Formatierung und Konvertierung in eine MOBI-Datei mit den Programmen Calibre und Kindle Previewer funktionierten einwandfrei. Innerhalb von sechs Stunden war das e-Book im Shop verfügbar. Nun kann ich mir noch überlegen, ob ich über den Dienst CreateSpace auch eine Druckversion anbiete. Wer hätte gedacht, dass man so schnell und einfach ein Buch veröffentlichen kann – wenn es erst einmal geschrieben ist.
Mich erwartet nun auch eine ‚glückliche Zukunft’, weil ich mich endlich von den Schreibstrapazen der letzten Wochen erholen kann. Bis zu meinem nächsten Roman lasse ich mir etwas Zeit. Meine Freundin hat allerdings gestern verkündet, dass sie in ihrem Urlaub viele haarsträubende Sachen erlebt hat, die Stoff für einen neuen Roman bieten würden. Ich bin gespannt auf ihre Stories heute Nachmittag.
Ich hoffe, dass Euch die Geschichte gefällt und freue mich auf Euer Feedback!
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Zwei Schwestern sorgen für Wirbel

Ein Roman, der von zwei Teenagern handelt und auch Erwachsenenherzen tief berührt, ist „Die andere Seite des Himmels“ von Jeannette Walls. Die zwölfjährige Bean steht zunächst im Schatten ihrer großen klugen Schwester Liz, die sie bewundert. Beide leiden unter der Rastlosigkeit ihrer Mutter, die auf den großen Durchbruch als Sängerin wartet. Dennoch halten sie zusammen, essen ständig Hühnerpastetchen und nennen sich stolz „Stamm der drei“.
Eines Tages verschwindet die Mutter für längere Zeit, und die Schwestern sind gezwungen, ihren Onkel Tinsley aufzusuchen. So machen sie sich auf den Weg in ihren Heimatort Byler in Virginia. Obwohl sie in der konservativen Kleinstadt immer wieder anecken, verläuft ihr Leben zum ersten Mal in geregelten Bahnen – bis sie heimlich anfangen, für den herrschsüchtigen Maddox zu arbeiten. Der Leiter der Weberei entpuppt sich als mächtigster Mann der Gemeinde und bringt Liz in große Schwierigkeiten. Der Onkel resigniert und geht jedem Konflikt aus dem Weg. So hängt das Schicksal der Schwestern allein von Bean ab.
Es ist faszinierend und bewegend zugleich, welche Wandlung das anfangs noch unbedarfte Mädchen in dieser Geschichte durchmacht und wie sie mit unbeirrbarem Gerechtigkeitssinn für ihre Schwester einsteht. Auch der Rassismus und die Vorurteile, die bei den Kleinbürgern tief verankert sind, werden thematisiert. Besonders gut gefallen hat mir die Prise Poesie, die die Autorin mit dem Auftritt zweier Emus in die Geschichte bringt und für ein fantasievolles Ende sorgt.
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Vergebliche Suche nach dem Familienglück

Treffender könnte der Titel des Romans "Die Frauen des Lazarus" von Marina Stepnowa nicht sein. Obwohl der geniale Physiker Lazarus Lindt und sein wissenschaftlicher Durchbruch genügend Stoff für eine Geschichte bieten würden, spielt er hier eher eine untergeordnete Rolle. Umso lebendiger werden die drei Frauen gezeichnet, die einen besonderen Bezug zu Lindt und seinem Aufstieg als gefeierten Wissenschaftler hatten.
Einer der spannendsten Momente war für mich die Begegnung zwischen dem bettelarmen Physiker und dem renommierten Professor Tschaldonow, der ihn in seinem Haus aufnimmt und ihm eine Stelle an der Fakultät für Physik und Mathematik verschafft. Unglücklicherweise verliebt sich Lindt in dessen gütige Frau Marusja. Seine Gefühle bleiben jedoch unerwidert. Nach Marusjas Tod verliebt er sich erneut, diesmal in Galina, die nicht gegensätzlicher sein könnte: selbstverliebt, geltungsbewusst und angsteinflößend. Galina profitiert von Lindts Aufstieg zum Jahrhundertgenie, entwickelt sich zu einer angesehenen Madame und legt sich einen Hofstaat zu. Doch auch in dieser Beziehung bleibt Lindt das ersehnte Liebesglück verwehrt. Im Gegenteil: Galina ekelt sich sowohl vor ihrem Mann als auch vor dem gemeinsamen Sohn Borik. Hier zeigt die Autorin ihre humorvolle Seite und spricht von einer Lindtophobie. Ich hatte Mitleid mit beiden Männern, besonders mit Lindt, der sich nichts sehnlicher wünscht, als eine glückliche Ehe zu führen wie seine Zieheltern. "Seine Genialität reicht nicht bis zu den simplen Gesetzen des alltäglichen menschlichen Lebens" heißt es an einer Stelle treffend.
Am Ende tritt endlich eine Frau zum Vorschein, die sich für Lindts Leben interessiert, allerdings erst nach seinem Tod. Es ist seine Enkelin Lidotschka, die sich zunächst vor ihrer unnahbaren Großmutter in ihre Bücher flüchtet und später das Familienglück findet, das sich Lindt so sehr gewünscht hatte.
Marina Stepnowa erzählt in bildhafter Sprache eine sehr bewegende Familiensaga und lässt dabei viele interessante geschichtliche Hintergründe über das Leben in Russland im 20. Jahrhundert einfließen.
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Die Verpackung

Während mein Roman lektoriert wird, kann ich mich dieses Wochenende einer gestalterischen Aufgabe widmen: dem Coverentwurf. Es heißt ja, das Cover sei das Aushängeschild eines Buches und beeinflusse die Kaufentscheidung maßgeblich, so ähnlich wie ich mich von schönen Weinetiketten zum Kauf verleiten lasse. Daher sollte ich schon ein wenig Zeit dafür investieren. Indesign und Photoshop sind dabei meine bevorzugten Programme für die Layoutgestaltung.
Noch bin ich unschlüssig, ob ich ein passendes Motiv zum Inhalt wähle oder mich für eine grafische Lösung entscheide. Vielleicht lasse ich mich inspirieren von der Stiftung Buchkunst. In einem Wettbewerb wählten zwei Expertenjurys aus insgesamt 756 eingesandten Titeln die 25 schönsten deutschen Bücher 2015 aus. Eine weitere Jury wird aus den 25 Titeln wiederum ein Buch auswählen, das am 3. September bekannt gegeben wird und den mit 10.000 Euro dotierten „Preis der Stiftung Buchkunst“ erhält.
Am 4. September starten dann die 25 Auserwählten eine Tournee von Stuttgart, über Leipzig, Hamburg, Dresden und viele weitere Städte bis Nürnberg. Vom 19. November bis 2. Dezember sind sie auch auf der 56. Münchner Bücherschau zu sehen.
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Was würde Salinger antworten?

Joanna Rakoff erzählt in ihrem biografischen Roman „Lieber Mr. Salinger“, welch bedeutende Wende der Kultautor ihrem Leben gab.
In den Neunzigern gelingt es der Ex-Studentin Joanna eine begehrte Stelle in einer New Yorker Literaturagentur zu ergattern. Dabei kennt sie sich weder in der Verlagsbranche noch mit der Arbeit einer Literaturagentin aus. Das stellt aber zunächst kein Problem dar, denn als Assistentin muss sie lediglich tagein tagaus Briefe tippen – und das auf einer altmodischen Schreibmaschine. Das einzig Interessante an ihrem Job: Es handelt sich um Salingers Fanpost, die sie beantwortet.
Zwei Dinge treiben Joanna Rakoff in erster Linie an: zum einen der starke Wunsch, zu der Agentur zu gehören und ihre exzentrische Chefin zufrieden zu stellen; zum anderen die bewegenden Briefe von Menschen, die Trost in Salingers Bücher gefunden haben. Sehr bald antwortet sie nicht mehr mit dem herzlosen Standardbrief.
Es ist interessant, dass Joanna Rakoff den Kultautor mehr durch die offenen und ehrlichen Briefe der Fans als durch seine Literatur kennenlernte. Erst nachdem sie mehrere Monate lang seine Fanpost beantwortet hat und es zu einer persönlichen Begegnung mit Salinger kommt, entschließt sie sich, den „Fänger im Roggen“, „Franny und Zooey“ und „Neun Erzählungen“ zu lesen und ist tief berührt.
Die Autorin schildert den Arbeitsalltag in einer Literaturagentur, die schwierigen Lebensbedingungen im künstlerischen Milieu und die eigenen Träume authentisch und sehr unterhaltsam.
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Der Feinschliff

Es ist fast vollbracht. Mein Roman liegt in den letzten Zügen. Dieses Wochenende geht es an den Feinschliff und dann ab ins Lektorat und Korrektorat.
Daher mache ich es heute kurz und verrate Euch nur so viel: Meine Geschichte handelt von Calinda, einer Psychologin, die mit Jobs in der Jugendhilfe und Seniorenbetreuung ihre Brötchen verdient. Unerwartet erhält sie die Chance, einen Workshop auf einem Glückskongress zu halten. Doch dann erlebt sie eine Katastrophe nach der anderen. Erst verschwindet eine Seniorin, dann taucht ihr Sohn auf und bringt ihr Leben durcheinander. Ihre positive Lebenseinstellung wird arg auf die Probe gestellt. Wird sie überhaupt in der Lage sein, einen Workshop über das Thema Glück zu halten? Lest am besten selbst! In zwei Wochen ist es soweit ...
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Tauziehen zwischen Wirklichkeit und Illusion

Steven Galloway erzählt in „Der Illusionist“ die Lebensgeschichte von Erik Weisz, der später als Harry Houdini weltberühmt wurde. In jungen Jahren lernt er als Schlossmeister alles über Schließvorrichtungen und bringt anderen bei, wie man Handschellen mit einem gezielten Schlag öffnet. Er arbeitet immer raffiniertere Entfesselungsnummern aus und begeistert damit Tausende von Zuschauern auf seinen Tourneen durch Europa und Amerika.
Houdini vermag sein Publikum zu verzaubern, doch als Leser seiner Geschichte wird man schnell entzaubert. Der Autor beschreibt sehr akribisch die Techniken der Täuschung und Houdinis Kampf gegen Spiritisten.
Die Idee, seine Biografie von seinem Zeitgenossen Martin Strauss erzählen zu lassen ist äußerst gelungen. Dieser ist nämlich Konfabulist, also jemand, der unter Erinnerungslücken leidet. Er lernte Houdini in Montreal kennen, lebte lange Zeit an seiner Seite und behauptete, ihn ermordet zu haben.
Nun bleibt es dem Leser überlassen, zu urteilen, welche Fakten wahr und welche erfunden sind. Steven Galloway treibt im Grunde das gleiche Spiel mit uns wie Houdini mit seinem Publikum. Allerdings hätte man aus dieser Idee mehr machen können. Die vielen Zeitsprünge verwirren, der teilweise dokumentarische Stil nimmt der Geschichte den Zauber und sowohl Houdini als auch Martin Strauss bleiben als Charaktere zu farblos.
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Leser wollen Schokotorten

An manchen Tagen fließen die Sätze nur so aus der Feder, an anderen doktert man ewig an einer Passage herum. In der vergangenen Woche erlebte ich eher Letzteres. Dabei mangelte es mir nicht an Ideen, um dem Roman die Form zu geben, die ich mir vorstellte.
Zunächst war ich fest entschlossen, einzelnen Ereignissen und Figuren mehr Tiefe zu geben. Ich nahm mehrere Szenen näher unter die Lupe, versuchte hinter die Fassaden zu blicken, tiefer in das Geschehen einzudringen und die Gefühle der Charaktere detaillierter offenzulegen.
Dann wieder verfolgte ich einen anderen Ansatz. Ich konzentrierte mich weniger auf die Handlung und mehr auf die Figuren, beschloss, mich von ihnen treiben zu lassen, mich mit ihnen durch die Geschichte zu bewegen. Wenn ich sie gut genug charakterisiert hatte, müsste sich doch der Rest fast von allein ergeben. Die Figuren taten das, was sie aufgrund ihrer Vergangenheit und ihres Naturells tun mussten, ritten sich selbst in allerlei Konflikte und stellten sich den Konsequenzen.
All das, was in der Theorie logisch und vollkommen nachvollziehbar erscheint, entpuppt sich in Wirklichkeit als harte Arbeit. Im Rückblick stelle ich fest, dass ich die meiste Freude an der Planung hatte: ein Konzept zu entwerfen, ein Gerüst aufzubauen und die Szenenfolge und Dramaturgie zu planen. Dieses Gerippe mit herzhaftem, saftigem Fleisch zu versehen, etwas Schmackhaftes und Genussvolles daraus zu machen – damit beginnt die extrem anstrengende Arbeit eines Schriftstellers. Leser wollen kein gesundes Knäckebrot, sie wollen cremige kalorienreiche Schokotorten. Glückt einem ein rundes Kapitel oder eine gelungene Formulierung, wird man immerhin mit einem unvergleichlichen Glücksgefühl belohnt. Ich hoffe, ich erlebe in den kommenden Wochen mehr davon.
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Praktisches Schreibwerkzeug

Mittlerweile gibt es eine Reihe von Schreibprogrammen für Autoren und Schriftsteller am Markt. Zu den Klassikern zählen Scrivener, YWriter und Papyrus Autor. Im Gegensatz zu einem reinen Texterstellungsprogramm unterstützt die Software dabei, Material zu sammeln, Schauplätze und Charaktere zu entwickeln und die Texte zu gliedern.
Ich entschied mich für das Programm Storyist, das sich vor allem an Roman- und Drehbuchautoren richtet. Es ist nur für MacOS und in englischer Sprache verfügbar, was für mich kein Hindernis ist, da ich hauptsächlich auf meinem iPad schreibe.
Man hat die Wahl zwischen einer Roman- und einer Drehbuchvorlage. Diese lässt sich inklusive Kopf- und Fußzeilen erstellen. Stile werden über das Kontextmenü zugewiesen. Sehr hilfreich sind die verschiedenen, schön gestalteten Templates, um Schauplätze, Charaktere, Szenen und Handlungsabläufe auszuarbeiten. Möchte man beispielsweise einen Charakter hinzufügen, kann man nicht nur seine persönlichen Eigenschaften und seinen Lebenslauf notieren, sondern auch Fotos zuordnen, um sich visuell inspirieren zu lassen.
Für eine Gesamtübersicht bietet Storyist eine Korkpinnwand, auf der Storyboards, Kapitel oder Fotos für das Projekt angepinnt werden können. Bisher bin ich sehr zufrieden mit der Anwendung und hoffe, dass der Export für Amazons Kindle genauso gut funktioniert.
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Produktivität erhöhen

„Ab wie viel Seiten spricht man eigentlich von einem Roman?“, fragte mich meine Freundin kürzlich, als ich ihr von meinem aktuellen Projekt zählte. Gute Frage. Ich weiß nur, dass bei diesem Schreibwettbewerb mindestens 45.000 Wörter gefordert sind. Wörter, nicht Zeichen. Bei der Zahl musste ich erst einmal schlucken.
Da ich bisher hauptsächlich Kurzgeschichten habe, kam ich im Schnitt etwa auf 10.000 Zeichen. Kurz und prägnant zu formulieren ist eher mein Ding. Nun muss ich mich ganz schön umstellen und versuchen, ausschweifender zu schreiben. Ganz hilfreich sind schon mal die Tipps der amerikanischen Schriftstellerin Rachel Aaron. In ihrem Schreibratgeber „2k to 10k“ erklärt sie, wie es ihr durch einige Kniffe gelang, ihren täglichen Wordcount deutlich zu erhöhen und schneller und effizienter zu schreiben – zum Beispiel, indem sie sich immer etwa fünf Minuten Zeit nahm für eine kurze Szenenbeschreibung, bevor sie loslegte.
In einem anderen Kapitel widmet sie sich der Romanüberarbeitung. Editieren, so Aaron, bedeute, die Perspektive vom Autor zum Leser zu wechseln. Statt eine Geschichte zu konstruieren und niederzuschreiben, versetzt man sich nun in die Lage des Lesers und versucht, in jeder Szene ein Leseerlebnis zu schaffen. Mal sehen, wie weit mir dieser Tipp helfen wird.
 
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„Das Sacher, das bin ich und sonst niemand!"

So lautete das Lebensmotto der Unternehmerin Anna Sacher. Den Namen assoziierte ich bisher nur mit der weltberühmten Schokoladentorte. Dass Anna und ihr Mann Eduard Sacher Ende des 19. Jahrhunderts zum erfolgreichsten Lieferanten von Delikatessen und Diners in Wien aufstiegen und sogar den Kronprinzen Rudolf persönlich belieferten, erfuhr ich erst durch das Buch „Das letzte Fest des alten Europa“ von Monika Czernin.
Zu dieser Zeit kam das Reisen in Mode und die Weltausstellung im Jahr 1873 sorgte für einen harten Konkurrenzkampf unter den Hotels der Stadt. Trotz der schwierigen Lage gelang es Anna Sacher durch eine gefeilte Werbestrategie ein Grand Hotel zu schaffen, in dem sich sowohl Aristokraten als auch Großbürger wohlfühlten. Czernin geht auch auf das schwere Schicksal der Dienstmädchen, Näherinnen und Fabrikarbeiterinnen ein, die zum Unterhalt der Familie beitrugen, und aus Existenznot häufig in den Selbstmord getrieben wurden.
Die Autorin entwirft ein vielseitiges Panorama der Wiener Gründerzeit und lässt die damalige Aufbruchsstimmung wieder aufleben. Leider kommt das Porträt Anna Sachers dabei ein wenig zu kurz, was an den mangelnden Quellen liegen könnte. Sie wird als lebendige und resolute Person beschrieben, doch ihre Gefühle und ihr Wesen bleiben bis zum Ende nicht richtig greifbar.
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Am Fuße der Hofstange

Die hölzerne Hofstange ist das Wahrzeichen von Pildau, imaginärer Schauplatz des Romans „Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau“. Auf einem einsamen Hof nahe der bayerisch-tschechischen Grenze leben drei Generationen – Sohn, Vater und Großvater – unter einem Dach.
Max Scharnigg erzählt die Geschichte aus der Sicht des Jüngsten, Jasper Honigbrod, der zu seinem sechsten Geburtstag ein Tagebuch von seinem Vater Max geschenkt bekommt. Am liebsten würde er es mit so spannenden Inhalten füllen wie die Gutenmorgengeschichten, die ihm sein Vater täglich vorliest. Zum Glück tut sich sehr bald eine sprudelnde Quelle für interessanten Stoff auf und zwar in der Gestalt des Findelskinds Lada.
Jaspers schüchterner und liebevoller Umgang mit dem frechen Mädchen ist wundervoll geschrieben. Auch die übrigen Figuren werden gut gezeichnet: zum Beispiel die Stiefmutter Lene-Mama, die völlig ohne Erwartungen und Ansprüche eine Lebensphase nach der anderen abhakt, als gelte es, ein vorgegebenes Pensum zu absolvieren. Oder der Großvater, der als begabter Ingenieur eine Erntemaschine erfindet. Man hat fast das Gefühl, man bekomme selbst eine leichtfüßige, märchenhafte Gutenmorgengeschichte vorgelesen.
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Motivationskiller entlarvt

In der vergangenen Woche zog ich meinen unfertigen Roman hervor und versuchte, wieder in die Geschichte hineinzufinden. Von der Grundidee war ich nach wie vor überzeugt. Auch der Szenenaufbau konnte weitestgehend beibehalten werden.
Ich fragte mich, weshalb ich die Motivation verloren hatte, weiter daran zu arbeiten und kam zu folgender Erkenntnis: Ich hatte Schauplätze und Charaktere gewählt, die objektiv gesehen, gut hineinpassten, aber einfach nicht meine Fantasie anregten. Entweder wusste ich zu wenig darüber oder die Thematik interessierte mich nicht genügend, um Recherchen anzustellen. Warum machte ich mir die Arbeit also unnötig schwer? Sofort beschloss ich, die schwierigen Szenen und Details so abzuändern, dass ich mehr aus meinem Erfahrungsschatz schöpfen kann und wieder Spaß daran habe, sie zu schreiben und auszuschmücken. Deshalb spielt meine Geschichte nicht mehr in einem Seniorenheim. Mir kam eine viel bessere Idee. Mehr verrate ich vorerst nicht.
Ich kann mich erinnern, dass K. M. Weiland in ihrem Buch „Outlining your novel“ („Wie man einen Roman plant“) einen ähnlichen Tipp gibt. Das Buch kann ich jedem empfehlen, der wissen möchte, wie man ein Romankonzept entwirft, einen Spannungsbogen aufbaut und Struktur und Szenenfolge skizziert.
Hier noch weitere gute Tipps von Weiland:
– Schreibe vorab die perfekte Rezension für deinen Roman.
– Verwende einen alten Kalender und trage die Zeitschiene und Ereignisse deiner Geschichte ein.
– Konzept, Charakter, Thema, Struktur, Szene, Ausführung und Erzählstimme sind die wichtigsten Elemente eines Romans.
– Überlege, was der Leser erwartet und überrasche sie mit dem Gegenteil.
– Jede Szene muss einen Sinn haben und die Handlung vorantreiben.
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Nüchtern bis zur Erleuchtung

Die Erzählung "Zwei Herren am Strand" von Michael Köhlmeier hat mich überrascht. Sie handelt von Winston Churchill und Charlie Chaplin und dennoch spielen Weltpolitik und Filmkunst eine untergeordnete Rolle. Vielmehr geht es um ihre enge Freundschaft und das, was sie am stärksten verbindet: der Versuch, ihre Depressionen zu bekämpfen.
Sie lernen sich auf einer Dinnerparty in Santa Monica im Jahr 1927 kennen und stellen fest, dass sie trotz unterschiedlicher Herkunft und Weltanschauungen Seelenverwandte sind. Beide werden regelmäßig von Ängsten und Schwermut – vom „schwarzen Hund“ – befallen und sinnieren über verschiedene Techniken des Selbstmords. Künftig wollen sie sich jedoch gegenseitig beistehen und „nüchtern bis zur Erleuchtung“ dem Weltschmerz entgegentreten – jeder auf seine eigene Art: Churchill widmet sich der Malerei während Chaplin die „Methode des Clowns“ empfiehlt, bei der man sich selbst lächerlich macht, damit ein Teil des Ichs über den anderen lachen kann.
Nebenbei werden biographische Momentaufnahmen und Anekdoten über ihre Zeitgenossen eingestreut. Zum Ende hin rücken die politischen Weltlage und ihr vereinter Kampf gegen Hitler stärker in den Fokus.
Bei Hörspielen stört mich oft, dass die Stimme zu aufdringlich ist und von der Handlung ablenkt, was hier jedoch glücklicherweise nicht zutrifft. Michael Köhlmeier präsentiert mit seiner zurückhaltenden und ruhigen Stimme auf sehr angenehme Art die geistreiche und zugleich melancholische Erzählung.
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Der Auserwählte

Das Buch Jonah“ von Joshua Max Feldman handelt von zwei Menschen, die auf den ersten Blick einiges gemeinsam haben: Jonah und Judith sind beide jung, karriereorientiert und gehören der New Yorker Elite an.
Jonah, ein aufstrebender Anwalt in New York, steht kurz davor, Partner der Kanzlei zu werden. Plötzlich hat er merkwürdige Visionen, die ihm die Brüchigkeit und Verletzlichkeit der Menschen vor Augen führen. Er ist immer mehr davon überzeugt, dass er – wie sein Namensvetter – von Gott auserwählt wurde, um sie von ihrem Leid zu befreien.
Judith ist seit ihrer Kindheit auf der Suche nach etwas, was sie auszeichnet. Sie glänzt durch Bestnoten in der Schule und an der Uni, verliert jedoch durch den plötzlichen Tod ihrer Eltern jegliche Ideale.
Jonah begegnet Judith in Amsterdam und ist von da an besessen von dem Gedanken, sie erretten zu müssen. Er folgt ihr bis nach Las Vegas, wo sie für einen mächtigen Casinobesitzer illegale Immobiliengeschäfte abwickelt.
Joshua Max Feldman hat hier einen wuchtig-epischen Roman über die zentralen Fragen menschlicher Existenz vorgelegt. Anhand der Protagonisten zeigt er auf beeindruckende Weise die Orientierungslosigkeit der Menschen und ihren Hang, diese durch Arroganz und übertriebene Strebsamkeit zu verdecken.
Beiden wird in dieser Geschichte ein kleiner Wink zuteil, dass es eine Alternative, eine Rettung gibt. Jonah werden durch seine „biblischen“ Erfahrungen die Augen geöffnet; Judith erlebt an einem Bach für einen kurzen Moment das Gefühl, „dass es so viel in der Welt zu geben scheint als man je fühlen, berühren oder wissen kann“. Der Autor baut die Ereignisse an den wechselnden Schauplätzen in einem dramatischen Spannungsbogen auf und entlässt die Leser mit einem grandiosen Finale.
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Challenge accepted

Letzte Woche las ich in einem Newsletter von literaturcafe.de über einen Schreibwettbewerb, der am 1. Juli angelaufen ist. Amazon, das Magazin FOCUS und der Freie Deutsche Autorenverband rufen zu dem Wettbewerb „Kindle Storyteller“ auf.
Autoren werden aufgefordert, bis zum 15. September ein noch nicht veröffentlichtes Werk auf Amazons Self-Publishing-Plattform KDP hochzuladen. Danach gilt es, auf die Gunst der Leser und einer prominent besetzten Jury zu hoffen, denn diese entscheiden über den Sieger. Als Belohnung winken der „Deutsche Self Publishing Award“, 10.000 Euro Preisgeld und eine Veröffentlichung bei Bastei Lübbe.
Ich glaube, jetzt ist es soweit. Auf meinem Rechner schlummert seit einem dreiviertel Jahr mein erster Roman, den ich auf Amazons Plattform veröffentlichen wollte. Ein aufregendes Erlebnis meiner Freundin inspirierte mich zu einer Geschichte, die ich in drei Monaten niederschrieb. Leider kam der Roman nicht über die Editierphase hinaus. Eine Idee für ein anderes spannendes Projekt lenkte mich ab (in Kürze erfahrt Ihr mehr darüber). So blieb meine Erzählung leider unvollendet und bei näherem Hinsehen merke ich, dass eine gröbere Überarbeitung vonnöten ist.  
Der Wettbewerb spornt mich an, die Sache aufs Neue anzupacken und bis zu meinem Sommerurlaub fertigzustellen. Der Zeitdruck wird mich zwingen, am Ball zu bleiben. Außerdem möchte ich meine Fortschritte jeden Samstag mit Euch teilen. So gibt es für mich kein Zurück mehr. Sieben Wochen bleiben mir bis zum Tag der Veröffentlichung am 4. September 2015.
Falls jemand von Euch ebenfalls teilnimmt, lasst es mich wissen. Los geht’s ...
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"Zwischen Verenden und Wiederauferstehung"

Nach der Audio-CD „Wunderheiler“ von Dr. Eckart Hirschhausen erlebte ich bei dem Roman „Sucht“ von Simon Borowiak das krasse Gegenteil. Nicht nur, dass die Perspektive von Arzt zu Patient wechselt, auch der Ton ist nicht mehr sanft, sondern drastisch.
Und dennoch hat auch diese Geschichte Züge einer Comedy. Sie handelt von Cromwell, der von seinen Freunden Mendelssohn und Schlomo in eine Entzugsklinik in Hamburg geschickt wird. Sie können einfach nicht mehr mitansehen, wie ihr Kumpel trotz der sieben Hausärzte an seiner Tablettensucht zugrunde geht. Außerdem brauchen sie ihn möglichst schnell wieder funktionstüchtig zurück, um zu dritt mit der frisch gegründeten Privatdetektei durchzustarten.
Die Entgiftungstherapie fordert Cromwell so einiges ab. Schon vom ersten Tag an fühlt er sich überfordert, nennt der Einfachheit halber alle Männer auf der Station Ulf und alle Frauen Sylvia, vergibt später Spitznamen wie XXL, Edgar U-Bahn und Sibi D-Zug, was bereits den lakonischen Witz, der sich durch den Roman zieht, erahnen lässt.
Dank der präzisen Beobachtungen und intensiven Sprache kann man sich gut in Cromwells Tagesablauf und seinen schwankenden Gemütszustand hineinversetzen. Beim gemeinsamen Essen versteht er nicht, warum alle so gut gelaunt sind, in den Therapiesitzungen ist er erleichtert, dass die anderen genauso fühlen wie er; Phasen der Beklemmung, Resignation und des Übermuts wechseln sich ab. Er befindet sich in einer Zone "zwischen Verenden und Wiederauferstehung".
Mit teils sarkastischem, teils albernem, aber meist messerscharfem Humor vermittelt Simon Borowiak sehr eindringlich die Qualen von Sucht und Entzug, die er aus eigener Erfahrung kennt.
 
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Medizin braucht Magie

Dr. Eckart von Hirschhausen dürfte mittlerweile jedem ein Begriff sein. Ob im Fernsehen, in Bestseller-Regalen von Buchhandlungen oder im Kundenmagazin einer Drogeriekette – überall springt einem das Lächeln des „Glücksdoktors“ ins Auge. 
In seinem aktuellen Bühnenprogramm „Wunderheiler“ widmet er sich der Schulmedizin und alternativen Heilmethoden – eine Gegenüberstellung, die erfahrungsgemäß hitzige Diskussionen entfachen kann. Auf humoristische Art erklärt der Comedy-Arzt die wundersame Wirkung von Placebo-Tabletten und nimmt überzogene Erwartungen von Patienten und abstruse Empfehlungen von Ärzten aufs Korn. Vieles hat man selbst schon in ähnlicher Form erlebt. So erhielt ein Bekannter von mir mit einer Kälteallergie tatsächlich den ärztlichen Rat, Kälte zu meiden. 
Auch in anderen Punkten kann ich ihm nur zustimmen – zum Beispiel, was für ein Wunderwerk der Körper ist, wenn man bedenkt, wie schnell eine Wunde von allein verheilt. Oder dass man, mit wenigen Ausnahmen, auf Nahrungsergänzungsmittel verzichten kann ohne Mangelerscheinungen befürchten zu müssen. Sympathisch ist, dass der Arzt rät, aus beiden Welten das Beste für sich selbst zu nutzen. Magie und Wissenschaft schließen sich nicht unbedingt aus.
Eine magische Stimmung, von der einige Besucher des Bühnenprogramms berichteten, vermag die Audioversion nicht zu vermitteln. Auch große Lacher blieben bei mir aus, doch immerhin musste ich öfters schmunzeln, zum Beispiel bei der Frage „Warum tut mein linkes Knie wegen Alterserscheinungen weh, wenn das rechte genauso alt ist?“
Nach der Sommerpause setzt der Kabarettist seine „Wunderheiler“-Tournee fort. Erster Termin ist der 15. September in Göttingen. 
 
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Zwischen zwei Leben

Wacht Kitty in einem leuchtend-gelb oder graugrün gestrichenen Schlafzimmer auf? Nur daran erkennt die Protagonistin in dem Roman "Als ich erwachte" von Cynthia Swanson, ob sie sich in der Realität befindet oder träumt. Glaubt sie zumindest. Im Laufe der Geschichte wird sie feststellen, dass sich die beiden Welten nicht so leicht unterscheiden lassen. In der einen ist sie mit einem anbetungswürdigen Mann verheiratet und glückliche Mutter von Drillingen – in der anderen ist sie Single, führt mit ihrer besten Freundin eine Buchhandlung und steht vor einer wichtigen unternehmerischen Entscheidung.
Es ist die beliebte "Was wäre wenn"-Konstruktion, mit der die Autorin Spannung aufbaut und uns die verschiedenen Phasen und Facetten von Kittys Leben erleben lässt. Anfangs kam mir der Roman wie ein leicht zu konsumierender Frauenroman ohne besonderen Tiefgang vor. Den Sprachstil empfand ich als eher einfach und unspektakulär und mit den Klischees hätte man auch etwas sparsamer umgehen können. Doch dann wirft die Handlung immer mehr Rätsel auf und man fragt sich, ob Kittys Fantasien auf ein Trauma oder eine psychische Krankheit beruhen. Auch wenn mich der Roman nicht ganz überzeugt hat, fand ich die Grundidee des Romans und die Auflösung am Ende, die ich zwar schon ahnte, recht gelungen. Wer fragt sich nicht hin und wieder, wie das Leben verlaufen wäre, hätte man andere Entscheidungen getroffen.
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Flucht in die Vogelwelt

Die Landschaft Smalands mit ihren tiefen Wäldern, üppigen Feldern, zahlreichen Seen und weitläufigen Mooren gilt als typisch skandinavisch. Inmitten dieser abwechslungsreichen Natur wächst der zwölfjährige Klas, Protagonist in dem Roman "Die Raben" von Tomas Bannerhed, auf. Sein Leben auf dem elterlichen Hof in Lyckanshöjd ist alles andere als unbeschwert: Sein Vater, der von Tag zu Tag verrückter wird und seinen Wahnvorstellungen erliegt, macht ihm schwer zu schaffen. Hinzu kommen Schuldgefühle, dass er sich der schweren Feldarbeit fernhält, statt seinem Vater zu helfen, und die Angst, den Hof eines Tages übernehmen zu müssen.
Trost findet Klas in den Wäldern und Wiesen, wo er Vögel beobachtet und ihr Verhalten studiert. Der Autor beschreibt Vogelarten, von denen ich noch nie etwas gehört habe, und ihre Rufe so detailreich, dass ich manchmal dachte, ich würde in einem Vogelkundebuch schmökern. Dafür ist Bannerheds Sprache allerdings zu poetisch. Er schildert die Sinneseindrücke des Tagträumers mal melancholisch, mal dramatisch und düster. Der experimentelle Schreibstil lässt die Grenzen zwischen Realität und Fantasie oft verschwimmen.
Am interessantesten fand ich Klas' Begegnung mit Veronica, in die er sich verliebt und der er das Reich der Vögel nahebringen möchte. Ihre spontane und ungenierte Art beeindruckt und verwirrt ihn zugleich. Leider nimmt dieser Part nur einen geringen Teil des Romans ein. So bleibt Klas die meiste Zeit der sich hinziehenden Sommermonate den finsteren Blicken und unberechenbaren Ausbrüchen seines Vater ausgeliefert. Alles in allem eine anspruchsvolle Lektüre für Liebhaber von fantasievollen Geschichten, archaischer Natur und opulenten Sprachbildern.  
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Geheimnisvolle Schokodynastie

Schokolade assoziiert man mit Ländern wie der Schweiz oder Belgien. Dabei war zu Beginn des 20. Jahrhunderts Dresden das Zentrum der deutschen Schokoladenindustrie. Die Dresdner Schokoladen-Ära brachte viele renommierte Hersteller und Chocolaterien hervor, wo sich Adel und Wohlhabende zu einer Tasse Schokolade trafen, wie es in Frankreich, Italien und Spanien schon längst Mode war.
Anna Kepler, Hauptfigur in dem Roman "Die Frauen der Rosenvilla", ist Erbin solch einer alten Schokoladendynastie und hat gerade ihre zweite Chocolaterie in der Dresdner Altstadt eröffnet. Als sie den Rosengarten ihrer Familienvilla neu anlegt, stößt sie auf ein Tagebuch einer Frau namens Emma, die vor hundert Jahren in der Villa gelebt hat. Nach und nach erfährt sie mehr über die Geschichte dreier Frauen, die einen besonderen Bezug zu der Rosenvilla hatten. 
Teresa Simon verwebt in ihrem Roman ihre Leidenschaft für Rosen und Schokolade mit einer spannenden Familiengeschichte. Mir gefiel der Kontrast zwischen den sinnlichen Beschreibungen, wenn es um die Herstellung köstlicher Pralinen oder der Auswahl exotischer Rosensorten ging, und den bewegenden Schicksalen der Frauen, die sich gesellschaftlichen Zwängen beugen mussten. 
Die wechselnden Perspektiven und die vielen Zeitsprünge waren für meinen Geschmack stellenweise zuviel des Guten. Auch die eingebaute Romanze schien mir ein wenig konstruiert. Doch der angenehm flüssige Schreibstil und der Spannungsbogen machten dies wieder wett. Eine genussvolle Sommerlektüre, bei der man in die Atmosphäre Dresdens, die Geschichte der Schokolade und in die Welt der Rosen eintauchen kann.
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Kein Anspruch auf Sicherheit

Die Glücklichen“ lautet der Titel des Debütromans von Kristine Bilkau, der in Hamburg spielt. Damit können unmöglich die Protagonisten gemeint sein, dachte ich, je näher ich sie kennenlernte. Isabell und Georg führen mit ihrem kleinen Sohn vielleicht am Anfang der Geschichte noch ein intaktes Leben, doch das Glück steht auf sehr wackeligen Beinen. Immer wieder spürt man die latente Bedrohung, dass sich die Lebensumstände im Nu ändern und die Familie aus dem Gleichgewicht bringen könnten.
Und so kommt es dann auch. Isabell kann nach der Babypause wegen Lampenfieber nicht mehr als Cellistin auftreten; Georg verliert wegen Sparmaßnahmen seinen Job in einer Zeitungsredaktion. Sie gehen unterschiedlich mit der Situation um, verspüren jedoch beide permanent den Drang, vor der Wirklichkeit zu fliehen. Isabell verkriecht sich am liebsten unter ihre Decke und verdrängt die Realität, Georg sieht sich teure Villen auf Immobilienportalen an und träumt von einem einfachen Leben auf dem Land.
Ich finde, Kristine Bilkau trifft in ihrem Roman die typischen Existenzängste einer jungen Familie in der heutigen Generation sehr genau. Das Gefühl der Überforderung und Ausweglosigkeit vermittelt sie teils einfühlsam, teils schonungslos, was sich im Vokabular der Figuren ausdrückt: „Schwächling“, „Versager“, „Es ist alles zuviel“, „Wir schaffen es nicht.“ Am liebsten möchte man dem verzweifelten Paar aufbauende amerikanische Selbsthilfebücher über positives Denken ans Herz legen. Doch schon bald werden sie erkennen, dass man im Leben keinen Anspruch auf Sicherheit hat und es allein auf die eigene Einstellung ankommt, ob man sich zu den Glücklichen zählt oder nicht.
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Gier und Rachedurst

In ihrer Studienzeit sind sie enge Freunde: Samuel, seine Freundin Nina und Samir, die Protagonisten in dem Roman "Die Gierigen" von Karine Tuil. Doch dann verliebt sich Samir in Nina, hat eine Affäre mit ihr und die Tragödie beginnt. Dass Nina bei ihrem Freund Samuel bleibt, kann Samir kaum verkraften. Seine Enttäuschung und Aggression steckt er voll und ganz in seine Karriere und arbeitet sich zu einem hochgehandelten Anwalt in New York hoch.
Ich hatte zunächst Schwierigkeiten, in die Geschichte reinzukommen, zumal ich mich nach langer Zeit wagte, mal wieder einen Roman im französischen Original zu lesen. Richtig spannend wurde es, als nach 20 Jahren Samuel und Nina mit Entsetzen ein Porträt von Samir in der New Yorker Times lesen und feststellen, dass er Teile aus Samuels jüdischer Biografie geklaut hat. Ihr Wiedersehen in einem Hotel wird so eindringlich und dramatisch beschrieben, dass man meint, das ganze Gefühlsspektrum der Figuren, von Neid, Ablehnung, Hass bis hin zur Begierde am eigenen Leib zu spüren. Dabei bietet keiner von ihnen so richtiges Identifikationspotenzial. Wie lange kann Sam, der seine wahre Identität verleugnet und vom Hass auf die soziale Ungerechtigkeit angetrieben wird, so weitermachen? Ist Samuel der Sieger, weil er dem System trotzt und die gesellschaftlichen Regeln nicht mitmacht oder ein Loser, weil er als Schiftsteller noch kein einziges Buch veröffentlich hat?
Man hat den Eindruck, dass Karine Tuil viel Herzblut in die Geschichte gesteckt hat. In ihren Beschreibungen häuft sie oft Adjektive an, so als ob sie das richtige Wort suche oder als ob sie die Sätze verdichten wollte. Ein sprachgewaltiger Roman über Diskriminierung, Lüge, Freiheit, Liebe und Erfolg.
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Die Hoffnung stirbt zuletzt

Selten wurden die Höllenqualen einer einseitigen Liebe so treffend und bewegend geschildert wie in dem Roman „Widerrechtliche Inbesitznahme“ von Lena Andersson.
Der Titel bringt die Handlung auf den Punkt und kann doppeldeutig verstanden werden: Die Protagonistin Ester wird so stark von ihren Gefühlen zu einem Mann in Beschlag genommen, dass sie ihrerseits von ihm Besitz ergreift. All das ahnt Ester noch nicht, als sie einen Vortrag über den erfolgreichen Künstler Hugo Rask vorbereitet und sich schon vor der persönlichen Begegnung in ihn verliebt.
Die Figur der Ester war mir auf Anhieb sympathisch. Mir imponierte ihr Lebenskonzept, als Dichterin und Essayistin ihre Zeit hauptsächlich damit zu verbringen, zu lesen, zu denken, zu schreiben und Gespräche zu führen. Ihre Sensibilität gegenüber der Sprache wird ihr jedoch zum Verhängnis, als sie versucht, Hugo Rask an sich zu binden: Jede Bemerkung, jedes Wort des Begehrten wird wie ein Insekt seziert, analysiert und gedeutet.
Manchmal wunderte ich mich, dass eine so kluge Frau wie Ester nicht souveräner mit der Situation umgehen kann. Aber selbst Intellektuelle, die sich philosophisch und psychologisch mit dem Thema Liebe auseinandersetzen sind vor ihren eigenen Gefühlen und dummen Handlungen nicht gefeit. Wer schon einmal unglücklich verliebt war, weiß wie weit die Selbsterniedrigung gehen kann, um nur ein Fünkchen Zuneigung zu erhaschen und seine Sehnsucht zu stillen.
Die schwedische Autorin Lena Andersson beschreibt die ganze Bandbreite von ekstatischen, absurden und ernüchternden Momenten in ihrer ganz eigenen poetischen und unverbrauchten Sprache auf literarisch sehr hohem Niveau.
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Geplatzte Lebensträume

Auf der Donauinsel beginnt und endet die Geschichte der vier Freunde Erwin, Jelly, Else und Jens in dem Roman „Am Strom“ von Killen McNeill. Kurz vor ihrem Abitur verbringen sie dort unbeschwerte Wochenenden, zelten am Fluss und blicken erwartungsvoll in ihre Zukunft. Doch dann verunglückt einer von ihnen just an dieser Stelle. Erst am Ende erfährt der Leser, was tatsächlich geschah.
Während Erwin das letzte Schuljahr wiederholt, werden Else und Jelly ein Paar und starten ein gemeinsames Leben, das fortan im Fokus der Erzählung steht. Sehr subtil beschreibt Killen McNeill, wie ihre große Liebe die ersten Risse zeigt. Else kapselt sich immer mehr von ihrem Ehemann ab und sucht ihre Erfüllung in ihrem Beruf als Lehrerin. Jelly dagegen gibt seinen Traum von einer journalistischen Karriere auf und macht sich als lokaler Kulturmanager zum Narren.
Fassungslos verfolgt man, wie Jelly sich immer mehr in sein Unglück verstrickt. Als Ausgleich für seinen Frust  sucht er Trost in Seitensprüngen, Schwindeleien und glaubt bis zum Schluss, damit durchzukommen. Geschickt verwebt der Autor Jellys wachsendes Lügenkonstrukt im Privatleben mit seinem Job, der sich um die Legendenbildung Heinrich Kühlweins unter Einsatz verrücktester Marketingmaßnahmen dreht, und lässt die Situation eskalieren.
Killen McNeill, der aus Nordirland stammt und in Mittelfranken lebt, scheint den Schauplatz seines Romans gut zu kennen. Mit vielen Details lässt er die Landschaft der Donauinsel, die Kiesstrände und die Lange Wand, die engste Stelle des Donaudruchbruchs, vor unseren Augen entstehen.
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Ein filmreifes Leben

Eigentlich hatte sich Don nur bereit erklärt, seine Memoiren verfilmen zu lassen. Plötzlich findet er sich mitten in einer Trekking Tour auf dem Inka Trail wieder und das in Begleitung einer Frau, in die er sich verliebt hat.
Wie es dazu kommt, schildert der amerikanische Schriftsteller Donald Miller in seiner ungewöhnlichen Geschichte „A million miles in a thousand years: What I learned while editing my life“. Don stellt nämlich fest, dass sein Leben nicht viel hergibt für ein gutes Drehbuch und kommt ganz schön ins Grübeln. Er beschließt fortan, so zu leben, dass es eine gute Story wird. In einem Kurs lernt er Techniken des Storytellings und versucht, sein Leben, das bisher nicht mehr als eine Kette von langweiligen Ereignissen war, neu zu schreiben.
Sein erstes Abenteuer ist die Wanderung auf dem Inka-Trail in Peru. Der Marsch von Cusco bis zur Ruinenstadt Machu Picchu ist für den nur mäßig Trainierten beschwerlich, doch Don fühlt sich lebendiger denn je. Ich hätte mir gewünscht, dass man mehr Details von dieser Tour erfährt, die ich auch gern auch mal unternehmen möchte. Doch der Autor hält sich nicht lange dort auf, denn das ist erst der Anfang von zahlreichen Erfahrungen und Herausforderungen, denen sich Don stellt.
Wer gerne schreibt oder sich für gute Stories begeistert, wird in dieser Erzählung auf seine Kosten kommen. Ein aufrüttelnder Appell, sein Leben in die Hand zu nehmen und in ein spannendes, filmreifes Drehbuch zu verwandeln.
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Picassos große Liebe

Die Stadt Hamburg ist immer eine Reise wert, doch bis 12. Juli aus einem besonderen Grund: Seit April ist dort die Ausstellung „Picasso in der Kunst der Gegenwart“ zu sehen. Anlässlich ihres 25-jährigen Bestehens zeigen die Deichtorhallen rund 200 Leihgaben aus der Londoner Tate Modern und dem Centre Pompidou. Das Thema: Picassos Einfluss auf die internationale Kunst. 
Eine gute Begleitlektüre dazu ist der im März erschienene Roman „Madame Picasso“. Anne Girard schildert darin nicht nur die Liebesbeziehung zwischen Picasso und seiner zweiten Frau Eva, sondern auch wie Picasso von seinen Zeitgenossen gesehen und verehrt wurde.
Zunächst lernen wir die junge Eva Gouel kennen, die nach Paris gezogen ist, um dem eintönigen Leben in ihrer Heimat Vincennes zu entfliehen. Sie will teilhaben an dem pulsierenden und glamourösen Leben der französischen Hauptstadt. Dafür hat sie sich den eleganten Namen Marcelle Humbert zugelegt und eine Stelle als Näherin im Moulin Rouge angetreten. Anfangs ist sie noch unsicher, unbedarft und bescheiden, doch ziemlich rasch entwickelt sie sich zu einer selbstsicheren und zielstrebigen Frau. Die beachtliche Verwandlung hat sie vor allem einer Person zu verdanken: Pablo Picasso.
Die beiden begegnen sich das erste Mal in einer Ausstellung im Palais des Arts., wo sie das berühmte Gemälde „Le bonheur de vivre“ von Henri Matisse bewundern. Die Anziehungskraft zwischen den beiden ist so groß, dass Picasso nicht nur die Beziehung zu seiner Lebenspartnerin Fernande Olivier beenden, sondern für Eva bereit ist, ein völlig anderer Mensch zu werden: vom eitlen, vergnügungssüchtigen Egoisten und Verführer zum hingebungsvollen, treuen Ehemann.
Bei der Lektüre fühlte ich mich an meine Studienzeit erinnert, in der ich mich mit Begeisterung mit Romanen und Kunstwerken von Picassos Zeitgenossen wie Rimbaud, Maupassant, Apollinaire, Braque und Derain beschäftigte. Der Roman ist eine sehr lebendig und einfühlsam erzählte Liebes- und Lebensgeschichte einer Frau, der es gelang, einen Frauenhelden wie Picasso zu zähmen.
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Eine Köchin reist durch die Weltpolitik

Überwältigt von den vielen Eindrücken kehrte ich letzten Samstag Abend von einer Welt- und Zeitreise durch ein Jahrhundert zurück. Mit von der Partie waren Rose, Hauptfigur in dem Roman "Ein Diktator zum Dessert" von Franz-Olivier Giesbert, und ihr Salamander und beste Freundin Theo.
Rose, die mit 105 Jahren ihre Memoiren verfasst, wäre gern zu einer anderen Zeit auf die Welt gekommen. Doch es ist das "Jahrhundert der Mörder". Als Armenierin erlebt sie den Völkermord durch die Türken und verliert dabei ihre Familie. Als Lustsklavin gelangt sie nach Marseille und wechselt dort ihren "Job" zur Mülltonnenplünderin. Erst als sie von einer Bauernfamilie in der Provence aufgenommen wird, findet sie zum ersten Mal so etwas wie ein wohlbehütetes Zuhause und ihre große Liebe. Doch das Glück währt nicht lang. Der plötzliche Tod der Adoptiveltern und eine Hetzjagd auf ihren Geliebten Gabriel, der für einen Juden gehalten wird, zwingt das Paar, zu dessen Onkel nach Paris zu flüchten.
Schon an dieser Stelle meint man, Rose habe mit ihren 18 Jahren so viel erlebt, wie andere nicht mal im ganzen Leben. Doch ihre turbulente Reise durch Länder und die Weltpolitik geht in einem rasanten Tempo weiter. In Paris eröffnet sie ihr Restaurant "La Petite Provence" und bekocht Himmler, Sartre und Beauvoir. Nach den Stationen New York, Chicago, Berlin, Gmund und Peking, wo sie mit der maoistischen Politik konfrontiert wird, kehrt sie in ihre Wahlheimat Marseille zurück.
Rose ist eine Figur, die einem immer stärker ans Herz wächst. Zugegeben, ihre moralischen Prinzipien sind fragwürdig, wenn sie sich für jeden Verlust, den sie erleidet, persönlich rächt, um ihren Seelenfrieden wiederzufinden. Andererseits kennt ihre Opferbereitschaft und Selbsterniedrigung keine Grenzen, wenn es um ihre geliebten Menschen geht. Bewundernswert ist, wie die nicht enden wollenden Schicksalsschläge ihrer Lebensfreude nichts anhaben können. Das Trendwort "Resilienz" erfährt hier eine völlig neue Dimension. 
Ich finde, der deutsche Titel ist unglücklich gewählt. Der Originaltitel "La cuisinière d'Himmler" (Die Köchin von Himmler) trifft es besser. Ansonsten hat der Roman in jeder Hinsicht meinen Geschmack getroffen, was wohl an den gelungenen Zutaten liegt: eine originelle Story, eine gut gezeichnete Protagonistin mit Zügen einer Antiheldin, politisches Hintergrundwissen, spannende Schauplätze und faszinierende Fabulierkunst. Vielleicht werde ich eines von Roses Rezepten nachkochen, die im Buch enthalten sind, um den Lesegenuss bald wieder zu beleben.
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Opfer. Täter. Mitläufer.

Der Mordfall, der die Geschehnisse in dem Roman "Wolfsstadt" von Bernd Ohm ins Rollen bringt, könnte aus einem skandinavischen Krimi stammen: Eine Gelegenheitsprostituierte wird mit abgetrennten Gliedmaßen in einem See gefunden. Hier hört allerdings jegliche Gemeinsamkeit auf. Der Leichenfundort ist nämlich der Langwieder See in München und der Ermittler ein Kommissar aus Mahlow in Hinterpommern.
Man schreibt das Jahr 1948. Der Kripobeamte Fritz Lehmann hat in den US-Kriegsgefangenenlagern englisch gelernt und will in der bayerischen Hauptstadt ein neues Leben beginnen. Er geht in Bars, hört Jazzmusik und versucht, unter der amerikanischen Besatzung seinen Platz zu finden. Nachts wird er jedoch von Alpträumen heimgesucht: Seine Vergangenheit als Mitglied der OrPo und vor allem eine Massenerschießung im ukrainischen Sarny, an der er beteiligt war, quält ihn immer wieder – erst recht, als ihn sein aktueller Fall zu jüdischen Überlebenden des Holocausts führt. Parallel observiert er seit Monaten den einstigen Sturmbannführer Nowak, mit dem er noch eine Rechnung zu begleichen hat.
All das wird im Bewusstseinsstrom der Hauptfigur erzählt. Manchmal kam es mir so vor, als würde ich in einer Kneipe einem Bekannten lauschen, der in einem nicht enden wollenden Redefluss den Arbeitsalltag im Polizeipräsidium in der Ettstraße, Verfolgungsjagden am Isarhochufer, wo ich noch vor kurzem gewohnt habe, und was ihm dabei durch den Kopf geht, schildert. Mit viel Ironie beschreibt er aus Lehmanns Perspektive das Auftreten der Amerikaner: „...so freundlich und überlegen und ein bisschen amüsiert, dass man da so ein ulkiges deutsches Tierchen vor sich hat, auch so ein bisschen lauernd, ... ganz aus sich heraus kommen die nie vor einem Deutschen, weil man ja schließlich auch besiegter Feind ist.“ 
Man wünscht sich, er möge immer so fortfahren in diesem lockeren Ton, doch dann schlägt sein Stil rigoros um, wenn er mit verstörender Präzision die Gräueltaten der Naziverbrecher beschreibt. In seinem Autorenblog erklärt Bernd Ohm, der in Augsburg unter anderem Neuere und Neueste Geschichte studierte, warum er sich so intensiv mit dem Thema beschäftigt hat: Nachdem er in geschichtswissenschaftlichen Werken keine überzeugende Erklärung für die Ursachen des Holocausts finden konnte, wagte er den Versuch, durch eine fiktive Erzählung Einblick in den Geist der Menschen, die damals am Werk waren, zu bekommen. Sein 500 Seiten starker Debütroman über Mörder mit schlechtem Gewissen und Opfern, die selbst zu Mördern werden, erfordert Zeit und volle Aufmerksamkeit, doch die Lektüre ist lohnenswert.
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Tango und Cash

So hieß doch mal eine amerikanische Actionkomödie aus den 80er Jahren. Der Titel würde auch gut zu der Erzählung "Fast ein bisschen Frühling" von Alex Capus passen, die ich zufällig entdeckt und in einem Rutsch gelesen habe. 
Im Mittelpunkt stehen nicht zwei Polizisten aus L.A., sondern zwei deutsche Ingenieure aus Wuppertal. Kurt Sandweg und Waldemar Velte besuchen im Jahr 1934 in Basel jeden Mittag die Schallplattenverkäuferin Dorly Schupp im Kaufhaus Globus, kaufen eine Tango-Platte, die sie nachmittags auf ihrem Zimmer rauf und runter hören, nehmen in ihrem Stammlokal beim Basler Centralbahnhof ein Abendessen ein und gehen abends mit Dorly und ihrer Freundin Marie Stifter am Rhein spazieren. Ein ganz und gar nicht ungewöhnlicher Alltag zweier junger Burschen, hätten sie nicht zuvor zwei Banken ausgeraubt und mehrere Menschen erschossen. 
Die Hauptfiguren dieses Kurzromans, der auf einer wahren Begebenheit beruht, sind schon ein seltsames äGespann. Seit ihrer Kindheit schütteln sich Kurt und Waldemar jeden Tag zur Begrüßung die Hand, tragen Knickerbockers und teure Tweedmäntel. Ihren ersten Bankraub verüben sie am 8. November 1933 in Stuttgart, um dem Nazideutschland den Rücken zu kehren und in Indien ein neues Leben zu anzufangen. Als dabei der Kassierer stirbt, sind sie wie Bonnie und Clyde ständig auf der Flucht. Mit den erbeuteten 1.250 Reichsmark kommen sie allerdings nicht wie erhofft nach Indien, sondern gerade mal nach Paris.
Ihre Erlebnisse lesen sich teilweise wie Zeitungsmeldungen, dann wieder wie ein Reisebericht der etwas anderen Art. Von "den surrealistischen Ausstellungen, mageren Mädchen, Boxkämpfen und der Wichtigtuerei" der französischen Hauptstadt haben die beiden schnell die Nase voll. Ihr Urteil über Marseille fällt nicht minder hart aus: die "Operettenlandschaft", die Palmen, Rebbergen, Luxushotels und Wildpferde seien genau so, wie sich deutsche Pensionisten Südfrankreich vorstellten. 
Man wird nicht ganz schlau aus den zwei Charakteren: die Frohnatur Kurt und der grüblerische Waldemar, beide einerseits charmant, verträumt und nostalgisch, andererseits kaltblütig und gefährlich, wenn sie ihre Verbrechen begehen, die sie als akiven Widerstand gegen die Nationalsozialisten sehen. Ihr Schicksal ist nicht tragischer als das von Marie Stifter, der Großmutter der Erzählerin, die ihr Leben lang unter einer arrangierten unglücklichen Ehe mit dem Sohn einer gleichrangigen Familie leiden muss.
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"Vom Träumen ist noch niemand satt geworden"

So lautet das Lebensmotto des Unternehmers Friedrich Gehringer, zentrale Figur des Romans „Als Träume fliegen lernten“ von Heike Fröhling, und prägt damit das Leben seiner Familie über mehrere Generationen. Auch Enkelin Luisa ordnet sich gehorsam unter und übernimmt das finanziell angeschlagene Möbelhaus Gehringer von ihrer Mutter.
Die einzige Frau, die sich bis zum Schluss diesem Leitspruch widersetzt hat, ist die verstorbene Großmutter Enriqua. Dies jedoch erfahren Luisa und ihre Tochter erst, als während Renovierungsarbeiten Briefe und Tagebücher der Großmutter entdeckt werden. Darin schildert die einstige spanische Balletttänzerin ihre erschütternde Ehe mit Friedrich in den 1930er Jahren.
Zuvor hatte Enriqua die Welt bereist und mit den Ballettgrößen der Welt getanzt. Tanzen ist ihre Berufung und Leidenschaft – dafür würde sie alles tun. Die aus finanzieller Not geschlossene Vernunftehe mit Friedrich droht jedoch, ihren Lebenstraum zunichte zu machen. Ihr Ehemann ist kalt und grausam, hat die Verfügungsgewalt über das Geld, das Haus und das Personal. Als Enriqua heimlich eine Anstellung als Kindermädchen findet und Tanzunterricht gibt, schöpft sie Hoffnung, doch das Glück ist nur von kurzer Dauer.
Der Leser bekommt abwechselnd Einblick in Enriquas tragisches Leben und Luisas mühevollen Alltag in der Gegenwart. Die Betreuung ihrer demenzkranken Mutter, die Erziehung ihrer Tochter Melina, die das Studium abgebrochen hat und die Rettung des Familienbetriebs lasten schwer auf ihren Schultern. Was kann sie aus Enriquas Tagebüchern und der Enthüllung eines schockierenden Familiengeheimnisses lernen?
Die Autorin und erfolgreiche Selfpublisherin Heike Fröhling arbeitet die Schicksale der vier Frauen und deren Gefühle sehr gut aus. Man fragt sich, welche Aspekte sich in ihren Geschichten wiederholen werden. Dass Enriqua trotz der körperlichen und psychischen Grausamkeiten, die sie erleiden muss, bei ihrem Ehemann bleibt, ist in der heutigen Zeit undenkbar. Verpflichtungen gegenüber der Familie dagegen können leider auch heute noch einen Menschen daran hindern, seine Träume zu verwirklichen.
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Die Eiskönigin von Amerika

Das Wetter weckt noch keine rechte Lust auf Eis, aber der Roman "The Ice Queen of Orchard Street" ("Die Königin der Orchard Street") von Susan Jane Gilman durchaus. Er handelt von Malka Treynovsky, die 1913 als kleines Mädchen mit ihrer Familie von Russland nach Amerika geht und auf ein besseres Leben hofft. Im Einwandererviertel auf der Lower East Side von New York lebt sie zunächst in bitterster Armut. Als Malka von einem Pferdewagen überfahren und schwer verletzt wird, nimmt sie der Fahrer und Eishersteller Papa Dinello in seine Obhut und verändert damit ihr Leben. Von ihm lernt Malka das Handwerk der Eiscreme-Herstellung von der Pike, baut ein Imperium auf und wird zu Lilian Dunkle, der Eiskönigin Amerikas. 
Die Leidenschaft für Eiscreme prägt ihr Leben. Die Stimme ihres Lieblinssängers Johnny Cash ist für sie wie kochendes 'Hot Fudge', eine brodelnde Karamell- und Schokosoße. Als sie ihren Ehemann Bert kennenlernt, plant sie ihre Schwangerschaft außerhalb der Eis-Hauptsaison. Sie denkt sich laufend neue Sorten aus, experimentiert mit Zutaten wie Pistazien, Zimt, Maronenpüree, gehackten Kirschen oder Marsalawein und versucht, die Konsistenz zu optimieren. Bei den Beschreibungen läuft einem förmlich das Wasser im Mund zusammen. 
Malka ist eine zwiespältige Figur. Mal zeigt sie ihre kindliche und leidenschaftliche Seite als Ehefrau, die ihren Mann vergöttert, dann wieder tritt sie als skrupellose Geschäftsfrau auf, die vor keinem Mittel zurückschreckt, um ihr Unternehmen zu retten. Zu Beginn verfolgt man mit großem Vergnügen ihren Fleiß und ihren Erfindungsreichtum. In der zweiten Hälfte des Romans wird die Story allerdings etwas langatmig.
Immerhin erfährt man nebenbei viel Interessantes über die Anfänge und Entwicklung von Eiscreme sowie das Leben der Einwanderer. Die Orchard Street in New York war seit Mitte des 19. Jahrhunderts der Anlaufpunkt für Einwanderer, darunter unzählige jüdische Familien. Dort befindet sich heute das Tenement Museum, in dem man mehr über die Lebenssituation der Einwanderer zu Beginn des 20. Jahrhunderts und die Vermischung der unterschiedlichen Kulturen und Länderküchen erfahren kann.
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Auf den Kopf gestellt

„What I wish I knew when I was 20“. Wenn das mal kein gelungener Buchtitel ist. Mich hat es auf jeden Fall neugierig gemacht, zu erfahren, was Tina Seelig gern schon mit 20 Jahren gewusst hätte. Denn die Amerikanerin ist nicht nur Buchautorin, sondern auch Wissenschaftlerin und Professorin. Als Geschäftsführerin und Mibegründerin des „Stanford Technology Ventures Program“ an der Stanford University hält sie Kurse über Kreativität, Innovation und Unternehmertum und wurde mehrmals für ihre Arbeiten ausgezeichnet.
In ihrem Buch beschreibt sie viele interessante Kreativitätsübungen, die sie mit ihren Studenten durchführt. Beim Brainstorming werden beispielsweise nicht nur die besten Ideen, sondern auch die schlechtesten Ideen gesammelt. Selbst in der schlechtesten Idee ließe sich etwas Verwertbares und manchmal völlig Neuartiges finden.
In einer anderen Übung wird jeder Gedanke zu einem Thema auf den Kopf gestellt. Auf die Weise entstand anscheinend die Idee für den „Cirque du Soleil“. Alles, was den klassischen Zirkus ausmachte, wurde umgekehrt. Aus einem Event für die breite Masse mit Clowns und Tieren entstand eine gehobene Veranstaltung für einen kleinen Kreis mit akrobatischen Darbietungen. 
Alte Denkmuster sprengen, sein Wissen und seine Erfahrungen auf unkonventionelle Art neu kombinieren und „das Unmögliche denken“ – mit diesem Ansatz ist man auf dem besten Weg, seine Kreativität anzuspornen.
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Auf falscher Fährte

Karen Joy Fowler lockt in ihrem Roman „We are completely besides ourselves“ den Leser auf eine völlig falsche Fährte. Rosie, die Ich-Erzählerin erzählt zu Beginn von einem traumatischen Kindheitserlebnis: dem Verschwinden ihrer Schwester Fern, gefolgt vom Verschwinden ihres Bruders Lowell sechs Jahre später. Der Leser rätselt, was dahinter steckt: ein Verbrechen oder ein Familiengeheimnis? Erst mehrere Kapitel später wird man von einer Wende überrascht und in ganz andere Gefilde geführt, nämlich in Verhaltensforschung und Tierpsychologie.
Man begleitet Rosie in verschiedenen Lebensphasen mit mehreren Zeitsprüngen. Als Studentin an der Universität Davis im Jahr 1996 versucht sie, ihre schwierigen Jugendjahre und emotionalen Verletzungen zu verarbeiten. Die Schilderungen wirken wohl deshalb so lebendig und bewegend, weil Karen Joy Fowler Autobiographisches in den Roman einfließen lässt wie die Schauplätze Bloomington in Indiana und Palo Alto in Kalifornien. Wie Rosie unterrichtete auch sie an der UC in Davis und ihr Vater war ebenfalls Verhaltensforscher.
Es ist eine engagiert und intelligent erzählte, sehr ungewöhnliche Familiengeschichte, die Themen wie Menschlichkeit, Wissenschaft und Ethik auf den Grund geht.
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"Ein Niemand stirbt in einem Niemandsdorf"

So sehen die Bewohner in einem abgelegenen Dorf nordwestlich von Hannover anscheinend den Mord, den man an Choya, einer Frau indianischer Herkunft, verübt hat. Nur Christian Falk nicht. Die Figur aus dem Roman "Das Raunen der Toten" von Oliver Becker ist skeptisch, dass sich die Kriminalpolizei Barghude richtig um den Fall kümmern wird, zumal Choya, als Hure abgestempelt, keinen guten Ruf genoss. Wütend über die Gleichgültigkeit der Dorfbewohner und trägen Ermittlungen nimmt Christian die Sache selbst in die Hand und bringt sich durch sein ungestümes Verhalten in Verdacht. Er bereut immer mehr, dass er mit Choya nicht in Kanada geblieben ist, wo er sie kennengelernt hatte.
Die Einzige, die zu ihm hält, ist Vera Novian, eine weitere zentrale Figur der Geschichte. Einst studierte sie in Hannover und arbeitete sich in einem Verlag hoch. Dann kehrte sie in ihre Heimat zurück und zog mit dem Schriftsteller Marcus zusammen, der offensichtlich etwas zu verbergen hat. 
Es ist ein eigenartiges Dorf und eine befremdliche Atmosphäre, die der Autor heraufbeschwört. Ein Ort, an dem man sicher nicht begraben sein möchte. Unsympathische Bewohner, Apathie und Düsterheit sind allgegenwärtig. Man fragt sich, warum es Christian und Vera um Himmels willen wieder in ihr Heimatdorf zurück verschlagen hat. Der Mord an Choya bringt stückchenweise die persönlichen Geheimnisse aus der Vergangenheit ans Licht und macht den Krimi zu einer spannenden und psychologisch interessanten Lektüre.
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Rettet Edie

Die Fastenzeit ist vorbei und man kann sich guten Gewissens wieder auf seine Essvorräte stürzen. Ziemlich hemmungslos tut dies Edie Middlestein in dem Roman "Die Middlesteins". Jami Attenberg beschreibt in ihrem amerikanischen Bestseller eine jüdische Familie, die in einem Vorort von Chicago lebt und durch die Ess-Sucht der Mutter auf eine harte Probe gestellt wird. 
Zu Beginn der Geschichte ist Edie noch ein Kind und wiegt 28 kg. 240 Seiten später bringt sie stolze 150 kg auf die Waage. Welche Schichten von Erlebnissen und Wunden sie sich in dieser Zeit angefuttert hat, erfahren wir aus der Sicht der verschiedenen Familienmitglieder. Ehemann Richard zum Beispiel kommt mit Edies Obsession und Launen nicht mehr klar und verlässt sie nach vierzig Jahren Ehe, um ein neues Leben anzufangen. Tochter Robin, Sohn Benny und seine Frau Rachelle dagegen bemühen sich, Edie zu retten und die Familie zusammenzuhalten.
Trotz aberwitziger Versuche wie die Bewachung des Kühlschranks durch die Zwillingsenkel oder die Recherche von Fitnesstrainern isst Edie unaufhaltsam weiter. Welche Bedeutung das Essen für sie hat, wird in einer Szene besonders deutlich: Sie vergleicht die eingekauften Lebensmittel, die sie auf dem Esstisch abgelegt hat, mit guten Freunden, die auf einen netten und geselligen Kaffeeklatsch mit ihr warten. Erschwerend hinzu kommt, dass ihr neuer Liebhaber ein begnadeter Koch ist und ihr ständig köstliche Gerichte zubereitet. So bleibt Edies Ess-Sucht nicht ohne Folgen. Sie erkrankt an Diabetes, leidet unter einer Herzschwäche und ist drauf und dran, sich zu Tode zu essen.
Wie Jamie Attenberg die Familie als Mikrokosmos beschreibt, ist warmherzig, witzig und besticht durch psychologischen Tiefgang.
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Illusion einer perfekten Ehe - 2

Vater und Sohn begegnen sich vor dem Prado in Madrid und ab da nimmt die Geschichte eine bedeutende Wende. Doch bis dahin legt die Familie Petersen in dem Roman "Us" ("Drei auf Reisen") von David Nicholls einige Meilen zurück. Der letzte Familienurlaub von Ich-Erzähler Douglas, seiner Frau Connie und Sohn Albie steht bevor. Bevor Albie das Elternhaus verlässt, um Fotografie zu studieren, wollen seine Eltern mit ihm eine Rundreise durch Europa unternehmen. Douglas hat die Route, die von London aus nach Paris, Amsterdam, München, Verona, Venedig, Rom, Barcelona und Neapel führt, akribisch geplant.
Er könnte die Europareise so schön genießen, wären da nicht zwei kleine Aspekte, die seine Freude beeinträchtigen: Zum einen das schwierige Verhältnis zu seinem Sohn, der viel lieber Party auf Ibiza machen würde als mit den Eltern Museen abzuklappern; zum anderen Connies Offenbarung kurz vor der Reise, sie plane nach dem Urlaub einen Neuanfang – und zwar ohne ihn.
Während wir mit dem Dreiergespann amüsante bis haarsträubende Situationen auf den verschiedenen Reisestationen erleben, erfahren wir in Rückblicken, wie sich Douglas und Connie kennengelernt haben. Hier erinnerte mich die Geschichte an wenig an den Roman "The Odds" von Stewart O'Nan, in der sich ein Ehepaar kurz vor der Trennung ebenfalls auf eine Reise begibt und ihre Vergangenheit Review passieren lässt. 
Douglas Entschluss, sowohl seine Frau als auch seinen entfremdeten Sohn zurückzugewinnen, festigt sich immer mehr, obwohl die Umstände völlig dagegen sprechen. Die Strapazen, die er dafür auf sich nimmt, erreichen in Madrid und Barcelona seinen Höhepunkt. 
Ähnlich wie in dem erfolgreichen Liebesroman "Zwei an einem Tag" beschreibt David Niccolls auch diesmal wieder sehr treffend und mit seinem britischen Humor die Bandbreite zwischen puren Glücksmomenten und niederschmetternden Katastrophen. Dabei bezieht der Roman seine Dramatik sowohl aus den wechselnden Schauplätzen als auch aus dem Gefühlschaos des Protagonisten.
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Nimm' eins, gib' eins

Die Anschaffung eines E-Book-Readers vor zwei Jahren war eine der besten Entscheidungen. Sonst wüsste ich nicht, wohin mit den 186 Büchern, die sich mittlerweile auf meinem Kindle angesammelt haben.
Mangels Platz in der Wohnung hätte ich vielleicht eine „Little Free Library“ vor der Haustür aufgebaut. Es gibt sie tatsächlich: Minibibliotheken, die wie ein Vogelhäuschen an einen Baum gehängt oder am Straßenrand aufgestellt werden. Statt Vögel lockt es Lesehungrige mit Büchern, von denen man sich – wenn auch schweren Herzens – getrennt und der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt hat. Jeder, der vorbeikommt, darf kostenlos ein Buch mitnehmen und stellt dafür ein anderes Buch hinein.
Die Idee stammt aus den USA. Todd Bol aus Hudson in Wisconsin bastelte 2009 ein kleines Modell in Form eines Schulhauses, füllte es mit Büchern und stellte es in seinen Garten. Er widmete den öffentlichen Bücherschrank seiner Mutter, einer ehemaligen Lehrerin, die leidenschaftlich gern las. Das Konzept fand Nachahmer und so entstand einige Zeit später die Plattform littlefreelibrary.org. Inzwischen gibt es mehr als 15.000 Little Free Libraries in 62 Ländern, auch in Deutschland. In München befinden sich öffentliche Bücherschränke zum Beispiel am Nordbad, in Schwabing oder in Haar.
Ich habe schon Anleitungen gesehen, wie man sich so ein wasserdichtes Schränkchen basteln kann. Spannend wäre zu beobachten, welche Bücher entnommen und welche hineingelegt werden. Eine nette Art, mit Passanten und Nachbarn ins Gespräch zu kommen und Empfehlungen auszutauschen.
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Genetischer Komponist auf der Flucht

Würde ich mich in der Musikgeschichte und -wissenschaft besser auskennen, hätte ich mich wohl leichter getan bei der Lektüre von Richard Powers’ „Orfeo“. Erzählt wird die Geschichte von Peter Els, einem ehemaligen Musikprofessor an der Ostküste der USA. Sein neues Hobby seit der Pensionierung: die Züchtung von Bakterien, um sie als Speicher- und Verbreitungsmedium für seine Musik zu nutzen.
Als die Home-Security in sein Labor stolpert und einen arabischen Notendruck aus dem 16. Jahrhundert entdeckt, beginnt eine verrückte Jagd auf den vermeintlichen Bioterroristen. Währenddessen erinnert sich Peter Els an seine Beziehungen in der Vergangenheit wie zu seiner Jugendliebe, seiner geschiedenen Frau und zu seiner Tochter.
Stephen Kurtz, einem bioArtisten ist es vor zehn Jahren so ergangen wie dem Protagonisten. Nach seiner Verhaftung wegen Bioterrorismus musste er jahrelang um seine Rehabilitierung kämpfen.
Wieder einmal widmet sich Richard Powers seinen Lieblingsthemen Literatur und Wissenschaft und zelebriert seine große Leidenschaft für die  Welt der Musik. Die intensive Beschreibung von Geräuschen, Tönen, Harmonien und Melodien bereiten auch Musiklaien großes Lesevergnügen.
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Der Traum von einer großen Zukunft

Ein Geschäftsmann, ein Dienstmädchen und die Stadt Bangalore sind die Protagonisten in dem Roman „The Hope Factory“ ("Die Farben der Hoffnung") von Lavanya Sankaran. Die indische Millionenmetropole hat einen großen Einfluss auf die Lebenswege der zwei gegensätzlichen Figuren.
Anand Murthy ist ein erfolgreicher Unternehmer und kurz davor, einen bedeutenden Auftrag an Land zu ziehen. Für die Expansion seiner Fabrik benötigt er Bauland und Geld, doch wegen der korrupten Verhältnisse gestaltet sich das Unterfangen immer schwieriger.
Kamala arbeitet als Dienstmädchen für Anands Frau Vidja und teilt sich eine kleine Wohnung mit ihrem Sohn. Er soll es einmal besser haben als sie selbst und sie arbeitet hart dafür, ohne sich über die Launen ihrer Herrin zu beklagen.
Der Leser verfolgt deren Schicksale vor der beeindruckenden Kulisse Bangalores. Die Entwicklung von einem verschlafenen Dorf zu einer wirtschaftlich boomenden Metropole mit 8 Millionen Einwohnern ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich Indien in den letzten zwei Jahrzehnten verändert hat. Lavanya Sankaran wirft ein authentisches Bild ihrer Heimat mit all ihren Widersprüchen – der immensen Dynamik und Kreativität einerseits, den korrupten und unzuverlässigen Strukturen andererseits und wie Menschen aus verschiedenen Klassen trotz aller Hindernisse zielstrebig und voller Hoffnung ihren eigenen Weg gehen.
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Von der Kunst gerettet

Die Stadt New York wird immer wieder gern als Filmkulisse gewählt, doch meines Wissens hatte sie noch nie das Vergnügen, musikalisch mitzuwirken. Bis der großartige Film „Can a song save your life“ von John Carey gedreht wurde. Es ist eine Liebeserklärung von einem Iren aus Dublin an Manhattan.
Die Geschichte handelt von Mark und Gretta, die beide ihre Orientierung im Leben verloren haben und durch die Musik ihren Lebenssinn wiederfinden. Sie tun sich zusammen, um ihr eigenes Album zu produzieren und dies auf höchst ungewöhnliche Weise. Statt im Studio nehmen sie ihre Songs an den verrücktesten Plätzen New Yorks auf: in einer Seitengasse, auf einem Dach, im Central Park oder in der U-Bahn. Ob Gehupe oder Presslufthammer – die geballte akustische Energie New Yorks fließt in die Balladen der Songwriterin Gretta ein.
In meinem Post über den Film „Die Herzogin“ erwähnte ich schon mal, wie sehr ich die vielseitige Schauspielerin Keira Knightley schätze. Ihr bemerkenswertes Talent stellt sie wieder einmal unter Beweis – diesmal als Sängerin mit einer überzeugenden Natürlichkeit und als junge Frau, die wieder voller Hoffnung in die Zukunft blickt. Am schönsten finde ich die Szene, in der sie und Mark, gespielt von Mark Ruffalo, sich durch das nächtliche New York treiben lassen und gemeinsam Grettas Playlisten anhören.
MIr gefällt außerdem, dass der Film den Zeitgeist widerspiegelt. Warum einen unlukrativen Plattenvertrag abschließen, wenn man mit Fantasie, Improvisationsvermögen und auf unkonventionellem Wege ein Album selbst produzieren kann? Mark und Gretta gelingt es, etwas ganz Einzigartiges zu schaffen. Kann ein Song das Leben retten? Die Antwort lautet glücklicherweise ja.
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Fantastisch-schaurige Kindheitserinnerungen

Heute werden sich viele Fans von Neil Gaiman auf seinen Auftritt im City Recital Hall in Sydney freuen. In einer musikalischen Lesung begleitet vom FourPlay String Quartet liest der britische Schriftsteller aus verschiedenen Werken – sicherlich auch aus seinem Roman „The ocean at the end of the lane“ ("Der Ozean am Ende der Straße"), der 2013 die Auszeichnung „Buch des Jahres“ in Großbritannien erhielt.
Gaiman hat darin Erinnerungen aus seiner Kindheit zu einer schaurigen und symbolträchtigen Geschichte verarbeitet. Sie beginnt mit einer Beerdigung, die einen Mann mittleren Alters an den Ort führt, wo einst sein Elternhaus stand. Ein Ententeich am Ende der Straße weckt seine Erinnerungen an mysteriöse und grausame Vorfälle, die er als Siebenjähriger erlebte.
Zu Beispiel an einen Untermieter, der nicht nur sein Kätzchen totfuhr, sondern Selbstmord beging und damit ein unheimliches Wesen aus einer anderen Dimension anlockte. In der Gestalt eines blonden Kindermädchens verführte es seinen Vater. Viel verstörender ist jedoch das Verhalten des Vaters, der eines Tages versucht, seinen Sohn in der Badewanne zu ertränken.
Neil Gaiman hat auf bemerkenswerte Weise die Fantasien eines Kindes und typischen Ängste vor der Erwachsenenwelt und deren Unberechenbarkeit zu einer schaurigen Erzählung verdichtet.
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Vom Schicksal gebeutelt

Heute stelle ich Euch einen älteren Roman vor, dessen Titel so skurril ist wie die Geschichte selbst: „Hendrikje vorübergehend erschossen“ von Ulrike Purschke. Sie handelt von der 34-jährigen Hendrikje Schmidt, die sich eigentlich selbst umbringen wollte. Statt dessen sitzt sie im Gefängnis Santa Fu, weil sie den Tod von 1,5 Menschen auf dem Gewissen hat und erzählt der Psychotherapeutin Doktor Palmenberg, wie es zu der Tragödie kam.
Ihr Leben ist zunächst unspektakulär. Sie teilt sich mit ihrer Großmutter eine Wohnung, arbeitet tagsüber als Kellnerin in einem Café und malt abends Bilder in einem kleinen Atelier. Doch an einem Weihnachtsabend erfasst sie eine Unglückswelle: Zuerst verlässt sie ihr Freund Ernst, dann stirbt die Oma und zu guter Letzt brennt ihr Atelier mit all ihren Gemälden, die sie auf einer bevorstehenden Ausstellung zeigen wollte, ab. Völlig verschuldet, allein gelassen und unglücklich beschließt sie, sich das Leben zu nehmen. Doch sogar dieser Versuch geht schief.
Als sie ihre vermeintlichen Freunde beim zweiten Selbstmordversuch um Unterstützung bittet, stirbt nicht sie, sondern zwei ihrer Freunde. Schließlich findet sie Unterschlupf bei Bruno, einem Stammgast im Café.
Diese Hendrijke muss man trotz ihrer Naivität und Unbedarftheit einfach gern haben. Obwohl sie von allen ständig ausgenutzt wird, verliert sie nie den Glauben an das Gute im Menschen. Ein warmherziger, wendungsreicher und vergnüglicher Roman mit viel Sprachwitz und originellen Einfällen.
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Vom DNA- zum Cocktail-Experten

Ich mag Geschichten, die von schrägen Menschen handeln. Daher hatte ich einen Heidenspaß bei der Lektüre des Romans „The Rosie Project“ von Graeme Simsion.
Es geht um den Genetik-Experten Don Tillman, der an einer Universität in Melbourne lehrt und sich auf Genetik spezialisiert hat. Er ist überintelligent, attraktiv, gut trainiert durch regelmäßiges Aikido-Training, aber sozial leider völlig inkompetent. Daher gestaltet sich die Partnersuche für ihn sehr schwierig. Hinzu kommt, dass er den Zeitaufwand dafür auf ein Minimum beschränken will.
So macht er aus der Partnersuche ein wissenschaftliches Projekt, entwickelt einen 16-seitigen Fragebogen und geht strikt systematisch vor. Dann schneit Rosie in sein Leben. Sie raucht, ist chaotisch, arbeitet in einer Bar und ist auch in vielen anderen Punkten auf den ersten Blick inkompatibel. Doch ihr persönliches Anliegen, ihren leiblichen Vater zu finden, bindet Don stärker an diese Frau, als ihm lieb ist. Die Suche nach Rosies Vater ist ihm auf einmal wichtiger als nach einer perfekten Ehefrau.
Welche Abenteuer das ungleiche Paar erlebt, ist höchst amüsant zu lesen – besonders ein Ehemaligen-Treffen, bei dem Don als Barmixer zur Höchstform aufläuft. Durch Rosie gelingt es ihm, sich umzukonfigurieren und die schönen Augenblicke des Lebens zu genießen. Spannend bis zum Schluss bleibt natürlich die Frage, wer von den vielen möglichen Kandidaten nun Rosies Vater ist.
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Totale Transparenz

Die Welt, die Dave Eggers in seinem Roman „The Circle“ zeichnet, wäre für mich der reinste Alptraum. Beängstigend ist, dass sie der Realität gefährlich nahe kommt.
Für die Romanheldin Mae Holland dagegen geht ein Traum in Erfüllung, als sie ihre neue Stelle in dem kalifornischen Internet-Unternehmen Circle antritt. Für sie ist die Firma „ein perfektes System von perfekten Menschen geschaffen“.
Nach dem Motto „Jeder hat das Recht, alles zu wissen“, will der Circle sämtliche Informationen über die Menschen verfügbar und zugänglich zu machen. Zu diesem Zweck werden überall auf der Welt Kameras installiert und Programme entwickelt, die die Vorfahren jedes Individuums zurückverfolgen oder den Gesundheitszustand permanent kontrollieren.
Mae stürzt sich mit großem Ehrgeiz auf ihre Aufgaben und glänzt durch Höchstleistungen. Nebenbei wird von ihr erwartet, an Meinungsumfragen teilzunehmen und Meldungen aller Art zu kommentieren und zu bewerten. Nur so könne jeder einzelne der Gemeinschaft nützen.
Der Roman bringt genau den Zwiespalt zum Ausdruck, den ich oft verspüre: auf der einen Seite der Wunsch, sich mit anderen in einer Community auszutauschen, auf der anderen Seite seine Privatsphäre zu schützen. Ich möchte nicht wissen, was für ein präzises Profil der Circle anhand meines Blogs erstellen würde.
Der Roman ist fesselnd und schürt zugleich die Angst vor Digitalmächten und Datenmissbrauch.
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Geliebtes und gehasstes Bayern

Eine Ausstellung ganz anderer Art besuchte ich kürzlich in München. Für mich war es die erste literarische Schau, die sich um ein einziges Buch dreht und zwar „Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz“ von Lion Feuchtwanger. Es ist schon eine Weile her, dass ich das Buch gelesen habe, wobei mir sein Roman „Die Geschwister Oppermann“ etwas besser gefiel.
In „Erfolg“ entwirft Feuchtwanger ein facettenreiches Bild Bayerns und seiner Heimatstadt München in den frühen 1920er Jahren. „Das Land Bayern ist der eigentliche Held meines Romans“ sagte er. Er beschreibt eine Gesellschaft, die noch an Traditionen und Brauchtum festhält und sich mit der unaufhaltsamen Industrialisierung, Motorisierung und Elektrifizierung schwertut.
Die Typologie der Menschen, von Kleinbürgern und Fabrikanten über Handwerker und Ingenieure bis hin zu Schriftstellern und Künstlern, nimmt er besonders genau unter die Lupe. Daher fand ich auch die visuelle Umsetzung sehr gelungen: Die Haupt- und Nebenfiguren hängen als lebensgroße Pappfiguren im Raum und werden einzeln charakterisiert. Zeitgenössische Filme, Fotos, persönliche Dokumente und historische Objekte veranschaulichen die Kernthemen des Romans und die historischen Hintergründe. Mit einem Audioguide kann man sich die passenden Textpassagen in Erinnerung holen.
Das wäre ein Traum, so eine literarische Ausstellung einmal selbst zu konzipieren. Sie ist noch bis 15. Februar 2015 im Literaturhaus München zu sehen.
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Die fünf Geheimnisse des Lebens

"The five secrets you must discover before you die" ("Die fünf Geheimnisse, die Sie entdecken sollten, bevor Sie sterben"). Der Titel macht neugierig, oder? Man fragt sich zwar langsam, welche 1.000 Städte, 101 Restaurants, Geschäfte und was nicht noch alles man in seinem Leben gesehen haben muss, wenn es nach den zahlreichen Buchtiteln geht. Trotzdem wollte ich keinesfalls die fünf Geheimnise des Lebens erst mit 80 Jahren entdecken und bereuen, dass ich nicht eher darauf gekommen bin. Also las ich die Studie von Dr. John Izzo, Leiter eines international tätigen Beratungs- und Trainingsunternehmens in New York.
Was mich dann tatsächlich beeindruckt hat, waren nicht so sehr die Erkenntnisse selbst, sondern vielmehr die Art und Weise, wie der Autor John Izzo diese evaluiert hat. Er ließ sich von einigen tausend Menschen weise, ältere Menschen vorschlagen. Aus den rund 1000 vorgeschlagenen Personen wählte er 250 aus, die er einzeln interviewte. Die Ergebnisse dieser Gespräche verdichtete er in fünf grundlegende Lebensweisheiten. 
Es sind die persönlichen Geschichten dieser Menschen, die mich berührt haben. Fast hatte ich das Gefühl, ich würde selbst mit ihnen sprechen und Einblick in ihre Erfahrungen bekommen. Mit meiner 94-jährigen Oma würde ich mich gern einmal über den Sinn des Lebens austauschen, nur leider trennen uns 9.000 Kilometer. 
Eine der fünf Weisheiten lautet "Lebe so, dass Du später nichts bereust". Mit seinem Traumprojekt zu scheitern sei lange nicht so tragisch wie es gar nicht erst versucht zu haben. In dem Zusammenhang fällt mir der Satz "Take a risk everyday" ein - ein Motto, das mir gut gefällt und mein Vorsatz für das Neue Jahr werden könnte.
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Durch die Brille der Literatur

Kürzlich stellte ich das Buch „Lost for words“ vor, das einen satirischen Blick auf die Verleihung des „Man Booker Prize“ wirft. Nun fiel mir zufällig ein Buch in die Hände, das auf der Long List eben dieses Preises stand: „The History of the rain“ von Niall Williams.
Es geht um die Liebe zur Poesie und Literatur. Die 19-jährige Ruth Swain ist durch eine Krankheit ans Bett gefesselt. Trost findet sie in den 3.958 Büchern, die ihr verstorbener Vater hinterlassen hat, und die sie nacheinander verschlingt. Sie betrachtet ihr Leben und die Welt durch die Brille der Literatur. Mit Hilfe der Erzählungen und Romanfiguren, die Schriftsteller wie Elisabeth Gaskell, Charles Dickens und Robert Louis Stevenson geschaffen haben, versucht Ruth ihre eigene Lebensgeschichte und die ihrer Vorfahren zu verstehen und weiterzugeben.
Sie holt weit aus, um die Leser in ihre Welt einzuladen, beginnt mit ihrem Großvater Abraham, der Bücher über Lachsfischen schrieb, erzählt von der Begegnung zwischen ihren Eltern und widmet den Hauptteil den schriftstellerischen Versuchen ihres Vaters Virgil. Die irische Gemeinde Faha, in der sie lebt, beschreibt sie so minuziös wie einst Balzac. Stellenweise fand ich die langen Ausführungen ermüdend, doch ihre fantasievollen Metaphern, in denen Flüsse und Regen eine zentrale Rolle spielen, machen die Längen wieder wett.
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Parodie auf Literaturbetrieb

Ich habe mich schon oft gefragt, was sich bei der Verleihung eines Literaturpreises hinter den Kulissen so abspielt. Dass dabei Literatur eine eher sekundäre Rolle spielen kann, zeigt der amüsante Roman „Lost for words“ („Der beste Roman des Jahres“) von Edward St Aubyn. Der Literaturpreis ‚Elysia’ soll für den besten Roman des Jahres vergeben werden – sicherlich eine Anspielung auf den wichtigsten englischen Literaturpreis ‚Man Booker’.
In einem Zeitraum, der sich von der Jury-Besetzung bis zum Abend der Preisverleihung erstreckt, kreuzen sich die Wege von literarischen Debütanten, überforderten Jurymitgliedern, Lektoren und Schauspielern. Sie alle haben weniger die Literatur im Sinn, als viel mehr ihre eigenen Interessen und Ziele. Hauptsächlich sind sie damit beschäftigt, Intrigen zu spinnen, zu verführen und um Anerkennung zu buhlen.
Ein versehentlich eingereichtes indisches Kochbuch sorgt außerdem für Furore. So weit hergeholt fand ich die Idee nicht, wenn man bedenkt, wie Bücher, die vom Kochen, Essen und deren Kombination handeln, den Markt überschwemmen.
Als Sohn einer der ältesten englischen Adelsfamilien weiß Edward St Aubyn, wovon er spricht, wenn er den Snobismus der Oberschicht und die Kulturelite überspitzt parodiert. „Lost for words“ erhielt zwar nicht den Preis für den besten Roman des Jahres, aber passenderweise für den lustigsten Roman des Jahres.
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Kein typischer Heimatkrimi

'Ein bayerischer Krimi’ steht auf dem Cover, doch die Handlung im Roman „Waidwund“ von Max Stadler geht weit über die bayerischen Grenzen hinaus.
Ein scheinbar harmloser Chat auf Facebook, ein Mord in der Oberpfalz, eine Protestaktion von Jugendlichen, eine Safari in Kenia – und obendrein ein herumstreunender Elch, der keine unbedeutende Rolle spielt. Wie passt das alles zusammen, fragt sich der Leser und wird nach und nach in die Geschehnisse hineingesogen.
Den Tod des reichen Großgrundbesitzers Hans Nübler könnte so mancher auf dem Gewissen haben. Feinde hatte er genug. Doch als sein Sohn in Afrika ebenfalls von der Bildfläche verschwindet, wird klar, dass es sich um eine perfide geplante Tat handelt. Die Hauptfigur Kommissar Leitner zeigt allerdings keinen großen Tatendrang bei der Lösung des Falls. Seine teils spöttischen, teils gleichgültigen Kommentare lassen die humoristische Ader des Autors aufblitzen.
Mir hat gefallen, wie vielschichtig der Roman ist. Die Aufklärung der Morde ist nur ein Aspekt. In parallelen Handlungssträngen lässt Max Stadler verschiedene Interessensgruppen agieren und zeigt, wozu Menschen – nah und fern – fähig sind, wenn sie von Habgier getrieben werden. Mal wirft er einen kritischen Blick auf die Energie- und die Immigrationspolitik, dann wieder versetzt er sich in die Gefühlswelt der heutigen Jugend.
Besonders spannend für mich ist natürlich der Wechsel der Schauplätze. Die Idylle am Lake Nakuru in Kenia wird ebenso atmosphärisch beschrieben wie die karge Landschaft nahe der tschechischen Grenze.
Für alle, die keinen 08/15 Krimi lesen wollen, ist Stadlers literarisches Debüt, das im Oktober erschienen ist, eine klare Leseempfehlung.
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Lebe deinen Traum

Von Entwurzelung und Neuanfang handelt der wunderbare Roman „The Road Home“ ("Der weite Weg nach Hause") von Rose Tremain. Im Mittelpunkt steht Lev, Anfang 40, der ein glückliches Leben in seiner osteuropäischen Heimat führt. Er ist mit der schönen Marina verheiratet, hat eine kleine Tochter, schätzt seine Familie und Freunde, selbst die harte Arbeit im Sägewerk. Sein Leben ändert sich schlagartig, als seine Frau an Leukämie stirbt und sein Sägewerk zudem schließt. Die Trauer lähmt ihn lange Zeit, bis er den Entschluss fasst, nach London aufzubrechen.
Lev hat nur ein Ziel: Arbeit zu finden und Geld zu seiner Mutter und Tochter zu schicken. Das gestaltet sich jedoch schwierig in der fremden und hektischen Großstadt, in der er nur schwer zurecht kommt. Doch so leicht gibt er nicht auf, findet schließlich einen Job als Tellerwäscher in einem Restaurant und entdeckt seine Leidenschaft für das Kochen.
Mich hat vor allem Levs persönliche Entwicklung und sein Mut, trotz zahlreicher Rückschläge etwas Verrücktes zu wagen und seinen Traum zu verwirklichen, berührt. Rose Tremain schreibt sprachgewandt und witzig und jongliert geschickt zwischen Heiterkeit und Schwermut.
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Entgleiste Beziehung

Meine Mutter flog kürzlich von einer strapaziösen Japanreise nach Düsseldorf zurück und freute sich auf elf ungestörte Flugstunden. Doch daraus wurde nichts, denn der einzige alleinreisende Deutsche im ganzen Flieger saß ausgerechnet neben meiner Mutter und quatschte sie stundenlang voll. Er war wohl dankbar, jemandem, die endlich deutsch verstand, sein Herz ausschütten zu können.
Man kann sich seinen Sitznachbarn eben nicht aussuchen. So wie Cécile, die in dem Roman "6 Uhr 41",  ebenfalls ein anstrengendes Familien-Wochenende hinter sich hat und sich im Zugabteil plötzlich neben ihrem Ex-Liebhaber Philippe wiederfindet.
Bis es zu einer Konversation auf der Strecke zwischen Troyes und Paris kommt, muss sich der Leser jedoch gedulden. Keiner traut sich, den anderen anzusprechen. Statt dessen versinken sie jeder in ihre Gedankenwelt und lassen ihre Beziehung, die 30 Jahre zurückliegt, Revue passieren. So erfahren wir jeweils aus der Sicht des anderen immer mehr Details über die Charaktere, ihre Gefühle und ihr letztes gemeinsames Wochenende in London. 
Interessant fand ich die Schilderung, wie es zum Bruch zwischen Cécile und Ludec kam. Der Anblick ihres Knies auf dem Beifahrersitz war der Auslöser, dass Ludec die Beziehung beendete. Alles, was er an ihr nicht mehr mochte, konzentrierte sich auf einmal in diesem unschuldigen und harmlosen Knie. Auch wenn das Gefühl des Bedauerns, das sich durch den Roman zieht, stellenweise deprimierend ist, hat mir die feine und subtile Erzählung der Wiederbegegnung gut gefallen. 
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Schönheitswettbewerb für Bücher

Welches Buch hat das schönste Cover, das ansprechendste Layout oder die ungewöhnlichste Veredelung? Buchliebhaber haben auf www.beautyandbook.com ihre Wahl getroffen. Unter den circa 600 Einreichungen stimmten sie für das Buch "Und dann platzt der Kopf" der Leipziger Illustratorin Christina Röck. Auf der Frankfurter Buchmesse wurde das Bilderbuch für Erwachsene mit dem "Beauty and Book Award" ausgezeichnet. 
Der große Vorteil von E-Books ist, dass man endlich mehr Platz im Regal hat für all die schön gestalteten Bände. Dazu zählt zum Beispiel "The Crafter`s Devotional" von Barbara R. Call. mit 365 inspirierenden Ideen. Jeder Wochentag ist einer bestimmten kreativen Tätigkeit gewidmet wie Tagebuch führen, mit Materialen experimentieren, Collagen kreieren, Gegenstände verfremden und vieles mehr. 
Die abgebildeten Beispiele verschiedener Künstler wecken Erinnerungen und Lust, wieder ganz altmodisch zu Papier und Schere zu greifen. Was habe ich als Kind viel gebastelt. Mit meiner Freundin stellte ich gebundene Hefte her, Lesezeichen, Schachteln, Wandschmuck etc. Anregungen dieser Art findet man mittlerweile in zahlreichen Blogs. Doch manchmal möchte man ganz altmodisch ein schön aufgemachtes Buch in die Hand nehmen und darin blättern.
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Es begann in einem Sommercamp

Ausgangspunkt für die Figuren und deren Lebensentwürfe in dem Roman „The Interestings“ („Die Interessanten“) von Meg Wolitzer ist ein Sommercamp an der amerikanischen Ostküste. ‚Spirit-in-the-woods‘ heißt das Camp für kreative Jugendliche, wo die 15-jährige Jules aus der Provinz im Jahr 1974 die fünf privilegierten New Yorker Ethan, Ash, Goodman, Cathy und Jonah kennenlernt. Sie alle haben ein künstlerisches Talent, das sie im Feriencamp ausleben und entfalten können. Aus Spaß nennen sich die Freunde "The Interestings", wobei Jules von allen den stärksten Wunsch hat, etwas Besonderes zu sein.
Doch wie sieht das Leben nach der Schulzeit aus? Cathy Kiplinger gibt ihren Traum, Tänzerin zu werden auf, und entscheidet sich für einen Job im Kapitalmarkt. Ethan dagegen gelingt es, seine künstlerischen Ambitionen in eine durchschlagende Karriere im Filmgeschäft umzuwandeln. 
Besonders vielschichtig fand ich Jules Figur. Sie grübelt ständig und analysiert alles – ihre persönliche Entwicklung seit dem Sommercamp, ihre aktuelle Beziehung zu Dennis, der im Gegensatz zu ihr zufrieden und genügsam ist, die Ehe zwischen ihren Freunden Ash und Ethan. 
Anfangs störte mich der ständige Wechsel zwischen Erinnerungen und dem Alltagsleben, was den Lesefluss unterbrach. Doch mit der Zeit gewöhnt man sich an den Rhythmus und versteht Zusammenhänge und Gedankengänge der einzelnen Personen sogar besser. Was Jugendliche aus ihren Talenten und Träumen machen oder nicht machen und welche gesellschaftlichen Veränderungen sie über vier Jahrzehnte lang miterleben, zeigt Meg Wolitzer in ihrer Charakterstudie eindrucksvoll und unterhaltsam. Das Leben der sechs Freunde verläuft vielleicht anders als erhofft, doch als Romanfigur hat jeder Einzelne das Label "Interesting" verdient. 
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Sehnsucht nach der Einst-Welt

Wie erzählt man von seinen Kindheitserinnerungen ohne dass es trivial klingt? Botho Strauss, der im Dezember 70 Jahre alt wird, gelingt das kleine Kunststück in seinem aktuellen Buch „Herkunft“.
Der Autor wuchs in dem beschaulichen Kurort Bad Ems an der Lahn auf. Nun soll sein Elternhaus in der Römerstraße 18 aufgelöst, „seine Kindheit entrümpelt“ werden. Es ist eine Kindheit, in der sein Vater eine zentrale Rolle spielte.
Die Geschichte liest sich zeitweise wie eine Charakterstudie des Vaters. Botho Strauß vermittelt uns ein facettenreiches Bild des Pharmazeuten und dessen großen Träumen, die er nie verwirklichen konnte. Respekt und großes Mitgefühl schwingen zwischen den Zeilen mit. Poetisch und liebevoll beschreibt der Autor mehrere Seiten lang die Hände seines Vaters und was sie für ihn bedeuteten.
Man hat den Eindruck, der Abschied von der „Einst-Welt“ fiele ihm schwer. Dabei betrachtet Botho Strauß seine Kindheit weniger als etwas, das ihn geprägt und ihn zu dem gemacht hat, was er ist. Vielmehr versetzt er sich sehnsüchtig in diese unbeschwerte Zeit zurück, die damals noch frei von allen verfälschten Erinnerungen war, die sich im Laufe der Zeit zwangsläufig ansammeln.
Bis vor einigen Jahren tendierte ich noch dazu, an vergangenen schönen Erinnerungen zu hängen und zu bedauern, dass diese Zeit endgültig vorbei ist. Der amerikanische Schriftsteller Michael C. Rann hat mich eines Besseren belehrt: „There is absolutely no limit on wonderful times, and there is absolutely no limit on wonderful people“ schrieb er. Wie wahr! Mit dieser Einstellung könnte man jederzeit die Gegenwart so frisch und befreit erleben wie Botho Strauß einst seine Kindheit.
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Schmökerparadies

Ich muss gestehen, dass ich Museen nicht nur wegen der Kunstausstellungen oder der schönen Architektur besuche. Unumgänglich ist der anschließende Abstecher in den Museumsshop. Für das Stöbern und Schmökern plane ich mindestens genauso viel Zeit ein wie für den Kunstgenuss.
Woran liegt es nur, dass mich schon beim Betreten des Ladens Euphorie übermannt? Dafür finde ich nur eine Erklärung: Ein Museumsshop vereint auf kleinstem Raum all die Dinge, die mein Herz höher schlagen lassen wie Kunst, Design, Literatur, Papeterie – und das Ganze in äußerst konzentrierter Form.
Auf kleinstem Raum befindet man sich im wahrsten Sinne des Wortes im Shop der HypoKunsthalle in den Fünf Höfen. Dort muss man sich mühsam an den Besuchern vorbeiquetschen und erhascht mit viel Glück hier und da einen Blick auf die Auslage. Weitaus entspannter geht es im Shop der Pinakothek der Moderne zu. In dem sehr großzügig gestalteten Raum sind die Artikel nach Farben sortiert und man kann sich in aller Ruhe von einem Farbtisch zum nächsten voranarbeiten.
Immer wieder entdecke ich tolle Bildbände oder sehr spezielle Fachliteratur und Geschichtensammlungen, die man in Buchhandlungen vergeblich suchen würde. Schreib- und Bastelbücher für Kinder und Erwachsene machen Lust, sich kreativ zu verausgaben. Man stößt auf so viele Themen, mit denen man sich gern näher beschäftigen würde wie Fotografie, Mode, Stilrichtungen ... Ein wundervoller Ort voller Ideen und Inspirationen. 
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Geballte Jugendstil-Architektur

"Jugendstil heißen die Stühle, auf denen man nicht sitzen, Schränke, in die man nichts hineintun, Gläser, aus denen man nicht trinken, Löffel, mit denen man nicht essen kann. Es ist zum aus der Haut zu fahren", soll der deutsche Dichter Hanns von Gumppenberg einmal gesagt haben. Da ist was Wahres dran, doch die wunderschöne Optik macht alle Nachteile wieder wett.
Nirgends in München findet man Jugendstil-Architektur in so geballter Form wie in Schwabing, stellte ich kürzlich fest. So wie ich in Manhatten vor jedem Skyscraper Halt machte, blieb auf meiner Erkundungstour zwischen Martiusstraße und Elisabethblatz der Blick immer wieder an den grandiosen Häuserfassaden hängen. Ein Gebäude, das mir wegen der farbenprächtigen Details besonderes gefiel, war die Pfauenapotheke am Leopoldpark. Im Schweifgiebel ist ein Pfauenpaar zu sehen, darunter ein Schlangenpaar, eine Jagdszene und ein gebändertes Früchteband. 
Ein Tag später fiel mir in einem Museumsshop das Buch "Jugendstil in München" in die Hände. Als ich es aufschlug, war auf der ersten Doppelseite just das Pfauenhaus abgebildet. Was für ein Zufall. Ich entdeckte noch mehr Beschreibungen von Jugendstilhäusern, die ich am Tag zuvor ausgiebig fotografiert hatte. Wer sich für die Stilrichtung interessiert, kann in dem reich bebilderten Buch interessante Hintergründe über die Architekten und die damalige Zeit erfahren. 
So konnte ich nachlesen, dass die Pfauenapotheke 1904 von dem Ungar Ferenc Nyilas im Stil der Wiener Schule gebaut wurde. Die Farben leuchten deshalb so intensiv, weil witterungsbeständige Mineralfarben verwendet wurden, wie sie erst seit 1878 gebräuchlich sind. Geht man weiter die Friedrichstraße entlang, stößt man auf Häuser mit großflächigen Fassadendekorationen, in denen Anfang des 20. Jahrhunderts Maler und Schriftsteller wie Wassily Kandinsky, Franz Marc, Rainer Maria Rilke und Thomas Mann wohnten. Ich versetzte mich in die Zeit zurück, in der die Schwabinger Bohème in der aufstrebenden Literatur- und Verlagsstadt München Kunst und Kultur schuf und Zeitschriften wie Simplicissimus und PAN herausgab.
Noch mehr Jugendstil-Juwele sind in der Martius-, Franz-Joseph-, Nikolai, Gedon- und Ohmstraße zu finden – und natürlich in anderen Stadtteilen, die ich nun dank des erworbenen Büchleins genauer studieren kann.
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Wahrnehmungstäuschungen

Für die aktuelle Ausgabe des BÜCHER Magazins habe ich den Roman "Nichts davon stimmt, aber alles ist wahr" von Larissa Boehning rezensiert. Schon den Titel finde ich gelungen und auch die Geschichte, die in Hamburg spielt, überzeugt. Warum erfahrt Ihr hier
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Die seltsame Spezies Mensch

So könnte laut dem Schriftsteller Matt Haig ein Alien uns Menschen also sehen: ein hässliches Wesen und Verpackungskünstler, der viel Zeit mit belanglosen Nachrichten und zeitraubender Lektüre verschwendet. Tja, wir haben es eben nicht so gut wie die Bewohner des Planeten Vonnadoria, die mal eben mehrere Buchbände in den Mund werfen und sich kauend die Inhalte einverleiben können.
In seinem Roman "The Humans" ("Ich und die Menschen") zeichnet Matt Haig zunächst ein sehr abstoßendes Bild von uns Menschen und unseren Macken. Aus Sicht der Vonnadorians sind wir psychologisch völlig unterentwickelt. Daher schicken sie auch einen ihrer Spezies mit einer wichtigen Mission auf die Erde – getarnt als 43-jährigen Mathematik-Professor Andrew Martin, Ehemann und Vater, der an der Cambridge University lehrt.
Schon der Anfang ist urkomisch: Die erste Zeitschrift, die Andrew in die Hände fällt und die er genau studiert, um sich ein Bild von den Menschen zu machen, ist ausgerechnet die Frauenzeitschrift 'Cosmopolitan'. Was anfangs wie eine bitterböse Satire daherkommt, entwickelt sich jedoch zu einer in allen Facetten lebensbejahenden und herzerwärmenden Geschichte. Schöner kann man das, was die Menschen menschlich und das Leben lebenswert macht, kaum erzählen.
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Phoksoliva!

Während meines Urlaubs in Rethymnon las ich passenderweise einen Roman, der auf einer fiktiven griechischen Ferieninsel spielt. Die Verwechslungskomödie "Skios" ("Willkommen auf Skios") von Michael Frayn ist gespickt mit Slapstick, Satire, aber auch philosophischen Gedanken und rast auf ein fulminantes Ende zu. 
Die Handlung: Hochrangige Gäste aus aller Welt sind zu einer Lesung des renommierten Dr. Norman Wilfred in der Fred Toppler Stiftung geladen. Doch anstelle des Wissenschaftlers erscheint Oliver Fox im luxuriösen Stiftungssitz und führt die Gäste an der Nase herum. Am Flughafen wurde er von der Assistentin der Mäzenin versehentlich für den Gastredner gehalten und seitdem gelingt dem Spontan-Hochstapler die Charade erstaunlich lang.
Währenddessen landet der echte Gelehrte in einer fremden Villa bei einer fremden Frau im Bett. Es handelt sich um eine Zufallsbekanntschaft von Oliver Fox, die vergeblich auf ihren Geliebten wartet. Als Olivers Ex-Freundin und Besitzerin der Villa auch noch unerwartet auftaucht, ist das Chaos perfekt. Hätte Dr. Norman Wilfred die wiederholten Rufe des Taxifahrers "Phoksoliva" nicht für ein griechisches Grußwort gehalten, wäre alles vielleicht anders verlaufen. 
Die Identität eines anderen anzunehmen, bietet ohnehin viel Stoff für einen spannende Geschichte. Noch interessanter wird das Ganze, wenn man die Wege der zwei Personen parallel verfolgt. Während Oliver Fox immer mehr in die Rolle des Wissenschaftlers hineinwächst, fühlt man mit Letzterem mit, dem man nicht nur die Identität, sondern auch die ganze Show gestohlen hat. 
Als der Schwindel auffliegt, spitzt sich die Situation an beiden Schauplätzen zu und die niedersten Instinkte der Menschen kommen zum Vorschein – ein augenfälliger Kontrast zu den hohen Werten, die die Stiftung repräsentiert. Ich hatte lange nicht mehr so viel Spaß beim Lesen. Man kommt fast in Versuchung, sich spaßeshalber auch einmal für eine andere Person auszugeben und zu sehen, was passiert.
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Von Künstlerin zur Kämpferin

In dem Roman „Honigtot“ fühlte ich mich ein wenig an „Adams Erbe“ von Astrid Rosenfeld erinnert. Hanni Münzer erzählt von Felicity, die ihrer Mutter nach Rom nachreist und von der tragischen Lebensgeschichte ihrer Vorfahren im Dritten Reich erfährt.
Der Rückblick beginnt bei ihrer Urgroßmutter Elisabeth, einer erfolgreichen und angesehenen deutschen Opernsängerin. Mit ihrem jüdischen Ehemann Gustav und ihren zwei Kindern führt sie in München eine glückliche Ehe, die jedoch durch den Nationalsozialismus immer mehr in Bedrängnis gerät. Schließlich ist die Familie gezwungen, ihre Flucht nach London zu planen.
Auf einmal sah ich meinen Wohnort mit ganz anderen Augen, wenn Hanni Münzer deren Wohnung am Prinzregentenplatz, das Gefängnis in der Ettstraße oder die Treffen im Ratskeller am Marienplatz beschrieb. Durch ihre sorgfältigen Recherchen und ihre lebendige Sprache fühlte ich mich in die faschistische Zeit zurückversetzt. Mit Elisabeth und später ihrer Tochter Deborah reiste ich imaginär von München nach Berlin, Zürich, Wien und schließlich nach Krakau.
Am meisten hat mich Elisabeths Wandlung bewegt, die sich aus ihrer unschuldigen Musikwelt hinauswagt, in Berlin alle Hebel in Bewegung setzt, um ihren verschollenen Mann aufzuspüren, und für ihre Familie kämpft. Trotz des bedrückenden Themas verschlingt man jede Seite, weil es Hanni Münzer bestens versteht, packend und aufwühlend zu schreiben.
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Was im Leben zählt

Grace Lisa Vandenburg zählt seit ihrem 8. Lebensjahr alles, was ihr in die Quere kommt: die Stufen zu ihrem Haus, die Schritte zur Schule, die Streusel auf ihrem Kuchen. Mittlerweile ist sie 35, hat ihren Job als Lehrerin verloren und lebt nach einem strikt geordneten Tagesablauf, der ihr Halt im Leben gibt.
Um auf ihre bevorzugte Zahl 10 zu kommen, stibitzt sie eines Tages im Supermarkt eine Banane aus dem Korb eines anderen und lernt so Seamus Joseph O‘Reilly kennen. Sie verliebt sich in den lebensfrohen und lässigen Kerl und vergisst in ihrer Begeisterung bisweilen sogar das Zählen.
Wie die beiden trotz ihrer Zwangsneurose zueinander finden, erzählt Toni Jordan aus Brisbane in ihrem Roman "Addition" ("Tausend kleine Schritte") sehr einfühlsam und mit einem Augenzwinkern. Durch die Ich-Perspektive bekommt der Leser einen guten Einblick, was in Menschen wie Grace vorgeht und wie sie ihren Alltag bewältigen. Man fragt sich aber auch, ob man wirklich einer Norm entsprechen muss, um glücklich zu sein. Kleine Macken können, wie die Geschichte zeigt, das Leben durchaus bereichern.
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Calender of adventures

Trotz der überschwänglich guten Rezensionen schaffte es der Roman „Me before you“ von Jojo Moyes lange Zeit nicht auf meine Leseliste. Ich wusste, dass es um ein ähnliches Thema geht wie in der französischen Tragikomödie „Ziemlich beste Freunde“ und diese Geschichte ließ sich aus meiner Sicht einfach nicht toppen.
Nachdem dieses Jahr wieder ein sehr erfolgreicher Roman von der britischen Autorin erschienen ist, wurde ich doch neugierig und ließ mich auf die Geschichte von Will, der durch einen Verkehrsunfall querschnittsgelähmt ist, und Louisa, seiner Pflegerin, ein. Anfangs fand ich die Story, die in der englischen Kleinstadt Stortford Castle spielt, eher durchschnittlich und vorhersehbar, aber die Figur der Louisa war mir sofort sympathisch.
Richtig ergriffen hat mich die Geschichte zu dem Zeitpunkt, wo Louisa eine Art Lebenskalender für Will entwirft, den es mit viel Einfallsreichtum und Feingefühl zu füllen gilt. Mit Hingabe stellt sie eine Liste von Unternehmungen zusammen, die Will von seinen Selbstmordgedanken abbringen und seinen Lebenswillen wecken sollen. Das Schöne an der Story ist, dass nicht nur Louisa viel zu geben hat, sondern Will seinerseits sie dazu ermutigt, ihr Leben aktiv in die Hand zu nehmen und mehr aus sich zu machen. Und das Ende war dann alles andere als vorhersehbar.
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Ein Mann zwischen zwei Träumen

Der Roman „Die eine große Geschichte“ von Patricia Koelle ist eine wunderbare Sommerlektüre: Salzige Nordseeluft wehte mir beim Lesen förmlich um die Nase und der Sand knirschte unter den Füßen. Doch beginnen wir von vorn: Die Hauptfigur Kalle ist Busfahrer in Berlin und hat sich damit seinen Jugendtraum erfüllt. Eines Tages, beim Anblick eines Blumenstraußes, steigt er jedoch nicht nur aus seinem Bus, sondern auch aus seinem geregelten Leben aus. Er hat seinen alten Traum gelebt und macht eine Reise, um seinen neuen Traum zu suchen.
Es zieht ihn in den Norden ans Meer. Mit seinem Fahrrad macht er sich auf den Weg nach Dänemark und entdeckt die Schönheiten der Natur entlang der Ost- und Nordsee. Er begegnet interessanten Menschen, sammelt Eindrücke und macht sich Notizen, weil er am Ende der Reise die eine große Geschichte schreiben will. Seine Empfindungen sind einfach und doch intensiv – genauso wie die Sprache von Patricia Koelle. 
Kalle schließt man sofort ins Herz. Er unternimmt viele Dinge zum ersten Mal wie Zelten oder einen Drachen steigen lassen und freut sich wie ein Kind an Weihnachten. Wie oft habe ich in letzter Zeit gelesen, dass wir hin und wieder unsere Umwelt so unvoreingenommen und neugierig wie ein Kind in uns aufnehmen sollten. Kalle macht es uns vor.
Eine tollte Parabel, wie man aus dem Alltagstrott ausbricht, den täglichen Fahrplan ändert und wieder lernt zu leben statt nur zu funktionieren. Die eine große Geschichte, nach der man sich sehnt, liegt oft näher als man denkt.
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Auf der Suche nach Anna

Ungewöhnlich in dem Roman „Adams Erbe“ von Astrid Rosenfeld ist zunächst der Aufbau. Der erste Teil schildert mit viel Witz und Situationskomik die Kindheit von Edward Cohen, der in einer skurrilen jüdischen Familie aufwächst. Als Erwachsener verkauft er in Berlin in einem Laden mit dem Namen „TEUER“ Gothic-Sorgenpüppchen. Sein Großonkel Adam ist im Zweiten Weltkrieg spurlos verschwunden. Jahrzehnte nach dem Tod der Großmutter entdeckt Edward auf dem Dachboden Liebesbriefe, die Adam in Warschau an eine Anna geschrieben hat.
Und so werden wir in den zweiten Teil des Romans katapultiert, der ins Nazideutschland führt. Adam verliebt sich in die polnische Jüdin Anna. Als sie spurlos verschwindet, setzt er alle Hebel in Bewegung, um sie aufzuspüren. Wie geschickt er dies anstellt, lässt den Leser noch schmunzeln. Als Rosenzüchter arbeitet er im Schlossgarten des Generalgouverneurs. Zunehmend verändert sich jedoch die Tonalität der Geschichte. Man taucht mit Adam immer tiefer ein in das Schrecken jener Zeit und begleitet ihn bis ins Warschauer Ghetto. Mutig, wie die Autorin Adams grauenvolle Erlebnisse dort schildert und trotzdem Raum lässt für eine Spur Komik und Heiterkeit.
Astrid Rosenfeld hat die beiden Zeitebenen und so verschiedenen Generationen geschickt miteinander verknüpft. Adams Vermächtnis wird Edwards Leben grundlegend verändern.
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Kein Tag zum Feiern

Bin ich froh, dass ich die Schulzeit hinter mir habe. Das dachte ich mir in letzter Zeit häufiger – zum Beispiel nachdem ich den französischen Film "Die Klasse" oder die deutsche Komödie "Fack ju Göhte" gesehen habe, die einen daran erinnern, wie grausam pubertierende Teenager sein können. 
Ähnlich ergeht es Leonard in dem Roman "Forgive me, Leonard Peacock" ("Happy Birthday Leonard Peacock") von Matthew Quick. Er fühlt sich nicht nur als Außenseiter, sondern kann auch die Schikanen seiner Mitschüler nicht länger ertragen. Er fasst den Entschluss, an seinem achzehnten Geburtstag seinen Erzfeind und anschließend sich selbst umzubringen. Vorher will er sich von den wenigen Menschen, die ihm etwas bedeutet haben, mit einem Geschenk verabschieden. Diese hat er genauso wie seine Waffe in pinkfarbenem Geschenkpapier verpackt.
Matthew Quick konstruiert seinen Roman äußerst raffiniert. Zum einen erzeugt er beim Leser die große Hoffnung, dass noch etwas Unerwartetes geschehen möge, was Leonard von seinem Entschluss abbringt – zum Beispiel die Gespräche auf seiner Abschiedstour. Zum anderen brennt man darauf zu erfahren, was ihn zu dieser Verzweiflungstat bewegt hat. 
Es ist eine traurige, zuweilen deprimierende Geschichte über die Schwierigkeit, erwachsen zu werden und seinem Leben einen Sinn zu geben. Doch der Autor hält zum Glück auch eine hoffnungsvolle Botschaft bereit: dass die Schule nur ein winziger und fast unbedeutender Bruchteil dessen ist, was den Heranwachsenden in der unvorstellbar großen Welt voller Möglichkeiten erwartet.
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Schräger Held sucht seine Wurzeln

Zu den Entwicklungsromanen, die ich mit Begeisterung gelesen habe, zählt "Nach Hause schwimmen" von Rolf Lappert. Der Schweizer Autor erzählt davon, wie der klein gewachsene Wilbur bei seiner Großmutter in Irland aufwächst und nach einigen glücklichen Jahren einen Schicksalsschlag nach dem anderen erfährt. 
Nach dem Tod seiner Großmutter beginnt eine abenteuerliche Reise, die ihn über Schweden nach New York führt. Als Ersatz für die fehlende Vaterfigur dient ihm sein Idol Bruce Willis. Das Erwachsenwerden gestaltet sich für Wilbur jedoch alles andere als einfach. Er wird von einer Pflegefamilie zur nächsten, von einer Jugendbesserungsanstalt zur anderen gereicht. 
So tragisch sein Lebensweg auch ist, schwingt im Erzähltstil Lapperts ein subtiler Humor mit, der stark zum Lesevergnügen beiträgt. Mit Spannung verfolgt man die Entwicklung von Wilbur, seine Begegnung mit Menschen, die ihn prägen, die ihn enttäuschen oder zur Seite stehen. Am besten gefielen mir die Schilderungen seiner letzten Station: In einem schäbigen Hotel in der Bronx verdingt sich Wilbur als Nachtportier, verlegt Fliesen und trifft auf verschrobene Verlierertypen. Der Alltag und das Personal werden so lebendig beschrieben, dass ich das Gefühl hatte, die Szenen spielten sich vor meiner Nase ab. Absolut lesenswert!
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"Living together in harmony"

Mit diesem Slogan wirbt laut Nicola Kaulich-Stollfuß die Stadt Singapur auf großen Straßenplakaten und lebt auch nach diesem Motto. Diese und viele andere Erfahrungen teilt die Autorin in ihrem Buch „Ein Jahr Singapur – Eine Reise in den Alltag“, nachdem sie ein Jahr mit ihrem Mann in dem tropischen Stadtstaat verbracht hat.
Nach der Lektüre ist Singapur als Reiseziel wieder interessant für mich geworden. Trotz der Modernisierung und des übertriebenen Ordnungssinns gibt es anscheinend viele ethnische Viertel mit ursprünglichem Charakter wie Chinatown oder das malaiisch-muslimische Viertel Kampong Glam, in denen kulturelle Besonderheiten und Traditionen gepflegt werden.  
Besonders Little India mit dem bunten und lauten Chaos einer indischen Kleinstadt hat es der Autorin angetan. Es macht Spaß, mit ihr auf Entdeckungsreise zu gehen, die noblen Einkaufstempel zu erkunden, die denen in Tokio ähneln, exotische Gerichte zu probieren oder sich im Bollywood-Tanzen zu versuchen. In ihrer Wohnanlage trifft sich die ganze Nachbarschaft am Pool, um sich über die angesagtesten Lokale, Ausflugsziele und neue Trends auszutauschen. So bleibt die Autorin stets auf dem Laufenden und kann die nützlichen Tipps auf sehr amüsante Weise ihren Lesern weitergeben.
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Die Kunst zu leben

The Goldfinch“ ("Der Distelfink") von Donna Tartt könnte für mich das beste Buch des Jahres werden. Es ist ein großartiger Entwicklungsroman mit fein gezeichneten Charakteren, Humor und Tragik, bei dem man sich wünscht, er möge nie enden – trotz der knapp 1000 Seiten.
Die Geschichte beginnt mit einem terroristischen Anschlag auf das Metropolitan Museum of Art in New York, bei dem der Junge Theodore Decker seine Mutter verliert. Er lässt ihr Lieblingsgemälde „The Goldfinch“ des niederländischen Malers und Rembrandt-Schülers Carel Fabritius mitgehen, das von nun an sein ständiger Begleiter wird. 
Als unerwartet sein Vater auftaucht und ihn nach Las Vegas mitnimmt, gewinnt die Geschichte richtig an Fahrt. Dort lernt Theo den gleichaltrigen Ukrainer Boris kennen und ist fasziniert von seiner Persönlichkeit – erfahren, waghalsig und voll düsterer Gedanken. Eine innige Freundschaft und eine wilde Zeit voller Alkohol- und Drogenexzesse beginnt. 
Es folgen witzige Abenteuer, Schicksalsschläge und die Rückkehr nach New York – die einzige Konstante in Theos Leben bleibt das Gemälde, das ihm emotionalen Halt und Sicherheit gibt „wie ein Wal, der in baltischen Gewässern seine Runden dreht“ – eine von Tartts wunderbaren Metaphern. Ihr Schreibstil begeistert. Später gewinnt das Bild jedoch eine Eigendynamik und bringt Theo noch in richtige Schwierigkeiten.
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Eine Stadt in Hypnose

Das kommt davon, wenn man ein Bild für eine Rezension entwirft, bevor man das Buch überhaupt gelesen hat. Nun stecke ich nämlich in dem Dilemma, dass mir der Roman „Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow nur bedingt gefallen hat, das Bild dazu aber trotzdem veröffentlichen möchte.
Dabei hatte das Buch so gute Rezensionen – von „Kult“, „Meisterwerk“ und „meist gelesene russische Erzählung des 20. Jahrhunderts“ war die Rede –, so dass ich mich zum Kauf hinreißen ließ. So genau habe ich die Kritiken dann wohl doch nicht gelesen, denn ich war ganz überrascht, als mit „Margarita“ gar nicht der Cocktail, sondern die Geliebte des Meisters gemeint war.
Schauplatz ist Moskau. Der Teufel Voland und ein Riesenkater namens Behemoth stellen die Stadt und deren selbstgefällige Bürger gehörig auf den Kopf. Menschen kommen um, verschwinden oder laufen nackt in der Stadt herum. Die Behörden schreiben die mysteriösen Phänomene einer Hypnose zu. Parallel lässt sich Margarita auf einen Pakt mit dem Teufel ein, um ihren Geliebten wiederzusehen. Dieser hat eine Geschichte über Pontius Pilatus verfasst, verfällt jedoch nach Ablehnung des Manuskripts dem Wahnsinn.
Michail Bulgakow verpackt seine Persiflage auf die starre Bürokratie und Politik der Stalinzeit, die Kunst und Literatur im Keime ersticken, in berauschende Bilder und satirische Beschreibungen. Obwohl mich die Thematik interessierte, fühlte ich mich von den verstrickten Handlungssträngen, der überbordenden Fantasie des Autors und der Brutalität der Morde überfordert. Während die meisten Leser über die Auflösung am Ende sicher schmunzelten, hinterließ die Geschichte bei mir große Verwirrung und einen bitteren Nachgeschmack.
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Rien ne va plus

Kann man die Zukunft seiner Ehe dem Zufall überlassen? Art Fowler und seine Frau Marion wollen's wissen und planen vor ihrer Scheidung eine Busreise zu den Niagarafällen, wo sie vor dreißig Jahren ihre Flitterwochen verbracht haben.
Eine Geschichte über eine gescheiterte Ehe kann recht dröge sein. Nicht so bei Stewart O'Nan. In seinem Roman "The Odds" beschreibt der Autor ihr gemeinsames Abenteuer und ihre Beziehung so unterhaltsam, ironisch und tiefsinnig, dass ich das Buch in einem Rutsch durchgelesen habe.
Art und Marion treten mit ganz unterschiedlichen Erwartungen ihre Reise an. Nach und nach erfährt der Leser mehr über ihre Vergangenheit, ihre Seitensprünge, wie Art seinen Job und sein Vermögen verloren hat, wie unterschiedlich ihre Charaktere sind – er ein hoffnungsvoller Träumer, sehr bemüht; sie unsicher, desillusioniert und pragmatisch.
Manche Szenen kommen einem bekannt vor: Wie man nach der Ankunft am Reiseziel gespannt das Hotelzimmer betritt, die Aussicht bewundert (zwar noch nicht auf die Niagara Fälle, aber das kann ja noch kommen) und die Ausstattung abcheckt. Oder die langen Schlangen an diversen Eintrittskassen und die Ernüchterung, wenn sich das Warten nicht gelohnt hat.
Köstlich sind die Szenen im Casino, wo das Ehepaar versucht, ihr verlorenes Vermögen einzuspielen. Im Alltag sammelten sie noch fleißig Einkaufscoupons und nun schleudern sie das Geld raus und setzen alles auf eine Karte. Ist das Glück auf ihrer Seite? Am besten Ihr lest selbst. Die deutschsprachige Version "Die Chance" ist übrigens letzte Woche erschienen.
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Die Leiden des alten Sowtschicks

Laut Kalender haben gestern die Hundstage begonnen. Davon merkt man nicht allzu viel. Vielleicht eher in Norddeutschland – so wie im Roman „Hundstage“ von Walter Kempowski. Darin fängt der Autor die Stimmung an heißen Sommertagen wie am vergangenen Wochenende besonders gut ein.
Die Geschichte handelt von Alexander Sowtschick, einem alternden Schriftsteller, der die heißesten Tage des Jahres in seiner bürgerlichen Villa im niedersächischen Sassenholz verbringt, während seine Frau Urlaub in Frankreich macht.
Schon sein Buchprojekt lässt einen schmunzeln: Sowtschick schreibt einen Roman über einen Schriftsteller, der im Winter an einem Roman schreibt, welcher im Sommer spielt und von einer Frau handelt, die ein Gedicht mit dem Titel „Frost“ schreibt! Dies gestaltet sich jedoch mühsam, nicht nur wegen der Hitze, sondern auch wegen der zwei jungen Studentinnen, die seinen Haushalt führen sollen, ihn aber eher von seiner Arbeit ablenken. Kempowski beschreibt Sowtschicks menschliche Schwächen und erotischen Phantasien mit viel feinem Humor, Ironie und kritischer Selbstbeobachtung als wären es seine eigenen, dass man hin- und hergerissen ist zwischen Abscheu und Mitgefühl.
Mir gefallen Romane, die die Spannung zwischen der kreativen Welt des Künstlers und dem praktischen Anspruch der Gesellschaft beleuchten. Eine herrlich satirische und heitere Sommerlektüre für Hundstage, die sicher auch noch zu uns kommen werden.
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Ententanz auf einer einsamen Insel

Seine Mutter wollte einen Star-Pianisten aus ihm machen. Doch als „lausiger Klavierspieler“ reicht es für Jonatan Griff aus Oslo nur zum „Alleinunterhalter“ im gleichnamigen Roman von Saabye Christiansen.
Es ist Ende Juni, Mittsommernacht. Wir befinden uns in einem gottverlassenen Hotel auf einer norwegischen Insel. Jonatan verdingt sich dort als One-Man-Band, verdient mit dem Ententanz und anderen Schlagern sein Brot und lernt die äußerst kauzige Belegschaft kennen. Kein leichter Job für ihn, Schwung in das Abendprogramm zu bringen, zumal ein tiefer Graben die Dorfgemeinschaft spaltet. Nach und nach kommen die dörflichen Geheimnisse ans Licht und auch Jonatan wird gezwungen, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Es passiert nichts Spektakuläres in dem Roman, doch es sind die kleinen absurden Ereignisse, die besondere Stimmung, die Saabye Christensen heraufbeschwört, und seine Ironie, die die Geschichte lesenswert machen. 
Nachdem ich schon etliche Serien aus Dänemark und Bücher aus Schweden verschlungen habe, wurde es Zeit, mich auch einmal mit dem Nachbarland Norwegen zu beschäftigen. Bisher kannte ich nur "Sophies Welt" von Jostein Gaarder und Urlaubsgeschichten von Freunden, die dort regelmäßig zum Angeln hinfahren. Die Geschichte von Saabye Christensen hat mich sehr berührt und neugierig gemacht auf seine weiteren Romane.
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Liebe im Überwachungsstaat

Wenn ich nicht täglich im Kindlepost nach interessanten e-Book-Angeboten stöbern würde, wäre ich wohl nicht auf die Idee gekommen, ein Jugendbuch zu lesen. Die Inhaltsangabe von Lauren Olivers Roman "Delirium" machte mich neugierig: Die Geschichte spielt in einem Überwachungsstaat, in der die Liebe als politische Gefahr und tödliche Krankheit gesehen wird. Die siebzehnjährige Lena steht kurz vor einem medizinischen Eingriff, der sie heilen und gesellschaftsfähig machen soll. 
Als Lena sich jedoch in Alex verliebt, der sich als Widerstandskämpfer entpuppt, gerät ihr Weltbild ins Wanken. Zum ersten Mal durchlebt sie nicht nur ein Gefühlschaos, vor dem sie eindringlich gewarnt wurde, sondern durchschaut auch die perfiden Methoden des Staates und kämpft um ihre Liebe. 
Sprachlich ist das Buch ein purer Genuss. Lauren Oliver schreibt bilderreich und poetisch. Die Handlung wird temporeich vorangetrieben und doch überzeugte sie mich nicht ganz. Aus der originellen Dystopie-Idee hätte man meiner Meinung nach mehr machen können. Wer weiß, vielleicht steigert sich die Geschichte im zweiten Buch der Trilogie. 
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Ein Mann, drei Frauen und die Liebe zum Kochen

Ein kleiner Zeitungsartikel inspirierte den bekannten Schriftsteller Anthony McCarten zu einer großartigen Tragikomödie. Damals las er über ein englisches Mädchen, das einen Iraner heiratete, der schon zwei Frauen hatte. Er stellte sich die Konsequenzen vor und schon war sein Roman "Der englische Harem" geboren, in dem es um eine ähnlich abstruse Konstellation geht.
Die junge Tracy verliert ihren Job als Kassiererin in einem Londoner Supermarkt, was sich jedoch als Glücksfall erweist. Schon bald findet sie nicht nur eine Anstellung in einem persischen Restaurant für Vegetarier, sondern auch die Liebe ihres Lebens: den älteren gebildeten und gutherzigen Besitzer Sam. Dass er Muslim und bereits mit zwei Frauen verheiratet ist, stört sie nicht, aber dafür umso mehr ihre Eltern, ihren rassistischen Ex-Freund und die Behörden. Turbulenzen und komische sowie tragische Folgen sind vorprogrammiert.
Anthony McCarten ist eine berührende und ungewöhnliche Liebesgeschichte gelungen mit viel Humor, Situationskomik und einem Appell für mehr Menschlichkeit und Toleranz.
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Ist Nietzsche zu helfen?

Am 22. Oktober 2002 startete mit einem Galaabend im Wiener Rathaus die Gratisbuch-Aktion "Eine Stadt. Ein Buch". Initiiert wurde sie vom Echo Medienhaus mit dem Ziel, das Lesen populär und allen zugänglich zu machen. Jedes Jahr werden literarische Werke von bekannten Größen wie John Irving oder Nick Hornby ausgewählt und gratis in der Stadt verteilt. So kamen die Wiener 2009 in den Genuss des Romans "Und Nietzsche weinte" von Irvin D. Salom, der ihnen in unterhaltsamer Weise die Psychoanalyse näher bringt. 
Schauplatz ist Wien im Jahr 1882. Die junge Russin Lou Andreas Salomé drängt den jüdischen Arzt Josef Breuer, ihrem Gefährten Nietzsche zu helfen, der selbstmordgefährdet sei. Breuer willigt ein und unterzieht den Philosophen einer Gesprächstherapie – damals noch eine völlig neuartige Behandlungsmethode. Doch bald weiß man nicht mehr, wer hier wen therapiert. Durch die regelmäßigen philosophischen Gespräche gerät der Arzt seinerseits immer mehr in die Rolle des Patienten und legt sein Gefühlsleben offen dar, mit dem Wunsch, sich heilen zu lassen.
Die fiktiven Gepräche zwischen Nietzsche und Breuer über Obsessionen, Glauben, Freiheit und Psychologie sind wahnsinnig spannend und lassen die Figuren lebendig werden. Nebenbei erfährt man viel Interessantes über das Wien am Ende des 19. Jahrhunderts und über die Anfänge der Psychoanalyse. Irvin David Yalom, selbst Psychoanalytiker, initiierte eigene Therapiegruppen für Todkranke und schrieb neben vielen lesenswerten Romanen wie "Die rote Couch" oder "Die Schopenhauer-Kur" auch zahlreiche Lehrbücher.
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Lektüre für Bücherwürmer

Zeitschriften lese ich fast nur noch beim Friseur oder in der Zahnarztpraxis. Lieber suche ich im Internet gezielt nach Informationen – sei es Rezepte, Ernährungstipps, Hotelempfehlungen oder Tutorials.
Es gibt allerdings eine Zeitschrift, die ich seit langem abonniere und nicht missen möchte: das "BÜCHERmagazin". Sechsmal im Jahr stellt die Redaktion in Kiel nicht nur aktuelle Buch- und Hörbuchrezensionen, sondern auch interessante Autorenporträts, Hintergrundberichte und Themen-Specials zusammen. Besonders gut gefällt mir die gelungene grafische Aufmachung.
Die aktuelle Juni/Juli-Ausgabe ist ganz nach meinem Geschmack. Sie dreht sich rund um das Thema Reisen. Neben Lesetipps für den Urlaub werden auf zwei Doppelseiten ungewöhnliche Bildbände, Wander-, Einkaufs- und Stadtführer sowie ausgefallene Reisegimmicks vorgestellt. Mein Sommerurlaub steht zwar erst Mitte September an, aber ich hätte jetzt schon Lust, mir ein paar empfohlene Reisebegleiter zuzulegen und die Koffer zu packen. 
Ein Bericht entführt uns außerdem zu den Krimischauplätzen bekannter schwedischer Autoren wie Arne Dahl und Viveca Sten. Heute werde ich mir die Buchrezensionen zu Gemüte führen. Auch wenn es schon vorkam, dass mir ein hochgelobtes Buch gar nicht gefiel, finde ich doch viele gute Anregungen.
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Wenn der Schein trügt

Jodi Picoult ist in meinen Augen eine mutige und außergewöhnliche Autorin, die sich gerne polarisierenden Themen widmet. Kein Gebiet ist ihr zu heikel – sei es Organspende, Homosexualität, häusliche Gewalt oder gesellschaftliche Minderheiten.
Entdeckt habe ich sie durch den Roman "19 Minutes", der ziemlich unter die Haut ging: Ein Amokläufer ermordet zehn Schüler und Schülerinnen und wird vor Gericht gestellt. Dabei ergreift die Autorin keineswegs Partei für eine Seite. Sie schildert die Fälle aus verschiedenen Perspektiven und versucht, auch die möglichen Beweggründe des Täters begreiflich zu machen. 
Ein nicht ganz typischer Picoult, der mir dennoch sehr gut gefallen hat, war "Picture Perfect". Die Autorin führt uns diesmal in die Welt der Indianer und macht uns mit William Flying Horse bekannt, einem Polizisten, der seine indianische Vergangenheit vergessen möchte. Er lernt die Anthropologin Cassie kennen, die mitten auf einem Friedhof aufwacht und sich an nichts mehr erinnern kann. Nach und nach kommt zutage, dass sie mit einem begehrten Hollywood-Schauspieler verheiratet ist und als erfolgreiche Anthropologin arbeitet. Doch die Idylle trügt und sie führt alles andere als ein Bilderbuchleben.
Jodi Picoult hat einen wunderbaren Schreibstil und versteht es, in ihren Geschichten Verflechtungen von Personen und Ereignissen so authentisch und ergreifend zu schildern, dass man bei ihren Büchern wirklich von einem "Pageturner" sprechen kann. 
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Literarisches Meisterwerk

"Mein Leben begann wie ein Kriminalschmöker: Man wollte mich ermorden."
Dieser gelungene Romananfang hätte es beinahe auf die Liste meiner besonderen ersten Sätze geschafft. Und ich kann versichern, dass auf den folgenden 800 Seiten des Romans "Verlockung" von Jánis Székely diese wunderbare Mischung aus Komik und Dramatik bis zum Schluss anhält. Nur schwer lässt sich das Buch aus der Hand legen.
Worum geht es? Ein aufgeweckter und wissbegieriger Bauernjunge namens Béla will der dörflichen Armut entfliehen und versucht sein Glück in Budapest. Er nimmt eine Stellung als Page in einem Luxushotel an, um sich und seine Mutter finanziell über Wasser zu halten. Sein Leben ist ein einziger Kampf, in der harten Welt zu bestehen, während für die reichen Hotelgäste Prunk und Verschwendung an der Tagesordnung stehen.
Ich habe selten eine Geschichte gelesen, die sprachlich so kraftvoll und leidenschaftlich niedergeschrieben wurde – vielleicht weil sie autobiografische Züge trägt. Der unglaubliche Kontrast zwischen der armen Bevölkerung und der reichen Gesellschaft, aber auch Bélas persönliche Ideale und sein Lebenstraum, Dichter zu sein, gingen mir sehr nahe. 
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Liebeserklärung an die Côte d'Azur

Vor einigen Jahren planten wir einen Sommerurlaub in Nizza. Das Appartment-Hotel, das ich für uns online ausgesucht hatte und das uns wahnsinnig gut gefiel, war jedoch leider schon ausgebucht, so dass wir beschlossen, die Reise zu verschieben.
Damals entdeckte ich einen ungewöhnlichen 'Reiseführer', den ich mir trotz unserer Planänderungen zu Gemüte führte: "Das Buch von der Riviera" aus dem Jahr 1931 von Erika und Klaus Mann. Die Geschwister schildern in pointierten Geschichten das Lebensgefühl an der Côte d'Azur zur damaligen Zeit. 
Auf ihrer Tour von Marseille über Toulon, Cannes, Nizza und Monte Carlo nach Italien kommt ihre Liebe für das Mondäne, das gute Essen, Spiel und Vergnügen nie zu kurz. Ein bisschen Roulette spielen hier, ein bisschen Shopping dort – na ja, klingt für meinen Geschmack etwas oberflächlich, aber den Manns gefiel diese Leichtigkeit. Damals war es anscheinend möglich, mit wenig Geld genussvoll zu leben.
Auch wenn man heute dort ein ganz anderes Bild vorfinden wird, macht das humorvolle Zeitgemälde, geschmückt durch hübsche Illustrationen von Henri Matisse und anderen Künstlern, Lust, sich gleich auf den Weg nach Süden zu machen. 
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Ein Aufsteiger par excellence

Geld als die universelle Maschine, die alles in Bewegung setzt, hat schon viele Autoren zu spannenden Geschichten inspiriert. Zu den Meistern auf diesem Gebiet zählt für mich der französische Realist Balzac. In seinen Romanen "Le Père Goriot" oder "Illusions perdues" übt er harte Kritik gegen eine Gesellschaft, die auf Ruhm, Macht und Geldgier ausgerichtet ist. 
Neulich entdeckte ich einen deutschen Autor, der sich mit dem gleichen Thema vor einem anderen Hintergrund beschäftigt hat. Der Roman "Der Sieger nimmt alles" von Dieter Wellershoff, der in Köln lebt, gibt einen interessanten Einblick in das Deutschland während des Wirtschaftswunders.
Als die Hauptfigur Ulrich Vogtmann auf das Angebot eines Mitschülers eingeht und dessen Wohnung und einen Job bei der Firma Pattberg für einen Sommer übernimmt, beginnt die rasante Karriere des noch mittellosen Mannes. In kürzester Zeit steigt er vom Fließbandarbeiter zum Chauffeur des Firmenchefs auf und weckt das Interesse der Tochter Elisabeth. 
Seine Erfolgssucht, Zielstrebigkeit und Selbstsicherheit bringen Ulrich schnell weiter. Alles läuft nach seinen Vorstellungen: Er heiratet Elisabeth, sie bekommen einen Sohn, Ulrich steigt in die Geschäftsführung ein und bringt die Firma auf Erfolgs- und Expansionskurs. Doch mit der Zeit übernimmt er sich, verliert die Kontrolle über die Finanzen und das Unternehmen. Der Abstieg ist nicht mehr aufzuhalten.
Auch wenn die Geschichte zwischen den 50er und 80er Jahren spielt – die Themen, die Dieter Wellershoff behandelt sind zeitlos. Auch in weiteren Romanen wie "Der Liebeswunsch" beschreibt der Autor mit viel psychologischem Gespür ein ganzes Spektrum von verschiedenen Lebensentwürfen und wie sie durch gesellschaftliche Zwänge oder menschliche Schwächen scheitern. 
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"Spiel des Lebens"

Die diesjährige Champions League ist für viele deutsche Fußballfans wahrscheinlich schon abgehakt. Ich werde heute Abend schon mitfiebern, wenn im Lissaboner Estádio da Luz Real Madrid auf Atlético Madrid trifft und halte zu letzterer Mannschaft mit dem sympathischen Stürmer David Villa.
Passend dazu und zur bevorstehenden WM las ich vor kurzem das Buch "Fußballgefühle" von Axel Hacke, das mir eine Freundin aus Dortmund geschenkt hat. Sie selbst war lange Zeit großer Fan von Borussia Dortmund, interessiert sich aber mittlerweile mehr für Opernsänger als für Fußballspieler.
Obwohl meine Eltern jedes Bundesliga-Spiel euphorisch verfolgten, konnte ich dem Sport als Kind nichts abgewinnen. Es war mir unverständlich, dass eine Handvoll Männer wie die Irren einem Ball hinterherjagten, dabei 90 Minuten lang ständig von einem Ende des riesigen Spielfelds zum anderen rannten und dass Millionen von Menschen dem Spektakel auch noch zusahen.
Während der Fußball-WM 2010, die an lauen Sommernächten auf diversen Plätzen in der Innenstadt übertragen wurde, konnte ich mich das erste Mal der allgemeinen Begeisterung nicht ganz entziehen. Die Vorstellung, dass gerade an unzähligen Orten auf dieser Welt Menschen unterschiedlichster Herkunft das gleiche Spiel mit ähnlichen Emotionen verfolgten, faszinierte mich. Axel Hacke bringt es in seinem Buch auf den Punkt: Fußball hat eine gemeinschaftsbildende Kraft und ist ein Geschäft mit großen Gefühlen. "Fantasievoll, kämpferisch, individualistisch, elegant, planvoll... Alle Möglichkeiten menschlichen Verhaltens werden vorgeführt", schreibt er. Lassen wir uns überraschen, wie das "Spiel des Lebens" heute Abend ausgehen wird.
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Prächtiger als Versailles

Das Schloss Vaux-le-Vicomte im französischen Maincy wurde als "das Schloss, das den Ärger des Sonnenkönigs erregte" berühmt. Wie es zu dieser Legende kam, kann man in dem gut recherchierten und spannenden Roman "Zu Ehren des Königs" von Rosemarie Marschner erfahren. Die österreichische Autorin beschreibt parallel den Werdegang zweier sehr unterschiedlicher Menschen: den genusssüchtigen, egoistischen und misstrauischen Sonnenkönig auf der einen Seite; seinen kompetenten und loyalen Finanzminister Nicolas Fouquet auf der anderen Seite. 
Als Fouquet das prächtige und gestalterisch ausgefallene Vaux-le-Vicomte erbauen lässt, das alle bis dahin in Frankreich bekannten Schlösser und Gärten in den Schatten stellt, und zu Ehren des Königs ein opulentes Fest veranstaltet, erregte er immer mehr dessen Zorn. Er wurde wegen Veruntreuung von Staatsgeldern zu lebenslanger Haft verurteilt. 
Das Schloss, das als architektonisches Meisterwerk und Inspiration für Schloss Versailles gilt, möchte ich nach diesem Roman erst recht einmal besichtigen. Es diente schon in mehreren Filmen wie "Marie Antoinette", "Léon, der Profi" und "Der Mann in der eisernen Maske" als Filmkulisse. 
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Von tapferen Frauen

"Das Geisterhaus" war meine erste 'Begegnung' mit Isabell Allende und hat mich damals restlos begeistert. Die chilenische Bestsellerautorin versteht es, die Schicksale ihrer Heldinnen mit großer Erzählkunst in historische Ereignisse einzubetten.
Ihre Geschichten handeln meist von starken Frauen wie der Mulattin Zarité in dem Roman "Die Insel unter dem Meer". Auf den Plantagen von Saint-Domingue wird sie als Elfjährige von ihrem Herrn Valmorain vergewaltigt und als Dienstmagd missbraucht. Als sie ihr erstes Kind bekommt, hat sie nur ein Ziel vor Augen: die Freiheit für sich und ihre Tochter.
Neben der dramatischen Handlung erfährt man Interessantes über die politischen Hintergründe in der Zeit zwischen 1770 und 1810 und über die Sklavenrevolte in der früheren französischen Kolonie Saint-Domingue, dem heutigen Haiti. In ihren anderen Werken wie "Paula" oder "Mein erfundenes Land" erzählt sie von ihrer Familie in ihrer Heimat Chile und den politischen Turbulenzen. Ich bewundere Allende, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, ihrer Leserschaft lateinamerikanische Geschichte, Kultur und Politik in unnachahmlicher Manier zu vermitteln.
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Anders als andere Mütter

Während ich diese unglaublich aufwühlende Geschichte "Du bist nicht so wie andre Mütter" von Angelika Schrobsdorff" las, versuchte ich mir vorzustellen, eine Frau wie Else Kirschner zur Mutter zu haben. Die einzigen Parallelen, die ich zwischen ihr und meiner Mutter feststellen konnte, waren die Leidenschaft für Theater und Konzerte. Davon abgesehen, können sie verschiedener nicht sein – allein die Tatsache, dass Else drei Kinder von drei verschiedenen Männern bekam. 
Else wächst behütet im wohlhabenden jüdischen Elternhaus auf, verwandelt sich jedoch zunehmend zu einem freidenkenden und egozentrischen Lebemenschen. Ihre Tochter versucht diese exzentrische Frau zwischen Konvention und Leidenschaft, zwischen Bourgeoisie und Bohémien, zu begreifen und rekonstruiert anhand von Aufzeichnungen deren dramatische Lebensgeschichte, die mit der Flucht vor den Nazis ins Exil endet.
Schrobsdorff schildert das extravagante Leben im Berlin der wilden 20er Jahre so authentisch und lebendig, dass ich das Gefühl hatte, ich sei selber auf einer der ausgelassenen Parties inmitten einer vergnügungssüchtigen Gesellschaft. Einerseits war ich von dem freidenkenden Leben im Künstlermilieu fasziniert, dann wieder von den Ausschweifungen und der Dekadenz abgestoßen.
Else Kirschner liebte die Künste und die Männer – ein Thema, das Angelika Schrobsdorff auch in ihrem tollen Roman "Die Herren" schonungslos und packend umsetzt. Am besten konnte ich mich seltsamerweise mit Elses zweitem Ehemann identifizieren, der zufrieden war, wenn er seine Ruhe hatte und sich in seine geliebte Bibliothek zurückziehen konnte.
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Wenn sich die Wege trennen

Entwicklungsromane, die von zwei gegensätzlichen Charakteren und deren Werdegang handeln, lese ich besonders gern. Ein Klassiker ist Hesses "Narziss und Goldmund", das mich in meiner Kindheit stark beeindruckt hat. "Der Schneeflockenbaum", über den ich kürzlich berichtete, zählt ebenfalls zu dieser Kategorie, und noch ein weiterer Roman, den ich Euch heute vorstellen möchte: "Zwei von Zwei" von Andrea de Carlo.
Es geht um die Freundschaft zwischen dem Ich-Erzähler Mario und Guido. Mario ist fasziniert von seinem Freund, der voller idealistischer Ideen steckt und sich über jegliche Konventionen hinweg setzt. Gemeinsam erleben sie die politische Revolte von 1968, ihre erste Liebe und die Suche nach ihrer Identität.
Als Mario eines Tages ein kleines Stück Land erwirbt und es ihm gelingt, mit seiner Frau ein vollkommen autarkes und zufriedenes Leben zu führen, war ich total fasziniert. Auf der anderen Seite konnte ich aber auch Guido gut verstehen, der rastlos und unruhig seinen Idealen nachjagt, der sich und seinen Mitmenschen unerfüllbare Ziele setzt und immer wieder enttäuscht wird. Zwei Menschen und zwei Lebenswege, die sich immer wieder kreuzen, werden von dem relativ unbekannten, aber sehr lesenswerten Autor Andrea de Carlo spannend, einfühlsam und mit einem Schuss Ironie geschildert. 
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Man lese die Gebrauchsanweisung

Es gibt nicht nur Gebrauchsanweisungen für Küchen- und Fernsehgeräte, sondern auch für Städte und Länder. Zum Beispiel für London. Obwohl meine Schwester dort lebt und sich bestens auskennt, war ich neugierig, was "Eine Gebrauchanweisung für London" mir empfiehlt. Verfasst wurde sie von Ronald Reng, der als Sportreporter und Schriftsteller in München lebt. Und ich muss sagen, das Büchlein ist nicht nur eine hervorragende Ergänzung zu Reiseführern, sondern auch eine schöne Art, sich auf eine Stadt einzustimmen.
Die britische Höflichkeit, die Fußballmanie, die Parks und Pubs und vieles mehr, was die Metropole ausmachen, werden von Reng in Form von Erfahrungsberichten und Anekdoten sehr unterhaltsam beschrieben. Für ihn gibt es keine bessere Stadt. London habe alles und von allem im Überfluss - sogar bessere italienische Restaurants als in Italien.
Das Buch enthält jedoch nicht nur Schwärmereien, sondern auch kritische Beobachtungen. Die Statue am Piccadilly Circus hält er für eine grandiose Fehlkonstruktion, Londons Schönheit liege nicht in seinen Monumenten und Wahrzeichen, sondern im Alltag und im Miteinander der Menschen. Er muss es ja wissen – von 1996 bis 2001 arbeitete Reng als Sportjournalist in England. 
Mit seinen kurzweiligen Essays rund um die Themen Kunst, Politik, Presse und Fußball gibt er einen interessanten Einblick in die zahlreichen Facetten Londons. Das Büchlein macht nicht nur Lust auf die britische Hauptstadt, sondern auch neugierig auf die weiteren Bücher dieser Reihe.
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Der erste Satz entscheidet

Märchenautoren haben es leicht. Sie brauchen sich nicht den Kopf zu zerbrechen, mit welch originellem Satz sie ihre Geschichte beginnen. "Es war einmal ..." reicht völlig aus, um Kinder und Erwachsene mühelos in ihre Fantasiewelt zu locken.
In anderen Genres ist es nicht ganz so einfach. Jeder potentielle Leser klappt ein Buch auf, liest den Anfang und wird neugierig – oder auch nicht. Der erste Satz entscheidet oft darüber, ob er Lust auf mehr verspürt und weiterliest. Der Initiative Deutsche Sprache und der Stiftung Lesen in Mainz war es 2007 sogar wert, zu dem Thema einen Wettbewerb zu veranstalten. Über 16.000 Erwachsene, Kinder und Jugendliche aus aller Welt wurden aufgerufen, ihren persönlichen Favoriten zu nennen, der sie besonders angesprochen und beeindruckt hat. Die Siegerbeiträge und die interessantesten Einsendungen kann man in dem ansprechend gestalteten Band "Der schönste erste Satz" nachlesen. 
Diese gelungene Idee hat mich dazu inspiriert, meine persönliche Sammlung der interessantesten ersten Sätze zusammenzustellen. Hier könnt Ihr das PDF herunterladen.
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Yoga für jede Lebenslage

Was Yoga betrifft, war ich eher ein Spätzünder. Während in meinem Freundeskreis einer nach dem anderen nicht nur voller Euphorie in Yogakurse rannte, sondern manche sogar eine Ausbildung zum Yogalehrer begannen, verspürte ich keinen großen Bedarf nach Körperdehnung und Stressreduktion. Lieber wollte ich Gewichte stemmen und mich beim Kickboxen verausgaben.
Doch dann wurde ich neugierig und kaufte mir eine Yoga-DVD für zu Hause. Mein Fitness-Studio bietet zwar Kurse an, aber wenn ich noch mehr Zeit dort verbringe, springt Harry im Dreieck und der Haussegen hängt schief. Daher erschien mir die DVD "Yoga Everyday" von Ursula Karven mit zehn- bis fünfzehnminütigen Übungen genau das Richtige. Und tatsächlich fand ich immer mehr Gefallen daran, wenn auch nicht jeden Tag, aber in regelmäßigen Abständen herz- und hüftöffnende Steh-, Dreh- und Balancehaltungen einzuüben. Ich konnte es nicht genau erklären, aber nach jeder Session fühlte ich mich einfach pudelwohl. Da musste doch etwas dran sein. 
Noch praktischer als die DVD ist das kleine Büchlein "Yoga für dich und überall", das ebenfalls von der Münchner Schauspielerin und Yoga-Botschafterin stammt. Die 60 beschriebenen Übungen kann man jederzeit im Alltag einbauen: im Büro, in der Warteschlange, im Auto oder vor dem Fernseher. Und vor allem sind sie so nett illustriert, dass allein das Blättern die Stimmung hebt.
Mich hat dieser Trend wieder einmal zu einer Kurzgeschichte inspiriert. Hier könnt Ihr das pdf herunterladen
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Auf dem Friedhof der vergessenen Bücher

Einen Roman, in dem eine aufregende Stadt wie Barcelona und ein Friedhof der vergessenen Bücher die Hauptrolle spielen, konnte ich schwerlich außer Acht lassen. So ließ ich mich vor etwa zehn Jahren das erste Mal von dem Bestseller-Autor Carlos Ruiz Zafón in die katalanische Hauptstadt, die er stimmungsvoll heraufbeschwört, entführen. Den Anfang machte "Der Schatten des Windes", gefolgt von "Das Spiel des Engels" und "Der Gefangene des Himmels". 
In allen drei Romanen werden spannende Handlungsstränge in die teils düstere, teils surreale Atmosphäre Barcelonas eingebettet. Durch seine meisterhafte Erzählkunst und bildgewaltige Sprache versteht Zafón es, nicht nur den Figuren, sondern auch den beschriebenen Plätzen, Gassen und Palästen Leben einzuhauchen. Auf den Streifzügen der Protagonisten durch die Stadt meint man, das Stimmengewirr auf den Ramblas oder die Gerüche im Raval Viertel wahrzunehmen.
Dass seine Heimatstadt den Autor geprägt und zum Schreiben animiert hat, spürt man deutlich. Besonders die Architektur Gaudís soll ihn schon in seiner Kindheit zu Schauergeschichten und konstruierten Romanhandlungen animiert haben. Wahrlich schaurig war das Buch "Marina", das ich vor kurzem gelesen habe. Zafón hat die Liebesgeschichte zwischen dem Internatsschüler Oscar und dem geheimnisvollen Mädchen Marina vor den drei Barcelona-Romanen verfasst. Faszinierend, wie Zafón gruselige, fantastische und humorvolle Elemente verwebt und nach und nach das Geheimnis der Hauptfiguren lüftet.
Ich stelle es mir spannend vor, die Stadt einmal mit dem Reiseführer "Mit Carlos Ruiz Zafón durch Barcelona" zu erkunden und die geheimnisvollen Schauplätze mit Zafóns Augen zu betrachten.
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Schonungsloses Bekenntnis

In der Reihe „München erlesen“ ist einer der fesselndsten Romane erschienen, den ich bisher gelesen habe: „Wir sind Gefangene“ von Oskar Maria Graf. Ich bekam das Buch zum Geburtstag geschenkt und bin meiner Freundin sehr dankbar, dass sie mich mit einem meisterhaften Schriftsteller bekannt gemacht hat.
Oskar Maria Graf schildert seine dramatische Lebensgeschichte so plastisch, dass ich in jeder Etappe mitgelitten habe. Als Bäckerlehrling in seinem Heimatdorf Berg am Starnberger See wird er ständig von seinem Bruder Max verprügelt und flieht in die Großstadt München. Sein Traum: ein literarisch anerkannter Dichter zu werden und genügend Geld zu verdienen, um frei zu sein.
Sein Kontakt zu der Schwabinger Bohème und den Anarchisten, die sich als verlogen und naiv entpuppen, endet enttäuschend. Beim Militär und in der Psychiatrie steigert er sich nur noch mehr in seinen Zorn. Überall fühlt er sich gefangen und schiebt die Verantwortung für seine Misere auf die Gesellschaft. 
Mit der Zeit wird er immer skrupelloser: Er beteiligt sich an der Räterepublik, schmarotzt bei einem Mäzen und handelt auf dem Schwarzmarkt. In jeder Lebensphase schwankt er zwischen Begeisterung, Hoffnung, Wut und Enttäuschung. Seine Absichten und Gefühle schildert er so offen und schonungslos wie kein anderer. Ich hatte fast das Gefühl, den Autor besser zu kennen als so manchen Nahestehenden. Nebenbei erlebt man die chaotische Zeit der Münchener Revolution und Räterepublik hautnah mit. 
Auf meinem Nachttisch liegt schon das nächste Buch von Graf „Des Teufels General“, auf das ich sehr gespannt bin.
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Unerschütterliche Freundschaft

„Das Wüten der ganzen Welt“ war das erste Buch von Maarten 't Hart, das ich gelesen habe. Und wie so oft war die Begeisterung groß, wenn mir ein Roman wahnsinnig gut gefällt und ich feststelle, dass der Autor noch eine ganze Reihe weiterer Bücher geschrieben hat. So stürzte ich mich im Anschluss auf acht weitere Werke von ihm, wobei mir „Die Netzflickerin“, „In unnütz toller Wut“ und „Der Schneeflockenbaum“ am besten gefallen haben. 
Im letzteren berichtet der Ich-Erzähler von der merkwürdigen Freundschaft zu seinem Jugendfreund Jouri. Obwohl ihm dieser ein Mädchen nach dem anderen ausspannt, bleiben die beiden Außenseiter unzertrennlich, bewundern einander und begegnen sich auch nach langen Trennungen immer wieder auf ihrem Lebensweg. Die amourösen, aber verzwickten Abenteuer werden mit viel Humor beschrieben. Der im Titel genannte Schneeflockenbaum steht in einem Wintergarten und erlangt seine besondere Bedeutung, als eine der wechselnden weiblichen Bekanntschaften namens Frederica dort den Ich-Erzähler küsst, nur um Jouri für sich zu gewinnen. 
Auch dieser Roman ist wie die meisten von Maarten 't Hart autobiografisch gefärbt. Der Erzähler beginnt nach dem Abitur ein Biologie-Studium an der Universität Leiden und entdeckt seine Liebe zur klassischen Musik während Jouri nach Harvard geht. Der niederländische Autor versteht es, leicht, aber sehr atmosphärisch und tiefgründig zu schreiben und zählt zu meinen Lieblingsschriftstellern. Seine immer wiederkehrenden Themen sind der Calvinismus, Moral und Doppelmoral, klassische Musik und unerfüllte Liebe.
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Geschichten, die das Leben schreibt

Im letzten Sommerurlaub, als meine Idee, einen Blog zu starten, immer konkretere Formen annahm, saß ich an der Küste von Kreta und surfte nach inspirierenden Büchern. Mich interessierte vor allem, wie ich das Schreiben am besten in meinen Alltag einbauen konnte – denn was gibt es Schlimmeres für einen Blogger, als die Lust am Schreiben zu verlieren? 
Und da entdeckte ich genau das Richtige: „Chicken Soup for the Soul (Hühnersuppe für die Seele) – Inspirations for writers“. Das Buch besteht aus einer Sammlung von persönlichen Geschichten, die sowohl ambitionierte Schreiberlinge als auch etablierte Schriftsteller erlebt haben. Kurze Anekdoten wechseln sich mit längeren Erfahrungsberichten ab. Mal sind die Geschichten rührend, mal emotional mitreißend, sie sind witzig oder stimmen nachdenklich – auf jeden Fall sind sie sehr bewegend, motivierend und schön geschrieben.
Jack Canfield, Psychotherapeut, pädagogischer Berater und Trainer in Santa Barbara, Kalifornien, gründete 1993 die „Chicken Soup for the Soul“-Reihe, die mittlerweile über 150 Bücher umfasst. "Chicken Soup for the traveler‘s soul“ und „Chicken Soup for the entrepreneur‘s soul“ kann ich ebenfalls empfehlen. Eines Tages werde ich selbst eine Geschichte über meine Erfahrungen als Bloggerin einschicken.
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Die dichtende Kurtisane

Es ist wieder soweit: Heute startet der Karneval in Venedig und auf allen bekannten Plätzen, in den Höfen der Palazzi, in den Gassen und auf den Kanälen wird gefeiert, gesungen und getanzt.
Einen tollen Einblick in die Blütezeit der Serenissima und in das Leben einer dichtenden Kurtisane bekommt Ihr in der Roman-Trilogie „Veronica Franco“ von Barbara Ludwig. Barbara und ich lernten uns in einer Autorinnengruppe kennen und haben schon einige gemeinsame Lesungen veranstaltet. Sie leitet den Verein für kreatives Schreiben Pegasus in München.
Ich habe gerade den ersten Teil gelesen und Veronicas Schicksal mit Spannung verfolgt: ihre unglückliche Ehe, ihre große Liebe zu einem Kaufmann, der von einer Reise nicht mehr zurückkehrt, und ihr Aufstieg zu einer ehrenwerten Kurtisane. Vor allem die lebendige Beschreibung Venedigs macht Lust, die Schauplätze selbst zu erkunden. Letzten Mittwoch besuchte ich ihre Lesung, die für mich besonders interessant war, da sie die einzelnen Orte in einer Diashow erläuterte. Ich fragte Barbara, wie sie auf die Romanidee kam.
Was hat dich dazu bewegt, über die Kurtisane Veronica Franco zu schreiben?
Frauenschicksale und Geschichte haben mich schon immer fasziniert. Historische Romane – je länger desto besser – zählten zu meiner Lieblingslektüre über viele Jahre. Meine romantische Seele litt mit den Heldinnen, bewunderte ihren Mut, bestand mit ihnen Abenteuer. Die Bücher waren eine Anregung, mich mit der Fragen jener Zeit auseinanderzusetzen, Museen zu besuchen etc. 
Auch Fernsehsendungen, die sich mit Geschichte befassen, fesseln mich so manchen Abend. Eine Sendung über den osmanischen Hof, seinen Herrscher Süleiman, den Prächtigen brachte den entscheidenden Hinweis. Obwohl der Pascha sich jede Nacht eine aus Hunderten von Frauen auswählen konnte und sollte, bevorzugte er bald eine. Sie schrieben sich Gedichte, er schätzte ihren Rat. Im Zusammenhang wurde Veronica Franco erwähnt. So fing ich an, zu recherchieren. Venedig gehört seit meiner Jugendzeit zu meinen Städtefavoriten.
Was hat dich an der Figur besonders fasziniert?
Bei meinen ersten Recherchen fiel mir folgendes Statement von Hartmut Köhler aus dem Buch: „Frauen der italienischen Renaissance“ in die Hand:
 „Veronica Franco ist eine Kurtisane, die schreibt und sie ist eine Kurtisane, die liebt. Liebe als Profession und Liebe als Empfindung lassen sich bei ihr nicht trennen, ebenso wenig Schreiben als Übung und Schreiben als Gefühlsausdruck. Wer das nicht akzeptieren kann, wird wohl nichts von ihr verstehen.“ 
Trotz ihrer Promiskuität räumt Veronica der Liebe in ihrem Leben Raum ein, mit allem was dazu gehört. Sie beweist Mut, hat Herz und Verantwortungsgefühl. Kurzum, sie ist eine bemerkenswerte moderne Frau. 
Wie hast Du die Recherchen vor Ort erlebt?
Nach gründlichem Studium aller möglicher Bücher über die Renaissance – besonders hilfreich war mir die Biografie „The honest courtesan“ von Margaret F. Rosenthal – bin ich in größter Sommerhitze fünf Wochen lang durch die Gassen und Plätze Venedigs gestreift – im Blickwinkel Bauten und Hinweise aus der Zeit der Veronica. Dann fing ich an zu schreiben, las wieder viele Bücher, besuchte Museen, alle Ausstellungen über die Renaissance, die ich finden konnte und reiste erneut nach Venedig. Ich besuchte auch Verona, Mantua, Treviso und Oderzo. Im April plane ich eine Reise in die Nähe von Verona, um mir die Villa della Torre in Fumane anzusehen, in der Veronica während der Pestjahre 1575 bis 1577, ihre Exiljahre, oft Gast war.
Schon beim Schreiben, entdeckte ich den wundervollen englischen Film: „Dangerous Beauty“ mit Catherine McCormarck als Veronica. Er geht zwar ziemlich frei mit den historischen Fakten um, aber bringt nichtsdestotrotz eine herrliche Stimmung rüber. Ich habe ihn bestimmt ein Dutzendmal angesehen. 
Was ist Dein nächstes Romanprojekt?
Ich arbeite am letzten Band der Veronica Trilogie. Weitere Pläne schiebe ich noch zur Seite. Zwischendurch schreibe ich schon mal Krimi- und andere Geschichten für Anthologien. Der Stoff eines neuen Mallorca-Krimis schwirrt mir ab und zu durch den Kopf. Aber auch eine Weiterentwicklung des historischen Stoffes mit einer fiktiven Figur wäre denkbar. 
Vorerst begleite ich meine Veronica auf den Zenit ihres Erfolges. Sie wird vom König von Frankreich auserwählt und veröffentlicht ihr erstes Buch. Dann führe ich sie durch die Wirren der Pestzeit. Sie findet ihre neue Liebe. Die Verbindung gestaltet sich schwierig und setzt sie Anfeindungen aus. Schließlich muss sie sich sogar der Inquisition stellen. 
Dann bin ich sehr gespannt auf die Fortsetzung! Danke Barbara für den interessanten Blick hinter die Kulissen.
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Die Poesie des Reisens

Was bewegt uns Menschen dazu, für kurze Zeit unseren Alltag zu verlassen, eine Reise anzutreten und in eine andere Umgebung einzutauchen? Diese Frage habe ich mir als Reisebegeisterte natürlich oft gestellt. Da war es naheliegend, einen Philosophen und Romancier zu konsultieren, der sich in seinem Buch „Die Kunst des Reisens“ genau diesem Thema widmet. 
Er gliedert seine Gedanken in fünf Kapitel: Abreise, Reiseerwartungen, Landschaften, Kunst und Rückkehr. Dabei folgt er den Spuren prominenter Reisender und Künstler wie Alexander von Humboldt, Vincent van Gogh oder Edward Hopper. Hoppers ausdrucksstarke Bilder von vereinsamten Reisestationen wie Bars, Tankstellen und Hotelzimmer haben mich schon immer fasziniert. 
Stellenweise wurde ich an mein Studium erinnert, in dem ich mich mit Schriftstellern wie Baudelaire, Flaubert, Proust, Hugo und ihrem Fernweh beschäftigte. In meiner Magisterarbeit versuchte ich, das Bild Japans in der französischen Reiseliteratur greifbar zu machen.
Je mehr man konkrete Erwartungen zurückstellt und sich offen und mit Neugier auf die fremde Umgebung einlässt, desto bereichernder die Reise, so meine Erfahrung.
Alain de Botton betrachtet nicht nur das Reisen aus philosophischer Sicht, sondern auch andere Aspekte im Alltagsleben wie Arbeit, Liebe oder Architektur. Er gründete in London eine „School of life“, die Seminare über die Themen Literatur, Philosophie, Design und Lebenshilfe in kombinierter Form anbietet. So ein Kurs würde mich brennend interessieren.
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Packendes Zeitbild einer Frau

Die Geschichte von Marie Zweisam beginnt 1933 in Linz. Als 14-Jährige tritt sie eine Stelle als Dienstmädchen in einer großen Stadtvilla an und führt ein beschwerliches und einsames Leben. Die einzigen Lichtblicke für sie sind die Stunden, die sie im Bücherzimmer verbringen darf, um dem Herrn Notar aus der Zeitung vorzulesen. Durch die Lektüre weiterer Bücher stillt sie ihren Wissensdurst und kann sich im Laufe der Geschehnisse immer stärker emanzipieren.
Als sie den Bäcker Franz Janus heiratet, ist das gemeinsame Glück nur von kurzer Dauer. Sie bemüht sich eine gute Bäckers- und Ehefrau zu sein, doch die Schwiegermutter macht ihr das Leben zur Qual. Und dann überstürzen sich die politischen Ereignisse. Hitler marschiert in Linz ein, die Nazis übernehmen die Herrschaft und das Dorf St. Peter muss dem Stahlwerk Göring weichen. Ich war noch nie in Linz, konnte mir aber durch die lebendigen Schilderungen den Schauplatz sehr gut vorstellen.
Ich fühlte mich Maries Schicksal so nahe, dass ich am Ende das Gefühl hatte, sie persönlich zu kennen. Mit großer Freude stellte ich fest, dass es eine Fortsetzung des Romans gibt, die ich Euch ein andermal vorstellen möchte.
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Designs, die Appetit machen

So platzsparend e-Books auch sind – ab und zu leistet man sich gern mal einen richtig schönen Bildband: zum Beispiel die über 3 kg schwere dreisprachige Anthologie „Menu Design In America“. Auf knapp 400 Seiten gibt sie einen interessanten Überblick über außergewöhnliche Speisekarten-Designs und Einblick in die Geschichte der Gastronomie und der Esskultur in Amerika.
Bevor Restaurants im späten 19. Jahrhundert zum alltäglichen Leben gehörten, wurden gedruckte Speisekarten als etwas sehr Seltenes und Besonderes angesehen. Als sich immer breitere Gesellschaftsschichten ein Essen außer Haus leisten konnten, wurde das Design der Speisekarte zu einer eigenen Kunstform, zu einem wichtigen Vermarktungsinstrument und zu einem beliebten Souvenir.
Zu verdanken haben wir den wunderschönen Bildband dem Kulturanthropologen und Grafikdesign-Experten Jim Heimann, Executive Editor bei TASCHEN in Los Angeles. Er hat zahlreiche Bücher über Architektur, Popkultur und die Geschichte der amerikanischen Westküste geschrieben.
Mich haben vor allem die Speisekarten im Art-Déco-Stil begeistert und mich inspiriert, eine Menükarte für Euch zu entwerfen. Hier könnt Ihr die Vorlage herunterladen, ausdrucken und beschriften.
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Manischer Beobachter

Heute tauchen wir in die abstruse Fantasiewelt von Abschaffel ein – einem 30-Jährigen Büroangestellten, der ein tristes Dasein in Frankfurt fristet und ziellos in der Stadt herumläuft. Er versucht die Leere dadurch auszufüllen, dass er banalsten Dingen eine besondere Bedeutung beimisst.
Welch monströse Ausmaße Abschaffels Gedanken über simple Gegenstände oder Situationen annimmt, ließ mich nur den Kopf schütteln. Das Verschwinden eines Briefkastens versetzt ihn beispielsweise in einen Schockzustand.
In der Roman-Trilogie „Abschaffel“ erlebt man Wilhelm Genanzino wieder einmal in Höchstform. Ich kenne keinen Autor, der seine Beobachtungen derart minuziös und ausschweifend beschreibt. Das hatte mich schon in seinem Roman „Die Liebesblödigkeit“ fasziniert. Diesmal treibt er es jedoch auf die Spitze.
Stellenweise ermüden die wiederholenden Beschreibungen seines verrückten Seelenlebens – im ganzen hat mich die Geschichte aber nicht losgelassen, zumal Abschaffel im Laufe der Trilogie eine kleine, aber bemerkenswerte Wandlung durchmacht.
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Hommage an einen Journalisten

Ich besuchte kürzlich eine Freundin, in deren Altbauwohnung ich mich sehr gern aufhalte, weil sie einer kleinen Bibliothek ähnelt. In ihren Schmökerecken werde ich immer wieder fündig, so auch diesmal: ich lieh mir das Buch „Erklärt Pereira“ von Antonio Tabucchi aus, das mir bei Amazon wegen der guten Rezensionen aufgefallen und auf meine Leseliste gelandet war.
 
Schauplatz der Geschichte ist Lissabon im Sommer 1938 zur Zeit der Salazar-Diktatur. Die Hauptfigur Pereira, ein Kulturredakteur der Abendzeitung Lisboa, möchte in seinem Leben nichts anderes als seiner Arbeit nachgehen und in seinem Stammcafé Orquídea Omelette essen und gezuckerte Limonade trinken.
 
Die Entscheidung, Monteiro Rossi als freien Mitarbeiter einzustellen, der sich als Widerstandskämpfer entpuppt, verändert sein Leben grundlegend. Rossi und seine Flamme Marta, die Pereira als zwei arme Romantiker ohne Zukunft bezeichnet, aber auch die Gespräche mit seinem Arzt hinterlassen deutliche Spuren bei ihm. Bezeichnend für seine zunehmende Verunsicherung fand ich folgende Passage:
 
„Pereira blickte aus dem Fenster und seufzte. Sie waren in der Nähe von Vila Franca, man sah bereits den langen, gewundenen Lauf des Tejo. Es war schön, dieses kleine, vom Meer umspülte und vom Klima begünstigte Portugal, aber es war alles so schwierig, dachte Pereira.“
 
Bei der Beschreibung seiner Bahnreisen musste ich an eine Begegnung während eines Urlaubs in Lissabon denken. In einer Straßenbahn kam ich mit einem älteren Portugiesen ins Gespräch, der auf die Gemeinsamkeiten der japanischen und portugiesischen Sprache hinwies. Er hatte recht – portugiesische Missionare haben Wörter wie iesu (Jesus) und kirisuto (Christ) nach Japan gebracht. Doch zurück zum Roman.
 
Ich konnte mich stellenweise gut in Pereira hineinversetzen, der sich statt mit Politik viel lieber mit französischer Literatur beschäftigt. Überrascht war ich, dass ich einige Déjà-Vus erlebte. Pereira wird zum Beispiel durch seinen Arzt mit der Theorie vom Bündnis der Seelen konfrontiert. Sie besagt, dass es ein hegemonisches Ich gibt, das stärker als das Ego hervortreten kann. Ähnliches – nur anders formuliert – hatte ich auch bei Shakti Gawain und Susan Jeffers gelesen.
Mit Spannung verfolgt man den subtilen Wandel Pereiras, der am Ende Stellung bezieht und durch seine Tat Mut und Zivilcourage beweist. Zu Recht wurde der in eine Zeugenaussage verpackte und wunderbar geschriebene antifaschistische Roman mit dem Premio Viareggio ausgezeichnet.
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Keine Macht den Gewohnheiten

Schnell noch die letzten Weihnachtsplätzchen und Pralinenberge verputzen, bevor es losgeht mit den neuen Vorsätzen: Weniger Süßes, weniger Rotwein ... Oder was habt Ihr Euch für dieses Jahr vorgenommen?
Der Mensch und seine Gewohnheiten war für mich schon immer ein faszinierendes Phänomen. Warum tue ich bestimmte Dinge so und nicht anders? Vieles wird einem aus dem Elternhaus mitgegeben. Aber wann kommt der Zeitpunkt, an dem man seine Gewohnheiten überdenkt oder gar ändert?
Man hört ja oft, wenn man älter wird, ändert man sich nicht mehr. Seitdem ich das Buch „Making habits, breaking habits“ von Jeremy Dean gelesen habe, bin ich anderer Meinung. Der Psychologe ist Forscher an der University College London und gibt auch auf seiner Website PsyBlog so manch interessanten Aufschluss über menschliche Verhaltensweisen.
Aus reiner Neugier habe ich ein paar Tipps aus seinem Buch befolgt und einiges hat tatsächlich funktioniert. Zum Beispiel war ich der festen Überzeugung, dass ein Michkaffee am Morgen einfach unverzichtbar ist, um in den Tag zu starten. Da mich die ständigen Kaffeeentzugskopfschmerzen nervten, begann ich statt dessen Obst zu essen. Ich weiß, es klingt nach einem ziemlich faden Ersatz, aber schon nach einer Woche wurde es zur angenehmen Gewohnheit. Wer ein Laster loswerden möchte, könnte sich laut Jeremy Dean leichter tun, indem er die unerwünschte Gewohnheit durch eine konkrete positive Handlung ersetzt.
Ein paar feste Rituale im Alltag wie ein ausgedehntes gemeinsames Frühstück am Wochenende (Harry pflichtet mir nickend bei) oder meine festen Trainingsstunden im Fitness-Studio (jetzt verdreht er die Augen) sind mir wichtig. Aber hin und wieder ungewohnte Dinge in seinen Alltag einzubauen, hat seinen Reiz.
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Die Kunst des Notierens

Ein Jahr geht zu Ende und so mancher von Euch hat vielleicht seine schönen Erinnerungen in einem Notizbuch festgehalten. Wer meint, Notizen seien lediglich kleine Gedächtnisstützen, wird durch Hanns-Josef Ortheil eines Besseren belehrt. In seinem Buch „Schreiben dicht am Leben – Notieren und skizzieren“ beschreibt er 19 verschiedene Formen des Notierens, die vor allem für Schreiberlinge interessant sein dürften. Ortheil ist Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim und weiß von berühmten Schriftstellern und ihren Notiertechniken zu berichten. 
An Utensilien mangelt es mir schon mal nicht. "Keine Stifte, keine Blöcke!“ ist schon lange ein mahnender Spruch, den man mir hinterher ruft, sobald ich eine Papeterie betrete – wohl nicht ganz zu Unrecht, denn meine Notizbuch-Sammlung nimmt bedenkliche Ausmaße an. Manche schwören ja auf das schlichte und ästhetische Design der Moleskine-Bücher. Ich kann auch bei einem Tier- oder Blumenmotiv schwach werden. Aber die Anschaffung war nicht umsonst, denn ich werde sie alle nutzen, um Ideen und Beobachtungen für meinen Blog zu notieren.
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Merry Christmas

Vor einigen Jahren stolperte ich das erste Mal über den Autor Deepak Chopra – und zwar in Form dieses wunderbaren Zitats. Es gibt viele Ausdrucksweisen für das Motto, jeden Augenblick bewusst zu erleben. Dieses Wortspiel gefällt mir besonders.
Im Mai stieß ich durch Zufall erneut auf den Namen Deepak und wurde neugierig auf seine Bücher. Der international bekannte Arzt ist Fürsprecher der ganzheitlichen Medizin und führt ein Gesundheitszentrum in Carlsbad in Kalifornien. Als erstes las ich „Super Brain“, in dem er beschreibt, wie wir das Potenzial unseres Gehirns durch mehr Achtsamkeit und eine bewusste Ausrichtung ausschöpfen können. Auch seine Bücher "The Soul of Leadership" und "The Seven Spiritual Laws of Success" haben mich beeindruckt. Die Verknüpfung von neurowissenschaftlichen Forschungsergebnissen mit spirituellen Einsichten fand ich sehr interessant. Vor einem Jahr hätte ich das Ganze sicher noch als esoterischen Humbug abgetan. Aber dieses Jahr befand ich mich in einer Phase, in der ich seine Ansichten gut nachvollziehen konnte. Mein verblüffendstes Aha-Erlebnis: Das Leben kann viel spannender sein, wenn man hin und wieder seine Prinzipien über Bord wirft und neue Denkweisen zulässt.
Ich wünsche Euch ein wunderschönes Weihnachtsfest und hoffe, dass Ihr Euch und Eure Lieben nicht nur heute, sondern jeden Tag mit glücklichen Momenten und Zufriedenheit beschenkt.
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Zwischen Entsetzen und Bewunderung

Jeannette Walls, eine erfolgreiche Journalistin in New York, ist auf dem Weg zu einer Party. Aus dem Taxi beobachtet sie eine in Lumpen gekleidete ältere Frau, die einen Mülleimer durchwühlt. Es ist ihre Mutter. 
Spannender kann eine Familiengeschichte wohl kaum beginnen. In dem Roman „Glass Castle“ schildert Jeannette Walls ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen, die jedes Vorstellungsvermögen sprengen.
Ich erlebte ein ständiges Wechselbad der Gefühle: mal war ich entsetzt, was die Eltern ihren Kindern in ihrer Existenznot zumuten, dann wieder faziniert, wie sich die Familie mit viel Liebe und Einfallsreichtum durch das Leben schlägt. Die Pappkartons, die sich in unserer neuen Wohnung türmen, erinnerten mich an eine schockierende Szene im Buch: was für unsereiner lästiges Verpackungsmaterial zum Entsorgen ist, diente den Kindern als Schlafstätte! 
Am meisten faszinierte mich, wie es der Familie Walls gelang, ein Leben völlig außerhalb gesellschaftlicher Konventionen zu führen. Es ist eine Geschichte, die sehr bewegt und die eigenen Alltagssorgen nichtig erscheinen lässt.
 
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Odyssee durch drei Kontinente

Steve Toltz ist zu beneiden. Der australische Schriftsteller wurde in Sidney geboren und lebte in Montreal, Vancouver, New York, Barcelona und Paris. Ich kenne leider nur die letzten drei Städte, aber die anderen stehen schon auf meiner Wunschliste. Beruflich hat sich Toltz sicher auch nicht gelangweilt: Er verdiente sein Brot unter anderem als Privatdetektiv, Kameramann, Telefonverkäufer, Englischlehrer und Drehbuchautor. Ich hoffe stark, dass er sich künftig dem Schreiben widmet, denn sein erster Roman "A Fraction of the Whole"  ist einfach Spitzenklasse. Die deutsche Fassung trägt den vielsagenden Titel "Vatermord und andere Familienvergnügen". 
Die komplexe Familiengeschichte spielt sich auf drei Kontinenten und in ungewöhnlichen Locations ab, wobei ich das Labyrinth am orignellsten finde. Im Spannungsfeld zwischen einem intellektuellen Vater und einem kriminellen Onkel, den er verehrt, erlebt der Erzähler Caspar Dean aberwitzige Dinge. Für meinen Geschmack passt hier alles: Toltz' erzählerisches Talent und Sprachwitz, seine Fantasie und die Ironie, die überraschenden Wendungen und die immer wiederkehrende Frage nach dem Sinn des Lebens.
Ich habe den Schmöker verschlungen und war am Ende traurig, die verrückte Welt der Sohn-Onkel-Vater-Beziehung zu verlassen. Hoffentlich beschert uns der Australier bald mehr von dieser Sorte.
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